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Wasser hat keine Balken – so reanimiert man richtig

Schwere Verletzungen beim Paddeln sind selten. Denn Wasser ist weich, und Unfälle gehen meist glimpflich aus. Doch wenn etwas passiert, sind die Konsequenzen nicht selten fatal. Um bei einem Ertrinkungsunfall richtig reagieren zu können, sollte jeder Paddler die wichtigsten Rettungs- und Erste-Hilfe-Techniken beherrschen. Und zwar auch in Stresssituationen …

Zugegeben, immer wieder hört und liest man von Schulter­­luxa­tionen und Wirbelfrakturen bei Wildwasserpaddlern. Doch fernab des Extrembereichs, diesseits der Zehn-Meter-Wasserfallgrenze, ist das Verletzungsrisiko beim Paddeln eher gering. Bäume und Felsen, mit dene­n man es beim Mountainbiken oder Skifahren zu tun hat, haben eben keine Knautschzone. Dafür laufen Unfälle beim Wassersport häufig nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip ab: Entweder der Verunfallte kommt mit nassen Haaren und dem Schrecken davon, oder es droht der Tod durch Ertrinken.

Tod durch Ertrinken – die Zeit läuft
Die meisten Ertrinkungsunfälle in Deutschland, immerhin bis 600 pro Jahr, passieren in seichtem oder stillstehendem Gewässer. Der Großteil davon sind Badeunfälle. In dieser Statistik verstecken sich jedoch auch 10 bis 20 Kanuten, die jedes Jahr auf Kajakgewässern sterben. Ertrinken ist kein Sekundentod, der Vorgang zieht sich über drei bis fünf Minuten hin und kann sich noch verlängern, wenn der Ertrinkende beim Auftauchen wieder ein­e Möglichkeit hat, Luft zu holen.

Das Ertrinken durchläuft mehre Phasen vom ersten Einatmen von Spritzwasser bis zum finalen Atemstillstand. Die Phasen gehen fließend ineinander über. Irgendwann trifft der Sauerstoff­mangel das Gehirn. Es ist sehr empfindlich und kann den Mangel an lebenswichtigem Sauerstoff schlecht kompensieren. Deshalb treten hier zuerst irreversible Organschäden auf – schon acht Minute­n nach Abschneiden von der Luftzufuhr.

Beim Ertrinkungsunfall ist der größte Gegne­r also die Zeit, die erbarmungslos gegen den Ver­unglückten arbeitet!

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Steckbrief

Horst Hohn
KANU-Autor

Dr. Horst Hohn, 50, engagiert sich seit über 18 Jahren in der Fortbildung zu Notfällen im Kajaksport. Dabei kann er auf jahrelange Erfahrun­g als Notarzt zurückgreifen. Horst ist selbst seit mehr als 20 Jahren im Wildwasser unterwegs. Inzwischen arbeitet er als nieder­gelassener Gastroenterologe in Koblenz.

Cardio-pulmonale Reanimation – mehr als nur Herzdruckmassage
Um die Atmung und den Herzkreislauf eines Ertrunkene­n wieder herzustellen, muss der Rette­r die cardio-pulmonale Reanimation, kurz CPR, perfekt anwenden können. Doch außerhalb unseres Hobbys spielt das (Beinahe-)Ertrinken als Notfall kaum eine Rolle. Hier führen meistens Herzerkrankungen zum GAU. Deshal­b ist im »Allta­g« die Herzdruckmassage das wichtigste Instrumen­t zur Wiederbelebung.

Der Ertrunkene hat dagegen in erster Linie ein Problem der Atemwege, die durch den Eintritt von Wasser blockiert sind. Das führt zu Sauerstoffmangel, Herzstillstand und damit zum Aussetzen der Atmung. Im Ertrinkungsfall spielt also die Wiederherstellung der Atmung eine entscheidende Rolle. Es genügt daher nicht, sich lediglich auf die Herzdruckmassage zu konzentrieren. Vielmehr ist die Beatmung des Verunglückten der schwierigere Teil bei der CPR!


»Die Kompressionstiefe bei der Herzdruckmassage beträgt etwa fünf bis sechs Zentimeter. Nicht selten kommt es dabei zu Rippenbrüchen.«


Wie funktioniert die CPR?

