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Touren

Schwedischer Herbst im Naturreservat Glaskogen

 Touren, Reisereportagen

Während andere den Sommer in südlichen Gefilden verlängern, lockte die Wildnis Mittelschwedens drei Magdeburger Paddler in den Norden. Ex-KANU-Praktikantin Lisa Brüggemann trotzte Wind und Wetter und machte sich zusammen mit Vater Jens und Bruder Malte im Oktober 2009 auf zu einem Kanu-Kurzurlaub ins Naturreservat Glaskogen.

Schnee im Oktober? Das hatten wir noch nie erlebt.
Foto: Lisa Brüggemann

Nach den Sommerferien nochmal raus. Die herbstlichen Farben fernab von Urlauberhorden, die Seenlandschaft Schwedens im stillen Sonnenlicht genießen. Zusammen mit der Familie. Als wir – mein Bruder Malte, mein Vater Jens und ich – im Oktober in Magdeburg ins Auto steigen, haben wir ein klares Ziel vor Augen. Zum Ausklang der Paddelsaison hatten wir uns das Naturreservat Glaskogen in Schweden an der Grenze zu Norwegen auserkoren. Tausend Kilometer Straße im vollbepackten Auto samt Kajak und Kanadier auf dem Dach liegen vor uns. Zunächst auf der Autobahn immer Richtung Norden, nehmen wir von Rostock aus die Fähre nach Trelleborg. Dann sind wir endlich in der Heimat von Pippi Langstrumpf und Knäckebrot – Schweden! Doch noch immer liegen über 500 Kilometer vor uns. Als Beifahrerin studiere ich pflichtbewusst die Karte und stelle nach kurzer Zeit auf schwedischem Boden fest, dass etwas nicht stimmen kann: Die Angaben des Navis sagen etwas ganz anderes, als die Karte. Was meinen Vater aber in keiner Weise beeindruckt. Wir fahren und fahren, in immer kürzer werdenden Abständen schielen wir auf die Temperaturanzeige im Auto. Langsam, aber stetig purzeln die Grade. Schließlich fängt es an zu schneien.

 

Mir kommen Zweifel ob wir uns auf die Tour richtig vorbereitet haben. Wir wussten zwar, dass uns keine sommerlichen Temperaturen erwarten würden, doch mit Schnee und Minusgraden hatten wir nicht gerechnet. Auf was hatte ich mich da nur eingelassen? Auch das Gefühl, dass wir in die falsche Richtung fahren, lässt mich nicht los. Also nehme ich nochmals die Karte zur Hand, was meine Befürchtung bestätigt. Unser Ziel ist Arvika, ein überschaubares Städtchen in Värmland am Glafsfjorden. Tatsächlich befinden wir uns jedoch hundert Kilometer vor Mora, einer Kleinstadt die viel weiter nördlich liegt. Erst will mein Vater mir nicht so recht glauben, doch nach einem Blick auf die Karte sieht er es endlich ein. Naja, besser ein Ende mit Schrecken, als ... Malte zieht ein langes Gesicht. Er hat Hummeln im Hintern und möchte nur noch raus aus dem Auto. Langsam geht es wieder zurück gen Süden, worüber wir nicht unglücklich sind. Mit jedem Kilometer steigt die Temperatur und sogar der Schnee verschwindet.

 

In Arvika angekommen begeben wir uns sogleich auf Essenssuche, doch anstatt einer typisch schwedischen Mahlzeit ist das Einzige, das wir finden, ein McDonalds. Die Städte in Mittelschweden erinnern leicht an amerikanische Provinzstädte. An die spärlichen Straßen klammern sich die noch spärlicher gestreuten Häuser. Eine Tankstelle, ein McDonalds, ein Supermarkt und vereinzelte Wohnhäuser. Bevor wir uns in die Wildnis des Naturreservats verabschieden, wollen wir noch eine Karte von der Region kaufen. Doch überall ernten wir nur Kopfschütteln. Bei mir keimen  Zweifel auf, ob wir uns in tiefster Natur zurechtfinden würden und dann auch noch ohne Karte. Der Stora Gla ist doch nicht der Salbker See vor unserer Haustür! Ich werde als Memme hingestellt, mein Bruder lacht nur und mein Vater hat Mühe sich sein Grinsen zu verkneifen. Er hat kein Problem damit sich ohne große Vorbereitung  und ohne Karte in sein – wie er es nennt – Abenteuer zu stürzen.

