In Oldenburg führen alle Wege ins Museum. Auf dem Weg zum Kanu-Treff kommt man dem Navi folgend direkt am neuen Highlight der Stadt vorbei. Im Zentrum erhebt sich vor der Staulinie, wo der Gewässerlauf der Haaren einen Schwenk macht, das neue Stadtmuseum. Nach der denkmalgerechten Sanierung des einzigartigen Gebäudeensembles von Museumsvillen hat der Komplex das Bild der drittgrößten Stadt Niedersachsens in den letzten Monaten ganz schön verändert. Am ersten Juniwochenende wird es mit einem großen Stadtfest eröffnet – als zeitgemäßes Museum für die Geschichte, Gegenwart und Zukunft Oldenburgs, als neues Kultur-Forum der lebendigen Universitätsstadt und mit einem offenem Foyer als neuer City-Treff für Oldenburger und Besucher. Hier sollen Stadtgeschichten geschrieben werden, von allen, die sich aktiv einbringen wollen. »Stadt ist Bewegung!«, steht als Slogan an der Wand geschrieben. Also auf und ins Kanu!
Was für ein Theater!
Fünf Minuten später sind wir an der Einsatzstelle, und das Boot liegt auch schon bereit. Der Treff für diese City-Tour liegt im Park an der Cäcilienstraße am Ufer der Hausbäke. Der kleine Wasserlauf ist historisch bedeutend: Einst hat er nicht nur den Oldenburger Schlossgarten, sondern auch die südwestliche Stadtlandschaft geprägt. Nach der Einweisung durch das Team von Yeti Sport & Reisen übernehmen wir die Tonne, Schwimmwesten und Holzpaddel. Die liegen gut in der Hand. Einstieg und Abfahrt. Viele Spaziergänger schauen neugierig herüber, denn Oldenburgs Hausbäke wird nur selten befahren, und der rote Canadier ist natürlich ein echter Hingucker im grün blühenden Park. Dann schauen wir uns das ganze Theater da mal an! Im wahrsten Sinne des Wortes, denn direkt am Wasserlauf steht das Oldenburgische Staatstheater. Mit ein paar Paddelschlägen passieren wir das repräsentative Gebäude. An das neobarocke Haus von 1893 schließt ein moderner Neubau mit einer runden, gläsernen Fassade an. Das Theater, über den Norden Deutschlands hinaus für sein gutes Renommée bekannt, zeigt an vier Spielstätten Aufführungen in mehreren Sparten, von Schauspiel über Ballett und Konzert bis zu Oper, Operette und Musical: im Großen und Kleinen Haus, in der Studiobühne und in der Exhalle, der Exerzierhalle am Pferdemarkt.
Vorbei an schönen und alten Solitär-Bäumen führt uns die Hausbäke weiter entlang durch den Park, parallel zum Theaterwall. Das Gewässer wurde erst vor wenigen Monaten renaturiert, um die Biodiversität an den Ufern zu fördern. Schon im 19. Jahrhundert gehörte die Bäke zum hiesigen Be- und Entwässerungssystem, gemeinsam mit dem Schlossgartenteich und der Hunte. Heute verbinden kleinere Gräben und Teiche sie miteinander und schaffen malerische Szenen. Paddelkraft braucht es kaum – ohne Strömung und Anstrengung gleiten wir auf dem Wasser dahin. Vor der Herbartstraße macht die Bäke einen Schwenk, um dann an der Ofener Straße in die Haaren, einem Nebenfluss der Hunte, einzumünden. Die nimmt uns weiter mit auf die Citykanutour.
Draufgänger auf Stelzen
An Sommerwochenenden vom Juli bis in den September öffnet Oldenburg seine Wasserwege im Herzen der Innenstadt für geführte Kanutouren. Unterwegs erklären Stadtführer die Umgebung, informieren zu Bauwerken, Kultur-Angeboten und den wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Die Haaren entspringt in Nordwest-Niedersachsen auf der oldenburgisch-ostfriesischen Geest. Der 24 Kilometer lange Fluss mündet über ein Siel- und Mündungsschöpfwerk in die Hunte, die wiederum in die Weser einfließt. Vor uns öffnet sich ein Tunnel. Wir steuern hindurch in Richtung Heiligengeistwall und folgen weiter den historischen Burggräben, die sich heute als Wallanlagen wie ein grüner Gürtel ums Zentrum legen.
