Mit dem Sickline-Team in Kalifornien
Kanada

Into the wild

Tatshenshini und Alsek – zwei Flussgötter im Doppelpack

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Wer Tatshenshini sagt, muss auch Alsek sagen. Diese zwei Flüsse sind der einzige Weg, um von den Ebenen des Yukon Territory auf direktem Weg die Küste von Alaska zu erreichen. Und dieser Weg durch die grandiose Eiszeitlandschaft der Coast Mountains ist atemberaubend und anstrengend.

Not suitable for open canoes – nicht geeignet für offene Kanadier.« Dieser Satz aus einer Tatshenshini-Beschreibung der Flussführerautoren Lyman, Ordonez und Speaks geht mir nicht aus dem Kopf, als vor uns die steile­n Schluchtwände enger zusammenrücken und sich das entscheidende Tor zur atemberaubenden Berglandschaft des Tatshenshini und Alsek nähert: Schon wenige Kilometer unterhalb des Einstiegs bei Dalton Post befinden sich die schwersten Stelle­n der kommenden acht Tage. Die Stromschnellen der sieben Kilo­meter langen Eingangsschlucht des Tatshenshini haben klingende Namen wie »Black Bear Rapid«, »M&M Falls« oder »The Wall«, sollen aber bei unsere­m mittleren Wasserstand nicht über WW III+ herausgehen. Eigentlic­h müsste das für meine Partnerin Isa und mich im offenen Kanadie­r kein Problem sein: Wir sind ein eingespieltes Team. Die noch fehlende­n Erfahrunge­n von Isa im Wildwasser kann ich durch jahrelange Routine kompensieren. Vor allem weiß ich aber, dass ich mich auf Isa verlasse­n kann, wenn ich rechtzeitig klare Befehle an meine Schlagfrau übermittle. Das haben unsere Trainingsausflüge auf der Salza und der Friedhofs­strecke der So?a gezeigt. Dennoch bin ich ziemlich nervös. Keine­r unserer achtköpfigen Truppe (Kathi, Linda, Mirjam, Olaf, Michael und Stephan in Kajaks, Isa und ich im 16-Fuß-Prospector) kennt die Streck­e; niemand weiß genau, was auf uns zukommt. Und unser Begleitraft mit den kanadischen Guides Debbie und Jeff ist weit hinter uns.

KANU-Autor

Steckbrief
Falk Bruder

Schon seit 20 Jahren ist Falk Bruder (48) der KANU-Stechpaddel-Beauftragte. Egal ob TID, Internationale Elbefahrt oder Wildnistour in Alaska – Falk ist stets kniend und mit dem Stechpaddel unterwegs.

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Langsam tasten wir uns voran, von Kehrwasser zu Kehrwasser, vorsichtig um die Ecken lugend. Ich habe kaum einen Blick für die steilen ockerfarbigen oder schwarz-braunen Schluchtwände. Mein Tunnelblick konzentriert sich auf die Verblockung, die Verschneidungszonen und das nächste erreichbare Kehrwasser. Das Gefälle nimmt zu, mehr und mehr Steine liegen im Fluss und zwingen uns zu immer exakteren Manövern. Der Trick im offenen Kanadier auf Wildwasser ist, möglichst trocken durch Wellen und Walzen zu kommen, um manövrierfähig zu bleiben. Wir haben zwar große Auftriebskörper im Boot vertäut, aber jeder Liter Wasser im Boot will auch bewegt sein und macht das Boot schwer und unhandlich. Also fahren wir eher defensiv und wählen oft andere Routen als die Kajakfahrer, die durch die dicksten Wellen rauschen. Wir schrammen auf schmalem Pfad möglichst an den größten Brechern vorbei. Lohn der Mühe ist, dass wir nur selten anlanden und ausleeren müssen. Mit jede­r Stromschnelle, die wir erfolgreich hinter uns lassen, wächst das Zutraue­n, lässt die Nervosität nach, kommt die Routine zurück. Nur zweimal ist es richti­g knapp. Aber beide Male können wir das Boot, das schon bis zum Süllrand aufgekantet ist, dank der hervorragenden Endstabilität des Prospector­s noch ausstützen. Glück gehabt, vor allem, weil wir beim zweiten Mal die eigentlichen Hauptschwierigkeiten der Schluchtstrecke schon hinter uns hatten und eine Kenterung an dieser Stelle eher peinlich als verdient gewesen wäre.

