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Mehr als nur dicht!

Das leistet ihre Paddelbekleidung

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Die neue Paddeljacke muss wasserdicht sein, klar. Aber schwitze­n will ich darin auch nicht zu doll. Sie soll natürlich ein paar Jahre halten und obendrein schick aussehen. KANU erklärt, wie die Hersteller diese Wünsche unter einen Hut bekommen.

Wenn wir in der KANU-Redaktion von einer paddel­spezifischen Materie wenig bis gar keine Ahnung habe­n, bedeutet das in der Regel Folgendes: Entweder haben wir geschlafen oder die Thematik ist so neu, komplex oder speziell, dass es einem Großteil der Paddler ähnlich geht wie uns. Das Thema Paddelbekleidung aber ist weder neu noch speziell – jeder Kanute braucht sie, jeder hat sie. Bleibt die Komplexität: Modernes Equipment hat nichts mehr mit einem profanen Wasserschutz zu tun, längst werden hochfunktionelle Materialien in aufwendigen Verfahren verarbeitet, um für jeden Einsatzzweck das ideale Produkt anbieten zu können. Verlässt man sich als Käufer nicht komplett auf sein Bauchgefühl und die Expertise des Fachhändlers, sieht man sich mit Begriffen wie Permeabilität, Wassersäule, Partialdruck und den verschiedensten Markennamen konfrontiert: Gore-Tex, XP3-Aero, Hypro-Tex oder Hydrus 3L klingen toll, sorgen aber in erste Linie für ratloses Schulterzucken beim Laien. So ging es auch uns, als die Testpaddeljacken für die kommende Saison in der Redaktion landeten.
Damit Sie in Zukunft im Dschungel der Funktionsbekleidung schneller zum passenden Produkt finden, haben wir uns folgende Fragen gestellt:

  • Wie wird Paddelbekleidung überhaupt wasserdicht?
  • Was verbirgt sich hinter den Begriffen Wassersäule und Atmungsaktivität?
  • Woran erkenne ich eine gute Paddeljacke?
  • Wie kommen die teils großen Preisunterschiede zustande?

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Kleine Materialkunde
Unsere Anforderungen an Trockenjacken und -hosen sind hoch: Auf keinen Fall darf Wasser hinein, der Schweiß soll aber unbedingt hinaus. Doch damit nicht genug: Je nach Einsatzgebiet sollen sie extrem robust oder federleicht sein. Dass dabei das robuste Modell möglichst leicht und das Leichtgewicht möglichst robust sein soll, versteht sich von selbst. Zu guter Letzt spielt natürlich auch der Preis eine Rolle: Dem einen reicht die günstige Basisvariante, der andere kauft sich mit dem Spitzenmodell nicht nur ein objektiv hochwertiges Produkt, sondern auch das gute Gefühl, auf dem neuesten Stand der Technik zu sein.
Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, verwenden die Hersteller für ihre Paddelbekleidung moderne Funktionstextilien. Eine leichte Touringjacke, die in erster Linie als Regen- und Spritzwasserschutz dient, unterscheidet sich auf den ersten Blick deutlich von einer robusten Wildwasserjacke. Die Funktionsweise ist jedoch in den meisten Fällen gleich: Ein Oberstoff – meist aus Nylon – wird mithilfe einer Membran (z.?B. Gore-Tex) auf der Innenseite wasserdicht gemacht: Die Poren dieser hauchdünnen Folien sind so klein, dass Wassertropfen von außen nicht hindurchkommen, jedoch groß genug, dass Wasserdampf von innen entweichen kann (später dazu mehr). Von außen sorgt eine Imprägnierung dafür, dass sich der Oberstoff nicht mit Wasser vollsaugt.

Wie ist die Lage?
Von außen schützt also das Obermaterial die Membran, doch auch auf der Innenseite braucht sie einen Schutz gegen mechanische Einwirkungen. Denn ist die Membran einmal beschädigt, ist das Kleidungsstück an dieser Stelle nicht mehr wasserdicht. Hier kommen die verschiedenen Lagen ins Spiel:

  • Eine 2-Lagen-Konstruktion besteht lediglich aus Oberstoff und Membran, innen bietet ein lose­s Netzfutter nur rudimentären Schutz (zählt nicht als Lage). Oft sind sehr günstige Outdoor­jacken nach diesem Prinzip konstruiert. Auch preiswerte Freizeit- und Touringpaddeljacken bestehe­n teilweise nur aus zwei Lagen, hier sorgt statt der Membran jedoch eine PU-Beschichtung auf der Innenseite (reibt sich jedoch schneller ab) für die Wasserdichtigkeit.
  • Bei 2,5 Lagen schützt statt des Netzfutters ein­e dünne Schutzschicht (bei Gore-Tex Paclite z.?B. in Form einer Carbonschicht), die direkt auf die Membran auflaminiert wird, dieselbe. Diese halbe Lage erkennt man an ihrem folienartigen Charakter und oft auch an Logoaufdrucken oder ähnlichen Designelementen.
  • 3-Lagen-Modelle bestehen aus einem Oberstoff, der Membran und einem vollwertigen, flächi­g auflaminiertem Futter. Sie erkennt man daran, dass sie sich auf der Innenseite stoff­artig anfühlen – und nicht kunststoffartig wie 2,5 Lagen. Allein bei der Qualität dieses Futter­materials gibt es große Unterschiede – die der Käufer zwar im Portemonnaie, aber auch in Form von mehr Tragekomfort auf der Haut spürt.
  • 4-Lagen-Material, wie etwa das XP4 von Palm, besteht aus einem PU-beschichteten (1. Lage, für noch mehr Robustheit) Oberstoff (2. Lage), einer Membran (3. Lage) und dem Futter (4. Lage).

Entscheidend für die Robustheit einer Paddeljacke ist vor allem der Außenstoff: Nylon (oder Polyami­d) ist robuster als Polyester. Je stärker der Faden, desto abriebfester der Stoff. Die Reißfestigkeit wird in Denier (Fadengewicht in Gramm pro 9000 Meter Garn) angegeben. Außerdem gibt es die sogenannte Ripstop-Konstruktion, bei der im Stoff eine Struktur aus Vierecken sichtbar ist – so kann auch leichtes Garn reißfest gemacht werden.

Noch ganz dicht? Die Wassersäule
So viel zur Konstruktion. Doch kommen wir zum wesentlichen Merkmal von Paddelbekleidung, der Wasserdichtigkeit. Diese wird als sogenannte Wassersäule in Millimetern angegeben. Aber wie lassen sich die Herstellerangaben für die Praxis bewerten, gilt das Motto »Viel hilft viel«?
Viele Anbieter werben mit Wassersäulen von 10.000 bis 25.000 Millimetern. Rein rechtlich gilt ein Material ab einer Wassersäule von 1300 Millimetern als wasserdicht. In der Realität bringt schon ein kräftiger Schauer ein solches Gewebe an die Belastungsgrenze. Logisch, dass die Anforderungen an ein Kleidungsstück, das dauerhaft im Wasser eingesetzt wird, in einer ganz anderen Liga spielen. Anschaulic­h macht das folgendes Beispiel: Kniet sich ein erwachsener Mann im Zelt hin, entsteht leicht so viel Druck, als würde eine Wassersäule von 7000 Millimetern gegen den Stoff drücken. Für uns Paddler macht es also durchaus Sinn, auf ausreichend hohe Werte zu achten. Um zu überprüfen, ob die Modelle am Markt den Anforderungen entsprechen und ob die Herstellerangaben stimmen, haben wir neun Jacken im Labortest in die Mangel genommen. Das Ergebnis: Alle Modelle sind mehr als dicht. Zwar gibt es je nach Einsatzzweck relativ große Unterschiede in der Wassersäule, jedoch bewegen sich die Werte allesamt jenseits der 15.000-Millimeter-Marke. Die robusten 3-lagigen Wildwasser- und Seekajak-Jacken haben sogar alle die Test­obergrenze von 30.000 Millimetern gesprengt.
Allerdings nützt die beste Membran nichts, wenn bei der Verarbeitung nicht sorgfältig ge­arbeitet wird. Die Schwachstellen sind die Nähte. Diese müssen von innen mit einem Nahtband abgedichtet werden, damit kein Wasser durch die Einstichlöcher dringt. Ein Wert ab 2500 Millimetern gilt als sehr gut. Und auch hier zeigte sich im Test: Die Hersteller machen einen exzellenten Job, die Werte lagen zwischen 2500 und 30.000 Millimetern. Wie Sie selbst beim Kauf einer neuen Paddeljack­e einen Qualitätscheck durchführen können, verrät der Ex-Palm-Produktentwickler Seppi Strohmeier im Interview.