Nur zweihundert Meter entfernt liegt eine besondere Kulturstätte: Im Theater Laboratorium, das erfolgreichste Privattheater von ganz Niedersachsen, stehen menschengroße Puppen auf der Bühne den Schauspielern zur Seite. Und nachher, gleich nach der Tour werden wir selbst die Puppen spielen sehen!
Weiter geht’s entlang an blühenden Wiesen in Richtung Staulinie bis zum Lappan-Tunnel. Gleich hinter uns, hoch über der Haaren erhebt sich neben dem Stadtmuseum ein markant geschwungenes Bauwerk: Das Horst-Janssen-Museum widmet sich einem der produktivsten Zeichner des 20. Jahrhunderts. Horst Janssen war Grafiker, Radierer, Lithograf, Illustrator und Holzschnittkünstler. In der Ausstellung kann der Besucher selbst aktiv werden: Hör- und Fühlstationen werden durch eine Zeichenwerkstatt ergänzt. Also nur Mut!
Da vorn wartet schon der Draufgänger. Die meterhohe Gestalt steht breitbeinig auf Stelzen direkt im Wasser. Mit dem Boot kann man zwischen den Beinen des Stelzenmannes hindurch paddeln. Oben rauscht der Verkehr am Staugraben, unten treten wir den Rückweg an. Das Theater ruft!
»Machtruhe«
»WAS IHR WOLLT« liest man über dem Eingang am Foyer, bunt eingerichtet mit Raritäten von vielen Tourneen. Der Titel von Shakespeares bekannter Komödie zum Spiel von Schein und Sein gibt das perfekte Motto für das einzigartige Figurentheater, das in einer historischen Turnhalle residiert. Das Theater Laboratorium bringt jährlich etwa 250 Vorstellungen auf die Bühne, eigene Stücke und moderne Adaptionen von Märchen für Erwachsene. Die angrenzende ehemalige Limonadenfabrik ist Spielstätte für Kindertheater und Lesungen. Das Ensemble wächst mit jeder neuen Puppe. Da ist zum Beispiel Georg, der Esel, mit Tausenden Vorstellungen dienstältester Mitarbeiter. Backstage machen sich bereits die Akteure, Schauspieler und ihre Puppenkollegen, fertig für die Vorstellung. Für den »Großen Abend der kleinen Diktatoren« sind Napoleon und Cäsar heute Abend auf der Bühne im Einsatz. Dann heißt es hier: »Um 21:45 Uhr ist Machtruhe« – und für uns Zeit, sich auf den nächsten Kanu-Tag vorzubereiten.
Genießer-Tour
Wir haben uns mit Jochen und Ralf von Yeti-Tours für eine Fahrt auf der Hunte in der Tungelner Marsch südlich der City verabredet, gleich neben der Huntebrücke an der Oldenburger Straße. Schnell ist das Kanu eingesetzt, und wir paddeln los, vorbei an der Fischtreppe Tungeln und dem Osternburger Kanal, der hier in die 30 Meter breite Hunte mündet. Er dient als Wanderkorridor für Fische, von Flussbarschen, Gründlingen, Rotaugen und Aalen. Hinter den Deichen erstrecken sich Wiesen und Felder. Wir paddeln durch das Feuchtwiesengebiet, zuerst ein Weilchen der Strömung entgegen. Weiden und Erlen säumen das Ufer, ihre Äste ragen über den Fluss. Im Schilf des Uferbereiches ziehen Wasservögel ihre Brut auf. Die Tour durch die Tungelner Marsch verläuft herrlich angenehm, und der gleichmäßige Paddelschlag entspannt. Es ist eine Kanutour für Genießer und für Ruhesuchende. Die Fließgeschwindigkeit mit etwa zwei Kilometern pro Stunde ist gering, und da auf dieser Etappe weder motorisierter Schiffsverkehr noch Stromschnellen vorkommen, eignet sie sich gut für Anfänger und Gelegenheitspaddler.
