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Paddeln trotz Wasserkraft-Boom?

Empörung an der Murg

Seit Monaten rumort es gewaltig unter den Paddlern an der Murg. Wehrumbauten und Kraftwerkserweiterungen drohen, die verbleibenden Paddeltage weiter zu dezimieren. Neue gefährliche Wehranlagen würden die Fahrt auf der ohnehin kurzen Paddelstrecke stoppen – das derzeit vielleicht heißeste Eisen des Paddelsports.

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Rotenfels, ein milder Samstag im März, Hundert Paddler an der Murg. Deutschlands Winterpaddelstandard. Und nicht nur bei Eis und Schnee! Sobald die Wolken über dem Schwarzwald abregnen, sammelt sich die Szene, die Murg ist Magnet seit Generationen. Die Kraftwerksanlagen bei Forbach sind ungeliebte Kulisse, ihre Funktionsweise zwangsweise elementarer Teil der Tourenplanung. Fast könnte man meinen, die Paddler hätten sich arrangiert mit den Wehren und Turbinen. Was bliebe ihnen auch anderes übrig? 

Aktuell und in den nächsten Jahren wird unglaublich viel gebaut an den Flüssen in Europa. Die Baubranche spricht vom »silbernen Zeitalter« des Wasserbaus. »Golden« wird es nicht mehr, denn das war die Zeit, in der ohne Auflagen nach heutigem Standard die Premium-Standorte für Großkraftwerke erschlossen wurden, je nach Region bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Und die Folgen des Wasserkraft-Booms betreffen nicht nur die Wildwasserfahrer. Die Masse der kommenden Probleme wird auch zahlreiche Wanderpaddel-Gewässer beeinträchtigen.

Wasserkraft ist nicht pauschal gut oder böse. Jeder von uns braucht Strom, und jede Art der Stromerzeugung hat Nachteile, manche mehr, manche weniger. Wenn man heute aber Informationsbroschüren und Fernsehdiskussionen verfolgt, dann hat man den Eindruck, dass regenerative immer gleich umweltfreundliche Energie ist. Dabei ist ein umweltfreundliches Kraftwerk noch nicht naturfreundlich, und der Fluss deswegen noch lange nicht paddelbar. 

Die Entscheidung zugunsten von »regenerativer« Energie ist vor allem auch eine strategische Entscheidung: weniger Abhängigkeit vom Energieimport aus politisch instabilen Regionen (z.B. Atomstrom aus der Ukraine, Öl und Gas aus dem Mittleren Osten).

Kurioserweise sind sich aber fast alle Paddler einig im festen Glauben daran, dass Wasserkraft unumstritten und fast schon sakrosankt ist: Umweltschutz geht vor Paddelspaß. Sehr oft hört man Zitate wie: »Ich hatte schöne Urlaube in Tirol, aber gut, Klimawandel geht vor, was kann man machen?« Diese löbliche Grundeinstellung ist aber tatsächlich mehr Selbstaufopferung als nötig. Denn viele Kraftwerke sind weder umweltfreundlich noch wirtschaftlich, allenfalls regenerativ.  Sie lohnen sich oft nur wegen massiver Zuschüsse, wegen Steuertricksereien oder einfach nur, weil Manager Boni bezahlt bekommen, die sich an neu installierten »Kilowattstunden« orientieren. 

Gute Anlagen, schlechte Anlagen

Beginnen wir mit einem kleinen Exkurs in die Physik:

• Energie geht nicht verloren, sondern wird nur umgewandelt.

• Leistung ist Energieumsatz pro Zeit.

Prinzipiell ist erzeugte elektrische Energie aus Wasser nichts weiter als die umgewandelte potentielle Energie (und ein ziemlich kleines bisschen Bewegungsenergie) des Wassers. Zum Vergleich wird für Kraftwerke immer die maximal abgegebene Energie pro Zeit angegeben, also die Leistung.

Reibung und Verwirbelung in den Rohren und Maschinen, Imperfektionen in den Generatoren und Umspannwerken verwandeln auch immer einen Teil der Lageenergie in Wärme, Schall und ein paar weniger signifikante Energiezustände. Moderne Anlagen erreichen einen Wirkungsgrad von 90 Prozent, Altanlagen oft nur 60 Prozent.

Aufwachen! Jetzt pressiert‘s! 

