Ausrüstung Einzeltests

Viva Vivoo!

Vorhang auf für Prijons neuestes Touren-/Seekajak: Der Vivoo erweitert die Rosenheimer Flotte um ein laminiertes Boot mit Skeg, bestimmt für ein breites Einsatzspektrum.

Hersteller (großes Bild)

Schnee, Regen, Graupelschauer, kräftige Böen. Das volle Programm eines hässlichen Wintertages. So die Prognose für den Testtag mit dem Prijon Vivoo. Canceln oder durchziehen, so lautet die Frage, die sich daraus ergibt. Die Antwort (zugegebenermaßen nach einigem Zögern): durchziehen. Schließlich ist der Vivoo mit seinen 451 Zentimetern Länge ein zwar kompaktes, aber doch voll taugliches Seekajak und als solches nicht nur für sommerliche Baggerseen mit Badewannen-Verhältnissen konzipiert. Also stehen wir am fraglichen Tag am Ufer des Chiemsees, wider Erwarten reißen die Wolken ab und zu auf, und Prijons Neuzugang liegt vor uns. Schon beim ersten Anblick fällt das markante Profil des Bootes auf: Einem recht voluminösen, kräftig gebauten Vorderschiff steht ein ausgeprägt flaches Heck gegenüber. Fast ein wenig slicig, könnte man sagen, wenn die Wildwasserfraktion diesen Begriff nicht für sich gebucht hätte. Dazu kommen ein in Bug und Heck deutlich V-förmiges, schnittiges Unterschiff und ein ausgeprägter Kielsprung. Zur Bootsmitte hin läuft die V-Form aus und geht über in eine 58 Zentimeter breite Basis mit definierten Kanten im Sitzbereich.
Ausgestattet ist der Vivoo mit allem, was ein Seekajak von echtem Schrot und Korn braucht: zwei wasserdicht abgeschottete Gepäckräume, eine Tagesluke, Skeg, Rundumleine, Decksleinen und Reservepaddelhalter.

Fahrverhalten

Also gut, durchziehen: Wir stehen am Chiemsee, und der Wind pfeift uns um die Nase, reißt die Wolken auf und schließt sie wieder. Macht nichts, das Boot gönnt uns sofort den ersten Aha-Effekt – wir haben die Carbon-Aramid-Variante dabei, und das bedeutet: 17,5 Kilogramm Gewicht bei viereinhalb Metern Länge (20 Kilogramm beim Glasfaser-Modell). Das Herunterheben vom Autodach und die 200 Meter vom Parkplatz zum Wasser werden so zum Kinderspiel, auch für eher zierliche Paddler, und die praktischen Kordelgriffe unterstützen das einfache Handling noch.
Am Wasser angelangt, heißt es Platz nehmen, und da zeigt sich, dass man es mit einem sportlichen Boot zu tun hat: Mit 88 Zentimetern fällt die Cockpitlänge eher übersichtlich aus, und im vorderen Bereich läuft die Einstiegsluke ziemlich schmal zusammen. Kein Problem für Personen mit normaler Körpergröße und Statur, aber Dwayne »The Rock« Johnson könnte sich ein wenig schwer tun beim Einstieg. Prijon gibt das optimale Paddlergewicht mit 50 bis 100 Kilogramm an, und das dürfte die Sache ziemlich gut treffen.
Einmal im Boot, fällt sofort die stabile, sichere Wasserlage auf. Auch an einem Tag wie heute, an dem der leicht aufbrausende Chiemsee immer mal wieder ein paar kabbelige Wellen ans Ufer schickt. Ja, der Vivoo ist ein schlankes, schnittiges Kajak – aber kein kippeliges und keins, vor dem man sich als Paddelanfänger fürchten müsste.
Nach dem Start nimmt das Boot sofort ein flottes Tempo auf, kein Wunder bei der Rumpfform, kein Wunder bei dem geringen Gewicht. Einige wenige kräftige Paddelschläge reichen dafür, und danach lässt sich der Speed mühelos halten. Allerdings zeigt sich bald, dass beim Vivoo der Skeg große Auswirkungen auf das Fahrverhalten hat, mehr als das bei so manch anderem vergleichbaren Modell der Fall ist. Solange der Skeg eingefahren ist, liegt die größte Stärke des Vivoo in der Wendigkeit und der Manövrierfähigkeit. Das Boot dreht und kurvt (und stellt sich dem Fotografen im richtigen Winkel in Positur), dass es eine Freude ist, und wenn man es auf die Kante legt wird der »Drehradius« noch kleiner. Weit ausholende Paddelschläge, großer Kraftaufwand – alles nicht nötig.
Allerdings, wie gesagt, wir haben es heute mit einem windigen Tag und einem etwas unruhigen Chiemsee zu tun, und gerade bei solchen Verhältnissen verbessert das ausgefahrene Skeg den Geradeauslauf deutlich. Einfach den Schiebeschalter ein paar Zentimeter zurückfahren, und schon läuft das Boot wie auf Schienen, während der schnittige Bug unbeeindruckt durch die Wellen schneidet.
Und welchen Effekt hat nun das ausgeprägt flache Heck? Nun, dreierlei: Zum ersten verstärkt es die enorme Manövrierfreude. Zum zweiten erleichtert es einem gekenterten Paddler die Eskimorolle. Und wenn die nicht so richtig sitzt und man das Boot nach der Kenterung doch lieber verlässt, dann macht ein so geformtes Heck den Wiedereinstieg leichter.

