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Wie nachhaltig ist der Kanusport?

Mit Kanu, Kajak oder Kanadier raus auf die Gewässer - ein Trend der seit einigen Jahren immer mehr an Beliebtheit gewinnt. Da der Sport im Freien und inmitten der Natur stattfindet, wird automatisch davon ausgegangen, dass es sich dabei um eine nachhaltige Aktivität handelt. Doch stimmt das wirklich?

Über Seen, Flüsse oder teilweise sogar im Meer zu paddeln und dabei die Ruhe auf dem Wasser zu genießen oder sogar den Bewohnern des Gewässers zu begegnen – das ist es, was viele möchten. Doch handelt es bei den Paddelabenteuern, die für jedes Alter geeignet sind, wirklich um ein grünes Freizeiterlebnis?

Boote

Herstellung eines Kanus – alles nur Plastik?

Die Kanus, die heute allgemein für den Freizeitsport benutzt werden, bestehen komplett aus Plastik. Nur wenige, die mit einem Kanu aufs Wasser paddeln oder sich selbst eines zulegen, befassen sich mit dem Material, aus dem das Gefährt gefertigt wurde. Selbst die besten Boote bestehen aus PE, Laminaten, PVC und Ethylen-Propylen-Dien-Kautschuk (EPDM). Nur vereinzelte Kanus werden aus Holz hergestellt. Und selbst hier muss darauf geachtet werden, dass es sich um regionale und nachwachsende Rohstoffe handelt und nicht um illegale Abholzungen in Regenwäldern. Als Grund für die Verwendung von Plastik wird dessen längere Haltbarkeit genannt, doch genau das macht die Sache so kompliziert.

Dass Plastik ein Umweltproblem ist, besonders in den Seen, Flüssen und vor allem in den Meeren dieser Welt, ist nichts Neues. Beim Kauf eines Kanus oder Kajaks sollte also immer die Intention bestehen, das jeweilige Boot über sehr lange Zeit zu nutzen, genauso wie die zusätzliche Ausstattung wie Paddel, Schwimmweste, wetterfeste Kleidung und Wasserschuhe, welche meistens ebenfalls aus Plastik bestehen.

Eine Investition in ein hochwertigeres Modell und besseres Zubehör, welches ausgiebig genutzt wird und gegebenenfalls sogar recycled oder upcycled werden kann, sollte in jedem Fall in Betracht gezogen werden, genauso wie die Option, sich die Boote oder Ausstattung lediglich vor Ort zu leihen. Mittlerweile gibt es auch erste Modelle und erstes Zubehör aus recyceltem Material. Bei einem Defekt sollte die Ausstattung außerdem repariert und nicht sofort ersetzt werden.

Umweltfaktor Anreise

Wer lange Flugreisen unternimmt, um vor Ort einen nachhaltigen Sport zu betreiben, sollte noch einmal darüber nachdenken, ob dies wirklich eine gute Idee ist und ob das Kanu oder Kajak nicht vielleicht besser in der Nähe des eigenen Zuhauses in einem See oder Fluss zum Einsatz kommen könnte. je näher, desto besser.

Die Anreise an einen Ort verursacht meist mehr Emissionen, als die eigentlichen Aktivitäten vor Ort und können und sollten deshalb nicht mit einander aufgewogen werden. Auch der Deutsche Kanu-Verband (DKV) weist darauf hin, dass das Reiseverhalten einen maßgeblichen Einfluss auf den eigenen Co2 Fußabdruck im Klima hat und gibt zudem Tipps, wie ein Kanuausflug nachhaltiger gestaltet werden kann.

Auf Flugreisen oder lange Autofahrten sollte bestenfalls verzichtet werden, stattdessen bieten sich Züge oder Ausflüge zur Erkundung der eigenen Heimat oder der umliegenden Regionen an.

Der Geschichte Tribut zollen

Wer beim Thema Nachhaltigkeit noch einen Schritt weiter gehen möchte, sollte sich unbedingt mit der Geschichte des Kanu auseinandersetzen. Nicht mit dem Kanusport, sondern mit dem Kanu an sich.

In Deutschland und Zentraleuropa sind Kanu, Kajak und Kanadier relativ neu. Erst seit dem 19. Jahrhundert sind sie in Deutschland präsent, nachdem sie im 16. und 17. Jahrhundert als sogenannte „Grönländer“ von englischen Seefahrer nach Europa gebracht wurden. Doch die eigentliche Geschichte reicht viel weiter zurück.

Boote im Stil der heutigen Kanus finden sich in diversen indigenen Kulturen rund um die Globus. Den größten Einfluss auf die Modelle, die heute für den westlichen Sport genutzt werden, hatten allerdings die indigenen Völker Grönlands und Nordamerikas. Der Begriff Kanu stammt von dem Wort „kana:wa“ ab, welches aus den indigenen Arawakan Sprachen des karibischen Raums stammt. Weitere Bezeichnungen waren kanoa, cano, canow oder canaoua ab, welche von den Native Americans und First Nations benutzt wurden und von den europäischen Kolonialherrschern übernommen wurden. Das Wort und die Konstruktion des Kajak kommen von den Eskimos, also den Inuit, Kalaallit und Yupik aus dem hohen Norden Nordamerikas.

Indigene Völker, Kulturen und Ethnien auf dem gesamten Globus, aber vor allem in den Amerikas, werden bis heute massiv unterdrückt und diskriminiert, wie die neuesten Ereignisse im heutigen Kanada wieder einmal belegen. Dabei ist ihr Wissen, welches sich unrechtmäßig angeeignet wurde und welchem nur selten Tribut gezollt wird, das Fundament für viele Dinge, die wir heute in den westlichen Gesellschaften als selbstverständlich hinnehmen und als „unseres“ ansehen. Wie zum Beispiel Kanus und Kajaks.

Indigene Völker sind außerdem an der vordersten Front wenn es um Klimaschutz geht, denn sie schützen aktiv rund 80% der noch bestehenden Biodiversität. Sich über die Geschichte und aktuelle Situation indigener Menschen zu informieren und für sie einzutreten, ist also unerlässlich, wenn die Nachhaltigkeit im Fokus stehen soll. Wer nachhaltigen Kanusport betreiben möchte, zeigt also seinen Respekt und seine Dankbarkeit für diejenigen, denen wir die Boote in erster Linie zu verdanken haben.

Fazit

Ein Sport oder eine Freizeitaktivität sind nicht automatisch nachhaltig, nur weil sie im Freien stattfinden und keinen aktiven Schaden verursachen. Doch wer es liebt, mit Kajak oder Kanu hinaus in die Natur zu paddeln, sollte sich dafür einsetzen, dies auch in Zukunft noch tun zu können, in dem er die Umwelt mit allen Mitteln schützt. Dies geht durch Politik, aber auch durch persönliche Handlungen wie Kaufentscheidungen, Bildung und Aktivismus. Es beginnt bei einem kritischen Blick hinter alle Produkte, welche gekauft werden sollen, führt über Recycling und Ernährung und endet bei Gerechtigkeit für indigene Menschen. Wer dies beachtet und sich dafür einsetzt, kann sich in seinem Boot zurücklehnen und die Wunder der Natur noch lange genießen.

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