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Touren

Mittelmeer – Atlantik by fair means

 Touren, Reisereportagen

Ein Mann setzt sein Boot ins Mittelmeer und paddelt 530 Kilometer quer durch Südwestfrankreich zum Atlantik. Ohne viel Geld und High-Tech erlebt Tancrède Melet wahre Freiheit auf Canal du Midi und Garonne. Sein Video zur Solotour vermittelt das unvergleichliche Lebensgefühl eines Abenteuers by fair means.

Foto zur Kajaktour auf Canal du Midi und Garonne Mai 2010.

Tancrède Melet paddelte mit Sack und Pack durch Südwestfrankreich.
Foto: Tancrède Melet

Die Idee den Canal du Midi zu paddeln, kam mir beim Trampen. Ich erinnere mich wie der Fahrer von seinem Sommerurlaub erzählte: »Ich verbrachte meine Ferien auf einem Hausboot und fuhr den Canal du Midi entlang. Da sah ich einen Kajakfahrer vorbeipaddeln. Seine Arme waren so dick wie mein Kopf.«

Bis dahin beschränkten sich meine Erfahrungen im Kajak auf ein paar Wochenend-Touren, also die üblichen Freizeitpaddeleien, die man mit dem Mietkanu in Südfrankreich unternimmt.

Bald ist es Ende April und ich habe zwei Wochen frei. Die ideale Zeit für ein Abenteuer auf dem Wasser! Eine Woche vor dem Start kaufe ich mir ein gebrauchtes Kajak, mit genügend Platz für eine wasserdichte Tonne.

Sète – Bordeaux

Foto zur Kajaktour auf Canal du Midi und Garonne Mai 2010.

Noch sind Wetter und Stimmung gut.
Foto: Tancrède Melet

Ich besorge verschiedene Karten und plane die Paddelroute. Aber ich weiß, dass ich nicht vom Weg abkommen werde: Es gibt nur eine Richtung, immer den Kanal entlang von Sète nach Bordeaux. Über das Internet nehme ich Kontakt auf zu Ludovic Mabire, der vor einiger Zeit eine »Tour de France« im Kajak unternommen hat. Er hat gute Tipps für mich und versichert mir, dass die Garonne gut fahrbar ist, von einem kurzen Abschnitt nahe des Kernkraftwerks Golfech abgesehen. Das kommt mir entgegen, denke ich. Ich nutze die Strömung der Garonne und spare Zeit und Kraft.

 

Meine Ausrüstung ist auf das Wesentliche beschränkt: Zelt, Iso-Matte und Schlafsack, etwas Essen, ein Kocher mit Pfanne, Bücher, Videokameras und MP3-Player. Und natürlich zweckmäßige Kleidung: Shorts, Funktionshose, T-Shirt, Fleece-Jacke, Regenkleidung.
Am Sonntag, dem 25. April 2010, setze ich mein Boot ins Wasser. Freunde haben mich und mein Kajak zum Thau-See gebracht. In der Etang de Thau genannten 18 Kilometer langen Lagune vor den Toren der Küstenstadt Sète beginnt meine Reise auf dem Canal du Midi. Es ist Zeit sich von den Freunden zu verabschieden. Ich weiß nicht was mich erwartet und ob ich es schaffen werde. Ich habe vor jeden Tag mindestens 35 Kilometer zu paddeln...

64 Schleusen

Foto zur Kajaktour auf Canal du Midi und Garonne Mai 2010.

Die Schleusung abzuwarten, dauert zu lange.
Foto: Tancrède Melet

Mittels 64 Schleusen durchquert der Canal du Midi die Region Languedoc und erreicht am Scheitelpunkt 189 Meter Meereshöhe. Das Gewicht von Kajak plus Ausrüstung beläuft sich auf etwa 50 kg. Schnell entdecke ich die beste Technik um die Schleusen zu bewältigen: Ich verlasse das Wasser und ziehe das Boot über das Ufer. So bin ich deutlich schneller, am siebten Tag meiner Reise schaffe ich 18 Schleusen auf mehr als 30 Kilometern und überhole mehrere Hausboote.

Das Leck

Foto zur Kajaktour auf Canal du Midi und Garonne Mai 2010.

Do-It-Yourself statt High-Tec: Kampf gegen das Leck.
Foto: Tancrède Melet

Wer ein Gebrauchtboot kauft, weiß nie was ihn erwartet. Als ich mein Boot kaufte, inspizierte ich das Unterschiff und bemerkte eine reparierte Stelle. Der Verkäufer beruhigte mich und erklärte, dass der Schaden professionell behoben wurde. Im Vetrauen darauf überprüfte ich das Boot nicht im Wasser.
Tatsächlich drang durch die geflickte Stelle etwa ein Liter Wasser in der Stunde ein, so dass ich immer wieder Wasser aus dem Boot schöpfen musste. Obwohl ich die Stelle während meiner Reise erneut mit Glasfaser und Kunstharz abdichtete, saß ich immer wieder im Feuchten. Die Nässe von unten war allerdings nichts gegen den tagelangen Regen.

Schlechtes Wetter

Foto zur Kajaktour auf Canal du Midi und Garonne Mai 2010.

Wolken, Wind und Regen machen die Urlaubsfahrt zum Härtetest.
Foto: Tancrède Melet

Anfang Mai kam der Winter nach Südfrankreich zurück: Wind, Regen, die Temperaturen fallen bis auf 5 °C. Damit hatte ich nicht gerechnet und demnach zu wenig warme Kleidung dabei. Bald war ich durchnässt. War meine Stimmung die ersten Tage dank dem sonnigen Wetter in Hochform, begann mir der Dauerregen bald mental zuzusetzen. Motivation zog ich schließlich aus dem Paddeln selbst. Um nicht auszukühlen machte ich keine Paddelpausen mehr auf der Garonne. Zum Glück konnte ich aber jede Nacht ein trockenes Plätzchen für das Zelt finden.