»Mein Tunnelblick konzentriert sich auf die Verblockung, die Verschneidungszonen und das nächste erreich­bare Kehrwasser.«

Schließlich erreichen wir Silver Creek, unser erstes Camp. Leider ist der schönere Platz schon von einer Gruppe Rafter besetzt, aber sie haben nichts dagegen, dass wir uns einige hundert Meter stromauf niederlassen.

Formalitäten vorm Vergnügen
Tatshenshini und Alsek, zwei klingende Namen, die an vielen Lagerfeuern als die absoluten Traumflüsse gehandelt werden. Sie sind die einzigen nennenswerten Flüsse des Yukon Territory, die nicht in den großen Yukon selbst entwässern oder nach Nordosten in Richtung Mackenzie und Hudso­n Bay fließen. Der Alsek und auch sein größter Nebenfluss, der Tatshenshin­i – liebevoll »Tat« abgekürzt – haben sich den direkten Weg durch das vergletscherte und bis zu 4500 Meter hohe Küstengebirge gefräs­t und durcheilen auf ihrem Lauf auch das größte zusammen­hängende Naturschutzgebiet der Erde, zu dem unter anderem Kluane Nationa­l Park (Kanada) und Glacier Bay National Park (USA) gehören. Dies­e atemberaubende Bergwelt beherbergt auch das weltgrößte zu­sammenhängende Gletschergebiet außerhalb der Polarregionen.

Der Tat entspringt auf 910 Metern über dem Meer in den Hochmooren nahe des Haines Highway in der kanadischen Provinz British Columbia. Nach einem kurzen Schlenker ins Yukon Territory bei Dalton Post kehrt er flugs nach BC zurück und mündet schließlich in den von Norden kommenden Alsek. Bis hierher hat er 790 Höhenmeter abgebaut. Die meisten davon verliert der Tat auf den ersten Kilometern, mehr oder weniger parallel zum Haines Highway. Hier werden Tagesfahrten mit dem Wildwasserschlauchboot angeboten, die Schwierigkeiten liegen im Bereich von Wildwasser II bis IV.

Dalton Post ist der Einstieg für die langen Expeditionen in Richtung Küst­e. Bis auf die Wildwasserschwierigkeiten von III+ am ersten Tag warte­t der Fluss ab hier mit WW II auf. Dennoch sollte er nicht unterschätzt werden und ist nur erfahrenen Kanuten vorbehalten. Bei einer Kenterung im grautrüben Eiswasser ist bei der streckenweise immensen Flussbreite und der hohen Strömungsgeschwindigkeit mit einer langen Schwimmstrecke zu rechnen. Die Gefahr einer Unterkühlung ist enorm hoch.

Kurz nach der Einmündung des Tat fließt der Alsek über die ameri­­ka­nische Grenze in den US-Bundesstaat Alaska, durcheilt den mit Eisbergen gesprenkelten Alsek Lake, um dann in Dry Bay in den Golf von Alaska zu münden. Berüchtigtste Stelle des Alsek ist der Turnback Canyon, von Walt Blackadar 1971 unfreiwillig erstbefahren. Dieser liegt aber weit oberhalb der Einmündung des Tatshen­shini. Der Alsek ist hier, nahe Petroglyph Island, ein gewaltiger Strom. Er wirkt wie ein mehrere Kilo­meter breiter See, der von rechts heranströmt. Ein See allerdings, der mit acht oder neun Stundenkilo­metern zu Tale strömt. Von Dry Bay muss man mit dem Flugzeug in die Zivilisation zurückkehren, es gibt keine Straße dorthin.

