Drei legendäre Wildflüsse – Stikine, Susitna und Alsek – bilden die »Triple Crown of Whitewater«. Die abgelegenen Sechser-Schluchten Nordamerikas scheinen an diesem schönen Mai-Wochenende aber wenig erstrebenswert. Stattdessen lockt die »Triple Crown of Bavaria«: Ammer, Loisach und Rißbach. Eine Expedition zu den Ursprüngen, den Legenden und den Biergärten.
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Touren
Triple Crown of Bavaria
Ammer, Loisach und Rissbach in einem Rutsch
Die Expedition steckt in der Krise. Rißbach, Loisach und Ammer, die großen bayerischen Wildwasser-Klassiker, wollten wir an einem Tag befahren. Und jetzt? Sitzen wir in Vorderriß im Biergarten fest, mit erst einem Fluss auf dem Konto. Die »Triple Crown of Bavaria« ist nicht leicht zu erringen, wenn die Sonne vom weiß-blauen Himmel lacht und Post-Wirt Brackenhofer ungefragt das nächste Weißbier bringt. Bei allem Respekt vor Stikine, Susitna und Alsek – auf solche Hindernisse stößt der Expeditionspaddler dort sicher nicht.
Rißbach – der bayerische Stikine!
Die Biertischstrategen erörtern, dass – von der Biergartendichte mal abgesehen – Stikine und Rißbach sich in vieler Hinsicht ähneln. Beide verbinden zwei Länder (Tirol und Bayern bzw. British Columbia und Alaska), beide durchfließen wunderschöne Gebirgslandschaften, beide genießen einen Ruf wie Donnerhall. In Sachen Respekt macht natürlich der Rißbach das Rennen – was zählt schon das Fracksausen einer Handvoll Elite-Paddler am Stikine, verglichen mit den Adrenalinschüben Abertausender Kajaknovizen, die hier im Karwendel erste Erfahrungen mit kaltem Wasser und harten Steinen sammelten. Was ist schon Wasson's Hole gegen die Schrägen Rippen? Michi Neumann, einziger Stikine-Befahrer am Tisch, wird von den stark vertretenen Rißbach-Bezwingern überstimmt. Der Rißbach ist der bayerische Stikine! Basta. Und außerdem müssen wir jetzt aber wirklich langsam los zur Loisach! Was? Äh ja, ein Weißbier nehmen wir noch …
Nun, die Loisach wird an diesem Samstagnachmittag noch zum bayerischen Susitna ernannt, jedoch nicht mehr aktiv befahren. Das Expeditionsteam beschließt, dass die »Triple Crown of Bavaria« auch in zwei Tagen errungen werden kann.
Statt das schöne Rissbach-Tal fluchtartig zu verlassen, gönnen wir uns daher einen Ausflug zum Großen Ahornboden, einer von schönen Bäumen be- und hohen Felswänden umstandenen Grasebene am oberen Ende des Tals. Wie Aletschgletscher und Königssee ist der Ahornboden in aller Welt bekannt durch alpine Werbeplakate und Kitsch-Postkarten. Selbst auf dem Klo einer bolivianischen Kneipe sah ich mich einst mit einem vergilbten Poster des jungen Rißbachs konfrontiert – und bekam prompt Heimweh.
Gemütlich wandern wir zwischen Ahornen, Kühen und Bustouristen umher, lassen uns schließlich auf einer Bank (bayerisch: Bankerl) nieder, genießen den Grubenkarspitzenblick und die Expeditionsnahrung (bayerisch: Brotzeit). Mei, ist dieses Bayern schön … Halt! Stimmt gar nicht – alles flussauf der Rissbachklamm gehört ja zu Tirol.
Kiesschwälle und Kriterien
Auf dem Rückweg gibt's eine Gratis-Lehrstunde in Flusskunde: Der Rißbach, er trägt oben am Ahornboden noch den Namen »Enger Grundbach«, plätschert munter, aber kaum schiffbar durch die Postkartenlandschaft. Auf den nächsten Kilometern nimmt er weitere Plätscherbäche auf, ab dem Zusammenfluss mit dem Plumsbach wäre auch eine Kajakfahrt möglich – allerdings nur theoretisch, denn die nächsten zehn Kilometer sind a) in der Paddelsaison zum Schutz des Flussuferläufers gesperrt, b) nur über eine mautpflichtige Straße zugänglich und c) nur bei Hochwasser schrubbelfrei zu befahren. Was davon für Paddler schwerer wiegt, sei einmal dahingestellt.
