Wildnis und WildwasserSeekajak Island
Interview

»Nicht Umbruch, Revolution!«

Norbert Blank ist Gründer und Geschäftsführer von Global-Kayak.com und Ecuador-Kajak.com, außerdem Ausbilder von Kanulehrern, Fotojournalist, Erlebnispädagoge, Diplom-Ingenieur und Kitesurf-Instructor. Noch etwas vergessen? Ja, der 55jährige war Headguide der in KANU 1/2021 (Erscheinung am 4. Dezember) beschriebenen Nepaltour – und fordert im Interview mit KANU eine »Revolution im Wildwassersport«.

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Norbert, tut mir Leid, wenn ich mit dem blöden Virus anfangen muss – aber wie geht es einem Reiseveranstalter in diesen seltsamen Zeiten?

Natürlich haben die Corona-Maßnahmen und Reisebeschränkungen massive Auswirkungen auf unsere Kajaktouren. Im März habe ich all unsere Touren bis einschließlich September 2020 abgesagt. Im Oktober konnten wir zum Glück unsere wunderschönen Seekajaktouren in Griechenland erfolgreich durchführen. Die Nachfrage nach diesen Touren war enorm, da Griechenland in Corona-Zeiten sehr gut dasteht, kaum Infektionen hat und als eines der wenigen Länder auf unserem Planeten nicht von Reisewarnungen betroffen ist.Unsere internationalen Wildwasser-Destinationen wie Ecuador, Nepal, Marokko, Kolumbien, Grand Canyon, La Reunion, Mexiko, Neuseeland etc. sind gerade nur eingeschränkt machbar. Viele Paddler haben zu Recht Bedenken, jetzt Paddelurlaub in der Ferne zu machen. Ich habe die ungewisse, »flaue« Zeit gut genutzt, war mit meiner Tochter etwas Kitesurfen und habe tolle neue Paddeltouren in Griechenland erkundet.

Viele Deiner Reisen führen nach Ecuador. Was verbindet Dich mit diesem Land?

Nach Ecuador reise ich seit genau 20 Jahren. Mit dem Land verbinden mich viele Freundschaften und unglaublich tolle Erlebnisse: Während einiger wilder Expeditionen in abgelegene Gebiete sowie als Fotograf durfte ich im Rahmen unzähliger Fotoaufträge das Land, seine unglaubliche Tierwelt, den Dschungel, die Berge, Strände und seine Menschen intensiv, ja bis »ins letzte Eck« kennenlernen. Das waren Aufträge von Fernglasherstellern, Expeditionsausrüstern, Hängemattenherstellern und Magazinen wie National Geographic, die mir neben vielen tollen Fotos auch intensive Einblicke in Ecuadors atemberaubende Natur und Kultur erlaubten. Und natürlich fasziniert mich nach wie vor, dass das kleine südamerikanische Land einfach alles auf engstem Raum zu bieten hat: In nur einem Tag kann man vom Amazonas-Regenwald über die Vulkane der Hochanden an die palmengesäumte Pazifikküste reisen. Dazu kommt noch die einmalige Inselwelt von Galapagos. Und im Amazonas, dort wo wir paddeln, finden sich indigene Völker wie die Huaorani, die ursprünglich im Regenwald leben, mit ihrem Blasrohr auf die Jagd gehen und von ihren Schamanen geheilt werden. Und sonst? Wunderschöne Flüsse, tolles Wildwasser, Paddeln im Warmen, dazu hohe Berge, tolle Strände, atemberaubender Regenwald, freundliche Menschen, Latino-Feeling, lecker Essen, kühle Cocktails und ein sicheres Reiseland – was willst Du mehr?

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Ebenfalls gut vertreten in Deinem Programm ist Griechenland. Wo liegen die Stärken dieser Destination, sowohl für die Wildwasser-Fraktion als auch für die Seekajaker?