»Die Parkregeln fordern die Mitnahme von Feuerpfann­e und Toilett­e – und machen ein Begleitraft beinahe obligat.«

Der Rücktransport per Buschflieger ist aber nur eine der zahlreichen Hürden, die vor einer Befahrung von Tatshenshini und Alsek stehen. Dadurch, dass man auf dem Wasserweg in die USA einreist, muss vorher das notwendige Einreisevisum eingeholt werden. Dazu bedarf es einer weißen Weste, da die USA selbst hier am Rande Alaska­s ihre strikten Anti-Terror-Bestimmungen befolgen. Leider ist meine Weste durch ein Missgeschick mit der Rückgabe des I-94-Beleg­s vor 16?Jahren nicht mehr ganz so weiß: In meinem Datensatz steht seither »subject to inspection« drin – Überprüfung notwendig! Zum dritten Mal muss ich mir am Grenzposten bei Haines mein Fehlvergehen vorwerfen lassen, den Sachverhalt von damals erklären, mich freundlich entschuldigen und ich bekomme nach einer ernsten Belehrung (»It’s not a given right to travel into the US, it’s a privilege!«) schließlich doch den Stempel.

Außerdem verlangen die Nationalparkregeln ein gültiges Permit für den Fluss und es gilt: »Leave nothing but footprints, take nothing but photos.« Da man maximal Fußabdrücke hinterlassen darf, muss jeglicher Abfall wieder mit zurückgenommen werden. Das bedeutet die Mitnahme von portablen Toiletten, einer Feuerpfanne und bärensicheren Müllcontainern. Das lässt sich alles mit etwas Zeitaufwand und Erfahrung selbst organisieren. Wer es einfacher haben will, kann sich an lokale Outfitter wenden, die eine­m diese vorbereitenden Arbeiten abnehmen und auf dem Fluss das Catering übernehmen – so wie wir.

Feuer frei
Eine der schillerndsten historischen Gestalten dieser Gegend ist der Revolverheld Jack Dalton. Geboren 1859 in Kansas, verschlug es ihn auf der Flucht vor dem Gesetz (er hatte in Oregon und in Alaska Männer erschossen) an den Oberlauf des Tatshenshini. In den Jahren des Klondike-Goldrausches entdeckte er einen alten Pfad der Tlingit-Indianer wieder, der direkt von Haines in Alaska zum Yukon bei Whitehorse führte. Über diesen etwas längeren Chilkat-Trail konnte man den beschwerlichen Aufstieg auf den berühmt-berüchtigten Chilkoot-Pass bei Skagway umgehen. Persönlich führte Dalton Gold­sucher und Abenteurer über diesen Pfad und legte die Etappen so, dass sie an seinem kleinen Handels­kontor, eben Dalton Post am Ufer des Tatshenshin­i, übernachten mussten und sich für die weitere Reise verproviantierten. 1890 wurde Jack Dalton vom Journalisten Edward James Glave angeheuert, um entlang des Tatshenshini den direkten Weg zum Golf von Alaska zu erkunden. Zu Fuß erreichten sie ein Dorf der Tlingit am Ufer des Tat und mieteten sich dort ein sechs Meter langes und ein Meter breites Einbaumkanu. Mit zwei indianischen Bootsführern fuhren sie den wilden Tatshenshin­i hinab. Glave schrieb in einem bebilderten Artikel in Leslie‘s Illustrierter Zeitung: »Wir legten ab und schossen hinaus in die Strömung und wurden vom rasenden Strom herumgewirbelt. Der Fluss, durch mehrere ins felsige Tal geschnittene Rinnen rauschend, wird an manchen Stellen durch Bergflanken eingeengt, die seine Ufer bilden. Seine Kräfte bündeln sich in einer tiefen, reißenden Strömung, die mit einer unglaublichen Geschwindigkeit dahinrast und sich brüllend über die aufgezwungene Einschränkung beschwert. Unser kleiner Einbaum, könnerisch gesteuer­t, schießt über diese unordentliche Fläche, sein scharfer Bug schneide­t durch die Wellen, Gischt durchnässt uns, aber wir nehmen kaum Wasser über.«

»Man nehme den Rhein bei Köln und gieße ihn in die grönländische Diskobucht, fertig ist der Alsek Lake.«

Auch wir schießen im Eiltempo auf dem grauen Gletscherwasser durch weitverzweigte Kiesbänke, entlang steiler Fels- und Sandufer, durch grünen Wald und vorbei an lila leuchtenden Hängen, die dicht mit Fireweed – der Nationalpflanze des Yukons – bewachsen sind. Und dass, obwohl wir da schon lange nicht mehr im Yukon sind, sondern längst in British Columbi­a.

