Steve Brooks, Wahl-Tiroler und Betreiber einer Kajakschule in St. Anton, hat den Nebel um die Rosannaschlucht gelichtet. Zusammen mit seinen Freunden John Blake und Andy MacDonald befuhr er Ende Juli mit der Rosannaschlucht den schwersten und unbekanntesten Abschnitt des Wildflusses.
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Tagesexpedition Rosanna-Durchbruch
Die Rosanna in Tirol bietet drei klassische Wildwasserstrecken: Die anfängerfreundliche Standardstrecke ab St. Anton, die rasante Wolfsschlucht bei Strengen und den Oberlauf bis zum Stausee im Verwall-Tal. Wer sein Boot zur leichten Fahrt am E-Werk oberhalb St. Anton zu Wasser lässt oder durch's grüne Verwalltal wandert, der fragt sich was der kurze Durchbruch unterhalb des Sees wohl für Aspiranten bereit hält. Zahlreiche Schilder weisen Wanderern den Weg zur »Rosannaschlucht«, der weitgehend parallel verlaufende Fußweg bietet erste Einblicke auf den tosenden Wildbach. Doch der gefällstärkste Teil bleibt vom Ufer aus in einer Niederklamm verborgen.
Steve Brooks wollte es wissen und berichtet für KANU.
Früh morgens startete die ganze Aktion mit einer Fahrt ins Verwalltal um die Kajaks zu deponieren (nach 9:00 ist das Tal für den Verkehr gesperrt) und genug Zeit für ein gemütliches Frühstück zu haben. Es dauerte nicht lange, bis John und Andy auftauchten und die nächste Runde Tee wurde zubereitet. Kein Wunder, die 3 Kajaker des Teams sind gebürtige Engländer!
Dies sind:
John Blake - der nun in Sonthofen im Allgäu zu Hause ist. Mit ihm habe ich schon zahlreiche Abenteuer und gefährliche Momente rund um den Globus erlebt. Er ist ein unverwüstlicher Kajakfahrer, der mit absolut jedem paddeln geht und egal, wo man hinkommt, immer jemanden kennt!
Andy MacDonald - ein Naturtalent im Boot, welchen es ins Ötztal verschlagen hat. Noch vor einigen Jahren startete er für Großbritannien im Freestyle. Inzwischen findet man ihn regelmäßig auf der Mittleren Ötz und dem Pitzbach - zwei seiner Hausstrecken, obwohl er immer noch behauptet, dass sein Herz dem Spielboot gehört.
Auch ich - Steve Brooks - lebe nicht mehr in England, sondern bin, wenn nicht gerade beim Erkunden irgendwelcher Flüsse in fremden Ländern, am Arlberg zu finden. Im Winter tausche ich das Kajak gegen meine Freeride-Ski.
Das vierte Teammitglied war Ute - meine Frau. Als Einheimische ist sie auch nicht ganz unschuldig an der Wahl meines jetzigen Wohnortes! Ute liebt am Paddeln vor allem die Möglichkeit, neue und entlegene Orte zu bereisen. Außerdem muss ihr das Paddeln auch Spaß machen, wenn ich an all die blauen Flecken denke, die sie sich bei so manchem Schwumm im Fluss geholt hat. An diesem Tag aber war sie mit dem Rucksack an Land unterwegs, um uns, falls nötig mit der Kletterausrüstung aus der Schlucht zu helfen.
Den Plan die Schlucht zu paddeln, hatte ich schon seit fünf Jahren, eigentlich seit wir unser »Basecamp« hier am Arlberg errichtet haben. Jeden Frühling bis zum Anfang des Sommers beobachtete ich den Wasserstand und schaute, welche Auswirkungen die unterschiedlichen Winter auf die Schlucht hatten. Außerdem suchte ich Möglichkeiten und Orte um die Schlucht im Notfall verlassen zu können. Es gibt zwar einen Weg, der dem Fluss von der Rendl-Talstation bis zur Schlucht folgt, doch vom Fluss in der Schlucht selbst bekommt man nur ein paar kleine Einblicke. Da die Rosanna in diesem Abschnitt ein relativ starkes Gefälle aufweist, tauchten natürlich einige Fragen auf: Ist alles fahrbar? Können wir jeden Abschnitt einsehen? Können wir mögliche Hindernisse umtragen? Wo verliert der Fluss die ganzen Höhemeter? Die einzige Information, die wir über die Rosannaschlucht finden konnten war, dass sie anscheinend schon befahren wurde. Aber von wem und wann blieb ein Rätsel.
