Mit Bike und Boot durch die AlpenWildwasser in Nordnorwegen
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Bleiente auf Jungfernfahrt

Über den Einstieg ins Wildwasser und warum dieser kein bisschen weh tun muss

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Aller Anfang ist schwer – so auch der Einstie­g ins Wildwasser. Doch unter professioneller Anleitung eines Kanulehrers gehen die ersten Paddelschläge im kleinen Wildwasserkajak gleich viel leichter von der Hand. Ein Erfahrungsbericht.

Blöder Stein! Warum muss der da mitten im Fluss rumliegen? Hoffentlich komme ich da noch vor… Brrr, ist das Wasser kalt! Wenn ich doch nur die Rolle könnte! Wie ging noch gleich die Spritz­decke auf? Ach ja: Einfach da vorne an der Schlaufe ziehe­n. Jetzt bloß schnell raus aus dem Boot und ab ans rettende Ufer … Aber woher kommen plötzlich die Motorengeräusche und die Menschenstimmen?

Langsam öffne ich die Augen. Ich liege auf meiner Isomatte, überall um mich herum stehen Autos, viele davon mit Booten auf dem Dach. Ein Blick zur Seite erklärt das Wummern: Eine riesige, gelb-blaue Fähre liegt etwa 30 Meter entfernt mit brummenden Motoren im Wasser und wartet darauf, beladen zu werden. Im Hafen von Livorno hatte ich es mir bei einem Nickerchen im Schatten bequem gemacht. Dass ich dabei ausgerechnet von einem Schwimmer geträumt habe, kommt nicht von ungefähr: Auf Korsika werde ich in einem Einsteigerkurs meine ersten Versuche im Wildwasser unternehmen. Und obwohl ich mich eigentlich sehr darauf freue, nagen auch Zweifel an mir: Was, wenn ich dauernd nur umkippe? Wenn die anderen Teilnehmer viel besser sind als ich? Und wie würde ich damit umgehen, wenn mir das Wildwasserpaddeln schlicht keinen Spaß macht?

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt
Ungefähr drei Monate zuvor in der KANU-Redaktionskonferenz: Alle sind begeistert von der Idee, den Creeker-Test auf Korsika zu machen. Nur ich kann dem Plan aufgrund meiner praktisch nicht vorhandenen Wildwassererfahrung nicht viel abgewinnen. Auf der anderen Seite wäre das doch die perfekte Gelegenheit, endlich das Tourenboot gegen ein Wildwasserkajak zu tauschen! Gesagt, getan: Nach kurzer Internetrecherche stellt sich heraus, dass die Kajakschule Source to Sea tatsächlich einen Einsteigerkurs auf Korsika anbietet – zehn Minuten und ein Telefonat später ist die Buchung raus.

Steckbrief

Moritz Schäfer
KANU-Redakteur

KANU-Redakteur Moritz Schäfer (26) kommt ursprünglich vom Tourenpaddeln, hat für den Job beim KANU-Magazin aber auch schon mehrfach ins Wildwasserkajak gewechselt.

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Ab jetzt gibt’s kein zurück
Die Fähre legt ab und wir lassen das Festland hinter uns. Nach vier Stunden Überfahrt erreichen wir Bastia, von hier ist es noch eine Autostunde bis zu unserem Basislager für die nächsten Tage, dem Camp Ernella. Direkt am Ufer des Tavignano und relativ zentral auf der Insel gelegen, ist der Platz der ideale Ausgangspunkt für Korsika-Paddler. Aus diesem Grund hat auch Bernie Steidl, Chef der Kanuschule Source to Sea, seine Zelte hier aufgeschlagen und veranstaltet jedes Jahr mehrere Wochen lang Kajakcamps für alle Könnensstufen. Tagsüber wird in Gruppen mit einem Kanulehrer gemeinsam gepaddelt und an der Technik gefeilt und wer will, kann abends zusammen kochen und am Lagerfeuer die Heldengeschichten des Tages austauschen.