Die schillerndsten Gestalten unseres Trips sind für mich aber unsere beide­n Guides von Tatshenshini Expediting aus Whitehorse: Jeff Cousins und Debbie Schwartz. Sie rudern nicht nur unsere Gepäckberge und die Verpflegung für acht Tage und zehn Personen auf ihrem Raft, sondern bieten nebst guter Laune und Hilfsbereitschaft auch eine hervorragende Küche: Arctic Char, asiatisches Gemüse mit Reis und Hühnchen, mexikanische Tortillas mit verschiedenen Füllungen und Moose Stew sind nur einige der sättigenden und leckeren Abendessen. Schönes Wetter wird mit einem Schokoladenkuchen aus dem Dutch Oven gefeiert. Und morgen­s, wenn wir aus dem Zelt kommen, steht die Kaffeekanne schon auf dem Feuer und in der Pfanne brutzeln Eier und Speck.

Her mit dem Bär
Alle sind zufrieden, nur Isa noch nicht so richtig. Seit sie in der Buchhandlung in Whitehorse in einem Bärenbildband eine Nahaufnahme eines zähnefletschenden Grizzlys gesehen hat, will sie unbedingt auch so ein Foto schießen. Bären gibt es zuhauf hier oben im hohen Norden, mehr als Menschen. Davon zeugen Tatzenabdrücke im weichen Ufersand, als wir an einer schönen Stelle zur Mittagspause anhalten. Dabei wird viel erzählt und gelacht. Irgendwann sagt einer: »Wenn die Mädels so einen Radau machen, sehen wir nie einen Bären!« Alle Jungs nicken und grinsen und ich lasse den Blick schweifen. Siehe da, Meister Petz läuft eilig über eine Kiesbank, viel weiter flussab. Bis wir dann selbst an diese Stelle kommen, ist der aber schon über alle Berge und im dichten Unterholz verschwunden. Das ist nicht die ein­zige Bärenbegegnung. Am Towagh Creek Camp läuft ein Prachtexemplar von Grizzly am anderen Flussufer auf eine andere Gruppe zu, die in höflichem Abstand zu uns ihr Lager aufgeschlagen hat. Durch lautes Rufen machen wir den Bären auf sie und die Menschen auf den Bären aufmerksam. Geschlosse­n geht die Gruppe dem Bären entgegen, der macht sich flugs ab in die Büsche. Am nächsten Morgen erfahren wir, dass der Bär im großen Bogen um ihr Lager herumgegangen war, und dann über den Fluss geschwommen und in Richtung unseres Camps gewandert ist. Wir haben ihn nicht bemerkt. Am Melt Creek beobachten wir einen Bäre­n, der planlos auf einer Kiesbank herumwandert, mal hierhin, mal dorthin. Obwohl er mit bloßem Auge nur als kleiner Punkt zu erkennen ist, meint Jeff, dass er uns sicher schon gewittert hat. Michael beobachtet dann mit dem Fernglas, dass der Grizzly schließlich über den Fluss schwimmt und im Wald verschwindet. Lang­e Rede, viele Bären. Isa möchte weiterhin näher ran an die Tiere. Mir ist es allerdings recht, dass sie uns wahrnehmen, respektieren und weiträumig umgehen.

