Europa Reise

Freie Bahn!

80 herrliche, flotte Flusskilometer ohne ein einziges Wehr: eine Seltenheit auf einem Alpenfluss. Dazu eine zuverlässige Wasserführung (selbst in Zeiten von Niedrigwasser), der Ausbau als Kanuwanderweg, eine Bahnstrecke mit flussnahen Bahnhöfen und eine hervorragende Übernachtungs-Infrastruktur – alles Argumente für ein Wochenende im oberen Drautal, auf dem prominentesten Paddelfluss Kärntens.

Alfons Zaunhuber

Das obere Drautal ist zweifelsohne für Paddler ein Highlight. Als der große Kanupionier Herbert Rittlinger vor dem Zweiten Weltkrieg die Drau befuhr und in seinem Klassiker »Das baldverlorene Paradies« beschrieb, war er von diesem Fluss begeistert. Nach zahlreichen Touren in der Vergangenheit sind wir dieses Mal für ein verlängertes Wochenende mit einem E-Auto CO₂-frei über die Felberntauernstrecke aus Süddeutschland angereist. Unser Quartier in einer Pension direkt gegenüber dem Bahnhof in Greifenburg erweist sich in zweierlei Hinsicht als Glückstreffer, weil unsere Paddeltouren auf der Drau genau hier beginnen beziehungsweise enden und weil unser Gasthof über eine hervorragende Küche verfügt. Campingfreunden sei außerdem der Campingplatz Fliegercamp am Badesee Greifenburg empfohlen, der nur 500 Meter entfernt liegt. Gleich daneben befindet sich ein beliebter Drachen- und Paragleiter-Landeplatz.

Oberdrauburg-Greifenburg: 18,2 Kilometer

Prinzipiell ist es durchaus möglich längere Paddelstrecken zu wählen, da die Drau eine hohe Fließgeschwindigkeit aufweist, aber wir haben bewusst die beiden schönsten Etappen der oberen Drau ausgewählt, um auch noch Zeit für Sehenswürdigkeiten im Tal zu haben.
Mit unseren Packrafts auf dem Rücken starten wir vom Bahnhof Greifenburg zum Einstieg nach Oberdrauburg – umweltfreundlich per Bahn. Einem Mitreisenden müssen wir genau erklären, welches Sportgerät wir in unseren Rucksäcken mitführen. Nach kurzer Fahrt sind wir auch schon da, und zum Einstieg am südlichen Flussufer sind es nur wenige Schritte. Wer mit dem Pkw nach Oberdrauburg kommt, findet in der Bahnhofstraße flussnahe Parkplätze. Unsere kleinen, aufblasbaren Boote sind mithilfe einer klitzekleinen E-Pumpe blitzschnell in Form gebracht und startklar. Ein letzter wehmütiger Blick fällt noch auf den historischen Markt Oberdrauburg am gegenüberliegenden Ufer und den darüber liegenden Felsen, an dem ein luftiger Klettersteig eine weitere sportliche Verlockung wäre.