Draußen herrschen Minusgrade, doch dank Ofen haben wir es mollig warm.
Foto: Lisa Brüggemann

Von Arvika bis Lenungshammar, einem kleinen Dörfchen mitten im Naturreservat Glaskogen, sind es noch einmal 30 Kilometer, doch die sind ein Klacks für uns nach tausend Kilometern Anreise. Der Glaskogen ist ein 280 Quadratkilometer großes Naturschutzgebiet, das nordwestlich des großen Vänersees zwischen den Städten Arvika und Arjäng liegt. Lenungshammar dient als Verwaltungszentrum des Naturschutzgebietes. Das Dorf liegt genau zwischen den beiden größten Seen des Reservats, dem Övre Gla und dem Stora Gla. Für unsere Paddeltour haben wir uns den größten See des Gebiets ausgesucht, den Stora Gla, an dessen Ufer ein kleiner Campingplatz in Ortsnähe liegt. Mit Freude stellen wir fest, dass wir die einzigen Gäste sind. Eine herrliche Ruhe herrscht hier. Man könnte fast damit rechnen plötzlich einem waschechten Elch gegenüberzustehen. Um heute noch loszupaddeln ist es zu spät, also beschließen wir die erste Nacht hier zu verbringen. Müde und von der Anreise gerädert machen Malte und ich uns daran das Zelt aufzubauen. Durch die vielen Paddeltouren, die wir schon gemeinsam unternommen haben, sind wir ein eingespieltes Team und bald steht unser »Tipi«. Geschafft von der endlosen Fahrt mummeln wir uns in unsere Schlafsäcke. Der Ofen im Zelt hat gute Arbeit geleistet und es herrscht eine angenehme Wärme im Inneren. Im Halbschlaf höre ich noch, wie mein Vater zu uns sagt: »Was gibt’s besseres: keine Mücken, super Wetter, Natur pur und diese wunderbare Ruhe.« Sanft schlummernd begebe ich mich in Morpheus Arme.

Im Schatten der Insel kann man die Windstille genießen und das traumhafte Panorama auf sich wirken lassen. Foto: Lisa Brüggemann

Den nächsten Morgen begrüßen wir mit einem gemütlichen Frühstück, doch dann wollen wir endlich los und legen beim Packen ein erstaunliches Tempo an den Tag. Eine Stunde später stehen wir ratlos am Seeufer. Vor uns die vielen Packsäcke, der Kanadier und das Kajak. Vorangegangene Touren fanden stets in den Sommermonaten statt oder führten uns in wärmere Gegenden, auf unserer ersten Tour im nordischen Herbst nahmen wir deshalb mehr warme Klamotten mit als eigentlich nötig. Wie sollten wir das alles unterkriegen? Zum Glück bot das Prijon-Kajak ungeahnten Stauraum und auch unser Kanadier besaß einiges an Ladekapazität. Nachdem wir einiges aussortiert und zum Auto zurückgebracht, ich mich in die tausend Schichten von Neopren, Paddeljacke, Schwimmweste und Spritzdecke gezwängt hatte, fand ich mich freudestrahlend auf dem Wasser wieder. Ich paddelte ein paar Schläge aus der Bucht und blickte mich um: es war der Wahnsinn! Die Sonne schien, keine einzige Wolke am Himmel, weit und breit niemand außer uns! Im Sommer sei hier die Hölle los, der Stora Gla ähnlich hoch frequentiert wie Müritz und Mecklenburgische Seenplatte, wurden wir bei der Tourenplanung gewarnt. Ich atme die kühle frische Luft ein und lasse diese sagenhafte Aussicht auf mich wirken. Ich bin glücklich mit Vater und Bruder hier sein zu dürfen.

 

Unser Plan ist es die nächste Biwakhütte anzusteuern. Wir sind nicht in Eile und haben es auch nicht auf die schnellste Seeumrundung abgesehen. Kurz vor dem Start haben wir am Campingplatz eine kleine Truppe älterer Herren angetroffen, die sich ebenfalls für den Stora Gla entschieden hatten. Von ihnen konnten wir freundlicherweise noch eine Karte ergattern. Die Männer sollten die einzigen Menschen sein, die uns während der Tour begegneten.

Am Ufer des Stora Gla befinden sich in regelmäßigen Abständen Biwakhütten, die jedem Paddler offen stehen.
Foto: Lisa Brüggemann

Zum Mittag hin kommt starker Wind auf und die Wellen werden größer und größer. Wir halten uns nah am Ufer, niemand will bei diesen Temperaturen ins Wasser fallen oder gar lange schwimmen. Im Laufe des Tages wird der Wind immer stärker und ich habe Mühe das Kajak in der Richtung zu halten. Schnell bin ich nass, die Paddeljacke hat ihre besten Jahre schon lange hinter sich und die Neopren-Ärmel sind nicht mehr dicht. Zum Glück bewege ich mich und kalt kann mir, bei den vielen Schichten die ich am Körper trage, nicht werden. Die erste Biwakhütte ist schnell erreicht, wo wir beschließen eine kurze Pause einzulegen. Ich will mir was trockenes überziehen und mit Malte tauschen, der kein Freund des einarmigen Paddeln ist. Wie sich bald herausstellt, war dies keine gute Idee ...

