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Wildwasser

Wenn’s mal wieder länger dauert

Odyssee in Kalifornien

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Der Dry Meadow Creek hing jahrelang bei einer ganzen Generation Wildwasser­paddler auf Poster gebannt über dem Bett. Als Stürzertraum schlechthin befeuerte er ungezählte Heldenfantasien. Um diese endlich Realität werden zu lassen, nahm es das Adidas-Sickline-Team in Kalifornien mit schneebedeckten Straßen, langen Fußmärschen und jeder Menge Fast Food auf. Lange Gesichter gab’s trotzdem ...

Mein Gott, hab’ ich jetzt Bock auf ein Snickers. Ich werd’ sonst noch zur Diva. Hat der Obsommer nicht gesagt, er kenne sich hier aus und wisse, wo es langgeht? Schließlich war er ja schon mal hier zum Paddeln, in Kalifornien. Das war 1997. Blöd nur, dass seither einige von Olafs grauen Zellen, zuständig für Erinnerung und Orientierung, scheinbar den Dienst quittiert habe­n. Jedenfalls irren wir seit zwei Stunden durch die südliche Sierra Nevada, schwitzen wie die Schweine, haben Durst, aber keinen Schimmer, wo zur Hölle dieser blöde Bach sein soll. Der »blöde Bach« ist der Dry Meadow Creek, die vielleicht schönste Grundgesteinsrinne überhaupt, bedacht mit unzähligen Superlative­n und verantwortlich für manchen feuchten Traum in der weltweiten Paddler­gemeinde. Auslöser für die nächtlichen Helden­utopien war ein Poster vom LaOla-Kanushop: Bernd Sommer auf dem Dry Meadow Creek. Auch bei mir hing das Bild über dem Jugendbett – und das in Zeiten, als ich ausschließlich durch Slalomtore paddelte und fast ein Jahrzehnt, bevor ich mir selbst die ersten Sporen im Wildwasser verdienen sollte.

Steckbrief

Philip Baues
KANU-Redakteur

Philip saß mit neun Jahren zum ersten Mal allein im Boot – für die nächsten 13 Jahre tobte er sich in den Torstangen beim Kanuslalom aus, bevor er ins steile Lager der Wildwasserpaddler wechselte. Seit 2011 arbeitet der Sportwissenschaftler als Redakteur beim KANU-Magazin.

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Fest steht: Die Geologie am Dry Meadow Creek hat es gut gemeint mit uns Paddlern. Über Jahrmillionen hat sich das Wasser tief in den Granit gegraben und dabei perfekt geformte »Teacups« hinterlassen. Auf einer Länge von etwa 320 Metern stürzt der Bach fast 90 Meter in die Tiefe. Die sieben fahrbaren Stufen sind zwischen einem und sieben Meter hoch. Dazwische­n Pools zum Verschnaufen, zum Posieren und zum Anlauf nehmen auf den nächsten Wasserfall.


»Scheinbar sind wir auf unserer Odyssee über den Long Meadow Creek gestolpert. Ist mir inzwischen auch egal – hier fließt Wasser, hier steige ich ein.«

Anlauf ist ein gutes Stichwort. Noch immer mühen wir uns mit den Kajaks auf der Schulter durch das Gelände. Sei’s drum, genieße ich wenigstens die grandiose Landschaft, sieht ja schon nett aus hier. Gleichzeitig könnte ich außerde­m Ausschau halten nach hungrigen Berglöwen. Die taxieren mich sicher schon die ganze Zeit und warten nur darauf, sich auf mich zu stürzen. Oder doch lieber den Blick am Boden lassen? Klapperschlangen soll’s hier ja auch geben ... Meine Güte, habe ich etwa Stev­e Irwin auf der Stirn stehen?

Dumm gelaufen
Dafür ist sich Olaf jetzt sicher, dass da drüben, hinter der nächsten Kuppe, der Bach ist. Stimmt sogar, nur nicht der Dry Meadow Creek. Scheinbar sind wir auf unserer Odyssee über den Long Meadow Creek gestolpert, aber der mündet immerhin in seinen trockenen Namensvetter. Ist mir inzwischen auch egal – hier fließt Wasser, hier steige ich jetzt ein. Schließlich bin ich zum Paddeln hier, und nicht, um mich von wilden Tieren umbringen zu lasse­n. Also dann, auf geht’s. Zeit, den Jugendtraum wahr werden zu lassen. Doch zuerst macht der Long Meadow seinem Namen alle Ehre: Auf der Hochebene steht das Wasser fast und wenn es strömt, dann geradewegs in überhängende Büsche, Dornen und Geäst. Ich brauche kein Paddel, sondern eine Machete!