Nach einigen weiteren Tassen Tee machten wir uns auf nach St. Anton und fuhren mit dem Bus ins Verwall. Die Sonne schien uns ins Gesicht und das Wetter machte einen vielversprechenden Eindruck. Es gab die Wahrscheinlichkeit von Regen am späten Nachmittag und vielleicht sogar eines Gewitters. Bis dahin sollten wir allerdings schon aus der Schlucht draußen und beim Ausstieg sein.
Der erste Abschnitt war recht flach mit wenig Wasser im Fluss, gerade so, dass unsere Kajaks nicht über den Flussgrund schrappelten.
Nach einem Kilometer begannen sich die Wände der Schlucht langsam zu schließen und die erste Stromschnelle lag vor uns. Zunächst über einen ein Meter hohen Abfall in einen Pool, dann nach flusslinks wechseln und auf der Zunge unter einem großen Baum durch. Ein kurzes Stück später folgte gleich der nächste Abfall mit einer sauberen Linie durch alle drei Teile. Die Schlucht wurde steiler und enger, die Schwierigkeit des Flusses erreichte den fünften Grad. Hinzu kamen Gefahren wie Baumstämme, die entweder durch Lawinen in die Schlucht gelangt waren oder von unterhalb des Damms mit dem Hochwasser im Frühjahr weitertransportiert worden waren. Felsstürze und Muren hatten Siphone gebildet und einige der Felswände waren unterspült.
Auf halbem Weg in der Schlucht nimmt das Gefälle nochmal zu und die Stromschnellen kamen Schlag auf Schlag. Wir konnten alles besichtigen, jedoch war es oft schwierig für den ersten Paddler Sicherungspunkte zu besetzen, da steile Felswände den Weg versperrten. Mittels Funk konnten wir Ute immer wieder unsere Position durchgeben. Ab und zu konnte sie uns auch vom Weg hoch über uns beobachten. Dabei war sie selten allein: Als Paddler in der Schlucht waren wir für Wanderer eine ungewöhnliche Attraktion!
Inzwischen war das Ende der Schlucht in Sichtweite. Es fehlten nur noch wenige Stromschnellen, darunter auch ein übler Abfall mit einem überhängenden Fels, unter den das meiste Wasser drückte. Doch das Wetter meinte es nicht gut mit uns. Der Regen kam und prasselte mit voller Wucht auf uns herab. Das Sonnenlicht war verschwunden, wodurch die Schlucht noch düsterer wirkte!
Schließlich öffnete sich das enge Tal wieder ein wenig und uns fehlte nur noch der letzte Kilometer zum Ausstieg. Der schwierigste Teil lag hinter uns, dem Fluss folgte jetzt ein Weg. Zudem konnten wir alles während dem Fahrt von unseren Booten aus beurteilen und genießen. Der letzte Abschnitt an der Mündung des Moosbachs vorbei und unter dem Arlberg-Tunnel durch (ja, der Tunnel ÜBERquert den Fluss!) verging wie im Flug.
Wir hatten es geschafft. Was für ein Tag! Wir brauchten mehr als vier Stunden um diese vier km der Rosanna zu paddeln und ein verstecktes Juwel auszugraben! Nun war es Zeit für einen wohlverdienten Kaffee und ein großes Stück Apfelstrudel!
Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis alle Faktoren wieder zusammenpassen und eine Fahrt durch die Rosannaschlucht erlauben, aber dann bin ich sicher wieder dort zu finden!
Infos zur Rosannaschlucht
Einstieg: Brücke unterhalb dem Rasthaus Verwall - direkt an der Bushaltestelle
Ausstieg: alte Rendl-Talstation
Beste Zeit: ca. Mitte Juni bis Ende Juli, abhängig vom Schneefall im letzten Winter in und um St. Anton herum
Länge: vier Kilometer Gesamtlänge. Schluchtabschnitt: zwei Kilometer
Gefälle: Einstieg bis Anfang der Schlucht: 20 m/km, in der Schlucht: 45 m/km bis zu 60 m/km im steilsten Teil, Schluchtende bis Ausstieg: 30m/km
Pegel: an der Brücke kurz oberhalb vom Ausstieg. Wir hatten 55cm, was sich (dieses Jahr) als ideal herausstellte!
Schwierigkeiten: in der Schlucht WW V/VI
Besichtigung: schwierig; vom Ausstieg gibt es einen Weg am Fluss entlang bis zum Schluchtende. Durch die Schlucht verläuft der Pfad oft weit oberhalb und man bekommt nur wenige Einblicke um den Flusscharakter zu beurteilen.