»Jeff macht uns wenig Hoffnung auf Sonne – auf seinen 17 Touren hat es 18 mal geregnet.«

Mit jedem Tag auf dem Fluss dringen wir weiter in die Bergwelt der Coast Mountains ein. Leider lässt uns das Wetter im Stich, es wird kälter und regnerischer. Die Wolken hängen tief im engen Tal und auf den Berge­n liegt frischer Neuschnee. Der Tatshenshini ist so, wie ich ihn mir vorgestellt habe und wie er in zahlreichen Berichten beschrieben ist: gletschergrau, eiskalt, die Landschaft atemberaubend, das Wetter un­beständig, die Temperaturen eher in Kühlschrankregionen, das Wildwasser machbar. Nur kentern und aussteigen ist verboten. Im eiskalten Fluss zu schwimmen, im reißenden Strom, der im D-Zug-Temp­o zu Tale rauscht? Nein danke! Angst? Fast keine. Respekt? Schon, die Konzen­tration und das Verantwortungsgefühl sind ganz oben am Limi­t. Im Canyon am ersten Tag war der Fluss deutlich schwerer, da enge­r und verblockte­r. Nach einer Kenterung wäre man allerdings auch relativ schnell am Ufer gewesen. Wohl ohne größere Konsequenzen. Hier unte­n, auf dem immens breiten Strom, sieht das schon ganz ander­s aus. Ein Materialverlust wäre wahrscheinlich und das Rausschwimmen aus der reißenden Strömung ein langer, kalter, kräfte­zehrender Kampf. Ich mag gar nicht dara­n denken. Die stetige Konzentration und das Abschätze­n der richtigen Routen strengt auf Dauer mächtig an.

Sehnsuchtsort Melt Creek
Das schönste Lager liegt am Melt Creek, einem türkisblauen Nebenfluss, der sich widerwillig mit dem Grau des Tatshenshini mischt. Die Paddelstrecke bis zu diese­m Camp ist relativ kurz und so haben wir den Nachmittag frei und können das Camp und desse­n Umgebung genießen. Vier Täler in den vier Himmelsrichtungen: der Tat, von dem wir kommen; Melt Creek von links, direkt aus den Eisfeldern der Gletscher; von rechts kommt der Alsek und nach vorne geht‘s weiter, die drei Flüsse vereinigt und unsere Route für morgen. Darüber hinaus heben sich die Wolken und machen Platz für die Sonne. Mit zu­nehmend blauer werdendem Himmel und schönem Licht kann man immer mehr Details und Ausblicke in diesem grandiosen 360-Grad-Panorama ent­decken. Herrlich! Hier noch etwas mehr Zeit haben, einige Tage bleiben ...

Leider hält das schöne Wetter keinen weiteren Tag an. Ab dem Walker Glacier paddeln wir dem erneut aufkommenden Sauwetter entgegen. Der Regen wird stärker und stärker, fast eisig; durch den starken Wind kommt er uns beinahe waagerecht entgegen. Jeder kämpft für sich allei­n, nur vorwärts, vorwärts. Mirjam, die wie Isa nur mit wenig Wildwassererfahrung aufwarten kann, hat es am schwersten. Isa ist im Zweierkanadier wenigstens nicht so allein mit den widrigen Elementen. Aber wir halten durch und eine kleine Snackpause hebt die Stimmung und weckt neue Kräfte. So richtig spannend wird es, als wir den »Channel of Death« erreichen. Zum Glück hat der Regen nachgelassen. »Kanal des Todes« heißt die Einmündung des Alsek in den Alsek Lake. In diesen kalben vier Gletscher direkt in den See. Je nach Wind, Strömun­g und Anzahl der Eisberge kann es vorkommen, dass die Mündun­g des Alsek in den See so versperrt ist, dass ein Durchkommen durch die Eismassen unmöglich ist. Wir steigen auf den Hügel von Bear Island (die bei unserem Wasserstand gar keine Insel ist), um uns die Lag­e von oben anzusehe­n. Der Blick zeigt keinerlei Probleme für die Durchfahrt, obwohl meine Paddelkollegen alle irgendwie nervös erscheine­n. Die Eisberg­e rotieren zwar in den riesigen Kehrwässern links und rechts der Mündung, aber die Durchfahrt selbst ist frei. Als wir dann zwische­n den hausgroßen Eisbergen durchpaddeln, sind wir sehr beeindruckt von den zahlreichen Farben, den Formen und Text­uren der schwimmenden Kolosse.

