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Wildwasser für Normalos

Bei Norwegen denkt man an wilde Bäche und hohe Wasserfälle, krasse Sachen eben. Aber auch »Normalos« können ihren Spaß haben. Von gemütlichen Seekayak-Touren bis zu gemäßigtem Wildwasser bis III+. Und auch die Wanderschuhe dürfen ruhig ins Gepäck.

 

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Um 23 Uhr sitzen wir gemütlich vor unserem Bus mit Ausblick auf den vorbeifließenden Trysilelva. Ja, wir können den Fluss trotz der späten Uhrzeit noch gut sehen – schließlich sind wir in Norwegen und es ist Sommer. Das heißt, die Tage sind extrem lang. Aber von vorne!

Von Norwegen hatten wir schon oft gehört: Dort soll man wilde Bäche und hohe Wasserfälle befahren können. Aber wir hörten auch Stimmen, die sagten, auch wir »Normalos« könnten dort Spaß haben. Wir entschlossen uns, in der Hedmark zu starten – diese Region grenzt im Osten an Schweden. In unseren LaOla Wildwasserführer für Norwegen wird sie als die Toskana Norwegens beschreiben, mit Hügeln und einem ausgeglichenem Klima. In der Hedmark trifft man vor allem auf mittelschweres Wildwasser – also genau richtig für uns! Die beste Zeit für die Hedmark ist der Juni und Juli, später braucht man für einige Flüsse Regen, damit die Flüsse noch fahrbar sind. Da unser Trip Mitte Juli startet, hoffen wir, noch genügend Wasser vorzufinden.

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Easy going für den Start

Zum Warmwerden steuern wir die Åsta an. Sie scheint ein passender Fluss für den Norwegen-Einstieg zu sein, da sie mit Wildwasser III+ beschrieben wird. Leider entpuppt sich die Åsta jedoch nur als Rinnsal – es hatte wohl schon zu lange nicht mehr geregnet. Es gibt zwar wie meist in Norwegen keinen Pegel, aber dass der Wasserstand deutlich zu niedrig ist, ist unschwer zu erkennen. Nicht gerade aufmunternd ist dann noch der Satz aus dem Wildwasserführer: Ist die Åsta gut fahrbar, kann man in der ganzen Hedmark mit Wasser rechnen (LaOla S.94). Wir hoffen, dass der Umkehrschluss jetzt nicht lautet, dass wir in der ganzen Hedmark kein Wasser finden werden… 


Nächster Versuch also: der Trysilelva, der einen Großteil der 500 Kilometer langen Strecke ein Wanderfluss ist. Der für uns interessante Teil, der sogenannten Fermund-Abschnitt, bietet WWIII+ und siehe da: er hat auch ausreichend Wasser. Endlich paddeln! Auf den ersten Metern ist der breite Fluss noch ruhig, doch bald kommt die erste Stelle. Hier baut der Fluss auf nur etwa 200 Metern sehr viele Höhenmeter ab und dementsprechend gibt es viele Wellen und auch ein paar Walzen. Beim Anfahren wirkt die Stelle sehr unübersichtlich, aber es lässt sich dann doch sehr gut paddeln, da keine bestimmte Route getroffen werden, sondern nur auf ein bisschen auf Walzen geachtet werden muss. Danach ist der Fluss wieder ruhig – bis zur nächsten Stelle. Insgesamt gibt es etwa fünf oder sechs dieser unübersichtlichen, aber letztendlich gut fahrbaren Stellen und dazwischen ist der Fluss immer erstaunlich ruhig. So bleibt auch genügend Zeit, die Aussicht auf die umliegenden Berge zu genießen. Lediglich Freunde des Kehrwasserfahrens werden auf dem Trysilelva nicht glücklich, da es entweder zu ruhig ist oder man durch eine Stelle gespült wird. Dafür bietet der Trysilelva wunderschöne Übernachtungsplätze – etwa einem Schotterweg zum Fluss folgend, ein exklusivem Blick auf das Wasser also inklusive. Ja, so stellt man sich Norwegen vor!

