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Insel-Geschichte(n)

Bei einer Paddeltour rund um die UNESCO-Weltkulturerbe-Insel Reichenau genießt man die Idylle und das milde Klima des westlichen Bodensees. Und taucht tief ein ins Mittelalter.

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Vor der Tour zur Reichenau haben wir die Nacht in einem Fass verbracht. Ein richtiges Fass, aber nicht mit Bier oder Wein gefüllt, sondern mit vier gemütlichen Betten. Die rustikale Unterkunft befindet sich auf dem Campingplatz in Allensbach, nur ein paar Meter vom Kiesstrand entfernt. Hier stehen wir nun, die Knöchel im klaren Wasser, die Kajaks zu unseren Füßen. Uns gegenüber, auf der anderen Seite des Gnadensees, liegt die Insel Reichenau, die größte Insel im Bodensee. Seit dem Jahr 2000 gehört sie zum UNESCO-Weltkulturerbe. Eine Auszeichnung, die ihre bewegte Geschichte und herausragende religiöse und kulturelle Rolle seit dem frühen Mittelalter würdigt. Die Reichenau ist auch als »Klosterinsel« bekannt, und in der Tat sind gleich drei romanische Kirchen Zeugnisse ihrer reichen klösterlichen Tradition: St. Georg im Osten mit einzigartigen Wandmalereien, das Münster St. Maria und Markus im Herzen der Insel mit Schatzkammer und Klostergärten sowie St. Peter und Paul, idyllisch gelegen an der westlichen Inselspitze.

Am Anfang geht es noch ein paar Meter westwärts entlang des Festlands …
… und dann hinüber zur Insel Reichenau.

Eintauchen ins Mittelalter

Genug Gründe, um der Insel einen Besuch abzustatten. Also schwingen wir Paddlerbeine und Paddlerhintern in die Boote, kurven zwischen ein paar vor Anker liegenden Segelbooten hindurch und machen uns an die Querung über den Gnadensee hinüber zur Reichenau. An dieser Stelle wird ein wenig Begriffsklärung nötig, denn die diversen Seebezeichnungen können in dieser Gegend für etwas Verwirrung sorgen: Der Untersee ist der südwestliche und kleinere Teil des Bodensees, von dessen größerer Wasserfläche (dem Obersee) getrennt durch ein Nadelöhr: den Seerhein bei Konstanz. Der Untersee wiederum gliedert sich in den Rheinsee, den Zeller See und eben den Gnadensee, der seinen Namen der mittelalterlichen Rechtsprechung des Klosters Reichenau verdankt: Todesurteile durften nicht auf der heiligen Insel vollstreckt werden, also wurden die Verurteilen per Boot oder Schiff hinüber aufs Festland nach Allensbach gebracht – und durch das Läuten einer Glocke konnte der Abt den Unglücklichen in letzter Minute Gnade gewähren.
Finstere Geschichten, die irgendwie nicht zur heiter-malerischen Atmosphäre des Ortes passen wollen. Die Sonne, anfangs noch hinter Wolken verborgen, kämpft sich durch und bringt das spiegelglatte Wasser des Gnadensees zum Glitzern.
Die Überfahrt ist kurz, einen Kilometer in etwa, und nach der Ankunft auf der Reichenau steigen wir bei einem kleinen Sportboothafen schon wieder aus. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens lockt hier, direkt hinter den Stegen mit den Segelbooten, das Restaurant Seeräuber mit einer leckeren Mischung aus regionalen Gerichten und der einen oder anderen exotischen Alternative. Zum anderen wollen wir der ältesten Kirche der Reichenau einen Besuch abstatten – dem Münster St. Maria und Markus.
Die Ursprünge dieser romanischen Kirche gehen bis auf das Jahr 724 zurück, als der Wandermönch Pirmin das Kloster Reichenau gründete. Später entwickelte sich das Gotteshaus zur Klosterkirche der bedeutenden Benediktinerabtei, und heute sind das Münster und die angrenzenden Klosterbauten die wichtigste Sehenswürdigkeit der Insel – und der bedeutendste Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Wer die wunderschöne Kirche bewundert, den neurenovierten Kirchenschatz in seiner goldenen Pracht bestaunt, einen der bedeutendsten seiner Art in Europa, und anschließend durch die Klostergärten schlendert, der atmet Mittelalter. Tipp am Rande: Liebhaber leckerer Tropfen finden im klostereigenen Weingeschäft eine umfangreiche Auswahl an Weinen von der Insel und aus der Region.

