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Szene

Fahrtentag #80: Gletscher Ahoi!

Das letzte Mal hatte Freya Hoffmeister bei der Umfahrung von Südamerika Gletscher gesehen, und zwar an der Küste Patagoniens. 

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Nun steht sie kurz davor, anlässlich ihrer Umrundung von Nord-Amerika die Gletscher der Nordhalbkugel zu erleben.

Sehen kann sie die Gletscher wohl noch nicht, aber:

• merken (das Wasser färbt sich allmählich gletschergrün ein)

• spüren (und zwar im Wasser: es wird immer kälter; und über Wasser: immer häufiger treiben Kaltwasser-Nebelschwaben an der Küste entlang).

Letzteres stellt eine Herausforderung dar; denn ohne Navi-Unterstützung durch ihr GPS-Gerät würde sie leicht die Orientierung verlieren können.

80 Tag unterwegs

Die Gletscher werden wohl für die nächsten Jahre (zumindest solang Freya den arktischen Teil ihrer Rundtour paddelt) ihre „Komfortzone“ beeinflussen. Bis dahin war es natürlich ein weiter Weg: Erst einmal musste sie von Seattle (USA) aus – wo sie am 25. März 2017 zu ihrer dritten Kontinentalumrundung startete, Vancouver Island (CDN) erreichen (ca. 60 Kilometer in 3 Tagen). Dann galt es von Victoria aus diese kanadische Trauminsel entlang der Brandungsseite zu umfahren (ca. 750 Kilometer in 26 Tagen); denn die „Binnenroute“ reizte sie zu wenig: keine Dünung, kaum Orcas, viel Gegenströmung! Es folgte die kanadische „Inside Passage“ von Port Hardy bis Prince Rupert (British Columbia) (ca. 600 Kilometer in 20 Tagen). Auch hier verzichtete sie wieder darauf, entlang der geschützteren „Innenpassage“ (die sogenannte „Chicken-Route“) zu paddeln.

Seitdem „hakt“ Freya einen Abschnitt nach dem anderen von der „Inside Passage“ Alaskas ab. Die Strecke zwischen Prince Rupert und Sitka brachte sie an ihrem 71. Fahrtentag hinter sich (ca. 660 Kilometer in 9 Tagen). Nun macht sie sich daran, die „Outside Passage“ zwischen Sitka und Yakutat (ca. 450 Kilometer) zu überwinden. Wenn’s klappt, wird danach Cordova (ca. 400 Kilometer) angepeilt.

Nordamerika ist groß. Insgesamt wird sie wohl ca. 54.000 Kilometer zurücklegen müssen, die sie in eine „Arktikrunde“ und eine „Subtropikrunde“ aufteilt mit denselben Start- und Zielorten, nämlich Seattle und New York! Sieben bis acht Jahre hat Freya dafür angesetzt inklusive Ruhepausen, die sie in Deutschland verbringen möchte.

Das erste Etappenende, wird wohl im August erreicht sein; denn dann wird es dort oben – wegen des fehlenden Golfstroms - merklich kälter als bei uns in Nord-Europa werden, und dass obwohl Freya sich um diese Zeit in Höhe des 60sten Breitengrades – also in Höhe von Bergen (Norwegen) – aufhalten wird.

Steckbrief

Justine Curgenven
Filmerin

Die Britin Justine Curgenven, die Freya Hoffmeister auf einem Teil ihrer Tour begleitet, ist professionelle Fotografin und Kamerafrau. Ihre Filme laufen unter anderem auf National Geographic Channel, Channel 4, Channel 5 and the BBC. Justine produzierte viele preisgekrönte Seekajak-Filme, unter anderem »Kayaking the Aleutians«, der mit neun Preisen ausgezeichnet wurde, unter anderem dem Großen Preis des Graz Film Festivals und den Preis des Deutschen kajak Film Festivals. Viele ihrer Beiträge sind auf ihrer Website www.cackletv.com erhältlich. 

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Gruppenfahrt - Gruppenprobleme

Seit Prince Rupert wird Freya von Mike Deziobak (61), einem US-Amerikaner begleitet. Er hat Freyas öffentlichen Aufruf, sie doch zu begleiten - entsprechende „Seetüchtigkeit & Leidensfähigkeit“ vorausgesetzt - , ernst genommen. Freya ist wohl damit ein Risiko eingegangen, aber sie wollte auf diese Weise einen Beitrag dazu leisten, anderen Kanuten diese von ihr gewählte Form des „Long-Distance-Seakayaking“ nahe zu bringen.

Dieses „Experiment“, nämlich dass sich zwei extreme Kanuten in der Art und Weise eines „Blind Date“ für längere Zeit zusammentun, ist ein Wagnis; denn Freya hätte ja auch alleine von Prince Rupert aus weiterpaddeln können. Gründe dafür gibt es genügend:

Allein meckert nicht! Allein drängelt nicht! Allein bummelt nicht! Allein stört nicht! Allein entscheidet allein!

Trotzdem hat Freya es versucht, und zwar zum dritten Mal: Beim ersten Mal hat sie ihr dänischer Freund Peter Unold circa vier Monate entlang der Pazifikküste von Chile & Co. begleitet, und das zweite Mal paddelte die ihr nicht ganz unbekannte Britin Justine Curgenven zehn Tage mit ihr. Nun war Mike dran, mit Freya Freud und Leid zu teilen.

