Wer in unseren Breiten sieben Mal an einem Tag aufs Wasser will und erst am späten Vormittag startet, braucht einen langen Tag. David Krismayr und Robert Machacek nutzten den Sommerbeginn am vergangenen Montag, um an einem Tag in elf Stunden 75 Höhenmeter auf sieben Flüssen in Salzburg und dem Salzkammergut abzufliegen.
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Sommersonnenwende: 7 Bäche an einem Tag
05:09: Viele Kilometer über Salzburg, irgendwo jenseits der Wolkendecke, spendiert die Sonne die ersten Strahlen Licht für den längsten Tag des Jahres – der zugleich einer der längsten Paddeltage meiner Karriere werden wird. Bewusst ist mir das in dieser Herrgottsfrühe natürlich noch lange nicht, denn ich liege noch in die Decke eingewickelt in meinem Bett und träume von der Untertalbachbefahrung des Vortages.
09:00: Der Wecker reißt mich aus den Träumen! Raus aus dem Bett, Wasserstände checken. Nach drei Regentagen sind die Pegel auf den Standardstrecken sehr hoch. Das bedeutet, dass die Nebenbäche gut eingeschenkt. Einige Wasserfälle, die meist an Wassernot leiden, laden zu einer Befahrung.
09:03: Wie am Vortag abgemacht rufe ich den Salzkammergut-Kenner und Stürzer-Kollege Robert Machacek an: »Wann kannst du hier auf der Matte stehen?« »Um 10 Uhr bin I do!« Prima!
10:30: Mit der paddlertypischen halben Stunde Verspätung steht Robert endlich vor der Tür. Nach einem kurzen Morgentalk steht fest: Heute wird kein Paddeltag wie viele andere, wir wollen etwas Außergewöhnliches machen. Mein Gefühl sagt mir: Höhenmeter liegen in der Luft! Unsere spontane Idee ist, herauszufinden wie viele Wasserfälle und Bäche wir an diesem angebrochenen Tag noch schaffen können. Voller Motivation laden wir die Boote auf das Auto und machen uns auf zu unserem ersten Ziel: Dem Mörtlbach vor den Toren der Stadt Salzburg.
11:20: Ankunft am Wiestalstausee im Almtal. Auf den Spuren von Erstbefahrer Shaun Baker nehmen wir die insgesamt vier Wasserfälle und eine Wehrstufe des Mörtlbachs unter den Kiel. Ein sehr seltenes Vergnügen, denn die Fälle sind so gut wie nie beim richtigen Wasserstand anzutreffen. Wir haben Glück! Das drei Meter hohe Wehr am Anfang macht uns keine Probleme. Anders der Fünf-Meter-Fall im Anschluss: Mit einer Felsnase in der linken Landezone ist er mit Vorsicht zu genießen. Der dritte Abfall ist eine Kombination aus einer künstlichen Wehrstufe, die aus zwei Metern Höhe auf eine Betonplatte gelandet wird, und einer natürlichen hinter- und seitlich unterspülten Vier-Meter-Kaskade. Bei der vierten und fünften Stufe entscheiden wir uns gegen die Befahrung: Ein möglicher Aufprall aus neun Metern auf eine Felsplatte würde unseren Tagesplan durchkreuzen. Aber, aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Robert und ich kommen wieder, dann werden wir auch die letzten beiden Stufen befahren.
13:28: Die Sonne erreicht den größten nördlichen Abstand vom »Himmelsäquator«und nimmt ihre größte Mittagshöhe über dem Horizont ein. Es ist Sommersonnenwende und damit astronomischer Sommerbeginn.
13:40: Wir stehen vor dem satt eingeschenkten Römerfall. Der Fall ist die Abschlussstufe der Taugl nahe Hallein. Der recht bekannte »Park'n'Huck«-Fall ist in den letzten Jahren nur noch sehr selten befahren worden. Das mag an der schwerwiegenden Wirbelfraktur liegen, die der Österreicherin Kristin Schernthaner 2005(?) nach einem Boof mit Felskontakt eine mehrmonatige Auszeit beschert hat. Zudem hat sich in der Anfahrt ein fieser Stein platziert, der das »schnell mal stürzen« erschwert. Am Montag war der Stein nicht mehr zu sehen. Das war der Vorteil des hohen Wasserstandes. Der Nachteil: Bei diesem Wasserstand bildet sich links ein satter Rücklauf. Für uns bedeutet das: »Stay on the line«.
Mittels Schere-Stein-Papier losen wir aus, wer als erster fahren darf. Ich habe Glück. Beide erwischen wir die Ideallinie und haben keinerlei Schwierigkeiten. Im vollen Stürzer-Flow düsen wir weiter zum nächsten Ziel ins Lammertal.
