Die Ufer des Mittelrheins säumen kühne Burgen und schmucke Städtchen, doch auf dem Fluss ist Schluss mit Rheinromantik – Deutschlands größter Strom ist schließlich wichtigster Binnenschifffahrtsweg Europas. Dietmar Bode hat sich nicht einschüchtern lassen und ist mitgeschippert ...
Bereichsnavigation
- Sie sind hier:
- »Startseite
- »Touren
- »Touren-Tipps & Flüsse
- »Deutschland
- »Rheinland-Pfalz
- »Mittelrhein
Inhaltsbereich
Touren
Mittelrhein
Ruhig fließt Vater Rhein - Kulturgeschichte im Kajak
Nicht zu fassen! Seit Jahren fahre ich Kajak, kenne ungezählte Flüsse, aber das Welterbe Mittelrhein, ein Paradestück deutscher Kulturgeschichte, das Jahr für Jahr tausende von ausländischen Touristen anzieht, bin ich noch nie gepaddelt. Vater Rhein weckte bei mir immer ein verhaltenes Interesse. Das lag weniger an seiner Landschaft als an der Größe des Stroms, da mir der Rhein als ausgemachter Kleinflusspaddler mit seiner hohen Fließgeschwindigkeit, der starken Berufsschifffahrt und der damit verbundenen Wellenbildung immer suspekt war.
Wie es der Zufall wollte, plante der Kanuverein meiner Heimatstadt eine Traditionsfahrt von Mainz nach Bad Breisig durch eine der schönsten Flusslandschaften Deutschlands. Ein kurzer Anruf beim Kanuverein und ich durfte als Gastpaddler mitkommen. Loreley, ich komme!
Freitag, 14 Uhr, wir sind in Mainz-Budenheim und endlich heißt es: »R(h)ein ins Vergnügen!« Die vergangenen Stunden hatte es heftig geregnet, aber jetzt schiebt sich langsam die Sonne durch die Wolken. Mein Blick gilt jedoch nicht dem wechselhaften Wetter, sondern ist fest auf das pulsierende Treiben auf dem Rhein geheftet. Ein Wahnsinnsbetrieb, es geht zu wie in der Berg-und-Talbahn. Frachter, Fähren, Fahrgastschiffe, Ausflugsdampfer und Sportboote. Mit unseren drei Zweierkajaks und drei Einerkajaks kommen wir uns klein und schwach vor.
Zunächst muss ich mich an die vielen Schiffe und Wellen gewöhnen. Die Größe des Rheins erinnert mich eher an einen See als an einen Fluss und auch die Schifffahrtsrinne nimmt beträchtliche Ausmaße an. Zu unserer eigenen Sicherheit verlassen wir zunächst das Fahrwasser und fahren im Schutz der Rheinaue an Eltville entlang. Weit leuchtet die auffallende Werbung der Sektkellerei MM hinüber. Ich genieße den weiten Blick auf die mit Reben behängten Höhen des Rheingau-Gebirges. Die kleinen Orte oberhalb Eltvilles sind bekannte Weinorte, in denen der gute Rheinhessen-Wein wächst und gedeiht. Gemächlich nähern wir uns Rüdesheim, wo die »Gebirgsstrecke« des Mittelrheins beginnt. Viele Fahrgastschiffe sorgen für mächtig Wirbel und wir müssen uns voll auf den Schiffsverkehr konzentrieren. Auf dem Rhein ist die Hölle los, Frachtverkehr ohne Ende. Trotzdem hat das hektische Treiben der Schubverbände etwas Faszinierendes.
Paddler schnell wie Jogger
Die Sonne hat sich durchgerungen und bescheint ausgedehnte Weinberge. Die Ufer beginnen sich zu heben und endlich darf ich jene Landschaft bewundern, auf die ich sehnsuchtsvoll gewartet hatte. Schnurgerade Rebhänge allerorten, Fachwerkstädtchen tauchen am Ufer auf und Burgen in der Höhe. Meine Mitpaddler in den Zweierkajaks machen ordentlich Tempo. Sie paddeln so schnell wie andere joggen. Ich kann kaum Schritt halten, auch der heftige Gegenwind macht mir zu schaffen und nagt an meinen Kräften. Die Strömung ist nicht so schnell wie erwartet und hinzu kommt – trotz geringeren Schiffsverkehrs – stetiger Wellenschlag, den ich als Kleinflusspaddler nicht gewöhnt bin. Dazu fehlt mir die Kondition, zumal wir bei der 35 km langen Etappe keine »richtige« Pause machen. Hey Jungs, ich bin Landschaftsgenießer, kein Kilometerfresser!