Testfahrt: unterwegs auf einem winterlich-ungemütlichen Chiemsee.

Die Sitzanlage

Ein paar Worte noch zur Sitzanlage. Prijons neues PR-T Schaum-Modell hat nämlich etwas Aufmerksamkeit verdient. Zunächst wurde sie für die Wildwasserkajaks des Rosenheimer Herstellers geschaffen. Der Vivoo ist nun das erste Boot aus dem Touren-/Seekajakbereich, in dem sie verbaut wird. Und das mit großem Effekt: So bringt dieser ergonomische Schaumsitz lediglich 200 Gramm auf die Waage – und trägt so zum geringen Gesamtgewicht des Bootes bei. Zudem ermöglicht die Sitzanlage eine lückenlose Verstellbarkeit im Cockpit: Die per Klett am Rumpf befestigte Sitzfläche lässt sich mühelos nach vorne und hinten verschieben, der Rückengurt per Seilzug im Sitzen einstellen. Dazu kommen ein direktes Bootsgefühl und präzises Feedback, ein stabiler Halt und eine komfortable Sitzposition. Ganz zu schweigen vom warmen Paddlerhintern, den ein solch gut isolierender Schaumsitz auf kaltem Wasser relativ lange gewährt.

Fazit: Der Vivoo ist ein sportliches Boot aus dem Touren-/Seekajakbereich, das Anfänger nicht überfordert und erfahrenen Paddlern lange Freude bereitet. Kurz genug für viele Garagen und andere Laderäume, lang genug, um in der Seekajak-Liga mitzuspielen. Die Ladekapazität prädestiniert es für Tages- und Wochenend-Ausflüge, wer sich mit dem Gepäck etwas einschränkt, schafft wahrscheinlich auch ein, zwei Übernachtungen mehr. Bei all dem verfügt der Vivoo über ein breites Einsatzspektrum: Wanderflüsse, Seen, Meeresküste – das Kajak (und der Paddler in seinem Cockpit) fühlen sich überall wohl. Und das auch dann, wenn der Winter schlecht gelaunt und der Chiemsee zwischendurch mal etwas aufgewühlt ist.

Technische Daten \
Prijon Vivoo

Material: GFK, Carbon-Aramid
Länge: 451 cm
Breite: 58 cm
Gewicht Carbon-Aramid: 17,5 kg
Gewicht GFK: 20 kg
Cockpit: 88 cm
Volumen: 349 l
Zuladung: 110 kg
Stauraum: Bug und Heck
Ladevolumen: 139 l
Paddlergewicht: 50-100 kg
Farben: weiß, gelb, minzgrün, rot, blau, orange (Sonderfarben möglich)
Preis Carbon-Aramid: 3859,- Euro
Preis GFK: 2745,- Euro
Infos: www.prijon.com

Anmerkung: In manchen Situationen (z.B. Paddelbrücke bei schweren Paddlern oder diverse Wiedereinstiegs-Methoden) kann ein verstärktes Oberdeck nützlich sein. Für solche Fälle bietet Prijon eine Extralage Glasgewebe mit Querverstärkung im hinteren Bereich an. Das Gewicht des Bootes erhöht sich dadurch um etwa zwei Kilogramm. Preis: 170,- Euro.