Es sind aber nicht nur die großen Bauvorhaben an Ötz, Ruetz, Imster Schlucht und im Einzugsgebiet des Vorderrheins, die den Paddler nervös machen sollten: Der zahlenmäßig mit Abstand häufigste Anlagentyp ist das kleine und mittelgroße Laufwasserkraftwerk ohne großes Speicherbecken, ohne überregionale Bedeutung und ohne Medienpräsenz. Es entstand häufig schon als mittelalterliche Mühle und ging nur in Betrieb, wenn gerade gemahlen oder gehämmert wurde. Selbst dann wurden selten 100 Prozent des Abflusses entnommen, man hatte ein Auge auf die Fischpopulation – eine damals sehr wichtige Nahrungsquelle. Nach langem Dornröschenschlaf wurden im Rahmen des »Gesetzes für den Ausbau erneuerbarer Energien (EEG)« seit dem Jahr 2000 tausende moderne Anlagen erbaut, die im Idealfall rund um die Uhr laufen und möglichst alles Wasser schlucken. Die neue Wasserrahmenrichtlinie wurde und wird immer noch von vielen dieser relativ neuen Anlagen nicht eingehalten. Ein unglaubliches Wegsehen der Politiker und Behörden, die den Boom nicht gefährden wollen.

Die 7100 kleinen und mittleren EEG-geförderten Anlagen im Jahr 2016 hatten zusammen etwa 1500 MW, dieselbe Leistung wie der Kernreaktor Isar 2. Der eine produziert strahlenden Müll, die anderen trocknen tausende Quadratkilometer Kleinflüsse, Bäche und Auen aus. 

In diese Kategorie fallen die Kraftwerke an der »Unteren Murg«. Die Anlagen Wolfsheck (»das mit dem Häuschen«), Breitwies, (»das Sportplatzwehr«) und Schlechtau (»am Werk Holtzmann 2«) wurden von Investoren übernommen, um Geld zu verdienen. Es ist absolut nichts falsch daran, Geld zu verdienen. Nur muss man sich klar machen, dass mit diesen paar Megawatt niemand auch nur annähernd den Klimawandel stoppen kann, den Fisch und den Paddler hingegen schon. Es ist also nicht der Interessenkonflikt »Paddeln versus Klimawandel«, sondern der Interessenkonflikt »Paddler versus Investor«. Und vor allem: »Fisch versus Investor«. 

Durchgänge für Fische

Als Maskottchen für diesen Konflikt wird schon lange die Leitfischart Lachs herangezogen, denn wenn der sensible Speisefisch sich heimisch fühlt, dann ist es für viele andere Arten erst recht angenehm. Frühe Experimente mit Fischtreppen an der Murg blieben mangels Erfahrung und Konsequenz erfolglos. Endlich, nach hundert Jahren Wasserkraft an der Murg, wurde mit der Wasserrahmenrichtlinie im Jahr 2000 ein politischer Zwang aufgebaut, der die ökologische Durchgängigkeit wieder herstellen sollte. Die Mitgliedstaaten der EU bekamen 15 Jahre Zeit, sie umzusetzen. Das entspricht etwa vier Legislaturperioden. Bei einem dermaßen komfortablen Zeitpolster sah sich zu Beginn der Nullerjahre niemand unter Zugzwang. Als das Jahr 2015 kam, stand Deutschland (ähnlich wie eine Reihe anderer EU-Länder) noch am Anfang dieses Mammutprojekts, während die private Energiebranche in gleicher Zeit tausende neue Anlagen geschaffen hatte. Die EU verlängerte die WRRL-Frist bis zum Jahr 2027, angeblich zum letzten Mal. 

Ein großer Anteil der deutschen Anlagen wird also erst im kommenden Jahrzehnt auf Durchgängigkeit getrimmt. Zuverlässige Zahlen sind schwer zu bekommen. Bekannt ist aber, dass allein für die Bundeswasserstraßen, also die größten Flüsse im Land, noch rund 250 Fischpässe fehlen. In der Größenordnung zwischen Schlechtau (ca. 1 MW) und Wolfsheck (ca. 5 MW) gibt es mehr als 300 Kraftwerke allein in Deutschland, ein beträchtlicher Anteil ist noch nicht durchgängig. 