Um wieder zu Kräften zu kommen, widme ich mich treibend der ausgiebigen Landschaftsbetrachtung. Auf einer Insel im Rhein steht der Binger Mäuseturm, der nach den Nagern benannt wurde, vor denen Erzbischof Hatto Zuflucht suchte. Ab Bingen nimmt die Strömung gewaltig zu – hinter den Bojen stehen richtige Kehrwässer. Felsen ragen plötzlich aus dem Wasser, Schotterbänke, überspülte Buhnen, Autofähren kreuzen. Nach dem Felsen bei Aßmannshausen beginnt die Parade der Burgen rechts und links des Rheins. Meist besetzen sie schmale Felsnasen auf halber Hanghöhe. Nicht weniger als 49 Burgen zählt man am Mittelrhein allein auf der kurzen Strecke zwischen Mainz und Koblenz. Am linken Ufer taucht das malerische Städtchen Bacharach auf. Wir legen beim Campingplatz an und bauen die Zelte auf.
Nach dem Abendessen machen wir uns zur Stadtbesichtigung auf. Das Alte Haus am Markt gehört zu den schönsten Fachwerkhäusern am Rhein. Ein weiteres Highlight ist die wehrhafte Ringmauer aus dem 14. Jahrhundert, die besterhaltene Stadtbefestigung am Mittelrhein. Im gemütlichen Weinlokal des Posthofs kosten wir ausgiebig den vorzüglichen Wein der Region. Die Nacht verläuft trotz Weinverkostung unruhig. Das romantische Rheintal mag wunderbar anzusehen sein, aber wenn man einen leichten Schlaf hat, sollte man unbedingt Ohrenstopfen im Reisegepäck haben, denn der Geräuschpegel des Bahnverkehrs hat wenig von Naturparadies. 460 Züge donnern Tag und Nacht durchs Rheintal.
Eingelullt von der Loreley
Der kommende Tag beginnt für einen Kanuten traumhaft schön: mit Sonnenschein und starker Strömung. Ein paar Paddelschläge und schon liegt auf einem Felsen im Rhein die Burg Pfalzgrafenstein vor uns, eines der schönsten Fotomotive des Mittelrheins. Die Burg wurde einzig erbaut, um bei Kapitänen der Handelsschiffe für deren Ladung aus Wein, Trauben oder Dachschiefer Rheinzoll abzukassieren. Wir dürfen kostenlos passieren. Beeindruckt verfolge ich das geschäftige Geschiebe der Rheinkähne. Das Tuckern der Schiffsdiesel und das Tuten der Schiffshörner zeigt uns: Der Rhein ist eine pulsierende Lebensader. Bergauf fahren die Schiffe mit 12 Kilometern pro Stunde, bergab mit 20 Kilometern pro Stunde. Ein großes Rheinschiff misst 11,40 Meter in der Breite und 105 Meter in der Länge, im Schubverband wächst die Länge sogar auf 185 Meter. Wichtig ist, dass man möglichst cool bleibt, auch wenn große Tanker oder mehrere hundert Meter lange Schubverbände einem entgegenkommen.
Nach einer Linksbiegung schiebt sich der graue Loreleyfelsen am rechten Ufer ins Bild. Der tückische Felsen, so die wörtliche Übersetzung, ragt 132 m hoch über dem Rhein auf und verengt ihn auf nur noch 113 m Breite. Einst war er wegen der Stromschnellen zu seinen Füßen gefürchtet. Der Sage nach zerschellten hier zuhauf Schiffe, weil die betörende Loreley mit ihrer Schönheit und ihrem Gesang vorbeifahrende Schiffer becircte und ins Verderben stürzte. Oder war es vielleicht doch ein Schluck zu viel des guten Rheinweins? Mit Respekt paddeln wir an der Loreley vorbei, obwohl sie heutzutage weniger gefährlich als noch vor 100 Jahren ist, als tatsächlich noch Schiffe an ihren Klippen zerbarsten.