Rettung durch die Feuerwehr

Foto zur Kajaktour auf Canal du Midi und Garonne Mai 2010.

Auwei, wollen die etwa zu mir?
Foto: Tancrède Melet

Durch den Dauerregen stieg das Wasser der Garonne deutlich und viel Treibholz begleitete mich auf meinem Weg Richtung Atlantik. Auf ruhigen Strecken dockte ich an einem der Baumstämme an und ließ mich mit der Strömung treiben. Ich war sehr überrascht als plötzlich zwei Motorboote der Feuerwehr auf mich zu fuhren. Passanten am Ufer hatten mich inmitten der Strömung flussab treiben sehen, wähnten mich in Schwierigkeiten und alarmierten die Einsatzkräfte. Polizei und Rettungswagen seien auch schon auf dem Weg! Es dauerte einen Moment, bis ich verstand, dass all die Umstände meinetwegen waren. Nach einem klärenden Gespräch und der Versicherung, dass ich Herr meiner Lage sei, zogen die Floriansjünger wieder ab und ich konnte meine Fahrt fortsetzen.

Der Canal du Midi

Foto zur Kajaktour auf Canal du Midi und Garonne Mai 2010.

Schleusen und Hausboote sind ständige Begleiter auf dem Canal du Midi.
Foto: Tancrède Melet

Der Canal du Midi war bis ins 19. Jahrhundert der wichtigste Verkehrsweg im französischen Süden. Er verbindet seit 1681 das Mittelmeer mit Toulouse. Über eine Scheitelhöhe von 189 m ü. NN durchqueren Schiffe die Region Languedoc und können ab Toulouse ihre Fahrt auf der Garonne bis zum Atlantik fortsetzen. Auf der 240 Kilometer langen Strecke sind 64 Schleusen zu passieren, oft über mehrere Schleusenbecken. Während der Kanal bis ins 19. Jahrhundert die lange Schiffspassage um die Iberische Halbinsel ersetzte, verlor der Schifffahrtsweg in jüngerer Zeit durch Eisenbahn und Schnellstraße an wirtschaftlicher Bedeutung.
Seit 1996 ist der Canal du Midi Weltkulturerbe der Unesco und wurde vom Tourismus entdeckt. Ohne nautische Vorkenntnisse können sich Erholungssuchende ein Hausboot mieten und die beschauliche Landschaft vom Wasser aus genießen.


Sète – Bordeaux im Kajak auf einer größeren Karte anzeigen

Und sonst?

Foto zur Kajaktour auf Canal du Midi und Garonne Mai 2010.

Wildwasser ohne Spritzdecke: Kann sein, muss nicht.
Foto: Tancrède Melet

Tancrède Melet ist kein langjähriger Touring- oder Wildwasserpaddler. Der begeisterte Kletterer und Slackliner sieht sich als Outdoor-Freak und liebt es in ihm unbekannte Sportarten einzutauchen. Dass Tancrède nicht nur beim Wanderpaddeln die Extreme sucht zeigt er z. B. beim Slacklinen hoch über den Schluchten des Verdons. Der 27-Jährige hat nach vier Jahren in der Elektro-Branche seinen Job als Ingenieur auf Eis gelegt um mehr Zeit für Sport und Abenteuer zu haben. »Und es schaut nicht so aus, als würde ich bald wieder in diesen Beruf zurückkehren«, meint Tancrède. Sein Ziel für die nächsten Monate und Jahre beschreibt er so: »Ich möchte verschiedene, für mich neue Sportarten kennenlernen und sie kombinieren. Mich reizt es meinen Körper nicht nur auf eine Bewegungsform zu trainieren, sondern multidimensional meine sportlichen Grenzen zu spüren. So waren wir vor einiger Zeit am Mont Blanc unterwegs: Skifahren, Bergsteigen, Klettern und Slacklinen in einem Trip kombiniert. Großartig!«

 

Noch ein Wort zur Sicherheit beim Paddeln seitens der Redaktion: Wir sind uns bewusst, dass die Tour am Canal du Midi, im Besonderen aber auf der hochwasserführenden Garonne, mit einem Minimum an Ausrüstung durchgeführt wurde und nicht den üblichen Sicherheitsstandards entspricht. Als aktive Paddler sind wir uns der Gefahren gerade auch vermeintlich leichter Tourenflüsse bewusst und fordern unsere Leser auf sich nicht nur durch Erfahrungswissen und Paddelkönnen, sondern auch durch passive Sicherheitsausrüstung zu schützen. Schwimmweste und ein dem kalten Wasser und Wetter angemessener Kälteschutz stellen die Grundlage für eine sichere Flussbefahrung dar. Ein Helm ist ohne Frage Standard bei oft untiefen Stromschnellen.

Der Grund, warum wir Euch trotz dieser Mängel diese Tour vorstellen, liegt im außergewöhnlichen Geist dieser auch sportlich herausragenden Befahrung. Tancrède Melet hat mit einfachsten Mitteln unter widrigsten Bedingungen eine Herausforderung gemeistert. Kein schnelles Tourenboot, kein Ultraleicht-Paddel, kein Ufer-Support und keine Sponsoren haben ihm dabei geholfen, nur seine Muskelkraft und der Glaube an sich selbst.

Das ist uns eine Geschichte wert!