Nach dem Zufluss von Lalider- und Johannesbach, dem Passieren der Mautschranke und möglicherweise dem Verzehr einer Forelle im nahen Landgasthof, endlich die Neunerbrücke – der Ausgangspunkt zahlloser Rissbach-Abenteuer. Sie beginnen immer gleich: Man setzt sein Boot ins milchig-grüne Nass, staunt über das saukalte Wasser und winkt dem Flussuferläufer zum Abschied. Dann geht es über Kiesschwälle den Kriterien entgegen. Je nachdem, wie lange und gut er schon paddelt, empfindet der Kajaker die Kiesbank-Passagen als eher langatmig – oder viel zu kurz. Diese fiese Prallwand kommt doch jetzt, oder? Das Straßen-S! Die schrägen Rippen! Der Lockenwickler (oder heißt es Korkenzieher?). Die Schlucht kurz vor Schluss mit den pumpenden Kehrwassern! Und erwischt man die »Garagen« am Ausstieg, bevor es einen auf Nimmerwiedersehen in die berüchtigte Rißbachklamm saugt?
Vor dem äußeren Auge zieht der Karwendel vorbei, vor dem inneren die Erinnerung an frühere Touren. Bei meiner ersten Rißbachfahrt, irgendwann in den 80ern, kraulte ich zehn Minuten bibbernd in einem Kolk herum und lag danach tagelang mit Fieber im Bett. Trost spendete das Triumphgefühl, bereits WW IV fahren zu können – schließlich war ich Straßen-S und Schräge Rippen ohne Kenterung hinunter getrieben. (Das Triumphgefühl legte sich zwei Wochen später, als ich auf der Ammer zwölf Mal schwamm.)
Beim Anblick der Münchener Hausseen wird auch Nicht-Bayern warm ums Herz. Und hat man Ammersee, Walchensee, Staffelsee, Sylvenstein und Starnberger See einmal auf eigenem Kiel erlebt, erwägen selbst Nordlichter ein Auswandern ins Voralpenland.
Wildwasser-Hund Sheran
Der Rißbach ist stets für eine Story gut, auch bei der x-ten Befahrung. Am Vormittag absolvierten wir die Standardstrecke erstmals mit Hund. Herrchen Finkenmeister, der heute lieber den Fermersbach paddelt, bedeutete seinem Haustier, uns zu begleiten – was Sheran auch begeistert tat: Bis WW III sitzt er auf der Spritzdecke, um dann mit untrüglichem Instinkt vor den Schlüsselstellen an Land zu hüpfen und im Unterwasser wieder aufzuentern.
Krönender Abschluss einer Rißbachfahrt ist freilich das Klamm-Ritual: Man marschiert vom Ausstieg zur Grenzbrücke, guckt lässig auf die Wasserfallstrecke und diskutiert – unter den ehrfürchtigen Blicken nicht-paddelnder Touristen – Linien durch Deutschlands spektakulärste Wildwasser-Passage. Weil aber das Material schon aufgeladen ist, die Dämmerung nahe oder der Wasserstand suboptimal (die Liste lässt sich beliebig verlängern), wird schließlich doch von einer Befahrung abgesehen und der Disput in den nächsten Biergarten verlegt. Sheran bekommt eine Weißwurst.
Als nur wenige Stunden später die Dämmerung tatsächlich naht, zieht sich die Expedition ins Camp zurück. Zwar gibt es in der Nähe keine offiziellen Zeltplätze, doch auf dem Wohnmobil-Stellplatz von Fall und dem nahen Grill-Areal am Sylvenstein-Stausee wird man geduldet. Dass weiß allerdings auch die feierfreudige Dorfjugend, die heute abend um uns herum Bier-Pipelines verlegt und das Idyll mit den Böhsen Onkelz beschallt, bis der Morgenstern am Firmament funkelt. Das wäre am Stikine vermutlich nicht passiert.
Tag 2 der Expedition beginnt mit einem starken Kaffee am Ufer des Sylvensteinspeichers. Dann überlassen wir die Onkelz-Fans ihrem bedauerlichen Schicksal und wechseln das Revier – von der Isar zur Loisach, vom Karwendel zum Wetterstein. Dazwischen liegen die kanadische Rockies – zumindest könnte man das auf der schmalen Mautstraße von Vorderriss nach Wallgau meinen. Dass früher die ganze Isar so aussah wie diese wenigen verbliebenen Kilometer mit ihrem Pflichtablass von drei Kubik, darüber sollte man an einem so schönen Tag wie heute besser nicht nachdenken.