Schlecht zu befahren, schlecht zu umtragen

Und genau hier fängt das brennendste Problem für die Paddler an: In den nächsten Jahren werden überall neue Fischpässe an den alt bekannten Wehren gebaut. Gut so! Aber schlecht zu befahren, wenn man die umgebauten Wehre als kostengünstige senkrechte Mauer mit Tosbecken gestaltet, und schlecht zu umtragen, wenn die Anlagen eingezäunt werden. Denn heute gilt die Verkehrssicherungspflicht. Bei Altanlagen wurde oft aus Gewohnheit darauf verzichtet. 

Um zur Unteren Murg zurückzukommen: Das Wehr Schlechtau an der Murg soll  so massiv von der Öffentlichkeit abgeschirmt werden, dass definitiv niemand in den potentiell tödlichen Rücklauf fallen kann. Durch die beengten Verhältnisse kann leider auch niemand mehr innerhalb des umzäunten Bereichs wiedereinsteigen.

Das Bauwerk entstand, von Paddlern fast unbemerkt, in den Sommermonaten 2018, ist aus Stahlbeton und hat den Eigentümer einen siebenstelligen Betrag gekostet. In diesen Kosten verstecken sich neben der Fischtreppe noch eine ganze Reihe weiterer Modernisierungen, die man kostengünstig im Paket umgesetzt hat.

Was tun? 

Zuerst mal muss sich jeder selbst einen Überblick verschaffen über die anstehenden Projekte und die Akteure. Die Vielzahl der Gewässer im ganzen Land mit ihren tausenden von Anlagen kann nicht von ein paar Ehrenämtern beim Verband beobachtet werden. Vereine und Einzelpaddler vor Ort müssen die lokalen Medien und Amtsanzeiger beobachten oder gleich bei den Behörden nachfragen. Die Behörden werden nicht von sich aus auf die Paddler zugehen, denn Paddler sind keine »Träger öffentlicher Belange«, im Gegensatz zur Fischereibehörde. Kommt es zu einem Bauvorhaben, wird dieses in der Regel sechs Wochen zur Einsicht offengelegt. Interessenkonflikte können in dieser Zeit angemeldet werden. Verstreicht diese Frist ohne Rückmeldung, dann ist der rechtliche Rahmen schon fast ausgeschöpft. Ab hier lässt sich das Problem fast nur noch auf eigene Kosten beseitigen. Niemand hat Lust seine Pläne zu ändern, nur weil kurz vor Baubeginn ein Paddler dasteht und sich beschwert. Dabei kennen die Ingenieurbüros dutzende Varianten, wie man ein befahrbares Wehr bauen kann, wenn man ihnen nur sagt, was man genau will. Oft lässt sich kostenneutral eine andere Lösung finden, wenn die Planung noch am Anfang steht. Denn wer ein Ingenieurbüro mit der Planung eines Kraftwerks beauftragt, gibt pro Monat mehrere tausend Euro für einen einzelnen Ingenieur aus, zahlt beachtliche Gebühren für die Genehmigung, muss Fristen einhalten und Kredite bei den Banken bedienen. Jede nachträgliche Planungsvariante kostet ein Vermögen. 

Zusätzlich hat der Eigentümer Angst vor einem platzenden Zeitplan: Betoniert werden kann nur zu Niedrigwasserbedingungen, also drängt immer die Zeit, denn vor dem Winter müssen die wichtigsten Arbeiten durch sein. Sonst verliert man eventuell eine Saison lang Einnahmen.

Wenn versäumt wird, frühzeitig zu intervenieren hat das Folgen: An der Unteren Murg werden jetzt voraussichtlich im Nachhinein 50.000 Euro gebraucht, um eine Bootsrutsche über den Rücklauf des neuen Wehrs »Schlechtau« zu bauen. Das Wehr Breitwies bekommt ebenfalls eine Rutsche, die immerhin noch 20.000 Euro kostet. Sie ist billiger, weil noch nicht betoniert wurde. Aber nicht kostenlos, denn die Einspruchsfrist war bereits abgelaufen.

