Vom Tessin ins Piemont und wieder zurück ins Tessin: Der Weg auf der Suche nach den besten Wasserständen ist oft steinig und nimmt selten die direkte Linie. Ben Jung und Julian Schäfer schauten an so ziemlich jeder Rinne im Piemont vorbei, bevor sie ihr Glück schließlich an der Rovana fanden.
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Touren
Rovana - die Perle des Tessins
Gemeinsam mit Julian Schäfer machte ich mich Mitte Mai zu einem verlängerten Kajakwochenende rund um den Lago Maggiore auf. Nach viereinhalb Stunden Autofahrt starteten wir den Kurzurlaub mit einer genialen Fahrt auf der unteren Verzasca bei geschlagenen elf Kubik. Das Hochtal nahe Locarno ist stets eine wassersichere Etappe auf dem Weg Richtung Piemont. Genau dort erhofften wir uns gute Wasserstände auf dem Creek-Klassikern rund ums Sesiatal. Früh morgens schauten wir gleich an der Egua vorbei, mussten aber leider feststellen, dass dort mehr Steine als Wasser zu sehen waren. Erfolglos wendeten wir talauswärts, um einen Blick in die untere Sermenza zu werfen. Leider war auch hier alles andere, als ein Traumwasserstand zu erkennen. Wir setzten all unsere Hoffnung auf Sorba und Gronda, die zu unserer Enttäuschung aber ebenfalls fast trocken war. Etwas angekratzt und genervt fuhren wir zur Sesia, die Mittelwasser führen sollte. Laut Gert Spilkers Wildwasserführer lohnt sich der Abschnitt von Alagna bis zum Campingplatz in Campertogno unmittelbar an der Sesia. Was dann folgte, war eine Mischung aus Umtragen, genussvollem Wildwasser und das langsam aufkommende Gefühl, das Tessin wäre vielleicht doch die bessere Wahl gewesen. »Abbruch«, lautete die Entscheidung. Nichts wie zurück nach Norden.
Wie es der Zufall so wollte, stießen wir während der Fahrt das Sesiatal hinab auf drei italienische Paddler, die uns für eine schnelle Fahrt auf die Sermenza von Boccioleto bis Balmuccia mitnahmen und trotz fortgeschrittener Stunde noch eine Fahrt auf der Egua vorhatten. Letztlich war es dann 19 Uhr, als wir an der Egua unsere Boot zu Wasser ließen. Der von der Straße mehr als dürftig wirkende Wasserstand war dank der abendlichen Schmelze und des glattgeschliffenen Gesteins doch ausreichend, um sich an den endlosen Rutschen zu versuchen. Die Schwerkraft tat ihr Übriges. Die drei lustigen Italiener kannten die Egua ziemlich gut, aber dass wir dann lediglich 35 Minuten für den uns absolut unbekannten Abschnitt brauchten, hinterließ bei uns Verwunderung. Ohne zu schauen und nur auf Ansagen von Paolo im Stil von »Get on the rock, but not too much! Otherwise you …« kamen wir heil und happy an die letzte Stelle, den »Röhrenfall«. Die drei Meter hohe, fast senkrechte Rutsche liegt zwar direkt unter einem Fußsteg. Im Fall, dass einen aber der Rücklauf packt, wird der Schwumm zwischen den spiegelglatten Wänden schnell zur lebensgefährlichen Mission. Gut gesichert und mit ordentlich Bumms meisterten wir auch diese Stelle und waren überglücklich doch noch diesen berühmtesten aller »Steep Creeks« gepaddelt zu sein.
Um unserem nachreisenden Mitpaddler Stefan Dartsch, etwas entgegen zu kommen, fuhren wir Freitagabend zurück ins Tessin und trafen uns an der Rovana. Nach heftigen Regenschauern machten wir uns auf den Weg zum Einstieg, der nach einer kleinen Odyssee die volle Pracht der Rovana zeigte. Auf den ersten 300 Metern finden sich mehrere kleine Katarakte und Stufen, bevor die Rovana in einer wunderschönen Schlucht verschwindet. Der letzte Katarakt vor der Schlucht endet mit einer – je nach Wasserstand mehr oder weniger rückläufigen – Stufe, nach der man auf jeden Fall zum Besichtigen der Folgestelle aus dem Boot sollte. Ein beträchtlicher Teil des Wassers gurgelt hier durch einen Siphon, der für Paddler eine echte Gefahr bedeutet. Wem das Ganze nicht geheuer ist, kann die Stelle einfach umtragen. Die folgenden Passagen lassen das Paddlerherz springen: mehrere kleine Stufen, Platten zum Boofen und die ein oder andere Walze, die ordentlich Schwung erfordern. Wer mit einem mulmigen Gefühl in der Schlucht unterwegs war, kann sich entspannen, sobald er die römische Brücke hinter sich gelassen hat.
Über mehrere Katarakte poltert die Rovana im offenen Flussbett bis zu einem weiteren Rapid, der flussrechts besichtigt und eventuell umtragen werden sollte. Als Orientierung dient ein großer Fels am rechten Ufer. Die kommenden 500 Meter bieten Wildwasser vom Feinsten. Mehrere schöne Katarakte gespickt mit gut fahrbaren Stufen, die ein Hochgefühl aufkommen lassen. Auch hier kann oder sollte man je nach Wasserstand ordentlich boofen. Bei unserer Fahrt bekamen wir die volle Wucht der Rückläufe zu spüren. Unweigerlich erwischte es einen von uns, der glücklicherweise ohne auszusteigen mittels Wurfsack rausgefischt werden konnte, was bei den nebenan stehenden Anglern große Verwunderung hervorrief. Bei Bedarf sind aber alle Stellen von der rechten Flussseite aus zu erkunden. Die folgende Rutsche wirkt auf den ersten Blick etwas erschreckend, ist jedoch sehr gut und sauber befahrbar. Auch hier befindet sich ein riesiger Fels, der als Orientierung herangezogen werden kann.
Im Anschluss kommt das eigentliche Highlight der Tour. Über 200 Meter findet sich Grundgestein, das voll gepackt ist mit Stufen, Walzen und einer zumindest zur Hochschmelze gewaltigen Wasserwucht. Leider hatten wir diesmal zu viel Wasser und mussten ehrfürchtig linksufrig umtragen. Die Portage geht sehr gut und zur Weiterfahrt kann nach den folgenden Felsrippen eingesetzt werden. Das dort am Baum fixierte Seil dient als Einstiegshilfe beziehungsweise zur Orientierung. Eine kleine Stufe, die super zu boofen ist, lässt die Strapazen der Umtragung schnell vergessen. Bevor die Straße wieder in Flussnähe kommt, zeigt sich die Rovana noch mal mit mehreren Katarakten, die alle flüssig zu fahren sind, von ihrer schönsten Seite. Kurz vor der Straßenbrücke fordert noch mal eine Stufe, gefolgt von einer knackigen Walze, ganzen Einsatz. Noch 500 Meter bis zur Mündung des Bosco-Baches. Dort sollte man unbedingt die Fahrt auf der rechten Flussseite beenden, will man nicht in die völlig unfahrbare Durchbruchsstrecke zum Maggiatal gespült werden.
Etwas müde und ausgezehrt ging es für und wieder zur Verzasca, wo wir unser langes Wochenende begonnen hatten und das wir mit einer letzten Fahrt am Sonntag Morgen zufrieden beendeten.







