Dritter Streich: die Atna

Wir entscheiden uns, die mittlere Atna zu paddeln. Anfangs steht sie noch nahezu oder fließt nur minimal. Auf den ersten Kilometern wechseln sich teilweise fast stehende Abschnitte mit netten kleinen Schwällen ab, die immer leicht zu fahren sind. Oft teilt sich die Atna in mehrere Flussarme und in der Mitte des Flusses liegen Inseln mit Bäumen. Eine beeindruckende Landschaft! Etwa drei Kilometer nach dem Einstieg kommt man an eine Stelle, die vom Boot aus nicht gut eingesehen werden kann und die je nach Wasserstand wohl WW III bis IV ist. Auf der rechten Flussseite sind Steinplatten, von denen aus man die Stelle einsehen und gegebenenfalls auch leicht umtragen kann. Danach geht es ruhig weiter, bis wir etwa sechs Kilometer nach dem Einstieg an die Brücke der Forststraße kommen, die hier von der linken auf die rechte Flussseite wechselt. Ab dieser Brücke werden die Stellen deutlich wuchtiger, das Gefälle höher und die Abstände zwischen den Stellen geringer. Diese Geröllkatarakte sind oft etwas unübersichtlich, aber gut auf Sicht zu fahren. Nach etwa 20 Minuten werden die Schwälle zunehmend leichter, bald mündet die Setninga in die Atna und kurz danach sind wir schon an unserer Ausstiegsbrücke. Obwohl diese Strecke 22 Kilometer lang ist, ist der Spaß schon nach zweieinhalb Stunden vorbei.

Vor unserer Abreise nach Norwegen hatte uns ein Freund nicht nur besonders starkes Insektenabwehrspray, sondern auch zahlreiche Mückennetze geliehen. Ein bisschen übertrieben, dachten wir uns, aber alles wurde brav eingepackt. Diesen Abend, an der Atna waren wir nicht nur um das Moskitonetz für die Bustür und das Spray dankbar – sogar die schicken Kappis mit Mückennetz für den Kopf waren plötzlich ein Segen. Unterschätze niemals diese kleinen Plagegeister, die doch durch fast jede kleine Ritze kommen...

Wassermangel allerorten

Stationen 4-6: die Unsetåa. Leider auch zu dieser Jahreszeit zu wenig Wasser für eine Befahrung. Bei ausreichend Wasser ist sie aber sicherlich lohnend, da der Fluss in einer schönen Schlucht liegt. Die Straße verläuft oberhalb des Flusses, sodass man die Unsetåa zumindest an manchen Stellen von der Straße aus erkunden kann und auch ein Abbruch notfalls möglich sein sollte. Und auch unser nächster designierter Bach, die Folla, hat leider fast kein Wasser. Also geht es weiter zur Grimsa, einem Nebenbach der Folla.

Auf den ersten Kilometern ragen Felsriegel in den Fluss und es gibt - zum ersten Mal - schöne Kehrwasser. Dazu ein atemberaubender Blick auf die umliegenden Berge des Rondane-Nationalparks und die Hügel mit Bäumen und hellgrünen Flechten. Nach etwa sechs Kilometern, bei der 2. Brücke, sollte man kurz aussteigen und die folgenden zwei Stellen besichtigen. Direkt unterhalb beziehungsweise nach der Brücke befindet sich eine Felsrutsche, welche in einer Walze endet. Und nach etwa hundert Metern wird der Fluss durch zwei Felsen stark verengt und es folgt eine steile Rutsche, bei der das Wasser unten in ein Loch fällt. Beide Stellen können gut über eine Schotterstraße auf der rechten Flussseite gesichtet und auch umtragen werden. Danach folgen noch ein paar nette Schwälle, aber insgesamt wird die Grimsa immer ruhiger, bis sie auf den letzten Kilometern fast steht. Insgesamt ein Fluss, der vor allem landschaftlich lohnt ist und verglichen mit den anderen Bächen eher enger und verblockter ist, zumindest am Anfang. Nahe des Ausstiegs in Grimsbu gibt es einen wunderschönen See mit Badeinsel, dem man ruhig auch einen Besuch abstatten sollte. 


Der nächste Fluss sollte die Driva sein, aber auch sie hatte leider kein Wasser.

Szenenwechsel

Weiter geht es für uns in die Region Oppland, wo der Wildwasserklassiker in Norwegen, die Sjoa, zu finden ist. Wir starten mit der Steinholet-Strecke, auf welcher die Sjoa anfangs sehr breit sowie ruhig bis fast schon seeartig anmutet. Zwischendurch gibt es immer wieder ganz kleine Schwälle. Etwa auf der Hälfte der Strecke finden sich ein paar Schwälle mit hohen Wellen, bis schließlich in einer Rechtskurve ein Schwall kommt, in dem mehrere große Löcher stehen, mit denen man auf dieser Strecke irgendwie nicht so wirklich gerechnet hätte. Danach folgen dann keine weiteren Überraschungen und bald ist der Ausstieg erreicht.