»Als wir das finale »No!« über den Fluss funken, fallen an beiden Ufern Träume ins Wasser.«

Aber noch sind wir vom Heldenmut beseelt; bald werden wir den Geist der Erstbefahrer Gary Gunder und Brandon Prince spüren und selbst an der »Edge of the World« stehen. Vor dem inneren Auge sehe ich schon die Fotos und Videoaufnahmen – ich bin mir sicher: Das werden die »money shots« dieses Trips!

Als wir endlich am Dry Meadow Creek und den Teacups ankommen, ist mein erster Gedanke: Hui, ganz schön mächtig! Auch Sam und David scheinen irritiert, die Bilder aus dem Kinderzimmer decken sich nicht wirklich mit der Lage vor Ort. Olaf, Jens und Jare­d hingegen, die sich, mit Kameras bewaffnet, hoch oben auf der anderen Flussseite positioniert haben, wittern besagte money shots. Die über Funk geäußerten Zweifel an der Fahrbarkeit sorgen für Entsetzen bei der Foto- und Videotruppe. Das Licht ist perfekt, die Szenerie, die Perspektive. Soll all die Mühe wirklich umsonst gewesen sein? Auch wir ringen mit der Entscheidung, diskutieren, wägen ab, sind hin- und hergerissen. Doch am Ende siegt die Angst vor den Konsequenzen eines Fehlers. Jed­e Stufe für sich würde gehen, aber in der Summe ist das Risiko zu groß. Auf dem glattpolierten Fels gibt es kaum eine Möglichkeit zum Sichern, die Rückläufe sind kräftig und nach der letzten fahrbaren Stelle folgt ein 15?Meter hoher Wasserfall, der in die Steine kracht. In dem Moment, als wir das finale »No!« über den Fluss funken, fallen an beiden Ufern Träume ins sprichwörtliche Wasser. Klingt kitschig? Fühlt sich aber genauso an!

Super Size Me
Da haben wir uns also drei Stunden lang zu Fuß und im Kajak zum Bach gequält, haben den Gefahren durch Giftschlange, Puma und Schwarzbär ins Auge geblickt (zumindest theoretisch), nur um dann ohne Fotos, ohne Video und ohne Selbstbeweihräucherung von dannen zu ziehen. Aber that’s part of the game, wie der Ami sagen würde. Ein paar hundert Meter unterhalb der Teacups ist die Laune wiede­r besser. Nach dem unfahrbaren Steilstück mündet der Dry Meadow Creek in den Kern River, der dank seiner prall gefüllten Zuflüsse gut eingeschenkt ist und uns auf einem rasanten Ritt ein breites Grinsen ins Gesicht zaubert. Das ist das Gute an Kalifornien: Die Möglichkeiten sind unbegrenzt und mit etwas Flexibilität in der Reiseplanung finde­t man immer tolles Wildwasser.

Ach ja, anstatt Snickers gönnen wir uns nach dem Scheitern am Dry Meadow Creek eine Supersiz­e-Portion Fast Food – ist zwar nicht gut für die Figur, dafür aber fürs Seelenheil.

California Dreamin’
Die Dry-Meadow-Mission ist also gescheitert. Aber heißt es nicht, der Weg sei das Ziel? War es nicht schon toll, die Teacups mit eigenen Augen gesehen zu haben? Und gibt es nicht auch schöneres Wildwasser? Ja, sicher. Trotzdem wäre ich gern da runtergepaddelt. Ein bisschen trösten wir uns damit, dass selbst Kalifornien-­Local und Paddlerfotograf Darin McQuoid den Dry Meadow als »maybe most overrated creek« bezeichnet. Dennoch bleibt eine Rechnung offen.

Auf www.kayakphoto.com hat Darin übrigens Flussbeschreibungen zu fast allen Klassikern der High Sierra inklusive Hinweise zu den optimale­n Pegelständen zusammengefasst.

Weil der Schnee des strengen Winters noch immer die Zufahrten zu den alpinen Creeks versperrt, weichen wir auf die wuchtigeren Flüsse in den Tälern wie den Yuba River aus. Ansonsten genießen wir den American Way of Life: jede Menge Platz, freie Campgrounds mit Barbecue-Grill und Riesensteaks aus dem Supermark­t. Bigger is better.

Zum Ende unserer Reise steht dann wieder Laufen auf dem Programm – diesmal mit offenen Mündern durch die beeindruckende Natu­r des Yosemite-Nationalparks. Und was den Dry Meadow Creek betrifft: I’ll be back!

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