Loisach – die Referenz!
Die Loisach wird oft befahren, aber noch öfter verglichen. »… wie die Loisach, nur weniger verblockt und mehr Gefälle.« Oder: »… wie die Loisach, nur wuchtiger, weniger Kehrwässer und schlechter zugänglich.« Oder: »… wie die Loisach, nur gespickt mit Wasserfällen, Zwangspassagen und Raubtieren entlang der Ufer«. Was sagt uns das? Über die verglichenen Flüsse natürlich gar nichts. Dafür aber viel über die Loisach selbst: Sie ist die Referenz. Für alles, jedes und jeden, insbesondere für Flussführerautoren. Die scheinen heute auch alle da zu sein, gemeinsam mit noch etwa 250 Paddlern. Es ist Mai, es ist warm, und die Griesenschlucht führt Mittelwasser. Wir stellen uns brav in die Schlange am Einstieg, steigen höflich lächelnd über die tschechischen Snowboarder hinweg, die hier – vermutlich zur Gegenfinanzierung der teuren Zugspitz-Liftkarten – im Wald campieren.
Dann das immer wieder faszinierende Einzoomen am Gschwandtsteg – eben noch im weiten Kiesbett, verengt sich der Referenzfluss zum schönsten Naturslalom-Parcours der Welt. Kleine und große Felsen, enge und breite Durchfahrten, winzige und mittlere Kehrwasser. Bluffen wie am Rissbach ist hier nicht möglich: Wer sich treiben lässt und auf sein Glück hofft, hängt sofort quer vor einem Felsen. Wer nicht gescheit lenkt, hängt sofort quer vor einem Felsen. Wer nicht sauber Kehrwasser fährt, hängt sofort quer vor einem Felsen. Oh, ich kenne sie alle, die Felsen der Loisach.
Die Griesenschlucht ist eine zeitlose Zone. Der Dom und die anderen markanten Stellen sehen noch genau so aus wie bei meiner Jungfernfahrt anno 1986 (und vermutlich wie 1937, also Theo Bock und Kurt Sigritz hier als erste ihre Boote quer vor die Felsen setzten). Ab der Straßenbrücke aber ändert sich das vertraute Bild. Ein heftiges Hochwasser hat vor ein paar Jahren die zweite Hälfte eingeebnet, nur die Passage ums Treppenhaus erkenne ich wieder. Die Paddlertrupps vom Einstieg haben sich inzwischen verlaufen oder hängen vor Felsen. Nur ab und zu sieht man in der grüngrauen Waldschlucht ein Paddel oder einen Helm bunt aufblitzen. Wartet man ein paar Minuten in einem Kehrwasser, kommen aber garantiert ein paar Bekannte vorbei und fragen, ob man nachher noch mit in den Biergarten kommt. Nee, leider nicht, wir müssen ja noch zur Ammer, sonst wird es heute nichts mehr mit der »Triple Crown of Bavaria«.
Apropos »Triple Crown«: Den amerikanischen Konkurrenzfluss Susitna kann man via Loisach-Abgleich natürlich auch beschreiben: »… der Devil's Canyon des Susitna fließt durch ein landschaftlich hervorragend schönes Tal und erinnert an die Griesenschlucht der Loisach. Er ist nur viermal so lang, führt 500 Kubik mehr Wasser, bildet 7,3 m höhere Wellen (bis zu 7,6 m), liegt im hintersten Alaska und ist etwa fünf Grade schwerer. Vorsicht vor Baumhindernissen!« Umgekehrt (» … die Loisach ist wie der Susitna, nur … «) ist das kaum möglich. Die Trophäe als bester Referenzfluss geht eindeutig nach Bayern. Samt der kürzesten und gleichzeitig präzisesten Flussbeschreibung überhaupt: Die Loisach ist … wie die Loisach.
