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Touren

Lahn - Von Weilburg bis Runkel

 Deutschland, Hessen

Expedition auf der Lahn

Leichter Wanderbach mit zahlreichen Schleusen. Einziger Schiffstunnel Deutschlands unter Weilburg hindurch.


Als ich zum ersten Mal mit der Lahn hautnah in Berührung kam, da floss sie durch unser Wohnzimmer. Das brachte mich auf eine wegweisende Idee! Ich war damals Student und hatte einen Bauernhof in der Lahnstraße in Atzbach gemietet, keine hundert Meter von dem Fluss entfernt.

Mit den Kanus durch den Schiffstunnel.
Highlight im Dämmerlicht: der Schiffstunnel.
Foto: Gerd Kassel

Als die Sintflut nachließ und das Hochwasser sich aus Haus und Hof zurückzog, beschloss ich, die Uni zu schwänzen und dem abfließenden Wasser hinterher zu paddeln. So was hatte ich noch nie gemacht. Entsprechend dürftig war meine Ausrüstung. Ich pumpte ein PVC-Baggersee-Kajak auf, warf Rucksack, Zelt und Penn­tüte rein – und ab ging die Post. Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukam. Ich besaß keine Landkarte und auch keinen Flussführer. Aber es war spannend. Ein richtiges Abenteuer direkt vor der Haustür.

 

Lautlos trieb ich an Schilfgürteln vorbei, in denen es gurgelte und quakte. Es war herrlich, durch diese von Erlen und Pappeln gesäumte Flusslandschaft zu gleiten. Ich fühlte mich frei und ungebunden – bis mich an einem Prallhang eine Baum­leiche gefangen nahm. Die Äste zerkratzten mein Gesicht und stachen mein Boot platt. Damit hatte ich nicht gerechnet, aber so ist das eben mit Abenteuern. Immerhin, ich konnte mich ans Ufer retten. Auf einer Wiese entdeckte ich eine Feuerstelle. Dort baute ich mein Zelt auf und hängte den Schlafsack und einige Geldscheine zum Trocknen über eine Wäscheleine.

 

Die erste Nacht auf dem Liegeplatz war fürchterlich. Ich fror im nassen Schlafsack und träumte vom Ertrinken. Daraufhin beschloss ich am nächsten Morgen, meine Erstbefahrungstaktik zu ändern. In Wetzlar kaufte ich mir Schwimmweste, Luftmatratze und Müllsäcke zur wasserdichten Verpackung meiner Ausrüstung. Außer­­dem besichtigte ich den Dom und trank in einem Straßencafe der Altstadt Weizenbier. Das mache ich seither immer so, erst Natur, dann Kultur – und zum Abschluss ein leckeres Weizenbier.

Nicht ohne Nummer: Richtig Schleusen

Bei einer Schleusung auf der Lahn kommt keine Einsamkeit auf.
Umtragen war gestern, auf der Lahn werden Paddler bequem geschleust.
Foto: Gerd Kassel

 

Beim Bummel durch Weilburg entdeckte ich den »Lahnführer für Wasserwanderer«. Nach dessen Lektüre wusste ich, warum es neunzehn (Schleusen-)Inseln auf der Lahn gab und dass Paddler darauf kostenlos übernachten durften.

 

So ausgestattet, setzte ich meine Expedition fort. In Runkel erklärte mir endlich ein Kanute, wie man eine Schleuse benutzt. Er kam in einem blauen Stoffboot mit Dreieckswimpel und Deutschlandfahne daher und grüßte mit einem zackigen »Ahoi!« Er war der einzige Paddler, der mir auf der ganzen Tour begegnete.

 

In Limburg wäre meine Erstbefahrung der Lahn beinahe zu Ende gewesen. Ich kam an eine Schleuse mit Ampel und strengem Schaffner. Der verlangte eine Nummer am Boot. Ich begriff nicht auf Anhieb – bis ein Motorboot geschleust wurde. Das hatte eine Nummer. Ich paddelte zurück. In der Altstadt gab es Biergärten – und einen Schreibwarenladen, wo ich einen Stift kaufte. Eine halbe Stunde später hatte mein Schlauchboot eine Nummer – und ich freie Fahrt.

 

Diese Tour liegt genau 32 Jahre zurück. Seitdem hat sich einiges geändert. Es haben sich zahlreiche Kanuverleiher angesiedelt, und im Sommer ist der Fluss oft überfüllt. Das führte zu Konsequenzen. Freies Biwakieren wurde verboten. Stattdessen gibt es vorgeschriebene Ein- und Ausstiegsstellen und Rastplätze. Doch es gibt auch Lichtblicke: Privatboote brauchen keine Nummern mehr, und Fauna und Flora sind durch bessere Wasserqualität artenreicher geworden.

Gefragt nach der schönsten Tagestour, fällt mir die Antwort bei 170 km lohender Gesamtstrecke zwischen Marburg und Lahnstein schwer. Heute schlage ich die Strecke von Weilburg bis Runkel vor. Zwischen diesen kulturellen High­lights durchtrennt das Lahntal die Mittelgebirge von Taunus und Westerwald. Nur Eisenbahn und Fahrradweg begleiten den Fluss. Zwar stören gelegentlich johlende Paddler, aber meist verbringt man hier einen wunderschönen Tag.

Tourinfo: Von Weilburg bis Runkel

 

Länge: 25 km.

 

Beste Zeit: Ganzjährig.

 

Pegel: Automatischer Pegel Kalk­ofen, Tel. 06439/19429, Leun, Tel. 06473/19429. Ab 3,60 m bei Hochwasser im Frühjahr ist eine Befahrung verboten.

 

Gefahren: Doppel-Schleuse in Weilburg. Wer hier unsicher ist, der startet in Weilburg-Odersbach bei km 44. Vom 1. April bis zum 31. Oktober wird täglich geschleust. Von 10-12 Uhr und von 12.30-18.30 Uhr. Letzte Einfahrt ist um 18.15 Uhr.

 

Übernachtung: Bootshaus des Weilburger Rudervereins,
Zevenaarstr. 3, 35781 Weilburg, Tel. 06471/30526, Weitere Infos: www.weilburg.de.

 

Gastronomie: Zwei Biergärten mit Überdachung in Weinbach-Fürfürt. Optimal geeignet für längere Mittagspausen. Rastplatz und Kneipe bei km 62,5.

 

Kanuverleih: Bootsverleih in Weilburg, Infos unter www.lahn-tours.de, Kanutours, www.kanutours-giessen.de, Residenz-Tours, www.residenztours.de.

 

Alternativen: Dombesichtigung in Wetzlar. Durch das Lahntal führt ein autofreier Radweg meist direkt am Fluss entlang. Und: Lahntal-Wanderweg.

 

Literatur: »Die Lahn – Bootswandern auf der Lahn«, M. Schulze, 113 Seiten, Pollner Verlag 2002 (ausführlich, mit detaillierten Kartenausschnitten).
»Führer für Wasserwanderer, die Lahn«, H.W. Meckel, zu beziehen über die Buchhandlung Meckel, Parkstraße 1, 65549 Limburg,
Tel. 06431/24011.