Lars und Sven Lämmler
Interview

Paddeln, malen, nähen

Wie kommt es zu den Bildern der paddelnden Künstlerin Andrea Walter? Und was war eigentlich zuerst da – das Paddeln oder die Malerei?

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Es piept mehrmals auf dem Handy, die Vereins-Whats-App-Gruppe ist aktiv. Ein Blick auf das Display offenbart etwas Wundersames: strahlende Aquarelle, wasserfarbene Türkis-, Grün- und Blautöne fließen ineinander und werden von leuchtenden Booten befahren. Auffällig ist die Form der Bilder, die in keinen Rahmen passt. Was ist da passiert? Warum sehe ich Nähte und Reißverschlüsse in den Bildern? Da schlummert doch ein riesiges Potential, dass man nicht nur in einer Whats-Gruppe teilen sollte!

Ich nehme mir vor, der Künstlerin Andrea Walter ein bisschen auf den Zahn zu fühlen. Ich weiß ja, dass sie malt und sehr kreativ ist, aber wie genau diese Werke entstanden sind und warum es jetzt um die Paddelei geht, interessiert mich und so frage ich nach.

Paddelnde Menschen auf zusammengenähten Untergründen . Wie ist dieser künstlerische Prozess in Gang gekommen?
Schon seit einiger Zeit versuche ich, eine Möglichkeit zu finden, das Nähen mit der Malerei zu verbinden. Verschiedene Experimente brachten bisher jedoch noch  nicht ein wirklich raffiniertes Ergebnis mit Wow-Effekt. Da ich viel male und auch viel danebengeht, landen eine Menge unvollendeter Bilder in einer Sammelmappe. Durch die Coronakrise aus der Bahn geworfen, begann ich, wie alle Menschen  aufzuräumen und auszumisten, so tauchten auch diese misslungenen Werke wieder auf. Was tun? Zum Wegwerfen zu schade, immerhin kostet ein Bogen Aquarellkarton sechs Euro. Also begann ich, die Bilder mit deckenden Aquarell- und Acrylfarben zu übermalen, so gut so langweilig. Also habe ich alles in Streifen gerissen, neu gemixt und wieder zusammengenäht.

Hattest Du da schon einen konkreten Plan?
Nein, bis dahin wusste ich noch nicht, wo die Reise hingeht. Aber dann erkannte ich die schönen Farben, die wie Uferlandschaften und Wasserströmungen anmuten, und schon bald ist klar: In diese abstrakten Landschaften müssen Paddler integriert werden! Also durchforstete ich meine alten Kanumagazine und Fotos nach geeigneten Vorlagen, die ich leicht frei Hand abzeichnen kann. Auch Wortschnipsel finde ich inspirierend, so habe ich sie ausgeschnitten und in das Bild eingefügt. Ich habe inzwischen eine ganze Sammlung von Fotos und Zeitungsschnipseln. Es ist wie eine Entdeckungsreise.

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Was hat die Corona-Krise mit Deinen Bildern zu tun?
Ich denke, die Sehnsucht danach, wieder zu paddeln und Freunde zu treffen, ist ein starker Antrieb. Begonnen hat das Projekt eigentlich im Februar. In den darauffolgenden Wochen war wenig Zeit für Hobbys, aber der Lockdown hat mich vollkommen aus der Bahn geworfen und ich brauchte Ablenkung, einen Ausgleich, eine Kraftquelle. Beim Malen passiert es einem nicht immer, dass einen die Muse küsst, doch diesmal habe ich einen Riesenmotivationsschub und kann total abschalten. Ich male los, ohne zu planen, zerreiße, nähe zusammen und lasse meiner Phantasie freien Lauf.


Deine ersten Bilder sind dunkler. Warum?
Ich wollte ja die ursprünglichen Motive überdecken bzw. verändern, deswegen sind die Bilder dunkler ausgefallen. Das gelingt besonders gut, weil ich ausschließlich hochwertige Farben verwende, die ich teilweise mit Pigmenten anmische. Besonders brillant sind die AeroColor-Farben, die ich gerne verwende und die einem vom Aquarellpapier regelrecht entgegenspringen.


Ich weiß, dass Du lieber mit dem Seekajak paddelst, trotzdem sind auf den Bildern Canadier und Wildwasserboote zu sehen. Warum?

Für das Seekajak, bei dem es immer um eine große Weite geht, bieten sich diese Formate nicht an. Daher konzentriere ich mich auf Wildwasser und Welle.

Und wie geht es nun weiter mit Deinem Schaffensprozess?
Inzwischen sind mir die Aquarellkartons zum Übermalen ausgegangen. Ich lege die Farbexplosionen jetzt auf jungfräulichem Papier an. Da ergeben sich noch schönere Formationen. Ein besonderer Effekt kam dann für surfende Paddler in der Welle hinzu: durch das Einnähen eines Reißverschlusses zwischen die Papierstreifen. Und ich habe angefangen, mit verschiedenen Nähgarnen zu spielen. Das Projekt hat sich verselbstständigt. Ein großer Spaß, weil ich am Anfang des Tages noch nicht weiß, wo ich mit meinen Bildern lande. In einer ersten Sitzung lege ich die Untergründe an. Dann sieht mein Arbeitszimmer aus wie Kraut und Rüben. Wenn alles gut durchgetrocknet ist, suche ich nach geeigneten Ausschnitten und zerreiße das Papier. Dann nähe ich die neuen Bilder zusammen, die Nähmaschine weicht den Farben, und die Paddler bahnen sich ihren Weg auf die Untergründe.

Wie würdest Du Deine Bilder in einer Ausstellung präsentieren?
Ich finde es raffinierter, die Bilder nicht in Form zu schneiden, sondern so zu belassen. Man könnte sie offen im Passepartout rahmen. Ich selbst nehme einfach einen Hosenbügel und hänge die Bilder ohne Rahmen an die Wand. So würde ich sie auch ausstellen.

Andrea, noch ein paar Worte zu Dir: Was war zuerst da, das Paddeln oder das Malen?
Das Paddeln habe ich schon mit der Muttermilch aufgesogen. Als kleiner Stöpsel saß ich mit Schwimmflügelchen vorne in der Luke bei meinem Papa. Aber wenn ich es recht überlege, habe ich auch schon immer »hobbymäßig« gemalt.

Was das Paddeln betrifft: In welchen Revieren bewegst Du Dich gerne, und was wäre der Plan für dieses Jahr gewesen?
Ich bin beruflich sehr eingespannt, da bleibt mir nicht die Zeit, jedes Jahr eine große Reise zu machen. Gerne mache ich Städtereisen und baue dann auch immer Paddeltouren ein. Das ist toll, dass die Paddler durch den Deutschen Kanu-Verband vernetzt sind. Durch den Kontakt zu einheimischen Paddlern lernt man die Reviere ganz anders kennen. Funktioniert natürlich auch anderswo. Besonders cool war es in New York auf dem Hudson River. In diesem Jahr hätte ich es gerne mal anders geplant: eine richtige Gepäcktour in die Natur. Irgendwann wird daraus etwas werden.

Infos: www.ab-walter.de

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