Die Hunte, ein 189 Kilometer langer Nebenfluss der Weser, passiert auf ihrem Weg von der Quelle im Südwesten Niedersachsens etliche Naturschutzgebiete. Kleinere Entdecker-Kanutouren von rund drei Stunden führen etwa von Astrup nach Oldenburg hinein, andere beginnen in Wardenburg. Große Huntefahren mit Strecken von bis zu 20 Kilometern werden von von Yeti-Tours als Tagesausflüge organisiert. Und einige beinhalten sogar ein paar leichte Stromschnellen für den Extra-Kick.
Vom Boot in den Bus
Als beliebtes Ziel und Endpunkt der Touren wird das Wasserkraftwerk am Niedersachsendamm avisiert. Auch wir drehen nun um und steuern zurück gen Oldenburg, passieren die Lethe und unterfahren Brücken. Mit Tempo kommen uns schlanke Ruderboote entgegen: Sie trainieren auf ihrer Hausstrecke vor dem Oldenburger Ruderverein. Linkerhand ziehen sich die Kleingartenanlagen im Stadtteil Eversten. Das historische Kraftwerk liegt nun direkt vor uns, und wir halten weiter darauf zu, bis rechterhand der von Jochen beschriebene Anleger in Sicht kommt. Rasch ausgestiegen, das Boot raufgezogen, umgedreht und gesichert für das Abholen. Wir wechseln das Fahrzeug – und nehmen den Bus. Mit der Linie 280 landen wir wieder an der Hunte, zumindest thematisch. Das Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg widmet sich dem heimischen Gewässer, der Küste, Geest und Marsch samt der Tier- und Pflanzenwelt. Aktuell laufen hier die Vorbereitungen für eine große Sonderausstellung zu urbanen Naturräumen im Klimawandel als Finale im Projekt »Klimaoasen Oldenburg« – und zur wichtigen Frage, wie wir als Gesellschaft die grünen Räume der Zukunft bewahren können.
Reiseinfo: Oldenburg/Niedersachsen
Citykanutouren: Kanutour auf dem Fluss Haaren, auf der Hausbäke und dem Stadtgraben, für Anfänger geeignet, zwei Stunden mit Einweisung, Termine 2026: 25. Juli, 2., 15., 30. August, 5. September. Beginn jeweils 14 Uhr. Anmeldung per E-Mail: info@oldenburg-tourist.de, www.oldenburg-tourismus.de.
Kanutouren und -verleih: Touren, Transporte, Bootsmiete von Canadier und Kajak inklusive Schwimmweste, Karte, Tonne, wasserfeste Säcke bei Yeti Sport & Reisen, www.Yeti-ol.de.
Kultursnacks Oldenburg: Die Kulturinstitutionen der Stadt laden zweimal jährlich zu kostenfreien
Kulturangeboten – als Kurzbesuch, After-Work oder in der Mittagspause, noch bis 25. Juni 2026 und vom 20. Oktober bis 26. November 2026, www.oldenburg-tourismus.de/kultursnacks.
Theater Laboratorium: Figurentheater mit etwa 250 Vorstellungen pro Jahr, Programm unter anderem: Kohlhaas, Die Bremer Stadtmusikanten, Vom Fischer und seiner Frau, Der große Abend der kleinen Diktatoren, www.theater-laboratorium.org, www.limonadenfabrik.org.
Oldenburgisches Staatstheater: Siebenspartentheater mit vier Spielstätten, Großes Haus, Kleines Haus, Studiobühne und Exerzierhalle am Pferdemarkt, www.staatstheater.de.
Horst-Janssen-Museum: Dauerausstellung »Horst Janssen – Neu entdeckt!« Plus Sonderausstellungen auf zwei Ebenen (700 Quadratmeter), Film, VR, Mitmach-Stationen, Zeichenwerkstatt, www.horst-janssen-museum.de.
Stadtmuseum: Eröffnung 6. Juni 2026, kostenfrei zugängliches Foyer als Treffpunkt im Quartier, drei Ebenen mit 1200 Quadratmeter Ausstellungsfläche, www.stadtmuseum-oldenburg.de.
Landesmuseum Natur und Mensch: »Naturräume in der Stadt – zwischen Klimakrise, Selbstwirksamkeit und Zukunftsfragen«, ab Oktober 2026, www.klimaoasen-oldenburg.de. »Moor, Küste und Marsch, Geest, Hunte« ab Ende 2026, www.naturundmensch.de.
Weitere Infos: www.oldenburg-tourismus.de