Aber alles kann man nicht haben, und so lassen wir uns von der flotten Strömung der Drau mitnehmen. Obwohl es in den vergangenen Tagen geregnet hat, ist das Wasser heute bereits wieder grün und begeistert mit leichten Schwallstrecken, üppigen Uferwäldern und Auen sowie flankierenden Bergen mit einer Gipfelhöhe von bis zu 2700 Metern. Links die Kreuzeckgruppe und rechts die Gailtaler Alpen. Neben Kiesbänken und einzelnen Felswänden reichen auch Weideflächen bis ans Ufer, auf denen uns Kühe interessiert beobachten. Die erste Straßenbrücke erreichen wir nahe Irschen, einem Ort, der als Kräuterdorf bekannt geworden ist. Früher war die Drau ein wichtiger Wirtschaftsweg, auf dem nahezu alle Güter mit Flößen oder Plätten transportiert wurden. Heute gehört der Fluss allein uns Paddlern. Nach elf Kilometern erreichen wir die Straßenbrücke bei Dellach. Unmittelbar dahinter rauscht eine niedrige Stufe mit einer flussbreiten Welle, die aber gefahrlos befahrbar ist, und gleich danach landen wir am rechten Ufer am Rastplatz der Drauoase an. Hier wurde ein Aussichtsturm um einen Baum herum gebaut. Eine Sitzgruppe lockt Radfahrer und Paddler gleichermaßen zu einem Picknick. Selbst an eine Grillstelle und eine Schaukel für Kinder haben die Erbauer gedacht. 300 Meter hangwärts liegt das Waldbad mit einem Restaurant.
Nun ist es nicht mehr weit bis zur Brücke südlich von Berg. Rechts ein Bootsverleih, links der Bahnhof, und ein paar Meter weiter ein Campingplatz. Einige Kiesbänke und bewaldete Ufer liegen auf dem Weiterweg, und immer wieder fällt der Blick auf die Lienzer Dolomiten im Hintergrund. Im Bereich der Straßenbrücke zwischen Bruggen und Greifenburg liegt eine große Kiesbank am linken Ufer. Hier beenden wir diese schöne Etappe. Ein kurzer Fußweg führt nach oben, wenige Meter sind es von hier zum Bahnhof Greifenburg und zu unserem Quartier. Am stahlblauen Himmel beobachten wir zahlreiche Gleitschirme. Später hat man dann noch Zeit, um am nahen Badesee zu schwimmen und zu chillen oder von Gerlamoos bei Steinfeld zur nahen Georgskirche zu wandern. Hier hat man einen herrlichen Blick auf das obere Drautal und die umliegenden Berge. Die ausdrucksstarken Fresken im Inneren und an den Außenwänden der Kirche aus dem 13. Jahrhundert sind ein kultureller Höhepunkt in Kärnten.

Greifenburg-Sachsenburg: 20,7 Kilometer

Kaum haben sich am nächsten Tag die Morgennebel gelichtet, sind wir wieder am Start. Der Wasserstand ist heute geringfügig niedriger, die Fließgeschwindigkeit aber immer noch flott. Auf unserer heutigen Etappe liegen besonders reizvolle Abschnitte, an denen die Renaturierungen besonders ins Auge fallen. Vereinzelt kommt der Fluss der Drautalstraße E66 nahe, die aber unseren Naturgenuss kaum stört. Immer wieder passieren wir flache Kiesbänke, kleine Wasserarme und Einmündungen von Bächen. Vor der Brücke bei Steinfeld hat der Zufluss Grabbach einen markanten Schwemmkegel in die Drau gespült, der von der Brücke aus besonders ins Auge fällt. Später wird es noch wesentlich spektakulärer. Das Flussbett erinnert kurzzeitig an den Tagliamento in Norditalien. Das Wasser schlängelt sich in mehreren Armen im breiten Bett. Hier sucht sich der Fluss seinen Weg nach Belieben. Früher war das an allen Wildflüssen ganz normal. Heute sind politischer Wille und viel Geld erforderlich, um unseren Fließgewässern wieder neues Leben einzuhauchen. Neben den Ausweitungen bei Felbach ist das Ergebnis solcher Bemühungen in der Höhe von Obergottesfeld besonders augenfällig. Jedes Hochwasser verändert das Flussbett und verlagert Geschiebe nach Lust und Laune. Kurz vor Sachsenburg quert die Bundesstraße 100 den Fluss, der kurz darauf in eine enge Schleife zieht, auf deren Innenseite der Markt Sachsenburg liegt. Kurz darauf endet unsere Fahrt an einem beschilderten Ausstieg nach einer weiteren Straßenbrücke rechterhand am Campingplatz von Sachsenburg.
Unsere Boote kommen wieder zurück in den Rucksack, und wir machen uns auf den Weg durch den kleinen Ort und zum Bahnhof. Sachsenburg war durch seine Lage in einer Flussenge bereits zur Zeit der römischen Besatzung von strategischer Bedeutung. Heute verströmt der historische Ortskern eine angenehme Atmosphäre, da der Fernverkehr durch einen Tunnel geleitet wird.