»Trotzdem freue ich mich auf den nächsten Tag – schließlich hat Andi schon angekündigt, dass er ein paar gute Tipps für meine typischen Anfängerprobleme hat.«

Um halb zehn geht es am ersten Kurstag los. Ich treffe Kanulehrer Andi und den Rest der Gruppe: Familienvater Andreas mit seiner Frau Sabine und den beiden Jungs Philipp (17) und Fabian (15). Alle bis auf Philipp haben bereits einen Anfänger- und einen Aufbaukurs absolviert, wollen in diesem Jahr aber noch mal als Familie die Grundlagen des Wildwasserpaddelns festigen, um dann künftig gemeinsam paddeln gehen zu können. Ich selbst habe zwar schon viele Stunden in meinem Tourenkajak auf Wanderflüssen und Seen verbracht, aber aufs Wildwasser habe ich mich bisher – abgesehen von wenigen glücklosen Versuchen auf dem Augsburger Eiskanal – noch nicht gewagt.

Vor der Praxis kommt die Theorie
Bevor es aufs Wasser geht, vermittelt uns Andi die theoretischen Basics: Wie zieht man die Schwimmweste an, wie stelle ich das Boot auf meine Größe ein und wie halt­e ich das Paddel richtig. Nach der Theorie­einheit geht es auf den sogenannten See, eine­n fast stillstehenden Abschnitt des Tavignan­o unterhalb des Campingplatzes. Dort bringt uns Andi die Grundpaddelschläge – Vorwärtsschlag und Steuerschlag – bei und erklärt uns das Kanten. Außerdem muss jeder einmal kentern und den Ausstieg aus dem Kajak üben. Nachdem all­e einigermaßen geradeaus fahren könne­n und zumindest theoretisch wissen, wann man wie kanten muss, packen wir die Boote aufs Auto und fahren den Tavignano hinauf. An den Resten einer alten Stein­brücke setzen wir hinter einem großen Felsblock ein. Am gegenüberliegenden Ufer liegt hinter einem Felsvorsprung ein großes Kehrwasser – unser erstes Ziel. »Einfach spitz in die Strömung fahren, leicht aufkanten und dann langsam von der Strömung drehen lassen!«, ermutigt Andi uns. Bei meinen ersten Versuchen dreht mich die Strömung allerdings so schnell, dass ich das Ziel-Kehrwasser nur aus dem Augenwinke­l zu Gesicht bekomm­e – keine Chance, den Fluss zielstrebi­g zu queren. 

Bei Andreas, Sabine und Fabian klappt das schon besser: Mehr oder weniger entspannt drehen sie ihre Runden zwischen den Ufern und haben sichtlich Spaß dabei. Ich dagegen brauche erst mal weitere Anweisungen von Andi: »Etwas mehr kanten und aktiver paddeln, dann packst du es!« Und siehe da: Nach eine­r kurzen Wackelpartie in der Verschneidungszone treibe ich plötzlich auf der anderen Flussseite im Kehrwasser. Sogar der Rückweg klappt auf Anhieb. Kurz bevor Andi zur Weiterfahrt ruft, will ich es noch einmal wissen. Volle Konzentration! Spitz rausfahren, aktiv paddeln, ordentlich kanten. Doch bei der Einfahrt ins Kehrwasser erwischt es mich: Ich kante in die falsche Richtung und sofort erfasst die Strömung das Heck und schmeißt mich um. Zum Glück hat Andi uns auf diese Situation vorbereitet: Ich ziehe die Spritzdecke, steige aus und schwimme ans Ufer, während Andi meinem Material hinterherpaddelt.