Beim Einsieg der Playrun-Strecke dann eine bisher nicht gewohnte Begegnung: andere Paddler! Während uns bei den Flüssen in der Hedmark nur öfter Norweger angesprochen hatten, dass man »doch da ganz sicher nicht paddeln könnte – aber weiter oben sei ein schöner See …« , sin an der Sjoa viele norwegische Wildwasserfahrer unterwegs. Die Playrun-Strecke macht ihrem Namen alle Ehre: Es gibt viele, teilweise sehr hohe Wellen und auch einige Walzen. Nur selten sollte man eine Walze meiden. Ein Großteil der Strecke geht durch eine Schlucht mit steilen Felswänden, die landschaftlich eindrucksvoll ist. Kurz nachdem man unter einer Stahlbrücke hindurchgepaddelt ist kommt eine kleine Stufe, durch die sich eine Walze über die gesamte Flussbreite bildet. Vom Ausstieg aus kann man diese Walze sehr gut einsehen. Sie kann links mit etwas Schwung durchfahren werden. Auf jeden Fall eine sehr lohnende Strecke!

Die nächste Etappe soll der Ridderspranget sein – aber nicht zum Paddeln, diesmal zum Wandern. Hier fließt die Sjoa durch eine sehr enge Schlucht. An einer Stelle stehen die Felsen oben so eng beieinander, dass folgende Sage erzählt wird: Ein Ritter entführte seine Geliebte aus einem verfeindeten Dorf und sprang zusammen mit ihr an dieser Stelle über die Sjoa. Ein Trampelpfad geht an der Schlucht entlang und ist ideal, um die enge Schlucht sowie die weiter oben liegenden Wasserfälle zu bestaunen. Unfassbar, welche Wassermassen durch diese enge Schlucht schießen – schließlich ist die Sjoa ober- und unterhalb ein breiter Fluss!

Zurück aufs Wasser

Doch das Element des Paddlers ist eben doch letzten Endes das Wasser, also ist das nächste Ziel wieder ein - ebenfalls recht bekannter - norwegischer Fluss, der Otta. Von den drei in unserem Führer beschriebenen Abschnitten erscheint uns lediglich der Family Run für uns geeignet. Auf dieser Strecke schwappt es nett um die Kurven, ohne dass es jemals wirklich wild wird. Eine ideale Strecke, um sich treiben zu lassen und die Landschaft zu genießen. Und mit etwas Glück entdeckt man auf einer Kiesbank einen Elch.

Noch einen weiteren Klassiker wollen wir nicht auslassen: den Geiranger-Fjord. Schon das letzte Stück der Anfahrt dorthin ist genial, weil man sich von weit oben in den Bergen langsam, Kurve für Kurve hinunter, zum Fjord arbeitet – was für ein Anblick! Und der Geiranger-Fjord schreit geradezu danach, gepaddelt zu werden. Um etwas schneller und eleganter unterwegs zu sein, leihen wir uns zwei Seekajaks. Auf herrlich dunkelblauem Wasser paddeln wir an den steilen Wänden des Fjords vorbei. Ein Blick die Felswände hinauf – und plötzlich fühlt man sich ganz klein. Und als wäre das noch nicht genug, stürzen auch noch mehrere Wasserfälle die Wände hinunter. Insgesamt paddeln wir etwa 20 Kilometer weit, aber im Prinzip kann man sich selbst aussuchen, wie lange man durch den Fjord unterwegs sein will – auch längere Touren sind sicherlich schön, für einen ersten Eindruck reichen aber auch wenige Kilometer. Auch der kleine Ort Geiranger ist einen Besuch wert, allerdings kann man getrost darauf verzichten, wenn gerade ein oder gar mehrere Kreuzfahrtschiffe im Hafen angelegt haben. Dann ist Geiranger mit Menschen überfüllt und der Qualm der Schiffe hängt im Fjord. Krönender Abschluss der Tour soll der Gaupnefjord sein, von dem aus man in den Lustrafjord paddeln. Hier soll man gelegentlich Seehunde zu Gesicht bekommen. Wenn nicht, macht auch der Blick auf einen großen Gletscher, Steilwände und Wasserfälle macht die Tour zu einem lohnenden Norwegen-Abschluss.

REISEINFO

Mit dem Wildwasserboot, Seekajak und Wandestiefeln in Mittelnorwegen

Mittelnorwegen liegt – der Name sagt es schon, im Zentrum Norwegens. Im Norden grenzt es an Nordnorwegen, im Osten an Schweden, im Süden an Ost- und Westnorwegen und im Westen an den atlantischen Ozean. Die größte Stadt der Region ist Trondheim. Als Paddelrevier eilt Norwegen der Ruf der Wildnis voraus, aber es gibt auch durchaus gemäßigte Gewässer für Hobby-Wildwasserfahrer oder Seekayaktouren. 