 

Sind es nicht immer die Kinder, die ungeduldig aus dem Boot wollen und nicht abwarten können bis man eine vernünftige Anlegestelle gefunden hat? Bei uns ist es andersherum: Ich bin gerade auf der Suche nach einem komfortablen Landepunkt, wo die Wellen nicht so stark ans Ufer schlagen, als mein Bruder quer über die Landzunge gerannt kommt und mir gegen den Wind zuruft, dass unser Vater im Wasser gelandet ist! Jetzt sind wir schon zwei, die trockene Klamotten brauchen! Also raus aus dem Boot, rein in die Biwakhütte, einmal umgezogen und wieder rein ins Boot. Die Stimmung unserer Gruppe ist gedämpft, ein guter Start in die Tour sieht anders aus. Zwar hätten wir in der Hütte bleiben können, doch der Wind bläst genau in die Öffnung des Unterstands. Die Fahrt im Kanadier bei diesem Wellengang ist grauenvoll. Ich klammerte mich an mein Paddel, schaue nach vorn und will einfach nur noch ans Ziel! Ich lege ein erstaunliches Tempo an den Tag. Die Stimmung nähert sich dem Tiefpunkt. Aber wie heißt es so schön: erst die Arbeit dann das Vergnügen!

Sonnenuntergang am Stora Gla.
Foto: Lisa Brüggemann

An der nächsten Biwakhütte machen wir Halt! Die Hütte ist eine gute Wahl: sie steht genau richtig und schützt uns vor dem starken Wind. Mir gefällt der Platz auf Anhieb. Als wir ankommen bricht gerade die Abenddämmerung an. Ich dränge meinen Vater schnell anzulegen, schnappe mir den Packsack mit meiner  Kamera und bin weg. Eine Stunde lang widme ich mich ganz dem Fotografieren. Das klare Licht ist einfach genial! Im See spiegelt sich die untergehende Sonne. Es ist Herbst, von der Birke am Ufer fallen die Blätter ab, die wie kleine Schiffchen auf dem Wasser liegen und das Wasser glänzt von der untergehenden Sonne rosafarben. Nachdem ich einige gelungene Aufnahmen im Kasten habe, helfe ich glücklich beim Ausladen der Boote. Alles muss über große Felsen ein paar Meter hoch getragen werden. Trotz der vielen Bewegung kriecht langsam die Kälte in meine Klamotten. Es ist ein großer Unterschied, ob man im Kajak sitzt und sich sportlich anstrengt oder sich bei der gleichen Temperatur außerhalb des Bootes aufhält. Besonders meine Finger scheinen langsam taub zu werden. Die Ranger vom Naturreservat sorgen dafür, dass an jeder Biwakhütte immer ein großer Haufen mit trockenem Holz bereit liegt. Welch ein Luxus! Während ich und mein Vater das Feuer machen, packt Malte ganz euphorisch seine Angel aus und macht sich davon, in der Hoffnung auf Erfolg. Mein Vater kocht und ich hänge die nassen Klamotten auf. Pünktlich zum essen kommt mein Bruder mit herunterhängenden Schultern zurück: Er hat natürlich nichts gefangen.

 

Endlich ein Moment der Ruhe, jeder mampft genüsslich seine Schüssel voller Nudeln. Mittlerweile ist die Sonne ganz verschwunden und es wird dunkel. Im Schein des Feuers kann ich die Gesichter von Malte und meinem Vater erkennen, die vor Glück und Zufriedenheit strahlen. Trotz der anfänglichen Schwierigkeiten sind wir uns sicher, dass dies eine supertolle Woche werden wird.

 

Später ruft uns unser Vater zum Seeufer. Eher unfreiwillig, weil wir das wärmende Feuer nicht verlassen wollen, folgen wir ihm. Am Ufer angekommen, bin ich sprachlos. Sofort sehe ich, was er uns zeigen will. Der Himmel ist so klar, dass sich die Sterne im Wasser spiegeln. Was für ein Bild! Stumm stehen wir am Ufer und genießen das Schauspiel. Es ist atemberaubend. Nicht nur die größten und hellsten Sterne sind zu erkennen, nein auch die kleineren. Das Wasser ist gesprenkelt von kleinen, weißlich schimmernden Punkten. So etwas bekommt man nicht oft zu sehen und wenn, dann nur fernab von großen Städten. Ich spüre wie mein Vater den Arm um meine Schulter legt. Wir grinsen uns an. Wir sind glücklich. Wir sind in Schweden! Später im Zelt schlafe ich mit diesem Bild vor Augen ein.

Karte des Naturreservates und Tourentipps zum downloaden

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