Zuständigkeiten

Geht man davon aus, dass die Vorplanungen für ein Kraftwerk oft fünf Jahre und mehr erreichen können, und die Frist der WRRL im Jahr 2027 endet, dann dürfte klar sein, das es jetzt höchste Eisenbahn ist, sich zu informieren. Wer ist Eigentümer, wer ist die Genehmigungsbehörde? Was steht im Wasserbuch an Auflagen? Welche Regelungen und Gesetze gibt es im zuständigen Bundesland? Wasser ist Ländersache! Bei Grenzflüssen gelten oft für das linke Ufer andere Regeln als für das rechte!

Diese Dinge zu recherchieren kann Wochen bis Monate dauern: Das Wehr Schlechtau an der Murg liegt halb in der Gemeinde Forbach, halb in der Gemeinde Weisenbach. Umtragen wird in Weisenbach. Der Zaun wird vom Landratsamt Rastatt genehmigt, weil er außerhalb des Ortskerns von Weisenbach liegt. Das Wehr selbst und das Wasserrecht ausnahmsweise vom Regierungspräsidium in Karlsruhe, wegen der Größe der Anlage. Kleinere Anlagen würde das Landratsamt in Rastatt übernehmen. Alles klar? 

Kommunikation und Organisation

Und wer soll sich all diese Arbeit machen? Im Prinzip jeder Paddler, der weiter auf seinem Lieblingsbach paddeln möchte. Denn in genau diesem Moment sind unzählige Anlagen in Planung. Die Kanuverbände mit ihrer Handvoll Ehrenamtlicher können diese Mammutaufgabe nicht alleine stemmen. Viele Vereine haben ebenfalls keinen Überblick. Denn wer nicht direkt Anlieger an einem Gewässer ist, der wird nicht über Baumaßnahmen informiert. An der Murg ist der Kanuverein Rastatt zwar der räumlich nächste, aber eben doch nicht in der Gemeinde Weisenbach ansässig. Folgendes kann man tun:

• Informationen bei den Ämtern einholen! Die Behördennummer 115 kennt den zuständigen Ansprechpartner. Jetzt ist Geduld gefragt! Denn bis man die Entscheider am Hörer hat, ist oft eine ganze Reihe Fehlversuche nötig. 

• zu Öffentlichkeitsanhörungen gehen.

• mit den Eigentümern sprechen und Protokoll schreiben. Viele »unumgängliche« Fakten entwickeln sich über den Planungszeitraum ins Gegenteil, auch ohne böse Hintergedanken.

• Gleichgesinnte suchen! Per Facebook, E-Mail an Vereine und Verbände. Es gibt zahlreiche Ingenieure, Juristen und Kommunalpolitiker unter den Paddelkollegen, die ein Bauvorhaben besser bewerten können als die fachlichen Laien. Wer mit geliehenen Millionen hantiert, wird sich nicht von einer freundlichen, unverbindlichen Paddleranfrage abbringen lassen.

• Infoveranstaltungen organisieren, um den anderen Paddlern die Brisanz der Situation klarzumachen. Facebook-Likes allein sind keinen Pfifferling wert. 

• Geld sammeln ist der schwierigste Teil. Aber häufig kann über Sportförderung und andere Töpfe mit viel Geduld eine beträchtliche Summe eingeworben werden.

Das Kardinalproblem der Paddler ist leider auch eines unserer schönsten Privilegien: unsere flexible, ungebundene Lebensart. Es gibt zwar tausende von uns, aber an jedem Bach nur einzelne Locals. Und die müssten dann permanent die Augen offen halten, ob im Amtsanzeiger eine neue Baumaßnahme offengelegt wird.  Dazu kommt, dass die Förderung von Seiten der Gemeinden normalerweise nur für ortsansässige Vereine ab einer gewissen kritischen Größe möglich ist. In den Dörfern des Murgtals zum Beispiel gibt es leider keinen Paddelverein. 

Was wird jetzt aus der Murg?

Aktuell haben sich einige Paddler zusammengetan, erst per Facebook, dann bei einem Treffen am Bach. Ein Maßnahmenkatalog wurde erstellt und an Behörden, Politik und Vereine verteilt.Per Spendenaufruf über Facebook, Mailingliste und Kanuverband Baden-Würtemberg wird das Eigenkapital aufgestockt, das man bei fast jeder Form von Förderung braucht. Ein runder Tisch mit Behördenvertretern folgt und dann – Daumen drücken! – gibt es hoffentlich im letzten Moment eine befriedigende Lösung (dieser Artikel entstand in Kooperation mit dem AKC).