Region Hedmark:

Trysilelva: Femund-Abschnitt WW III+ (6km, 1h)
Einstieg: knapp unterhalb Sølenstua, Schotterplatz linke Flussseite Ausstieg: Brücke Elvbrua

Atna obere Atnaklamm WW V (VI, X)
mittlere Atna WW II bis IV (22km, 2,5h) Einstieg: Atnbrua, ca. 2km unterhalb des Atnafossen, linke Flussseite Ausstieg: Brücke bei Mogrenda, unterhalb der Setningamündung untere Atna WW I-II (III)

Unsetåa WW III-IV (10km)
Einstieg: Unsetbrenna Ausstieg: In Elvål bei der Brücke über die Tysla auf eine Schotterstraße abbiegen; Ausstieg einige 100m oberhalb des Zusammenflusses von Tysla und Unsetåa Grimsa WW II (1 Stelle WW V-VI) (18km, 3h) Einstieg: Brücke der Straße 27 ca. 10km südlich von Folldal Ausstieg: Straßenbrücke bei Grimsbu, ca. 1,5km unterhalb des Zusammenflusses mit der Folla

Region Oppland:

Sjoa: Steinholet-Strecke WW I-III (6km, 1h)
Einstieg: Steinholet Fjellcamp
Ausstieg: Rastplatz mit Schild mit Angelinfos 2km oberhalb von Ridderspranget, Schotterstraße bis zum Fluss Ridderspranget-Klamm WW III-VI (nur für Experten!)

Große Schlucht Åsengjuvet WW III-VI
(Achtung: großes, gefährliches Loch!) Playrun-Strecke WW III-IV- Einstieg: Brücke Harlaug bru
Ausstieg: Sportplatz Faukstad

Åmot-Strecke WW IV-V- Otta Pollfossen-Abschnitt WW IV (V) Große Ottaschlucht WW V-VII Family Run WW II (6km/12km, 45min/1,5h) Einstieg: direkt unterhalb des Eidefossen Staudamms
Ausstieg: Straßenbrücke Åsaren linke Flusseite (6km) oder Straßenbrücke über die Otta in Otta rechte Flussseite (12km)

Geiranger-Fjord: verschiedene Touren möglich, Seekajaks können z.B. am Campingplatz Grande Hytteuleige og Camping geliehen werden (450nkr/56€ für 5h)

Lustrafjord: Start in Marifjøra im Gaupnefjord gut möglich; manchmal sind hier Seehunde zu sehen

Eine Anmerkung zu den Schwierigkeitsstufen: Bei den angegebenen Schwierigkeiten aus dem LaOla Wildwasserführer sollte eine Schwierigkeitsstufe hochgerechnet werden, um mit Flüssen, die im DKV-Führer beschrieben werden, zu vergleichen. Eine Strecke, die mit WW IV beschrieben wird, ist ähnlich schwer wie die Abseilstrecke der Soca bei gutem Mittelwasser und nicht wie die Loisach. Da in Norwegen meist keine Pegel existieren, muss man aufpassen, dass man nicht bei einem zu hohen Wasserstand paddelt. Dann können die Flüsse schnell schwieriger werden!

 

Buchtipp:

Jens Klatt, Olaf Obsommer: Norway/ Norwegen - The Whitewater Guide/ Der Wildwasserführer. LaOla (leider aktuell vergriffen)

 

Wandern

Gerade Mehrtagestouren sind in Norwegen nicht nur schön, sondern auch leicht durchzuführen, da es ein nahezu lückenloses Hüttennetz gibt. Infos zu Hütten und möglichen Touren gibt es beim norwegischen Wanderverein: www.dnt.no (auch in Deutsch!) -

Dovrefjell-Sunndalsfjella Nationalpark: ein guter Startpunkt ist der kleine Ort Hjerkinn, von hier zum Aussichtspunkt Snøhetta oder auf Moschusochsen-/ Elchsafari gehen

Rondane-Nationalpark: Start am Parkplatz Spranghausen, Tages- und Mehrtageswanderungen möglich

Jotunheimen-Nationalpark: Besseggen-Wanderung (ca. 6 Stunden, ca. je 1000 Höhenmeter Auf- und Abstieg) Fähre über den See Gjende in Gjendesheim nach Memurubo nehmen (Kosten 120nkr pro Person), Wanderung über den bekannten Besseggengrat zurück nach Gjendesheim, gigantische Aussicht, Wanderstiefel anziehen - Sognefjellstraße fahren - Sognefjellhytta, von dort mit Guide über den Fannaråkbreen Gletscher zur Fannaråkihytta, zur höchsten Wanderhütte Norwegens - Lom Freilichtmuseum Presthaugen, Stabkirche, Bergmuseum

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