14:30: Wir setzen am Weitenaubach ein. Der erste Fall ist leider zu trocken für unsere Jagd nach Höhenmetern. Da die zweite, höhere Stufe weniger Wasser braucht kommen wir trotzdem zum Zug. Nach der Einfahrt über einen Zwei-Meter-Fall folgt ein fünf Meter langer Pool. An seinem Ende zeichnet sich eine klare Abrisskante ab. Dort angekommen bin ich überrascht: Mit gut zehn Metern ist der Fall höher als ich ihn von Fotos im Gedächtnis habe. Dann bin ich auch schon auf Kurs, denn durch die Rutsche im ersten Drittel wird die Flugbahn einfach vorgegeben.
Robert und ich sind uns einig: Wir haben gerade den schönsten Wasserfall in Österreich befahren. Über fein geschliffenes Gestein und satt grün bewachsene Felswände rauscht das Wasser in die Tiefe. Eine einzigartige Kulisse! Entdeckt wurde der Wasserfall im Übrigen von meinem Mitpaddler Robert und Andreas »Stocki« Stockinger. 2007 konnten die beiden Salzkammergut-Cracks diesen Abschnitt erstmals befahren. Auf der weiteren Strecke bis zum Ausstieg rumpelt es etwas dahin. Dennoch, wir sind begeistert!
15:30: Wir laden auf und düsen weiter. Eine gute Stunde kostet uns der Weg bis zum »Park'n'Huck«-Spaß am Offenseebach. Auf dem Weg dorthin fällt unser Blick auf den Gosaubach. Obwohl dieses seltene Highlight gut gefüllt ist, lassen wir ihn vorerst auf der Seite liegen. Wir wollen stürzen gehen!
16:30: Bei optimalem Wasserstand ziehen wir eine solide und eine Action-Linie über die vier Wasserfälle des Offenseebachs. Insgesamt geht es auf dem kurzen Stück satte 20 Höhenmeter runter. Die letzte Stufe schmerzt etwas, denn diese landet man aus acht Metern flach. Da ab sofort nur noch die Videokamera mit aufs Wasser kommt, gibt es von den weiteren Fahrten keine Bilder. Nichtsdestotrotz wollen wir euch den visuellen Spaß von diesem genialen »Park'n'Huck« nicht vorenthalten.
One day, seven Rivers !! from Robert Machacek on Vimeo.
18:00: Das Kreuz schmerzt, doch an Aufhören ist noch nicht zu denken. Beim Anblick des Höllbachfalles ist jegliche Pein sofort vergessen. Die Doppelstufe präsentiert sich mit einem beachtlichen Wasserstand, was bedeutet, dass auch die Klamm des Mitterweißenbachs im Anschluss sehr sportlich wird. Rückläufe nach den drei Stufen in der Klamm sind zu erwarten. In den Beschreibungen wird die Klamm ab einem Wasserstand von 170 cm nicht mehr empfohlen. Heute zeigt der Pegel etwa zehn Zentimeter mehr. Bei diesem Wasserstand werden wir den Höllbachfall über die direkte Linie, und die Klamm komplett ohne Steinkontakt fahren können. Mit einer erneuten Runde Schere-Stein-Papier wird wieder ausgespielt, wer als erster fahren darf. Diesmal gewinnt Robert.
19:30: Die Knochen sind schon etwas müde, die Motivation sinkt. Aber, noch ist das Tageslicht nicht zu Ende, nur die Ziele gehen zur Neige. Wohin also? Bei dieser Frage kommt uns der Gosaubach wieder in den Sinn. Vor Ort stellen wir fest, dass bereits sehr viel Wasser abgelaufen ist. Wir entscheiden uns für eine Befahrung des letzten Kilometers, dem schönsten Teil des Baches. Ohne Schwierigkeiten paddeln wir die Klamm mit kleinen Hüpfern und rückläufigen Doppelstufen.
20:30: Zurück am Auto ist es immer noch hell. Was machen? Können wir am Rückweg nach Salzburg noch etwas mitnehmen? Klar, die Lammer! Da wir die Lammer sehr gut kennen, ist sie ein super Ausklang für diesen erlebnisreichen Tag.
21:10: Ganz offiziell geht gerade irgendwo hoch über Salzburg die Sonne unter, während wir im letzten Licht des Tages durch die Öfen navigieren.
21:50: Endlich raus aus den Trockenanzügen! Zum letzten Mal für heute laden wir die Boote auf das Autodach.
22:45: Nach elf Stunden in den Kajakklamotten, 260 Kilometern im Auto, 75 Höhenmetern, einem kaputten Boot, etlichen Energy-Drinks, 2 Käsesemmeln, 3 Bäckerkipferln, 2 Pizzaschnitten, 1,5 Liter Eistee und einem Liter Wasser sind wir zurück in Salzburg. Das Fazit des diesjährigen Sommerbeginns: »Wenn der Sommer so weiterläuft wie er angefangen hat, dann bleibt er regnerisch und kalt – aber mit ständig guten Wasserständen. Wäre das nicht ein super Sommer?«
Wir bedanken uns bei unseren Sponsoren: Stohlquist, Robson, Vita Club, kajakladen.com, paddle-people.com
Weitere Infos zu David & Robert: www.dangerdave69.blogspot.com, www.robertmachacek.blogspot.com, www.vboyz.at.


