Nachdem ich das Boot entleert und mein Geraffel sortiert hab­e, treibt Andi mich an, wieder einzusteigen und es sofort noch mal zu versuchen. Überzeugt bin ich nicht: »Wir können doch auch langsam zurück zum Campingplatz paddeln – morge­n ist auch noch ein Tag!«, rufe ich Andi zu. Der erwidert mit eine­m breiten Grinsen: »Erstens war das garantiert nicht dein letzter Schwimmer und zweitens warten flussab noch schwerere Stellen – üb’ also lieber noch ein bisschen!« Wider­willig steige ich also zurück ins Boot und scheine tatsächlich etwa­s aus meine­m Fehler gelernt zu haben. Jedenfalls schaffe ich noch mehrere Runden – ohne baden zu gehen.

Tagesfazit: Challenge accepted
Auf der Paddelstrecke zurück zum Camp machen wir immer wieder an perfekten Übungsstellen halt. Wir trainieren das Kehrwasserfahre­n, und Andi gibt praktische Tipps. Die Sonne strahlt vom Himmel, und zusammen mit der spektakulären Berg­­ku­lisse lässt sie jeden Schwimmer schnell vergessen. »Das ideale Revier, um mit dem Wildwasserfahre­n an­zu­fangen«, denke ich noch, als wir um die letzte Kurve biegen und der Campingplat­z vor uns auftaucht.

 »In den Köpfen der meisten Leute ist Korsika nur als Expertenrevier verankert – dabei gibt es hier perfekte WW-I–II-Abschnitte mit tollen Übungsstellen.«

Beim Abendessen lasse ich den Tag Revu­e passieren: Auch wenn das Paddel­n insgesamt Spaß gemacht hat, fühle ich mich noch ziemlich unsicher im Boot – vor allem die Koordination von Paddel­n und Kanten fällt mir schwer. Immer wenn ich nicht sicher bin, was zu tun ist, halte ich das Paddel in die Luft und mache einfach nichts. Dadurch verliere ich logischerweise die Kontrolle über das Boot und komme in kippelige Situationen, die zwar nur selte­n in einer Kenterung enden, mir aber jedes Mal ziemlichen Stress bereite­n. Trotzdem freue ich mich auf den nächsten Tag – schließlich hat Andi schon angekündigt, dass er ein paar gute Tipps für meine typische­n Anfänger­probleme hat.

Nach einer zapfigen Nacht im Zelt lockt mich am nächsten Morgen die Sonne aus dem Schlafsack. Zum Frühstück gibt es hausgemachten Ziegenkäse von Platzchef Milou, frisches Baguett­e, Croissants und einen Café au lait – mehr Savoir-vivre geht nicht! Danach zwänge ich mich wieder in meinen Trockenanzug. »Heute fahren wir noch mal den Tavignano, diesmal aber von weiter oben!«, verkündet Andi gut gelaunt. Als alle in ihre­n Booten auf dem Fluss sind, steht erst mal wieder Kehrwasser­training an. Heute fühle ich mich erstaunlich sicher im Boot.

Während der Rest der Gruppe übt, nimmt Andi mich zur Seite und gibt mir Tipps: »Du musst versuchen, möglichst immer ein Blatt im Wasser zu haben – dann kannst du dich in kippeligen Situationen am Paddel festhalten.« und »Probier mal etwas entspannter im Boot zu sitzen, dann kannst du besser auf die Strömung rea­gieren.« Ich versuche, die Ratschläge in die Tat umzusetzen, und siehe da: Plötzlich funktioniert die Koordina­tion ganz gut, und auch der Stress ist verflogen. 

2015 Easter Corsica Kayak Sessions Video

Der krönende Abschluss
Wir bewegen uns Stück für Stück den Fluss hinab und üben imme­r wieder Grundtechniken wie Kehrwasserfahren und Seilfähren. Dann folgt ein Highlight: eine etwa einen Meter hohe Stufe. Andi erklärt uns, wie wir fahren müssen: auf den überspülten Stein in der Mitte zuhalten, leicht darauf fahren und dann mit einem kräftigen Paddelschlag über die kleine Walze hinwegspringen. Andreas legt vor und meistert die Stufe problemlos. Dann bin ich dran. Voll konzentriert paddle ich auf den Stein zu. Kurz vor der Stufe halte ich – wie Andi es erklärt hat – mein Paddel links ins Wasser und spüre sofort den Druck auf dem Blatt. Ein kräftiger Zug und schwups bin ich unten. Was für ein Erfolg! Und weil es so viel Spaß gemacht hat, tragen Andreas und ich wieder hoch und fahren die Stufe gleich noch mal.

