Ausrüstung Einzeltests

Flaggschiff

Der Scorpio II ist schon seit Jahren ein bewährtes Mitglied in der Flotte des britischen Seekajak-Spezialisten P&H. Aber was genau macht dieses Boot zu einem der beliebtesten Seekajaks jenseits des Ärmelkanals?

David Bain, Hersteller

Bei den PE-Booten in der Seekajak-Flotte von P&H existiert eine klare Aufgabenverteilung. Klar, es gibt Überschneidungen, aber im Prinzip sieht es so aus: Der kompakte Virgo bringt am meisten Kurvenfreude sowie Gene aus dem Wanderpaddelsektor mit sich. Der Leo legt eine Schippe Seekajak und ein paar Dezimeter Länge drauf. Und der Scorpio ist das purste Seekajak im Bunde, mit stolzen 525 Zentimetern Länge in der MV-Version.
Ein wahres Flaggschiff also für allerhand Trips und Expeditionen an den Meeresküsten dieser Welt, in Großbritannien das beliebteste Seekajak von P&H. Somit dürfte es kaum ein geeigneteres Testrevier geben als den äußersten Westen der walisischen Insel Anglesey. Hier stehen wir nun am Dafarch Beach und nehmen das Boot in Augenschein, das in wenigen Minuten mit uns um die Klippenspitze herum aufs Meer paddeln soll. Auf ein Meer, das bei den hierzulande üblichen Winden durchaus etwas Furor entfachen kann. Davon merken wir aber im Moment noch nichts, angesichts eines makellosen Himmels und eines fast spiegelglatten Wassers in der geschützten Bucht.

Der Rumpf

Aber zurück zum Blick aufs Boot: Der Rumpf wird geprägt durch einen schlanken, ausgeprägt V-förmigen Bug mit Übergang zu einem abgerundeten Unterschiff in der Bootsmitte. Die breiteste Rumpfstelle befindet sich direkt hinter dem Cockpit – was zum einen für Kippstabilität sorgt und zum anderen effiziente, steile Paddelschlähe ermöglicht.
Das Heck ist ziemlich flach gehalten. Dadurch ist der Scorpio weniger windanfällig als viele vergleichbare Seekajaks – und außerdem erleichtert die flache Form dem Paddler das Rollen oder den Wiedereinstieg nach einer Kenterung. Beides wird dadurch noch weiter erleichtert, dass auch das Cockpit selbst niedrig gehalten ist und somit ebenfalls nicht allzu weit aus dem Wasser herausragt.

Fahrverhalten

Okay, ab aufs Wasser. Direkt vor der Etappe im Scorpio lagen ein paar Kilometer im Leo. Und da eben nichts über den direkten Vergleich geht, fällt beim Einsteigen auf: Der Scorpio verfügt mit seinem runden Unterschiff über einen Tacken weniger Anfangsstabilität als der Leo. Kein dramatischer Unterschied allerdings, und nichts, wovor sich ein ambitionierter Seekajak-Einsteiger fürchten müsste. Außerdem machen sich die Vorteile des abgerundeten Unterschiffs bemerkbar, kaum dass wir die geschützte Bucht verlassen haben. Die Irische See empfängt uns, standes- und erwartungsgemäß, mit etwas Wellengang. Und hier zahlt sich die höhere Endstabilität dieser Bootsform aus: Die Wellen rollen unter dem Rumpf hinweg, aber Paddler und Boot bleiben währenddessen weitgehend in aufrechter Position, wie von Marionettenseilen in die Vertikale gezogen (naja fast). Ein flacherer Rumpf würde sich dagegen entsprechend der Neigung der Wellen in eine Schräglage begeben – und möglicherweise bei hohen oder unvorhergesehenen Wellen oder einem Hinauslehnen des Körpers einen unerwünschten Kipppunkt erreichen. Anders im Scorpio: Hier reichen dem Paddler schon leichte Verlagerungen des Körpergewichts, um die Bewegungen der Wellen auszugleichen – was das Boot beispielsweise zu einem beliebten Modell in der Zunft der Paddelfotografen macht.