Im Norden des griechischen Festlandes liegen tolle Berge mit wilden Flüssen in tiefen Schluchten, die teilweise ganzjährig Wasser zum Paddeln führen: Mindestens so schön wie die Soca in Slowenien, aber hier sind nur wenige Paddler zu finden: Nahe dem Fährhafen Igoumenitsa bzw. dem Flughafen Korfu liegen die Flüsse Arachtos, Kallaritikos, Voidomaitis und Acheron – einfach traumhaft.
Der Peloponnes und die Gegend um Patras sind für ihre historischen Ausgrabungsstätten bekannt. Kaum jemand kennt die traumhaften kleinen »Bächla« wie Evinos, Fidakia, Lousios, Erymanthos: herliches Wildwasser II-III abseits des Massentrubels.
Die schier endlosen Küsten Griechenlands, gerade am Peloponnes (meiner Lieblingsgegend), laden förmlich zum Seekajaken ein: Entlang traumhafter Strände, hinein in Höhlen, durch atemberaubende Buchten geht es auf dem tiefblauen Meer in malerische Tavernen. In Griechenland lassen sich Seekajak-Touren mit Übernachtungen in guten Hotels direkt am Meer kombinieren. Dieser kleine Luxus sowie unsere Fahrzeugbegleitung am Ufer und das leckere griechische Essen machen das Paddeln super entspannt.
Ab 2021 kombinieren wir in Griechenland auch Segeln mit Seekajak: Unser Segelboot ist für jeweils eine Woche unser Zuhause, Hotel, Restaurant und Platz an der Sonne in einem. Wir starten vom Segelboot aus unsere Seekajaktouren und übernachten in wunderschönen Buchten in unserem Boot, lassen uns vom Schaukeln und dem Plätschern der Wellen in den verdienten Schlaf wiegen. Mit dem Segelboot können wir von Insel zu Insel, von Traumbucht zu Traumbucht segeln und uns so die besten Seekajaktouren in der jeweiligen Region heraus picken – bei den jeweils günstigsten Wind- und Wellen-Bedingungen. Diese Variante einer Seekajaktour bieten wir ab Frühjahr 2021 für die Kykladen (Naxos und Milos) sowie die Ionischen Inseln (Paxos, Kefalonia und Zakynthos) an.

Kommen wir zu Nepal. Hand auf’s Herz: Was fasziniert Dich an diesem Reiseziel mehr – das exotische Land oder die Paddelflüsse?

Warum ein »oder«, wenn es ein »und« gibt!  Das tropisch warme Tiefland Nepals ist ein Paradies für Kajak-Multiday-Trips mit Raftbegleitung. Die schönen Flüsse und ihre so unglaublich freundlichen, offenen Bewohner sowie die exotische Kultur machen zusammen den Reiz aus. Jeden Abend kommen die Bewohner der Dörfer zu uns an unser Lager am Flussufer, schauen interessiert umher, stellen Fragen, setzten sich zu uns, feiern und tanzen mit uns am Lagerfeuer: Beides fasziniert mich gleichermaßen an Nepal: die Exotik und das Wildwasser.

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Wie bist Du eigentlich zum Kajakfahrer geworden – und später zum Reiseveranstalter?

Mein Papa hatte für meinen Bruder und mich ein altes Klepper GFK Langboot gekauft: Mit dem sind wir als Kids begeistert in Bamberg auf der Regnitz umhergeschippert. Dann folgte ein Sommer Ferienfreizeit Wildwasser und ein Grundkurs »Sport Kanu Wildwasser« in der Oberstufe des Gymnasiums. Während der Unizeit stieg ich über den Hochschulsport München intensiv ins Wildwasser ein, absolvierte dann die VDKS-Ausbildung zum Wildwasser-Kajaklehrer und paddle nunmehr seit gefühlten Ewigkeiten mit Herz und Verstand über den ganzen blauen Planeten.
Vor 20 Jahren sind wir, ein wilder Haufen Paddelfreunde, dann in Ecuador eingefallen, weil es hieß, dass dort ein tropisches Wildwasser-Paradies zu finden sei. Mit vielen Wurfsäcken, wenig Ahnung, was uns erwartet, aber jeder Menge Mut und Selbstvertrauen sind wir mit den Chicken-Bussen von der Hauptstadt Quito ins Paddelrevier nach Tena gefahren: Die Fahrt dauerte damals – inklusive Erdrutschen, Reifenpannen und Umfahrungen einiger eingestürzter Brücken – zwölf Stunden für schlappe 200 Kilometer. Was wir fanden, war tatsächlich ein absolut faszinierendes Wildwasser-Paradies: die perfekte Winterflucht für sonnenhungrige Paddler.
Die Idee, Wildwasser-Kajaktouren nach Ecuador kommerziell anzubieten, war geboren. Nach zehn Jahren und vielen Stammkunden in Ecuador lag der Gedanke nahe, das Business auszubauen. Heute biete ich weltweit Seekajak- und Wildwasser-Touren an zu Zielen, von denen ich selbst überzeugt bin, das sie zu den schönsten und exotischsten Kajakspots auf der Welt zählen.
 
Hat sich die Paddelbranche Deiner Meinung nach in den vergangenen Jahren gewandelt?

