Lars und Sven LämmlerOlaf Obsommer
Interview

Alles Lettmann, oder was?

Einblicke in ein Familienunternehmen.

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Die Kanuschmiede Lettmann aus Moers ist ein Paradebeispiel für einen funktionierenden Generationswechsel. Längst hat Firmengründer Klaus das Zepter an seine Kinder Martina und Jochen übergeben. Vom Harzpinsel jedoch kann er noch immer nicht lassen ...

Martina und Jochen, ihr habt vor gut neun Jahren die Firma von euren Eltern Anne und Klaus übernommen. Was hat sich seitdem verändert?
Martina: Wir können jetzt um 11 Uhr kommen und um 13 Uhr gehen, dazu haben wir 12 Woche­n Urlaub im Jahr ... Nee, Spaß beiseite, geändert hat sich natürlich nicht viel, wir arbeiten stetig und fleißig daran, unsere Produkte noch besser und innovativer zu gestalten und die Palette immer weite­r auszubauen.

Wir haben gehört, dass Vater Klaus den Spachtel noch nicht aus der Hand gelegt hat und regelmäßig an neuen Innovationen werkelt. Wie viel Klaus steckt noch in den aktuellen Lettmann-Booten?
Jochen: Jede Menge. Und solange unser Vater noch Freude am Arbeiten hat, werden seine Vorstellungen zusammen mit unseren Ideen in die Entwicklunge­n einfließen.
Martina: Und es ist eine Freude, zu sehen, mit wie viel Erfahrung er zum Beispiel die Entwicklung eine­s neuen Kajak-Modells angeht und dabei die Idee­n und Erwartungen von uns und unseren Mitarbeitern umsetzt.

Mal ganz unter uns: Wer von euch beiden hat in der Firma heute tatsächlich die Hosen an?
Jochen (grinst): Manchmal hat meine Schwester auch einen Rock an.

Die große Schwester und der kleine Bruder führen gemeinsam ein erfolgreiches Kanu­unternehmen. Läuft das immer reibungslos oder verbietet da die Schwester auch schon mal den Paddeltrip in die Alpen zugunsten des Unternehmens?
Jochen: Leider können Trips für Research und Developmen­t tatsächlich nicht immer genehmigt werden …

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Wenn Jochen, Klaus und Martina Lettmann in der Werkstatt diskutieren, geht es heiß her. Für Außenstehende oft beängstigend, gehört der liebevolle, aber laute Umgang im Moerser Industriebetrieb aber auch zur regionalen Kultur. Könnt ihr das so unterschreiben?
Martina: Richtig! Und solange alle scharfen Gegenständ­e entfernt sind, haben wir kein Proble­m. Aber gerade bei diesen impulsiven und emotionsgeladenen Gesprächen kommen uns die besten Ideen, und die Innovationen fliegen nur so durch die Werkshalle und warten darauf, von den anderen Familienmitgliedern und Mit­arbeitern aufgefangen und umgesetzt zu werden.

Martina, was macht deine Paddelkarriere? Wir haben gehört, dass deine Wettkampflaufbahn mit dem Versenken eines Renn-Vierers im Jahre 1978 ein jähes Ende genommen hat.
Tatsächlich habe ich nach einer kurzen, aber steile­n Karriere – die sich allerdings ausschließlich auf Trainingsläufe beschränkt hat – dem Leistungssport den Rücken gekehrt. Dem Paddeln bin ich aber nach wie vor verfallen, allerdings schreit mein Körper weniger nach Adrenalin als der meine­s Bruders … Aber genauso wie es in unserer Firma junge, motivierte und wilde (Jochen nickt heftig mit dem Kopf) Paddler braucht, so repräsentiere ich eher die Gruppe der gemütlichen Wande­r- und Touringkanuten …

Jochen, du kannst auf eine erfolgreiche Laufbahn als Slalompaddler zurückblicken. Wie wirkt sich die Leistungssport-Vergangenheit auf den Alltag aus?
Der körperliche Vorteil ist auch im Alltag noch deutlich zu spüren. Keiner lädt mehr Boote schneller und zuverlässiger als ein austrainierter Ex-Slalom-Profi wie ich … Nur die Groupies werden mit den Jahren anstrengend, weil man in dere­n Anwesenheit immer den Bauch einziehen muss. Und mit jedem Jahr fällt das Luftanhalten schwerer …

