Kanulehrer gesucht!Lofer Rodeo 2016

Kopf hoch!

Das Streben nach Fähigkeiten, nicht nach Schwierigkeiten: Gedanken zum Thema »Höher, schneller, weiter« von Deutschlands renommiertestem Kajaklehrer, Olli Grau.

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Als Kajaklehrer, Helmverkäufer und Bootshersteller bekommt man einiges von Kenterungen und Schwimmern im Wildwasser zu hören und zu sehen. So mancher Helm, der bei uns auf dem Tisch landet, lässt vermuten, dass der Besitzer ähnlich viele Schläge auf den Kopf bekommt, wie ein Profi­boxer und besser eine gute Frührentenversicherung abschliessen sollte. Viele solcher Ereignisse werden im Werdegang eines aufstrebenden Wildwasser­fahrers mittlerweile als »normal« bezeichnet. Ich find­e sie haarsträubend und unnötig. Deutlich besser­e Ausrüstung als noch vor einigen Jahren ermöglich­t dem Aufsteiger, schneller schweres Wildwasser zu bewältigen – ein Trend, dem ich sehr skeptisch gegenüberstehe. Will der ambitionierte Paddler schweres Wildwasser sicher beherrschen und lang­fristig gesund bleiben, muss er so fahren lernen, wie man es früher mit haarsträubend unsicherer Ausrüstung zwingend musste.

Vorab: auch die Besten kentern und schwimmen. Der Unterschied ist allerdings, dass bei Profis die Kenterung meist durch einen hohen Wasserdruck verursacht wird, der eine entsprechende Wassertiefe voraussetzt; dass schnell gerollt wird und dass die Befahrung von Stelle­n, an denen ein Schwimmer droht, nur riskiert wird, wenn eine Sicherung steht und/oder das Umfel­d keine zusätzlichen Gefahren aufweist.

Die typische Kenterung, von der ich oben spreche, passiert auf WW III+ bis WW IV. Ein Schwierigkeitsgrad, den ein guter Fahrer sicher, oft sogar auf Sicht fahren kann, der kenternde Paddler offensichtlich aber nicht. Trotzdem sind Gefälle, Wasserdruck und Flussverlauf schon eine sehr ernst zu nehmende Gefah­r für Mensch und Material und mit den Konsequenzen bis WW III nicht mehr vergleichbar. Selbst, wenn einzelne IVer-Stellen im eigenen Fahrtenbuch zu 90 Prozent »gutgehen«, heißt das noch lange nicht, dass dieser Grad auch sicher (im Sinne von Unfall­vermeidung) beherrscht wird. Dem Kenternden fehlt es an Erfahrung und Taktik, um das Wildwasser richti­g zu lesen und einen Plan zu entwickeln. Und an Schlagtechnik, um das Wildwasser mit Sicherheits­reserven zu durchfahren. Gerade diese Reserven sind wichtig, wenn man langfristig schweres Wildwasser unbeschadet überstehen will.

Steckbrief

Olli Grau
Kajak-Lehrer

Olli Grau, 42, war Rodeoweltmeister, ist einer der ­Macher von Spade Kayaks und gehört seit vielen Jahren zu den kompetentesten Kajaklehrern, die man für Geld buchen kann. Infos gibt’s auf www.olligrau.de.

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Von WW III auf WW IV findet der mit Abstand größte Sprung in der WW-Skala statt. Entsprechend zeitaufwändig ist es, sich die Fähigkeiten für diesen Schritt anzueignen. Die Lernkurve ist ab hier stark degressiv, denn ein talentierter Anfänger kommt in der ersten Woche schon WW III runter. Das sind keine guten Nachrichten für einen aufstrebenden Wildwasserpaddler. Die Fähigkeiten die man für WW IV benötigt, werden im Hallenbad (schnelle und technisch perfekte Rolle), im Flachwasser (einschleifen und verfestigen der notwendigen Schlagtechniken), auf WW III (ziel­sicheres, bewusst aufgebautes Linienfahren) und späte­r durch zeitaufwändiges Fahren auf WW IV- bis WW IV (mit Scouten, Linien entwickeln und wiederholtem Fahren) entwickelt. Das ist nicht das Abhaken aller Alpenvier­e, das einigen vorschwebt.

Ein bis drei Jahre auf WW III klingt auch nicht nach der Progression, die einen neuen Sport so interessant macht. Deswegen kann ich nur motivieren, den eigene­n Fortschritt unabhängig von der WW-Schwierigkeit zu bestimmen. Da aber eine Formulierung konkreter Lernziele und Erfolge wesentlich schwieriger ist als Schwierigkeitsgrade abzulesen, kommen die wenigsten auf diese Idee. Um trotzdem schnell weiterzukomme­n, werden dicke Boote gekauft, Fullface-Helme, Ellenbogenschützer, Canyoningschuhe angelegt und, da der Ernstfall fast zum Alltag gehört, ein Swift-Water-Rescue-Kurs belegt. Statt zeitaufwändig fleißig weiter zu üben und Erfahrungen zu sammeln, bucht man bei der Kanuschule des Vertrauens einen Experten, der einen bei angeblichem Heldenpegel in die höchsten Schwierigkeiten »beamt« und einem erzähl­t, dass ein Schwimmer in den besten Familien vorkommt. Dabei hält der Coach dich (hoffentlich) fern von den Knochenmühlen der Tiroler Gletscher­flüsse und den Syphonlandschaften der Kalkalpen und pusht dich auf sauberem und druck­losen, drop-and-pool-WW, dass man auch auf der Luftmatratze unbeschadet überstehen würde.

Auch für einen langsam alternden Paddler wie mich ist die Identifikation über Fähigkeiten statt Schwierigkeiten ein Ansatz, mit dem ich den Spaß am Sport über den Lernfortschritt erhalte, denn ich fahre schon lange nicht mehr so schwer, wie früher. Aber: Ich habe meine Ziel- und Liniensicherheit über neue, bewusstere Taktiken in den letzen Jahren deutlich verbessert. Ich habe Leans und Eardips gelernt. Ich kann mich besser konzentrieren und motivieren, so dass meine »schlechten Tage« weniger geworden sind.

On a wave, Olli