Aaaatemlos auf dem Bach
Dicht sind die Jacken also alle, so viel wissen wir jetzt. Doch was ist mit der viel beschworenen Atmungsaktivitä­t? Um ihre Produkte zu bewerben, sprechen Hersteller oft davon, dass ihre Jacke­n und Hosen besonders atmungsaktiv seien. Der Begriff »Atmungsaktivität« ist jedoch nicht mehr als der Geniestreich eines Werbetexters. Denn: Wenn wir schwitzen, entsteht im Inneren der Jacke Feuchtigkeit, die unter bestimmten physi­kalischen Voraussetzungen durch die Jack­e nach außen entweichen kann. Aktiv ist bei diesem Prozess aber faktisch nur der Mensch in der Jacke, der sich bewegt. Und dass ein Kleidungsstück nicht atmen kann, liegt auf der Hand.
Doch was sind die Voraussetzungen dafür, dass Feuchtigkeit aus der Jacke entweichen kann? Am wichtigsten ist ein Temperaturgefälle: Wenn wir uns bewegen, wird es in der Jacke warm und durch das Schwitzen steigt die Luftfeuchtigkeit. Die Außenseite der Jacke ist kälter und die Luftfeuchtigkeit der Umgebung niedriger. Aufgrund physikalischer Gesetze, die an dieser Stelle den Rahmen sprengen würden, findet ein sogenannter Ausgleich der Verhältnisse statt, was bedeute­t, dass sich Temperatur und Luftfeuchtigkeit angleichen. Wichtig: Membranen lassen Wasse­r nur gasförmig als Wasserdampf durch, ist der Schweiß einmal in der Jacke kondensiert, kann er nicht mehr nach außen entweichen. Schwitzen wir also etwa bei einem Sprint so stark, dass die Membran an ihre Grenzen gerät und der Wasserdampf nicht mehr vollständig entweichen kann, sind wir am Ende auch in der atmungs­aktivsten Jacke nass.

Und selbst die wasserdampfdurchlässigste Membran ist nur so gut, wie die Schicht, die man darunter trägt: Der alte Baumwollpulli saugt den Schweiß auf, bevor dieser von der Jacke »weggeatmet« werden kann.
Eine weitere Voraussetzung dafür, dass Wasserdamp­f entweichen kann, ist eine intakte Imprägnierung. Doch die wird sich auch bei der teuersten Jacke durch mechanischen Abrieb auf Dauer verflüchtigen. Wasser perlt dann nicht mehr ab, sondern saugt sich in den Oberstoff. Zwar ist die Jacke dank der Membran dann noch wasserdicht, jedoch versperrt das durchnässte Obermaterial den Weg für den Wasserdamp­f aus der Jacke heraus. Also gilt auch bei Paddelklamotten: Regelmäßig die Imprägnierung auffrischen!
Die technische Funktionsweise von Trockenbekleidung haben wir also durchschaut. Bleibt die Frage, worauf ich als Kunde im Laden achten sollte, um sicher zum richtigen Produkt zu finden. Und wo doch der Test gezeigt hat, dass im Grunde alle Modelle ausreichend dicht sind: Was unterscheidet die teure von der günstigen Paddeljacke? Diese Fragen haben wir an Seppi Strohmeier weitergegeben, der Kompetenz in Person, wenn es um technische Bekleidun­g und Produktentwicklung geht.

Seppi, was muss Paddelbekleidung heutzutage leisten?
Paddeln stellt viel höhere Ansprüche an die Ausrüstung als die meisten anderen Outdoor-Sportarten. Die Klamotten sind ständig nass und werden oft auch über längere Zeit feucht gelagert. Die UV-Strahlung, die dem Material zusetzt, wird durch die Lichtreflexion im Wasser noch verstärkt. Oft hängen die Sachen dann noch stundenlang zum Trocknen in der prallen Sonne. Die Paddelbewegung erzeugt Reibungsstellen im Achselbereich und unterhalb der Schwimmwest­e. All das muss das Material aushalten. Dazu sollen die Sache­n so dampfdurchlässig sein, dass man beim Umtragen nicht ins Schwitzen kommt, gleichzeitig aber noch nach Jahren absolut trocken halten. Der Stoff muss also robust sein, aber nicht zu schwer. Dazu weich, elastisc­h, und er darf nicht rascheln. Ganz schön viel auf einmal also.