1992 in Barcelona hast du Olympiabronze gewonnen, warst aber fast drei Sekunden hinter dem Sieger Pierpaolo Ferrazzi im Ziel. Ging das nicht schneller?
Nee, war schon letzte Rille. In der Addition beider Läufe hätte ich zwar gewonnen, nur leider ist dies­e Regel erst fünf Jahre später in Kraft getreten. Ich war schon immer meiner Zeit voraus.

Später folgte eine kleine Karriere als Rodeofahrer. Kommst du heute neben Familie und Firma noch regelmäßig ins Boot?
Ich gebe zu, dass man mich am lokalen Hotspot, dem Wiesenwehr, nur noch selten beim Rodeotraining trifft. Unser »aktuelles« Freestyle-Kajak, der Plan B von 1999, ist für den Spot aber auch ein bisschen lang, und die jungen Sportler in ihren kurzen Semmeln fahren einem mit McMonkey und Phönix Dingenskirchen um die Ohren, dass es nur so zwitschert. Aber ich komme schon noch regelmäßig ins Boot. Oft verbringen wir unseren Urlaub an der Ötz oder in Norwegen, aber auch für ein langes Wochenende schaffe ich es manchmal in die Alpen.

Wettkampf-Produkte entwickelt ihr zusammen mit führenden Leistungssportlern. Profitiert davon auch der gemeine Touring- und Wildwasserpaddler?
Martina: Auf alle Fälle! Wir sind ständig dran, besser­e, leichtere und stabilere Materialien, die oft erst im Wettkampfsport erprobt werden, auch in unseren Seekajaks und Tourenbooten sowie in unseren Paddeln zu verbauen.
Jochen:
Man kann sich wahrscheinlich als Außenstehender nicht vorstellen, wie hier hinter den Kulisse­n getüftelt wird. Wie viele Hundert Kleber, Harze, Gewebe und Matten mein Vater und ich in den letzen Jahren probiert und verbaut haben. Und die besten Kombinationen schaffen es dann in die Serienproduktion, und so steckt in jedem unserer Produkte auch ein Teil Leistungssport.

Euer aktueller Creeker heißt Granate. Das klingt sehr nach einem militärischen Hintergrund ...
Jochen: Grundsätzlich sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt, aber da wir hier mindestens eine­n pazifistischen Mitarbeiter haben, kann ich sagen, dass die Granate eine echte Granate ist, kein militärisches Hohlgeschoss. Bei uns im Pott bezeichnet man umgangssprachlich aber auch eine schöne Frau als Granate. Vielleicht wollen wir ja durch diese positive Assoziation nur ganz subti­l die männliche Kaufkraft stimulieren.

Wann geht es für Papa Klaus wirklich in Rente?
Jochen: Für die Rente hat der gar keine Zeit! Ihr habt ja gehört, wie sehr er hier noch vor den Karre­n gespannt wird. Im Ernst, noch macht ihm das Tüfteln und Entwickeln in der Werkstatt viel zu viel Spaß, um ans Aufhören zu denken.

Von alt nach jung: Wie steht es um den familieninternen Nachwuchs?
Martina: Mein Sohn Michel und meine Tochter Lotta haben zumindest meine überschaubare Wettkampfkarriere schon getoppt, beide sind recht erfolgreich im Rennsport unterwegs. Meine Älteste, Maria, hat dem Kampf gegen die Uhr beim Slalom allerdings schon den Rücken gekehrt und geht lieber Wildwasserfahren.
Jochen:
Meine fünfjährige Tochter Leni ist auf dem besten Weg, sich für Olympia 2028 zu qualifizieren – mit den Genen sollte das klappen. Immerhi­n hat sie auch schon einige Male im Kaja­k gesessen. Und meine Tochter Fine ist auch schon drei und bereit!

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