Die Schlösser von Tom und Jerry
Wesentliche Gründe für die romantische Verklärung des Mittelrheins sind neben Legenden und Sagen die mittelalterlichen Burgen, die sich links und rechts auf den Felsen über den Rhein erheben, oftmals liebevoll restauriert und Sitz eines Restaurants, eines vornehmen Hotels oder einer rustikalen Jugendherberge. Manche thronen lediglich als malerische Ruine über einem Winzerort. Kurz vor St. Goarshausen thront Burg Katz. Bei Katzenelnbogen, nur wenige Kilometer flussab, steht ihr Gegenstück, die Burg Maus. Scherzhaft werden die Burgen ausländischen Touristen auch als »Castels of Tom and Jerry« vorgestellt.
Flussab des Weinorts Boppard zwingen besonders harte Gesteinsriegel den Rhein zu seiner spektakulärsten Windung: dem Bopparder Hamm. In einer engen Schleife beschreibt er auf 3 km einen fast geschlossenen Kreis, um dann wieder die alte Richtung einzuschlagen. Nach Boppard finden wir uns weit außerhalb des Fahrwassers zu einem Päckchen zusammen. Unsere Kanutour auf dem Rhein ist wieder gemütlicher geworden und wir treiben gemächlich auf Braubach zu. 150 km über dem Rhein erhebt sich dort die am besten erhaltene Rheinburg. Die Marksburg ist absolut sehenswert, eine Besichtigung ist auch fußkranken Paddlern.
In Koblenz paddeln wir unter der ersten Brücke seit unserem Start in Mainz hindurch. Die Überquerung des Rheins wird auf fast 90 km nur durch Fähren gewährleistet. Nach 52 Kilometern und fünf Stunden Paddelzeit erreichen wir den Campingplatz in Koblenz-Neuendorf. Der Campingplatz liegt, nur durch einen Wanderweg getrennt, direkt am Ufer von Mosel und Rhein in einer besonders idyllischen und geschichtsträchtigen Schleife des Rheins. Während wir die Zelte aufbauen, setzt ein wolkenbruchartiger Gewitterregen ein und wässert drei Zelte sowie mehrere Schlafsäcke. Nachdem auch der Wetterbericht für den morgigen Tag keine Entwarnung gibt, storniert der Fahrtenleiter die geplante Etappe bis Bad Breisig. Schade, ich hatte mich bereits an den Gegenverkehr beim Paddeln gewöhnt.
Paddeln auf dem Mittelrhein: Alle Infos im Überblick
Der Rhein ist eine zentrale Wirtschaftsachse Europas. Täglich donnern zwischen Bingen und Koblenz mehr als 460 Züge. Teilweise verlaufen auf beiden Uferseiten stark befahrene Straßen. Aber trotz des stark frequentierten Rheintals sind die Eindrücke vom Fluss aus besonders intensiv. Wer den andauernden Lärmpegel in Kauf nimmt, erlebt eine tolle Kanutour
Etappen:
Mainz-Budenheim (km 508) bis Bacharach (km 542,6) = 34,6 km, ca. 4 Std. Paddelzeit; Bacharach (km 542,6) bis Koblenz (km 592,3) = 49,7 km, ca 5 Std. Paddelzeit;
Koblenz (km 592,3) bis Bad Breisig (km 623,7) = 31,4 km.
Gefahren:
Der Rhein ist nichts für Anfänger oder Familien im offenen Kanadier. Schnelle Strömung und hohe Wellen durch die Großschifffahrt sind stete Gefahren und machen das Tragen einer Schwimmweste auch für erfahrene Kanuten zur Pflicht.
Befahrungsregeln:
Der Rhein ist Bundeswasserstraße, es gilt die Rheinschifffahrtspolizeiverordnung: Kleinfahrzeuge müssen Großfahrzeugen ausweichen! Möglichst außerhalb der Fahrrinne paddeln und diese bei Bedarf auf kürzestem Weg kreuzen.
Transport:
PKW, Bahn oder für Sportliche mit dem Fahrrad. Gute Zugverbindungen von Koblenz nach Bacharach oder Mainz-Budenheim.