Und woran erkenne ich als Laie im Laden eine gute Paddeljacke?
Fangen wir bei den offensichtlichen Features an. Die schönste Seekajak-Jacke bringt nichts, wenn beim Drehen des Kopfes die Kapuze nicht mitmacht und mir beim Schulterblick die Sicht versperrt. Sie sollte außerdem auch mit klammen Fingern gut verstellbar sein und vorne ein kleines Schild haben, damit mir das Wasser nicht dauernd auf die Nase tropft. Im Wildwasser kommt es vor allem auf die Abschlüsse an: Sind die Latexmanschetten gegen UV-Strahlung geschützt? Hat die Jacke einen Doppelkamin? Mit breiten­ Klettverschlüssen, die ordentlich halten, ohne aufzutragen? Ist der Tunnel auf der Innenseite gegen ein Hochrutschen beschichtet? Sind die Tasche­n so platziert, dass ich auch darauf zugreife­n kann, wenn ich eine Schwimmweste trag­e? Sitzen die Drainage-Öffnungen an der tiefsten Stelle, damit das Wasser schnell abläuft?
Ein entscheidendes Kriterium für die Dichtheit einer Jacke sind die Tapes auf der Nahtinnenseite. Kreuznähte (nicht zu verwechseln mit T-Nähten) sind besonders heikel und sollten bei der Entwicklung durch clevere Schnittführung umgangen werden. Bei einer sauber verarbeiteten Jack­e sitzen die Tapes zentral auf der Naht und sind ohne Knicke und Falten verklebt. Ein weiteres, nicht ganz so leicht erkennbares Indiz ist die Stichlänge der Naht: je enger, desto stabiler und reißfester ist sie.
Häufig trennt der Schnitt die Spreu vom Weizen, wer aktiv paddelt, braucht viel Be­wegungsfreiheit. Die Ärmel sollten vorgeformt sein, ohne überschüssiges Material zu verurs­a­chen. Der Torso sollte für eine aufrecht­e Sitz­haltung gemacht und vorne kürzer als hinten geschnitte­n sein.
Last but not least: Eine gute Paddeljacke muss auch gut aussehen, damit man sich in ihr so richti­g wohl fühlt. Da kommen dann Design und Farben ins Spiel. Aber darüber lässt sich ja bekanntlich streiten.

Häufig trennt der Schnitt die Spreu vom Weizen, wer aktiv paddelt, braucht viel Be­wegungsfreiheit.

Wodurch kommen die Preisunterschiede zustande?
In erster Linie durch den Einsatzzweck. Innerhalb der Kategorien sind die Unterschiede gar nicht so groß. Materialkosten und Verarbeitungsdauer habe­n am meisten Einfluss auf den späteren Verkaufspreis. Je mehr Features eine Jacke hat, desto mehr Einzelteile stecken im Produkt. Besonders teuer sind wasserabweisende Reißverschlüsse, Tapes und der Stoff. Ein Premiumlaminat kostet leicht vier- bis fünfmal so viel wie ein wasserdichtes Material im Einstiegsbereich. Je nach Konfektionsgröße werden zwei Quadrat­meter Stoff und bis zu 20 Meter Nahtband verarbeitet. Komme­n Details wie Tasche­n und Verstärkungen dazu oder ist der Schnitt sehr aufwendig, werden mehr Arbeitsschritte nötig und noch mehr Tape wird gebraucht. Eine konventionelle Heißluft-­Tapemaschine hat eine Arbeitsgeschwindigkeit von etwa zwei Metern pro Minute. Da überrascht es nicht, dass in der Herstellung einer Paddeljacke locker zwei bis drei Stunden Handarbeit stecken. Zum Vergleich: Bei einer Jeans rechnet man mit einer Prozesszeit von maxima­l 10 bis 20 Minuten!

Wie funktioniert die Qualitätssicherung bei Produkten made in Fernost? 
Kommt ein neues Material zum Einsatz, wird zunächs­t ein bestehendes Produkt mit diesem neue­n Material gefertigt und danach ausgiebig getestet. Am besten ist es, wenn Team-Paddler das Teil im harten Einsatz auf Herz und Nieren prüfen. Zudem muss das Material bestimmte Wert­e bei der Dichtigkeit erreichen, um überhaupt in die nächste Runde zu kommen. Danac­h werden Prototypen (in der Regel drei) vom Produzenten gefertigt und so lange verbessert, bis Verarbeitung und Qualität reif für die Serienproduktion sind. Bei der Produktion vor Ort prüft ein Qualitätsmanager jede­n einzelnen Artikel auf Verarbeitungsfehler, bevor dieser verpackt werden darf. Aus jeder Serie wird außerdem zufällig ein Artikel entnommen und einem mehrstufigen Test unterzogen. So läuft es zumindest bei Palm, aber ich denke, das ist bei den anderen Herstellern ganz ähnlich.

Steckbrief

Seppi Strohmeier
Paddler & Produktentwickler

Seppi sitzt seit über ­20 Jahren im Boot, zehn davon als Mitglied der Freestyle-Nationalmannschaft. Er hat bei Patagonia und Denk im Einzelhandel gearbeite­t, bei Gore seine Diplomarbeit geschrieben, war drei Jahre Produktmanager bei Palm in England und arbeitet jetzt als Innovation & Technology Manage­r beim Outdoor-Riesen Mammut in der Schweiz.

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