Knapp zehn Tag ging es gut, dann traten die ersten Spannungen auf: Mike bummelte beim Packen (verständlich, wenn schon zwischen 4 und 6 Uhr früh morgens gestartet werden soll!?). Mike paddelte gern außer Rufweite und nahm dann hier und da Umwege in Kauf (klaro, denn bei einer zwei- bis dreiwöchigen Tour bestimmt der Weg das Ziel!?). Mike half beim Anlanden nicht, Freyas Boot über den Spülsaum hinaus zu transportieren (Rückenprobleme!?). Mike verkrümelte sich beim Zelte Aufbauen gerne im dichten Wald und ließ Freya allein am „Strand“ zurück, überwand sich aber Freya dazu, ebenfalls im Wald ihr Lager aufzuschlagen, machte es sich Mike am Spülsaum gemütlich (sogenanntes „Privatsphärendilemma“!?).

Nach 15 Tagen getrennten „Zusammenpaddelns“ bot daher Freya an, sich doch zu trennen. Aber das wollte Mike nun auch nicht … und paddelte nach diesem Vorschlag erst mal einen halben Tag in Rufweite, um dann doch wieder auf Abstand zu gehen.

Vielleicht wollte er nur nicht, dass die Initiative zur Trennung von Freya ausging; denn am nächsten Tag – Freyas Fahrtentag #68 stand er überraschend noch vor 4 Uhr morgens startbereit vor ihrem Zelt und teilte ihr mit, dass er schon mal vorpaddeln werde. Vielleicht würden sie sich ja wieder im zwei bis drei Tage entfernten Sitka begegnen. Das war’s. Keine „Shake Hands“, kein „Thank you“ … einfach „Nichts wie weg!“.

Ja … und nach 9 Tagen – etwa 240 Kilometer später - trifft Freya ihn an ihrem Fahrtentag #77 tatsächlich wieder, und zwar bei „White Sulphur Hot Springs“. Dort stand er in seiner roten Jacke, gerade als Freya vorbei paddeln wollte. Freya ist nicht „menschscheu“ und auch nicht nachtragend, eher neugierig, was „ihr“ Mike in der Zwischenzeit erlebt hat.

Ja, und der „gruppenuntaugliche“ Mike war wie verwandelt. Von da an war er redselig, anhänglich und hilfsbereit. Für Freya war das okay … und so kommt es, dass beide wieder zusammen paddeln und zelten, und zwar wie es sich gehört: in Rufweite.

Freya bei der Arbeit

An diesem Fahrtentag #79 war die „Navigatorin“, „Tidal Racerin“ und „Surferin“ gefordert. Freya hatte sich viel vorgenommen und „ihr“ Mike blieb schön bei „Fuß“; denn ab sofort bestimmte das GPS-Gerät mit installierter Marine-Karte den Zeitpunkt des Starts und den Kurs. Früh um 7 Uhr waren sie auf dem Wasser. Früher ging’s nicht, da der Tidenstrom abgepasst werden musste.

Dann folgte eine 15-Kilometer-Querung über den „Cross Sound“, wobei es erforderlich war, genau bei Spring-Niedrigwasser 2/3 des „Gats“ hinter sich gebracht zu haben. Wer das nicht abpasst, könnte bei einem Ebbstrom von maximal 6 km/h längere Zeit auf der Stelle paddeln. Das nächste Problem war der Wind, der wohl „nur“ mit 4 Bft. blies …. aber seitlich gegen die Strömung, so dass der Seegang auf den letzten 5 Kilometern immer steiler und rauer wurde.

Schließlich erreichten sie das gegenüberliegende Ufer von Cape Spencer, dank GPS auf kürzestem Weg und nicht über eine „Hundekurve“! Sie erreichten bald darauf die seeseitigen Grenzen vom „Glacier Bay Nationalpark“. Es wurde einsam um sie. Keine Boote mehr weit und breit, dafür – endlich - eine Braunbärenmutter mit ihrem Jungen am Spülsaum und hinter der nächsten Felsnase erneut ein Braunbär, dieses Mal mit drei Jungtieren.

Da für den nächsten Tag mehr Wind und mehr Welle angesagt wurden, paddelten beide bis zur letztmöglichen „ausgegoogelten“ Lagermöglichkeit durch mit dem Hintergedanken, am nächsten Tag einen Ruhetag einzulegen. Dafür mussten sie ca. 57 Kilometer zurücklegen und bis in den Abend hinein paddeln. Um kurz vor 20 Uhr landete gemäß der alten Brandungsfahrerregel „First in, last out“ erst die i.S. „Surflanding“ erfahrenere Freya an einem steilen Brandungskiesstrand im Mündungsbereich des „Kaknau Creek“an.

Danach lotste Freya ihren Kumpel durch die Brecher und zog ihn – bevor er beim Anlanden von einem Brecher überholt wurde, querschlug und den steilen Strand hoch und runter rollte – hoch aufs Ufer. Schließlich wurden gemeinsam die schweren Kajaks in den nahe Wald bugsiert, um dort die Zelte aufzubauen, natürlich in Rufweite.

Fazit

Ja, und was kann daraus ein „Gruppenpaddler“ lernen? Nun, wenn die Gruppe überhaupt nicht mehr harmonieren will – was meist so nach einer Woche beginnt - sollte man sich nicht gänzlich trennen, sondern nur für ein bis zwei Tage andere Wege paddeln, um sich dann an einem fest vereinbarten Ort wieder zu treffen, in der Hoffnung dass sich dann wieder die Gemüter beruhigt haben.

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