Ja, die Kajakszene hat sich extrem verändert! Wir paddeln im Wildwasser mit Kunden viel leichtere und viel kürzere Strecken als noch vor zehn oder 20 Jahren. Es gibt viel weniger gute, enthusiastische Wildwasser-Paddler. Die allgemeine Tendenz geht hin zum Micro-Adventure: Die Menschen wollen viele unterschiedliche Sport- und Outdoor-Aktivitäten ausprobieren, mal reinschnuppern für einen Tag oder ein Wochenende. Sich intensiv mit dem Paddeln zu beschäftigen, ist meines Erachtens nach »out«.
Sich beim Paddeln mit dem eigenen Scheitern (umkippen, mit dem Kopf nach unten eingesperrt sein, schwimmen), den eigenen Ängsten, dem »da muss ich jetzt durch« auseinanderzusetzen, ist nicht mehr »in«.
Dazu kommt der Trend zu mehr Luxus im Outdoor-Sport: Gut essen und trinken, eine bequeme Übernachtung – weg vom Zelt, hin zum Hotel. Tagsüber Abenteuer, abends kühles Bier, heiße Dusche, ein feines Abendessen und ab ins bequeme Bett. Sich in einem stinkigen Neoprenanzug in dunklen, einsamen, kalten Schluchten abzumühen, schwere großvolumige Boote zu schleppen, um dann ewig mit dem Auto zwischen Ein- und Ausstieg hin- und herzufahren: Das ist »over«.
Obendrein verlieren der Wildwassersport und das Seekajakpaddeln gegenüber trendigen Sportarten wie dem Kitesurfen. Kitesurfen findet am Strand statt: direkt vor einer schicken Kite-Station mit Bar, Restaurant, Kiteschule, Materialverleih, coolem Beachflair, Helfern, die Kites aufpumpen und beim Starten und Landen zur Hand gehen. Sehen und gesehen werden, schnell ein Foto mit dem Handy machen vom Sprung, dem Trick oder Sonnenuntergang vor der Kitestation, das schnell auf Social-Media posten. Dann plaudern, zusammen sein, Beachparty. So etwas hat Zulauf!

Und welche Konsequenzen ziehst Du daraus?

Ich biete viele leichtere Touren im Wildwasser und Seekajak an, die auch für Einsteiger geeignet sind. Wir verfolgen unser Konzept, unsere Touren mit einem gewissen Luxus und viel Dienstleitung/Service anzubieten, konsequent weiter: gute Hotels und schöne Lodge, gutes Essen und Trinken, bei Seekajak-Touren Fahrzeugbegleitung am Ufer, um den Teilnehmern die Möglichkeit zu geben bei zu viel Wind, Welle oder Müdigkeit in der nächsten Bucht die Tagesetappe vorzeitig zu beenden. Im Wildwasser bieten wir Transfers mit Fahrern an. Es gibt kein lästiges Autofahren vom Ein- zum Ausstieg. Unsere Fahrer warten an Zwischen-Ein- und Ausstiegen, damit die Teilnehmer die Tagestour verkürzen können. Außerdem bieten wir im Wildwasser mehr Trips mit Raftbegleitung an, bei denen die Paddler die Möglichkeit haben, samt Kajak aufs Raft zu wechseln. Oder das exotische Erlebnis zusammen mit ihrem nicht paddelnden Lebenspartner auf dem Raft genießen können.
Für den Seekajaksport blicke ich trotz allem relativ positiv in die Zukunft. Für das Wildwasserpaddeln sehe ich dagegen keine rosigen Zeiten auf uns zukommen! Dazu müsste der Einstieg ins Wildwasser wieder mehr an Attraktivität gewinnen. Meiner Meinung nach zum Beispiel durch Schulung und Einsteiger-Kurse auf schön angelegten, künstlichen Wildwasserkanälen. Mit einem angenehmen Ambiente wie bei den Kitesurf-Stationen, kleinen, leichten Kajaks und der Möglichkeit, jederzeit Pause zu machen, sehen und gesehen zu werden. Dann fällt der Einstieg in das so faszinierende Wildwasserpaddeln leichter, wird attraktiver, und es wird wieder mehr enthusiastische Paddler geben. Es ist nicht Zeit für einen Umbruch. Nein, es ist Zeit für eine Revolution im Wildwassersport und in der Kajakschulung!
 
Was ist eigentlich Deine liebste Paddel-Destination, Dein liebstes Gewässer?

Meine »alte« Heimat, dort, wo ich das Kehrwasserfahren gelernt habe: die Isar zwischen Sylvensteinsee und Bad Tölz.

Touren und Termine: www.global-kayak.com, www.ecuador-kajak.com

Fotografie: www.bilder-botschaften.de

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