Übernachtung:
Alle Unterkunftsvarianten von der einfachen Zeltmöglichkeit an Kanuvereinen über Campingplätze und Jugendherbergen bis zum 5-Sterne-Hotel entlang der Strecke vorhanden. Folgende Campingplätze liegen direkt am Rhein: Camping Sonnenstrand, Strandbadweg 9, 55422 Bacharach, Tel. 06743/ 1752, www.camping-sonnenstrand.de. Campingplatz Neuendorf in Koblenz gegenüber Deutsches Eck. Campingplatz Rhein-Mosel, gegenüber Deutsches Eck, Schartwiesenweg 6, 56070 Koblenz, Tel. 0261/82719, www.camping-rhein-mosel.de.
Essen und Trinken:
Bacharach: Weinhaus »Altes Haus«. Wunderschöne, mit Türmchen und Erkern geschmückte historische Gaststätte (Oberstr. 61, Tel. 06743/12 09). Gehobene gutbürgerliche Küche, dazu Weine der Region, teilweise aus eigenem Anbau.
Kestert: praktische Einkehrmöglichkeit
unterwegs im Goldenen Stern
(www.goldener-stern-kestert.de).
Bücher/Karten:
Deutsches Flusswanderbuch, DKV-Verlag, 25. Auflage '04, ISBN 3-92458-095-2
Topographische Freizeitkarte Rheinsteig, 1:50.000. Karte für den gesamten Flusslauf von Mainz bis Bonn, ISBN 3-89637-369-2, 9,50 €, 1. Auflage 2005.
Wandertouren Rheinsteig, ISBN 3-93434-241-8, 12,95 €. Guter Führer, die zwanzig schönsten Tagestouren zwischen Bonn und Wiesbaden.
Alternativen:
Wandern auf dem Rheinsteig (www.rheinsteig.de) und dabei rund 40 Burgen besichtigen und einige der berühmtesten Weine Deutschlands verkosten. 320 Kilometer von Bonn bis Wiesbaden, 1000 Höhenmeter. Schwierigkeitsgrad: mittel bis schwer. Etappentipp: von Kaub bis St. Goarshausen, 22,4 Kilometer auf naturbelassenen Pfaden durch das Obere Mittelrheintal. Highlight: Aufstieg zur Loreley.
Rhein in Flammen. Alljährlich fünfmal stattfindendes Spektakel zwischen Rüdesheim und Bonn. Der Rhein wird von Schiffen und den Hängen aus festlich illuminiert (www.rhein-in-flammen.com oder www.rhein.feuerwerk-info.de).
Sehenswertes:
Die Drosselgasse in Rüdesheim ist nicht nur die bekannteste Straße des romantischen Rheintals, sondern auch am meisten besucht. Menschen aus allen Kontinenten sitzen hier beim Wein und flanieren zwischen Gaststätten und Souvenirgeschäften.
Fachwerkhäuser in Bacharach: ein hervorragendes Ambiente für manches gemütliche Weinlokal.
Die Rheinschleife von Boppard lässt sich am schönsten vom Aussichtspunkt Vierseenblick überblicken. Zugang bequem mit der Sesselbahn von der Talstation im Mühltal. Oben sorgt das Bergrestaurant »Gedeonseck« für das leibliche Wohl.
Dreiburgenblick am Patersberg: Die beste Sicht hat man vom Aussichtspunkt Felskanzel am Spitznack und vom Patersberg.
Die am Rhein errichteten Burgen bilden im Zusammenspiel mit der wild zerklüfteten Landschaft ein einzigartiges Gesamtkunstwerk, in dem sich Vertreter aller Burgtypen wiederfinden: Höhenburgen, die auf unzugänglichen Bergrücken thronen; Hangburgen, die sich in den Fels steil abfallender Höhenzüge schmiegen; Niederungsburgen, die mit ihren Ecktürmen und Ringmauern an römische Kastelle erinnern, und Inselburgen, die auf felsigen Klippen hoch aus dem Strom ragen. Mit 49 Burgen, die sich auf einer Strecke von knapp 60 Flusskilometern drängen, ist der Mittelrhein mit Abstand die burgenreichste Region der Welt.
Infos:
Koblenz Information, Bahnhofsplatz 17, 56068 Koblenz, Tel. 0261/31304, www.koblenz.de. www.romantischer-rhein.de.
Überblick über das Rheintal bei http://earth.google.de Suche: Loreley.