Die älteste Kirche der Reichenau: das Münster St. Maria und Markus mit den Klostergärten. Foto: Bodenseegärten

Weiter ans Südufer

Den Kopf voll mit Geschichten von frühmittelalterlichen Kirchen, goldenem Reichtum und der verzweifelten Hoffnung von Todeskandidaten, klettern wir in der kleinen Marina zurück in unsere Kajaks. Allmählich holen uns das türkisgrüne Wasser im Uferbereich, der strahlende Sonnenschein und der gleichmäßige Rhythmus der Paddelschläge zurück in die helle Gegenwart. Am Strandbad Reichenau knickt der Uferverlauf kurz nach Süden, richtet sich dann aber wieder nach Westen und hält diesen Kurs bis zur Westspitze der Insel. Auch vom Wasser aus gut sichtbar ragen hier die Doppeltürme der Kirche St. Peter und Paul in die Höhe. Dann geht es rund anderthalb Kilometer nach Süden, im Blick die Berghänge und Wälder, Dörfer und Höfe auf der Schweizer Seeseite. Nach etwa zehn verträumten Minuten, die Sonne im Gesicht, passieren wir den Campingplatz Sandseele. In dessen Uferrestaurant kann sich stärken, wer möchte, aber wir paddeln weiter und erreichen bald die langgezogene Südseite der Insel.
Hier geht es vorbei an Bäumen und Wiesen, Gärten und kleinen Feldern und den Glasflächen vieler Treibhäuser – das milde Klima dieser Gegend ermöglicht bis zu drei Gemüse-Freilandernten im Jahr. Schon bald liegt links die Schiffsanlegestelle Reichenau, auch Schiffslände genannt. Das Wasser ist ein bisschen welliger als auf dem Gnadensee. Nichts Aufregendes – um so erstaunlicher, dass einheimische Paddler dieser Seeecke den respektvollen Namen »Bermudadreieck« gegeben haben. Und sie haben Recht, auch wenn wir heute nichts davon merken, denn Fallwind und Windböen aus den Bergen können hier durchaus für nennenswerten Wellengang sorgen.

Tunnel für Boote

Nach rund anderthalb gemütlichen Paddelstunden am Südufer erreichen wir das Ostende der Insel. An dieser Stelle ist sie durch einen 1,3 Kilometer langen Damm, über den eine mit Pappeln bestandene Allee führt, mit dem Festland verbunden. Dieser Damm, aufgeschüttet im Jahr 1838, versperrt auf den ersten Blick den Weg zurück auf den Gnadensee. Aber nur auf den ersten Blick, denn der zweite verrät: Ein 95 Meter langer und sieben Meter breiter Durchstich, Bruckgraben genannt, führt durch den Damm und in einem kurzen Tunnel unter der Allee hindurch. Segelboote können mit ihren Masten nicht durch diesen Tunnel fahren, Paddelboote schon.

Einfahrt: Ein 1,3 Kilometer langer Damm verbindet die Insel Reichenau mit dem Festland. Der Bruckgraben führt hindurch – und ermöglicht Paddlern die Durchfahrt.
Berühmt für Wandmalereien aus spätkarolingischer und ottonischer Zeit: die Kirche St. Georg im Südosten der Insel. Foto: Bodenseegärten

Eine nette Abwechslung, und nach der kurzen Passage kommen wir am Nordufer der Insel Reichenau hinaus – zurück auf dem Gnadensee. Nach einem knappen Kilometer liegt linkerhand mit St. Georg die dritte bedeutende Kirche. Der Blick nach Westen fällt auf die Hegau-Vulkane – Berge mit markanter Kegelform, die vor etwa 14 Millionen Jahren ihren Vulkanbetrieb einstellten. Als letzte Etappe unserer Kanutour queren wir nun schräg hinüber ans Festland. Dort wartet eine Mahlzeit im Restaurant Seegarten in Allensbach. Und danach ein gemütlicher Campingplatz. Mit einem Fass.

Zurück über den Gnadensee zum Ausgangspunkt.