Gefahren: Unterspülungen, Siphone, Baumstämme und scharfkantige Felsen; Geröll, das Lawinen herunter gebracht haben oder auch Lawinenreste im Frühling. Wasserstand und Wetter müssen ebenso passen. Instabile Felswände oder Gewitter und Hagel können Steinschlag oder Muren verursachen.
Allgemeine Informationen zur Rosanna
Die Rosanna entspringt aus einem See unterhalb der Fädnerspitze auf ca. 2.600m. Sie fließt durch die Berge der Verwallgruppe mit Gipfeln über 3.000m, südwestlich des bekannten Ski- und Freeride-Ortes St. Anton am Arlberg im westlichen Eck Tirols.
Oberhalb von St. Anton sind die Abschnitte der Rosanna extrem schwierig und ein ernstzunehmendes Unternehmen. Von der alten Rendl-Talstation führt ein Weg am Fluss entlang bis zur tiefen Rosannaschlucht. Dort geht es steil bergauf bis man zum Fahrweg und diesem folgend zum Rasthaus Verwall kommt. Nun wieder am Fluss entlang weiter zum Verwallsee. Wer noch nicht genug hat, kann bis zur Konstanzer Hütte wandern.
Von St. Anton bis zu einer Brücke unterhalb von Schnann zeigt sich die Rosanna als alpiner Fluss mit dem Schwierigkeitsgrad II/III, welcher an Wiesen und Wäldern vorbei fließt mit wunderschönen Ausblicken auf die umliegenden Berge!
Der Abschnitt von Flirsch (Wehr!) bis oberhalb der Wolfsschlucht ist gesperrt, da sich unzählige Metallträger im Fluss verteilt befinden! Auch wenn die Eisenträger oft nicht sichtbar sind (nur im Winter oder bei Niedrigwasser), sollte man sich auf keinen Fall zu einer Befahrung hinreissen lassen!
Die Wolfsschlucht hat sich in den letzten Jahren – vor allem seit dem dramatischen Hochwasser im August 2005 – sehr verändert. Große Teile wurden kanalisiert, aber jedes Jahr kommen mit der Schneeschmelze wieder neue Steine und Felsen in den Fluss und bilden Wellen und Walzen und machen die Strecke wieder interessanter. Dieses Jahr brachte eine Mure in Strengen von links viel Geröll in den Fluss, welches aber mit Baggern auf die Seite geschoben wurde!
Der Abschnitt zwischen dem Ausstieg der Wolfsschlucht und dem Zusammenfluss mit der Trisanna (ab hier heißt der Fluss dann Sanna) ist ebenfalls gesperrt! Auch hier hat das Hochwasser von 2005 große Schäden an der Straße und der Bahnstrecke verursacht und der noch immer instabile Hang auf der linken Flussseite wird ständig auf eventuelle Bewegungen überwacht. Falls dies nicht genug Grund sein sollte um auf eine Befahrung zu verzichten, ist es vielleicht die Aussicht auf die fällige Strafe, falls man erwischt wird!
Insgesamt ist die Rosanna ein Fluss mit interessanten und sehr unterschiedlichen Abschnitten, die für leicht Fortgeschrittene ebenso wie für Profis etwas zu bieten haben.
Über den Autor
Steve Brooks lebt, schläft und is(s)t kajaken. Von zugefrorenen Kehrwassern in den kalten Wintern in England am Beginn seiner Kajakkarriere bis zur Befahrung tiefer Schluchten, dichter Dschungel und Flüssen in extremen Höhenlagen dieser Welt. Steve hat schon in über 15 Ländern auf fünf Kontinenten Flüsse erfolgreich befahren hat. Und es ist auch dieser Hunger nach Abenteuer und dem Unbekannten, welcher seine Leidenschaft fürs Kajaken am Leben hält. Vor kurzem hat Steve in seiner neuen Heimat Tirol eine Kajakschule eröffnet, um mehr Menschen die Möglichkeit zu geben, diese unglaubliche Sportart zu erlernen und genauso viel Spaß daran zu haben, wie er! Den Link zu Steves Homepage findet ihr unter www.stevebrooks.at. Zur Kajakschule kommt ihr unter www.gokayaking.at.













