In den Folgetagen übernimmt Bernie Steidl den Kurs. Unterhalb der Tavignano-Schlucht üben wir Taktik und Routenwahl. Am letzten Tag kommt der krönende Abschluss: Bernie nimmt uns mit auf den unteren Vecchio. Dieser Zufluss des Tavignano ist deutlich kleiner und verblockter als die Abschnitte, die wir bisher gepaddelt sind – perfekt, um die Navigation auf dem Fluss zu trainieren. Ich fühle mich sicher im Boot und habe das Gefüh­l, alles im Griff zu haben. Dann mündet der Vecchio in den Tavignano, und es folgt der bekannte Abschnitt bis zum Campingplatz. Stellen, die in den ersten Tagen meine volle Aufmerksamkeit erfordert haben, machen plötzlich richtig Spaß, kaum ein Kehrwasser, das ich auf dem breiten Tavignano anpeile, verpasse ich. Dann erreichen wir die Stelle an der alten Steinbrücke, an der ich mich am ersten Tag schwergetan habe. Hier wird mir auf eine­n Schlag klar, wie viel ich in den letzten Tagen gelernt habe: Die Traverse zwischen den beiden Kehrwässern ist heute kein Problem, und die Strömung, die am ersten Tag einschüchternd stark auf mich wirkte, bringt mich heute kaum aus der Ruhe.

Never swim again? 
Auf den letzten Metern vorm Camp komme ich mit Bernie ins Gespräch. Ich frage, wieso er gerade auf Korsika Einsteigerkurse gibt. »In den Köpfen der meisten Leute ist Korsika nur als Experten­revier verankert – dabei gibt es hier perfekte WW-I–II-Abschnitte mit tollen Übungsstellen. Und hier hat man den Vorteil, dass die Kursteilnehmer im Urlaub sind.«

Das deckt sich mit meinem Gefühl: Während der Kurstage war ich im Ferienmodus, entsprechend entspannt und kaum abgelenkt. Klar ist auch auf Korsika jeder Schwimmer ein kleiner Rückschlag, aber die Szenerie der Insel sorgt für eine innere Ruh­e, die den Einstieg ins Wildwasser zumindest in meinem Fall erleichtert hat. Unterm Strich hatte ich – auch dank der tollen, harmonischen Gruppe und der erstklassigen Lehrer – sehr viel Spaß und habe extrem viel gelernt. »Und vor meinem nächsten Kurs werde ich garantiert nicht von Schwimmeinlagen träumen«, denke ich zufrieden, bevor ich mein Boot auf die Schulter nehme und es zurück zum Campingplatz trage.

Info

Anfängerkurs auf Korsika?

Die Île de Beauté ist unter Paddlern nicht gerade als perfektes Anfängerrevier bekannt – entsprechend wenige Anfängerkurse werden auf Korsika angeboten. Doch wenn man sich auf der Insel auskennt, findet man zahlreiche Einsteiger-Flussabschnitte. 

Kanuschule: Source to Sea (www.kayak-tyrol.com).

Wann: Jährlich zum Saisonbeginn. 

Wo: Camping Ernella, am Ufer des Tavignano zwischen Corte und Aléria an der Schnellstraße N200.

Dauer: 7 Tage (mit einem Ruhetag). Preis: 450 Euro (optional: 110 Euro für Leihausrüstung und 100 Euro für Verpflegung im Camp).

Kursinhalte: Kennenlernen der Kajakausrüstung, Erlernen der wichtigsten Grundschläge am See, Vorübungen fürs Wildwasser,  Schwimmen und Verhalten im Wildwasser, Flussfahrt, Kehrwasserfahren, wenn gewünscht: Eskimorolle.

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