Vom Alsek Lake und unserem Lager am Gateway Knob ist es nur noch eine Tagesetappe bis zum Ziel, der Landepiste in Dry Bay, wo wir per Flugzeug abgeholt werden. 216 Kilometer auf zwei der schönsten Wildflüss­e durch eine überwältigende Naturlandschaft liegen hinter uns. Nur den Satz »Not suitable for open canoes!« kann ich wahrlich nicht bestätigen. Da passt für mich eher die Beschreibung von Sepp Puchinge­r aus KANU 1/98: »Die Herausforderung des Tatshenshini besteh­t nicht im Bezwingen einzelner Extremstellen, sondern angesicht­s der Ausgesetztheit und des Wildwassers darin, alles richtig zu machen. Die grandiose und zugleich gnadenlose Wildnis verzeiht keiner­lei Fehler.«

Info

Unterwegs auf Tat und Alsek

Die Befahrung von Tat und Alsek zählt zu den schönsten und intensivsten Kanutouren überhaupt. Auch nichtpaddelnde Partner können das exklusive Vergnügen erleben und auf den Begleitrafts mitfahren.

Charakter
Die Befahrung von Tat und Alsek führt über 220 km von Dalton Post (Yukon Territory) nach Dry Bay (Golf von Alaska) durch eine der schönsten Bergszenerien der Welt. Von Dry Bay geht‘s per Busch­flieger zurück nach Haine­s oder Whitehorse.

Dauer  10 bis 12 Tage.

Voraussetzungen
Am Tat (Canyon, 1. Tag) 7 km Wildwasser III+, danach leichter. Vor allem der Alsek (bis WW II) ist aber so breit, schnell und kalt, dass Kenterungen wirklich gefährlich werden können – wer schon im Canyon zu Beginn Schwierigkeiten hatte, sollte daher auf dem Unterlauf des Alsek sehr defensiv zu Werke gehen und sich wenn möglich nicht allzu weit vom Ufer entfernen. Auch sollte die Gruppe immer dicht beisammen bleiben, um sich gegenseitig helfen zu können. Bei Raftbegleitung können ein bis zwei Paddler samt Kajaks bei Bedarf zeitweise aufs Raft steigen.

Logistik/Permit/Kosten
Selbst organisierte Touren sind ebenfalls möglich, erfordern jedoch ein Permit (Infos zu Anmeldung und Warte­liste unter www.nps.gov/glba/planyour­visit/rafting.htm) sowie eine ausgefeilte Logistik vor Ort, damit man den Nationalparkauflagen genügt. Einfacher geht‘s, wie im Text beschrieben, mit »Tatshenshin­i Expediting« von Bob Daffe­s, der auch individuelle Kajaktrips unterstützt. Fast alles ist möglich und Verhandlungs­sache. Aber auch Bob muss Permits organi­sieren, daher sehr früh anfragen. Die offizielle Tour kostet derzeit 3850 CAN$, das sind etwa 3100 Euro.

Beste Zeit & Anreise
Juli und August. Direktflüge nach Whitehorse von Frankfurt (mit Condor) und Zürich (Edelweiss Air), beide Airlines nehmen gegen Gebühr auch recht unkompliziert Kajaks mit. Vor Ort lässt man sich am besten von einem lokalen Outfitter transportieren.

Ausrüstung
Komplette Paddel- und Outdoor-Ausrüstung, bei Bedar­f besorgt Bob Leihausrüstung. Warme Klamotten einpacken, unterwegs zählt jede Lage. Das gilt auch beim Paddeln, Neokappe, -socken und -handschuhe sind zu empfehlen. Das Fazit unserer Gruppe: gerne wieder zum Tat – aber nur im Trockenanzug!

Infos & Kontakt
The Complete Guide to the Tatshenshini River: Including the Upper Alsek River. Russ Lyman, Joe Ordonez, Mike Speaks. Cloudburst Productions 2004, www.cloudburstproductions.net. ISBN-13: 978-0972-812214. Tatshenshini Expediting, Whitehorse, Kanada: www.tatshenshiniyukon.com.

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