Bei der Herzdruckmassage wird der Ballen einer Hand auf der Mitte des Brustkorbs (begrenzt durch Rippenbögen und Schlüsselbeine) platziert. Der Ballen der anderen Hand wird auf die erste gelegt. Der Druck erfolgt nun mit gestreckten Armen senkrecht auf den Brustkorb, die Bewegung kommt dabei aus der Hüfte mit möglichst wenig Kraftaufwand unter Ausnutzung des eigenen Gewichts. Um seitliches Abscheren zu vermeiden, sollten die Finger verschränkt oder abgespreizt werden. Die Druck­tiefe beträgt etwa vier bis sechs Zentimeter. Dabei kommt es nicht selten zu Rippenbrüche­n – trotzdem muss die HDM unbedingt weiter ausgeführt werden! Durch die HDM wird ein Notkreislauf erzeugt, der ausreicht, das Gehirn und den Herzmuskel mit Blut zu versorgen. Da sich eine Unterkühlung positiv auf die Überlebenschancen auswirkt (das Gehirn verbraucht weniger Sauerstoff), sollte das Unfallopfer während der Wiederbelebung nicht aufgewärmt werden.

Die Frequenz der HDM liegt bei etwa 100 Kompressionen pro Minute, auf 30 HDM folgen zwei Atemspenden. Bei zwei Helfern werden die Rollen  alle zwei Zykle­n getauscht.

Bei der Atemspende wird die Luft wird über einen Zeitraum von einer Sekunde gleichmäßig in den Mund des Betroffenen geblasen, so dass sich der Brustraum sichtbar hebt. Zur Auswahl stehen Mund-zu-Mun­d, Mund-zu-Nase und Mund-zu-Maske. Die Anwendung einer Atemmaske hat dabe­i entscheidende Vorteile:

• die Hemmschwelle sinkt (keine Ekelbarriere)
• die Gefahr der Übertragung infektiöser Erkrankungen ist wesentlich geringer (die neuen Masken bieten einen Bakterienfilter)
• die Beatmung ist bei richtiger Handhabung effektiver

Nachteil: Die Handhabung ist schwieriger und muss ausgiebig geübt werden. In jedem Fall wird die Wiederbelebung so lange fortgesetzt, bis:
• der Rettungsdienst übernimmt
• der Betroffene wieder atmet
• die Retter erschöpft sind

Selbstsicherung geht vor Fremdrettung!
Sowohl bei der Rettung der verunglückten Person als auch vor allem bei der Bergung von Material hat der Eigenschutz höchste Priorität. Es gibt einige Paddelkoryphäen, die beim Versuch, einen Kameraden zu retten, selbst ums Leben gekommen sind.

Die richtige Ausrüstung
Eine vollständige Ausrüstung und vor allem das Wissen um die richtige Anwendung erhöhen die Chance auf eine erfolgreiche Rettung dramatisch. Obligatorisch ist das Tragen einer geeigneten Schwimmweste. Dabei sind umlaufende Gurte und zugfeste Schulterteile ebenso selbstverständlich wie eine Trillerpfeife und eine Panikauslösung des Brustgurts. Mit dem Cowtail kann sich der Retter selbst in die Sicherungsleine einhängen. Obligat beim Gebrauch von Seilen ist das Mitführen eines Messers, das am Mann getragen werden muss. Der Wurfsack, möglichst über 20 Meter Seillänge, gehört ebenfalls zur Grundausstattung. Bei Aktionen außerhalb des Boots (zum Beispiel Besichtigung eines Streckenabschnitts) ist er unbedingt mitzuführen! Pro Gruppe sollten außerdem mindestens ein Mobiltelefon und ein Erste-Hilfe-Set dabei sein.

Weiteres Equipment wie Seilrolle, Karabiner, Schlingen, Ersatzpaddel, Verpflegung etc. wird dem Bedarf und dem Tourcharakter angepasst.

Praktische Übung
Die Rettung und Versorgung eines ertrinkenden Paddelkameraden sind kompliziert. Aber ohne Deine Hilfe ist der Kamerad dem Tod geweiht. Deshal­b muss so lange geübt werden, bis alle Handlungen und Handgriffe sitzen. Zum Training stehen in professionellen Kursen Trainings­puppen zur Verfügung. Der Ablauf einer Rettungsaktion sollte mehrere Male im Jahr im Rollenspiel geübt werden. Ebenso der Umgang mit Rettungsgerät wie Seil und Umlenkrollen. Auf der Kanumagazin-Rettungskarte (siehe Info unten) findet Ihr alle wichtigen Punkte zum richtigen Vorgehen bei eine­m Ertrinkungsunfall.

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