Ausflug nach Radolfzell

Im äußersten Westen des Untersees liegt Radolfzell – und auch wenn sie zuweilen im Schatten des bekannteren Konstanz liegt, lohnt diese 31.000-Einwohner-Stadt einen Besuch. Ein Bummel durch die mittelalterlichen Gassen und Straßen der Altstadt, im Stadtgarten und an der Strandpromenade, eine Besichtigung des Münsters unserer lieben Frau, des Jahr100Baus und anderer sehenswerten Bauwerke: In Radolfzell trifft Mittelalter auf Moderne – und 2026 feiert Radolfzell sein 1200-jähriges Stadtjubiläum. Infos: https://www.radolfzell-tourismus.de

Radolfzell: Blick vom Münsterturm auf die Dächer, den See, den Marktplatz, das Österreichische Schlössle und die Innenstadt. Foto: TSR GmbH Kuhnle und Knoedler

Tour-Info

Die Insel Reichenau ist mit 4,3 Quadratkilometern Fläche die größte Insel im Bodensee (Länge etwa 4,5, Breite etwa 1,5 Kilometer, Umfang elf Kilometer). Der höchste Punkt erhebt sich etwa 43 Meter über das Wasser des Sees. Das größte Dorf auf der Insel ist Mittelzell, auf der Reichenau leben heute etwa 3200 bis 3300 Einwohner. Wichtigste Einnahmequellen sind der Gemüse- und Weinanbau sowie der Tourismus.

Anreise: Die meisten Paddler werden den Untersee wohl mit dem eigenen Wagen und auf selbst gewählten Routen erreichen. Dennoch an dieser Stelle ein Tipp für alle, die aus Richtung Nordosten kommen: Eine Fährfahrt von Meersburg nach Konstanz verkürzt die Strecke auf angenehme Weise und kostet nicht die Welt (www.stadtwerke-konstanz.de/faehre/tarife/).

Länge der Tour: rund 14 Kilometer, bei gemütlichem Tempo und mit ein paar Pausen vier bis sechs Stunden.

Charakter: meist Zahmwasser. Vor allem am Südufer kann es bei windigen Verhältnissen aber auch mal wellig werden.

Gefahren: Vorsicht auf die dicken Pötte der Seeschifffahrt, vor allem rund um die Schiffsanlegestelle Reichenau. Am Bodensee herrscht während der warmen Jahreszeit ein beständig mildes Klima – doch auch hier kann es zu starken Winden, Gewittern oder gar Stürmen kommen. 60 Sturmwarnleuchten rund um den See warnen vor Starkwind (40 orangefarbene Blitze pro Minute) oder Sturm (90 orangefarbene Blitze pro Minute). Man sollte diese Blitze aber nicht abwarten, sondern im Zweifelsfall lieber das Wasser verlassen.

Übernachtung:
· Campingplatz Allensbach, www.campingamsee.com
· Campingplatz Sandseele, sandseele.de
· Weitere Übernachtungsmöglichkeiten: www.bodenseewest.eu

Gute Nacht! Die Schlaffässer auf dem Campingplatz in Allensbach.

Bootsverleih:
· La Canoa Kanuzentrum Konstanz mit Station auf der Insel Reichenau, lacanoa.de/kanuvermietung/kanustationen/kanustation-insel-reichenau/
· Freizeitcenter Reichenau, freizeitcenter-reichenau.de

Die Bodensee Card PLUS: offizielle Erlebniskarte für die Vierländerregion Bodensee. Nach dem einmaligen Kauf der Karte profitiert man von zahlreichen Vorteilen: freier Eintritt bei über 160 Attraktionen, freie Fahrt mit den Kursschiffen der Weißen Flotte, Exklusiverlebnisse und Express Check-In bei vielen Ausflugszielen. Erhältlich für drei oder für sieben Tage. Die Erlebnistage können in einem kompletten Jahr von Januar bis Dezember flexibel mit Unterbrechung genutzt werden. Preisbeispiel: mit drei Tagen Gültigkeit für einen Erwachsenen ab 16 Jahren 78,- Euro. Online-Kauf: https://shop.bodensee.eu/?affiliateCode=BCP16

Weitere Infos:
· www.visit-bw.com
· www.echt-bodensee.de
· www.bodenseewest.eu
· www.reichenau-tourismus.de

Noch mehr Bodensee gibt es in KANU 4/2026: eine Tour von Überlingen zum berühmten Pfahlbaumuseum und zurück – im Handel noch erhältlich bis 3. August und darüberhinaus hier zu haben: https://shop.jahr-media.de/de_DE/einzelhefte/kanu-magazin-04-2026/2195576.html

Und ein komplettes Baden-Württemberg-Special mit den Gewässern Jagst, Kocher, Tauber, Enz, Oberer und Mittlerer Neckar, Iller und Brenz sowie dem Naturschutzgebiet Taubergießen gibt es in der KANU-Ausgabe 3/2026, die hier zu beziehen ist: https://shop.jahr-media.de/de_DE/einzelhefte/kanu-magazin-03-2026/2186933.html