Deutschland Reise

Allgäuer Allerlei

Durch das bayerische Schwaben fließt einer der vielleicht am meisten unterschätzten Flussabschnitte Deutschlands. Der Unterlauf der Iller ab Kempten bietet gerade im Spätsommer und Herbst jede Menge Paddelfreuden.

Alfons Zaunhuber

Die Iller gilt bei vielen Paddlern unterhalb der beliebten Kanustrecke zwischen Sonthofen und Kempten/Durach als abgearbeitet. Nachdem der Fluss ab 1917 nach folgenschweren Hochwassern auf seinem ganzen Lauf mit einer Kette von Kraftwerken überzogen wurde, scheint der Unterlauf nicht mehr interessant zu sein. Doch da geht noch was! Zunächst durchquert die Iller die reizvolle Stadt Kempten, die nach manchen Quellen die älteste urkundlich erwähnte Stadt Deutschlands ist. Wegen einiger Wehre ist eine Kanufahrt durch Kempten nicht möglich.
Wir beginnen unsere Etappe am nördlichen Stadtrand unterhalb einer Sohlstufe mit gefährlichem Rücklauf nahe der Kleingartenanlage »Am Flößerhäusle« (begrenzte Parkmöglichkeiten). Auf den folgenden zwölf Kilometern gestaltet sich die Iller erstaunlich attraktiv und fließt in zahlreichen Schlingen mit flotter Strömung nordwärts. Unter der Brücke der Nordspange lockt eine großflächige Kiesbankinsel mit einem naturnahen Altarm. Ein weiterer landschaftlicher Höhepunkt sind die Illersteilhänge bei Riederau. An der Brücke Kempten-Hirschdorf erinnert ein Denkmal an das »Illerunglück«, bei dem im Jahre 1956 fünfzehn Bundeswehrsoldaten bei einer Übung ums Leben kamen. Man hatte wohl die Strömung des Flusses unterschätzt. Bald nach der Brücke der ST2377, bei Flusskilometer 90,3, endet die schöne Fahrt nach einem markanten Rechtsknick an der Mündung des Scheibenbachs, direkt unterhalb der ST2009 nach Altusried. Die Vogelschutzinseln dürfen nicht betreten werden. Begrenzte Parkmöglichkeiten gibt es direkt am Ausstieg. Der schöne Iller-Radweg vereinfacht die Rückholung des Fahrzeugs.

Zum Illerdurchbruch

Die zweite Etappe mit dem Höhepunkt Illerdurchbruch beginnt an der Hängebrücke zwei Kilometer östlich von Altusried, dem Heimatort des schrulligen, aber dennoch sympathischen Kommissars Kluftinger, Hauptakteur einer erfolgreichen Regionalkrimiserie. Szenen des ersten Falls »Milchgeld« spielen in diesem beschaulichen Marktfleck, der sich einen bäuerlichen Charakter bewahrt hat. Seit über 130 Jahren werden hier in der Allgäuer Freilichtbühne Konzerte und Bühnenwerke aufgeführt.
Wegen begrenzter Parkplätze am Einstieg im abseits gelegenen Ortsteil Fischers und der etwas zeitraubenden Etappe sollte man frühzeitig aufbrechen. Vorher könnte man noch einen kurzen Abstecher zum Aussichtspunkt Illerdurchbruch und vorbei an der Burgruine Kalden machen. Das smaragdgrüne Wasser lädt schon am Startplatz zu einem erfrischenden Bad ein. Strömungslose und strömende Abschnitte wechseln sich in der Folge ab. Nahezu die ganze Strecke verläuft abseits von Verkehrswegen. Bereits nach wenigen Metern erreichen wir den spektakulären Illerdurchbruch, ein Landschaftsschutzgebiet mit 80 Meter hohen Nagelfluhfelsen. In der nächsten Linkskurve teilt sich die Iller und umströmt eine lange Flussinsel. Die tolle Landschaft trübt den Blick etwas, da es sich hier dennoch um Stauseen mit teilweise schlammigen Ufern handelt. Doch die Natur holt sich vieles zurück, und so überwiegen die schönen Momente bei weitem. Nach der Umtragung der Staustufe 5 folgen eine lange Gerade und weitere reizvolle Flussschleifen. Nach der Staustufe Legau quert erneut eine Hängebrücke, und ein moderner Aussichtsturm ermöglicht einen Blick von oben. Zahlreiche Sonnenhungrige aus der Umgebung bevölkern hier bei sonnigem Wetter eine Kiesbank. Erst im letzten Abschnitt der Tour rücken wieder kleinere Orte wie Kronburg-Wagsberg an den Fluss heran. Gleich nach der Personenfähre wird die letzte Staustufe unserer Etappe umhoben. Zwei Kilometer später erreicht man das Etappenziel Illerbeuren vor der zweiten Brücke. Rechterhand befindet sich der Ausstieg am örtlichen Badeplatz in der Illerstraße (Parkmöglichkeit). Sehr zu empfehlen ist ein Besuch des interessanten Bauernhofmuseums. Auf dem Iller-Radweg geht es mit einigen Steigungen zurück nach Altusried-Fischers zum geparkten Fahrzeug.

Reiseinfo Iller

Etappen:
· Kempten (Beim Flößerhäusle) – Mündung Scheibenbach an der ST2009 bei Krugzell, 12,2 km
· Altusried-Fischers – Illerbeuren 18 km (Staustrecken und Abschnitte mit Strömung)
Beste Zeit: April-Oktober
Kanuvermietung: www.illerkanu.de
Übernachten: Jugendzeltplatz Kempten, www.stadtjugendring-kempten.de
Sehenswertes: Kempten (Altstadt, Residenz), Altusried, Bauernhofmuseum Illerbeuren.
Buchtipps/Karte:
· DKV-Gewässerführer für Süd-Bayern (Benedict Cramer), DKV-Verlag
· Reiseführer Allgäu (Doris Wiedemann), Trescher Verlag
· Bikeline Radkarte Allgäu, 1:75.000
Auskunft: www.kempten-tourismus.de und www.allgaeu.de

Im aktuellen KANU Magazin 5/2022 (im Handel ab 5. August) gibt es weitere Tipps für Paddeltouren im Spätsommer und Herbst: Mittlerer Neckar (Baden-Württemberg), Hopfensee (Allgäu), Wörthsee (Oberbayern), Würm (Oberbayern), Blaibacher See/Höllensteinsee (Niederbayern), Almsee (Oberösterreich), Attersee (Oberösterreich), Faaker See (Kärnten/Österreich), Ardèche (Département Ardèche/Frankreich).
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