Auf unserer Rückreise besuchen wir noch das Städtchen Spittal/Drau an der Einmündung der Lieser, einem Wildfluss, auf dem schon Kanu-Weltmeisterschaften ausgetragen wurden. Den Höhepunkt der Stadtbesichtigung bildet das prunkvolle Renaissanceschloss Porcia mit seinem spektakulären Arkaden-Innenhof. Ein offenes Auge für die Kultur einer Region kann nie schaden. Auch nicht an einem Kanu-Wochenende.


Steckbrief: die Drau


Die Drau zählt zu den wasserreichsten Alpenflüssen. Sie entspringt am Toblacher Sattel in Südtirol und mündet nach 749 Kilometern in Kroatien in die Donau. Auf 261 Kilometer Länge fließt Kärntens wichtigste Lebensader durch Österreich. Ab dem 19. Jahrhundert wurde die Drau in ihrem Mittel- und Unterlauf systematisch reguliert sowie durch Hochwasserschutz-Maßnahmen und Stromgewinnung verändert. Zwischen Lienz in Osttirol und dem Kraftwerk Paternion im Oberdrautal fließt die Drau völlig frei. Auch hier gab es Verbauungspläne, denen sich jedoch die Bevölkerung 1987 mit der Gründung einer »Bürgeraktion für die Erhaltung des Lebensraumes Drautal« erfolgreich widersetzte. Außerdem wurde der Fluss in den vergangenen Jahren im Rahmen des Life-Projekts »Auenverbund Obere Drau« mit erheblichen Mitteln der EU zunehmend revitalisiert. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Großzügige Flussaufweitungen und ein Rückbau der Ufer machen den Fluss nicht nur für die Natur, sondern auch für uns Paddler besonders interessant. Ein gutes Beispiel ist die Ausweitung bei Obergottesfeld nahe Sachsenburg. Der gesamte Drau-Paddelweg reicht heute von Lienz/Osttirol bis Lavamünd an der slowenischen Grenze. Eine Strecke von über 200 Kilometern.

Reiseinfo: Drau/Kärnten


Charakter: WW-Wanderfluss, maximal WW I.
Weitere Kanuetappen im Oberen Drautal:
· Lienz-Oberdrauburg 20,1 km (bis WW II).
· Sachsenburg-Campingplatz Spittal 14,8 km
Beste Zeit: Frühsommer bis Herbst.
Auskunft/Kanuvermietung:
· www.draupaddelweg.com
· www.outdoorpark-oberdrautal.at
Bahnverbindungen: www.oebb.at
Übernachten:
· www.pension-leitner.at
· www.fliegercamp.at
Sehenswertes/Alternativen:
Das Obere Drautal punktet mit einer Fülle von sportlichen und kulturellen Alternativen. Zum Beispiel:
Oberdrauburg: www.bergsteigen.com/touren/klettersteig/klettersteige-kletterpark-oberdrauburg/
Steinfeld/Gerlamoos: www.woerthersee.com/dc-neu/detail/POI/freskenkirche-gerlamoos
Spittal: www.kaernten.at/sehenswertes/burgen-und-schloesser/schloss-porcia
Die Kärnten Card: Mehr als 100 Sehenswürdigkeiten gratis besuchen – Museen, Bergbahnen, Erlebnisbäder, Schifffahrt, Panoramastraßen, Freizeit- und Erlebnisangebote. Die Kärnten Card gilt von April bis Oktober und kostet ab 64,- pro Woche (Kinder ab 33,- Euro). Weitere Infos und genauer Überblick über die Ausflugsziele: www.kaerntencard.at.
Literatur:
· »Paddelland Österreich – Die 40 schönsten Kanutouren auf Flüssen und Seen« (Alfons Zaunhuber), Thomas Kettler Verlag, 3. aktualisierte Auflage 2025
· »Reiseführer: Kärnten« (Sabine Becht, Sven Talaron), Michael Müller Verlag
· »Das baldverlorene Paradies« (Herbert Rittlinger), Pollner Verlag (antiquarisch)
· Kompass Wanderkarte Karte »Gailtaler Alpen, Oberdrautal«, 1:50.000
Videotipp: Rittlingers Traum, https://oberdrautal.wordpress.com/2010/07/02/video-rittlingers-traum
Urlaubsinformation Kärnten: Tel. +43 463 3000, info@kaernten.at, www.kaernten.at