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Grabner Hype

Air Force

Luftboote werden in der Wildwasser-Gemeinde kritisch betrachtet. In mindestens einem Fall zu Unrecht, wie ein zweiwöchiger Test mit Grabners neuem Hype beweist.

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Überzeugte Festboot-Besitzer sagen Luftbooten im Wildwasser fehlende Fahrperformance nach. Der Grund hierfür ist, dass die meisten Wildwasser-Luftboote mit einem Flachboden daherkommen. Das bietet ihnen zwar eine sehr hohe Anfangsstabilität, lässt aber keine Fahrtechniken wie sauberes Ankanten zu. Kehrwasser-Fahrten sind meist nur über eine Seilfähre möglich, und fangen die Boote dann doch an zu kippen, gibt es kein Halten mehr. Da Aufrollen nicht möglich ist, heißt es dann immer Schwimmen. Außerdem kann man aufgrund der dicken Schläuche mit dem Paddel nicht direkt am Körper arbeiten. Schnelle und saubere Paddelschläge sind somit nicht machbar. Ein weiteres Problem ist die offene Bauweise. Beim Eintauchen schöpft man Wasser ein, das sich dann den Weg durch die Lenzung aus dem Boot suchen muss. Bis das Wasser komplett abläuft, können schon mal zehn bis 30 Sekunden vergehen, in denen man das Boot nicht wirklich steuern kann.
Aus diesen Gründen werden Luftboote im Wildwasser oft nicht ernst genommen. In Zeiten großer Mobilität, kleinen Wohnungen mit wenig Platz und Fortbewegung mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist aber ein festes Wildwasser-Boot nicht immer eine Option – Gedankengänge, die die Firma Grabner veranlassten, den Hype auf den Markt zu bringen. Das Ziel der Entwickler: ein geschlossenes Wildwasser-Luftboot mit Fahreigenschaften, die denen eines Festboots so nahe kommen wie irgend möglich. Um festzustellen, ob das funktioniert, habe ich den Hype 14 Tage lang getestet. Auffälligster Vorteil eines solchen Kajaks: Transport und Lagerung gestalten sich viel einfacher, und man kommt leicht und ökologisch mit Bus und Bahn zum Fluss.

Klein aber oho

Beim Auspacken fällt sofort das kleine Packmaß auf. In den optionalen Grabner-Packsack bekommt man zusätzlich die komplette Ausrüstung. Mit 2,45 Metern ist der Hype für ein Luftboot sehr kurz und ermöglicht agiles Fahren. Mit 13,5 Kilogramm ist das Boot auch noch sehr leicht, bedenkt man, dass es aus robustem Kautschukmaterial besteht. Der Transport in Bus und Bahn ist also kein Problem. Auch der Marsch zu Fuß lässt sich gut bewerkstelligen, auch wenn der Hype nicht ganz so leicht wie ein Packraft ist. Die drei Luftkammern (Seitenwände und Boden) sind schnell aufgepumpt. Wenn man das Grabner-Überdruckventil benutzt, kann man einfach drauflos pumpen bis es zischt. Bei 0,3 Bar öffnet sich das Ventil hörbar, und man läuft nicht Gefahr, das Boot zu überpumpen. Sitz, Fußstütze, Prallplatte, Schenkelgurte und Schenkelstützen sind aus Stoff und Schaum und lassen sich auf die individuelle Körpergröße einstellen. Für ein Wildwasser-Boot bietet das Heck viel Platz für Gepäck. Lediglich die optionale Grabner-Spritzdecke hängt etwas durch, und Wasser kann sich in der Mulde sammeln. Wen das stört, sollte sich eine andere zulegen.