Wettlauf gegen die Zeit
Für unsere Expedition beginnt nun die letzte Etappe – und ein Wettlauf gegen die Zeit: Es geht zur Ammer (genau: der bayerische Alsek). Auch im Ammergau führt der Flussuferläufer ein strenges Regiment – bis 17:30 Uhr muss man vom Wasser sein. Vermutlich ist er sonst um 17:31 Uhr schon ausgestorben. Wir drängeln durch den Garmischer Stau, holen auf den Serpentinen hoch zum Kloster Ettal soviel Vorsprung auf einen Holländer heraus, dass wir oben schnell ein Eis kaufen können und erreichen schließlich schlingernd Saulgrub. Ein banger Blick auf die Kajakampel – grün! Ein Blick auf die Uhr: Erst kurz nach zwei! Wir können es schaffen – zumindest, wenn wir keine Autos umsetzen. Leuchtende Gesichter nun auch bei jenen, die nicht an den Erfolg der Mission glaubten und gleich in den Biergarten wollten.
Im Reich der Flussuferläufer
In der Faltbootzeit galt der erste Kilometer der Ammer als »schwerstes Wildwasser Deutschlands«. Die Rißbachklamm oder die untere Alb hatte man offenbar noch nicht im Focus. Dennoch fordert die Ammer-Eingangspassage noch immer Respekt, bis heute wird hier viel und gern geschwommen. In der Scheibum ist ein sauberer Ziehschlag weg vom angespülten Felsen gefordert, die Durchfahrt ins Kammerl wird beim Näherkommen immer schmaler, und das Naturwehr schnappt nach jedem, der nicht fest genug am Stock zieht.
Ein paar Kurven weiter belohnt die Aussicht auf die berühmten Schleierfälle den wackeren Paddler, der es bis hierher geschafft hat. Gerne würde man hier eine Pause einlegen, doch die Vorschriften sind rigoros: Zügig in der Mitte paddeln, bloß nicht anlanden, Kehrwasserfahrten und Rudelbildung vermeiden. So müssen wir uns mit einem kurzen Blick auf das moosbewachsene Naturwunder begnügen, auf dem ein Dutzend Wandersleut herumturnt und Badepause macht. Möglicherweise sind diese ungefiederten Flussuferläufer irgendwie mit dem bedrohten Vogel verwandt und stellen daher keine derart apokalyptische Gefahr dar wie wir Paddler. Ein Blick zum Himmel, dann einer auf die Uhr: Wir müssen weiter, Strecke machen.
Die Dramaturgie der Ammer lässt sich in wenige Worte fassen: Action, Naturgenuss, Durst. Nach den Schleierfällen genießt man die Einsamkeit in vollen Zügen, bewundert die pure Flusslandschaft mit ihren Wäldern und Konglomeratgesteinen. Irgendwann, besonders an heißen Tagen wie heute, meldet sich dann ein Ziehen in der Kehle. Etwas Kaltes, Schäumendes, Obergäriges wäre jetzt schön. Der Ammer ist das egal. Sie zieht sich Kehre um Kehre dahin, besonders bei mittleren Wasserständen scheint sich der durstige Kajaker wie in Zeitlupe durch das weite Tal zu bewegen. Vielleicht der richtige Moment, um die Ammer mit ihrem amerikanischen Pendant, dem Alsek, abzugleichen. Dessen Turnback-Canyon zählt zu den fiesesten Wildwasserstrecken der Welt. Der 1600 Meter breite Strom verengt sich dort auf 9 Meter. Nicht einmal Lachse gibt es, sie schaffen es nicht hinauf gegen die Strömung. Turnback-Befahrer Hans Memminger erzählte mir einmal, dass man in pumpenden Gegenströmungen gefangen werden kann, aus denen man nie wieder heraus kommt. Das muss es sein – genau das geschieht jetzt in der großen Ammerschlucht. Ich paddle wie verrückt, doch alles sieht gleich aus, kein Ende kommt in Sicht, die Kehle brennt wie Feuer (Lachse sind übrigens auch keine zu sehen). Die Echelsbacherbrücke mit ihren Rapids taucht auf und verschwindet, doch dann wird die Strömung langsamer und langsamer. Ich paddle auf der Stelle. Texte von Messner und Shackleton gehen mir durch den Kopf. Durchhalten! Dann ein Abkippen, ein Rutschen, ein Stürzen … Leere. Stille. Unendlichkeit. Das Ende?
Ich rolle hoch. Es gibt sie also doch noch, die Bootsrutsche kurz vor dem Ausstieg. Dehydrierung ist bei jeder Expedition eine Gefahr, besonders aber bei der »Triple Crown of Bavaria«. Therapie und Siegesfeier finden im nahen Biergarten von Rottenbuch statt.
