Zum runden Unterschiff in der Bootsmitte gesellt sich beim Scorpio ein nur wenig ausgeprägter Kielsprung – und somit eine lange Wasserlinie. Und das in Kombination mit dem stromlinienförmig-schlanken Bootsriss: Kein Wunder also, dass der Scorpio abgeht wie Schmidts vielzitierte Katze. Und außerdem fährt wie auf Schienen. Ein Top-Geradeauslauf, der durch den stufenlos regelbaren Skeg noch weiter verbessert werden kann – gerade bei Wellengang, gerade bei Wind von der Seite. Und Wind bekommen wir heute von allen Seiten, weil wir häufig die Richtung wechseln, Buchten ansteuern und sie wieder verlassen und dann das Ganze retour paddeln. Und zwar bei zunehmendem Wellengang.
Nun könnte man meinen, dass ein Boot mit solch langer Wasserlinie beim Kurven und beim Wenden eher träge reagiert und reichlich Platz beansprucht. Und ja, der Scorpio ist kein Slalomboot. Und doch: Auch hier hilft die ausgeklügelte Bootsform weiter, denn beim entschlossenen Kanten werden die Bootsenden aus dem Wasser gehoben, was wiederum die Wasserlinie verkürzt. Ein Wendemanöver gelingt somit zwar nicht auf einem Bierdeckel, aber für ein Boot dieser Länge braucht es erstaunlich wenig Platz. Wobei man zugeben muss: Etwas Übung und Paddeltechnik sind für dieses Manöver schon erforderlich.

Material und Ausstattung

Ist der Scorpio ein Seekajak aus Polyethylen (PE)? Ja. Und doch nicht ganz: Die genaue Materialbezeichnung lautet CoreLiteX. Dahinter verbirgt sich ein dreilagiges »Sandwich« aus PE-Schichten innen und außen mit einem Schaumkern in der Mitte. Das Ergebnis: robuste, steife aber relativ leichte Bootsrümpfe, die die Eigenschaften von reinem PE ein Stück weit in Richtung der Composite-Materialien verschieben. Man profitiert also von einem optimalen Verhältnis aus Steifheit und Gewicht, ohne in der Nähe von scharfkantigen Felsen Angst um sein Boot und um seinen Blutdruck haben zu müssen, wie das vielleicht bei einem ultraleichten (und ultrateuren) Flitzer aus Carbon der Fall wäre.
Der Scorpio kommt serienmäßig mit drei Schottwänden und vier Luken: zwei große Gepäckräume in Bug und Heck, dazu zwei kleinere Fächer vor und hinter dem Cockpit. Genug »Kofferraum« für eine lange Expedition fern der Zivilisation, bei der ein Supermarkt zum Auffüllen des Proviants nicht mehr ist als eine ferne Verheißung.
Die Serienversion des Scorpio verfügt über einen Skeg. Gegen Aufpreis ist das Boot aber auch mit einem Skudder zu haben. Der Schieberegler dafür sitzt links vor dem Cockpit, kommt steilen Paddelschlägen also nicht in die Quere.

Zum Schluss ein paar Details: Wie sich das für ein wahres Seekajak gehört, verfügt der Scorpio über Bungees und eine komplette Deckbeleinung. Auf dem Vorderdeck befinden sich Aussparungen für ein teilbares Ersatzpaddel und eine Mulde für einen Kompass, außerdem kann hier ein Kajaksegel-Mast befestigt werden. Die Toggle-Griffe erlauben ein bequemes Tragen des Kajaks und ein sicheres Festhalten nach einem Schwimmer – beides, ohne die Hand zu verdrehen. Zu haben ist der Scorpio in LV, MV und HV: Die kürzeste Variante misst 508, die längste stolze 535 Zentimeter – der größte Scorpio ist eines der komfortabelsten Seekajaks auf dem Markt für großgewachsene Paddler.

Fazit: Der Scorpio ist ein Seekajak von echtem Schrot und Korn, gebaut für Touren auf Meer und Ozean, aber auch auf Seen und breiten Wanderflüssen. Die Bandbreite der Tourenlänge reicht mit diesem vielseitigen Boot von Tagestrips bis zu wochenlangen Expeditionen. Und wenn einem nach einem langen Tag vor Anglesey der Wind mit fünf, sechs Beaufort ins Gesicht bläst, wenn die Arme lang werden und der Kopf anfängt, weniger ans Meer und mehr an einen Pub zu denken, dann ist man froh, dass man mit dem Scorpio ein schnelles, sportliches Seekajak unter dem Hintern hat.

Technische Daten

Material: Dreilagen-PE (CoreLiteX)
Länge (in cm): 525 (508, 535)
Breite (in cm): 58 (53, 61)
Volumen (in l): 317 (271, 344)
Gewicht (in kg): ab 29 (ab 27,5, ab 31)
Kontrolle: Skeg oder Skudder
Luken: 4
Paddlergewicht (kg; max.): 125 (110, 135)
Standardfarben: rot, blau (weitere möglich)
Preis: ab 2.635,- Euro
Infos: phseakayaks.com