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Sauber ins Kehrwasser

Nachdem ich alles eingestellt hatte, ging es auf’s Wasser – und hier wurde ich überrascht. Für die Länge des Bootes ist es unheimlich schnell. Auch der Geradeauslauf ist sehr gut. Das ist nicht selbstverständlich, denn so kurze Luftboote sind meistens träge und drehfreudig. Der Hype aber läuft geschmeidig über’s Wasser. Mit meinem 1,97 Meter langen Paddel gab es auch keine Probleme mit den Seitenschläuchen. Das verdankt man der Schlauchverjüngung an den entsprechenden Stellen. Am meisten überraschte mich aber, wie leicht und präzise sich der Hype kanten lässt. Ohne große Mühe bekommt man ihn exakt auf die Seite, und er läuft sauber ins Kehrwasser – trotz seiner hohen Anfangsstabilität, durch die man sicher im Boot sitzt. Bei den Luftbooten, die ich bisher gefahren bin, musste man oberhalb von dem Punkt anpeilen, den man treffen wollte, um dann doch unterhalb ins Kehrwasser zu kommen. Das ist beim Hype ganz anders. Flott und sicher schießt er ins Kehrwasser. In Walzen und Wellen lässt er sich gut surfen. Er schluckt dabei einiges weg und verzeiht auch den einen oder anderen Fehler, ohne plump zu wirken. Es ist allerdings wichtig, dass man im Vorfeld alles exakt einstellt, denn sitzt man nicht gut im Boot, fühlt sich das alles nicht mehr so toll an. Vor allem, wenn man aus den Schenkelgurten rutscht und der Halt weg ist. Wenn die Einstellung passt, ist auch das Rollen im Fall einer Kenterung möglich. Im Gegensatz zum Festboot muss man etwas sauberer rollen, aber wer rollen kann, der schafft es auch hier problemlos. 
Die Nase des Bootes lässt sich leicht anheben, und er booft somit mit Lässigkeit. Mit einer festen Prallplatte könnte man noch etwas mehr Kraft auf das Boot übertragen, denn es ist steif genug, um leicht aus dem Wasser gehoben zu werden. Bei unserem Test in Lofer verhielt sich das Boot solide und machte richtig Spaß. Hier zeigte sich aber auch, dass eine feste Fußstütze und Süllrand im schwereren Wildwasser von Vorteil wären. Die Strömung zu durchbrechen, fällt im Hype schwerer als in einem Festboot. Auf pilzenden Kehrwasserlinien wird man leicht vom Wasser abgedrängt und vermisst dann doch mal die Festigkeit eines PE-Kajaks. Bei den restlichen Fahreigenschaften spürt man aber keinen großen Unterschied zu einem festen Kajak, und bis WW3 kommt man mit der Standardausführung gut zurecht.

Fazit

Deutlich merkt man, dass sich die Firma Grabner viele Gedanken gemacht und auch kleine Details berücksichtigt hat. Man bekommt mit dem Hype sehr ähnliche Fahreigenschaften wie mit einem Festboot – und wenn obendrein geringes Gewicht und Packmaß gefragt sind, ist das Boot eine echte Alternative zum PE-Kajak. Im Gegensatz zu Packrafts gibt es hier richtige Fahrperformance und ein extrem robustes Material. So mancher Outside (Wildwasser-Canadier von Grabner aus dem gleichen Material) hat 20 bis 30 Jahre auf dem Buckel und fährt immer noch froh übers Wasser. Lediglich beim Innenleben des Hype würde ich mir noch ein paar Updates wünschen. Aber vielleicht bessert man hier noch etwas nach oder bietet optional eine zweite Ausstattung an. Mit einer festen Prallplatte und einer verbesserten Spritzdecke hätte man auch im mittelschweren Wildwasser viel Spaß – und Grabner hat bereits angekündigt, dieses Feedback zeitnah in die Produktion einfließen zu lassen. Gerade wer sich ökologisch fortbewegen möchte und zu Hause keinen Lagerplatz hat, wird mit dem Hype seine Freude haben (Dank an das Team von Toros-Outdoors und Fahrerin Vera Niess, die mir geholfen haben, das Boot auf Herz und Nieren zu testen!).

Technische Daten

Material: 1100 dtex EPDM-Kautschuk
Länge: 245 cm
Breite: 86 cm
Schlauchdurchmesser: 25 x 12 cm
Gewicht: 13,5 kg
Packmaß: 70 x 30 x 15 cm
Nutzlast: 90 kg
Luftkammern: 3
Aufbau: 5 min
Gepäckraum Heck: 50 l
Betriebsdruck: 0,3 Bar
Farbe: schwarz-rot
Ausstattung serienmäßig: drei Sicherheitsventile, je ein Bug- und Heckgriff, elf Niro D-Ringe, Sitz, zwei Querstreben, Fußabstützung, zwei Schenkelgurte, Süllrand, Reparaturset, Ventilschlüssel, Überdruck-Adapter, Eigner-Handbuch
Preis: 1750,– Euro
Infos: www.grabner.com

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