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Touren

McPomm: Ein perfektes Paddelrevier

 Touren, Reisereportagen

Wasser, Ruhe und Freiheit sind für Lars Hoffmann die Zutaten für ein perfektes Paddelrevier. Die Mecklenburgische Seenplatte bietet all das. Plus Geschichten über Popcornfledermäuse und die Rückkehr der Wölfe.

Mit dem Kanu im Paddelparadies Mecklenburgische Seenplatte.

Der Mix macht's - erst kurbelt man auf kleinen Kanälen, dann quert man weite Wasserflächen.
Foto: Lars Hoffmann

Gemütlich sitze ich im Hafenbiergarten von Wesenberg und genieße ein – wie ich finde – wohlverdientes Weizenbier. Mein Boot schaukelt zwischen anderen Kanadiern und Kajaks nur wenige Meter entfernt im Hafenbecken. Einige Wanderpaddler bauen noch ihre Zelte ab, andere sind schon weit draußen auf dem Woblitzsee. Ich blinzele in die Mittagssonne und fange an nachzudenken. Was macht eigentlich ein perfektes Paddelrevier aus? Zuallererst natürlich Wasser. Viel Wasser. Große und kleine Seen, miteinander verbunden durch schmale Kanäle und Bäche. Scheinbar endlose Paddelstrecken. Lang gestreckte Ufer und ruhige Buchten. Damit lande ich beim zweiten Punkt auf meiner persönlichen Checkliste: Ruhe. Durch den Morgennebel paddeln als wäre man in diesem Moment allein auf der Welt. Das Boot gleitet nahezu lautlos, nur die herabfallenden Tropfen und das leise »Titschen« der Paddel sind noch zu hören. Ab und an krächzt ein Vogel weit weg im Schilf. Heranziehender Regen, den man schon von Weitem auf die Wasserfläche herunterprasseln hört. Ich denke weiter nach. Punkt drei: Freiheit. Ein großes Wort. Aber genau darum geht es. Sich ins Boot zu setzen und loszupaddeln. Für vier Kilometer oder vierzig. Weite zu erfahren und Unabhängigkeit. Alles dabei zu haben, was man braucht, um zufrieden zu sein. Und dabei zu bemerken, was man eigentlich alles nicht braucht, was jetzt zu Hause steht und mal viel gekostet hat. Ich schau auf den Grund meines Bierglases und komme mir vor wie ein kleiner Paddelphilosoph. Ist das Leben manchmal wirklich so einfach? Im Moment schon.

Paddler am Lagerfeuer.

Spätestens jetzt weiß man, warum man Paddler ist...
Foto: Lars Hoffmann

Hinter mir liegen knapp dreißig Kilometer Paddelstrecke durch den Müritz-Nationalpark. Eine ruhige Strecke entlang der Havel über meist kleinere Seen. Ich klettere wieder ins Boot. Vor mir liegen jetzt noch etwa sechzig Kilometer bis Zippelsförde im nördlichen Brandenburg. Das geht natürlich auch schneller. Aber ich will ein paar Haken schlagen und dort paddeln, wo Freizeitkapitäne mit Verbrennungsmotoren nicht erlaubt sind. Ich fahre die Strecke nicht zum ersten Mal und freue mich dennoch auf alles, was kommen wird: die sich durch Feld und Wald windende Schwaanhavel und den Plätlinsee, dessen Lage und noch mehr dessen besondere Wasserfarbe mich immer an ein Zitat des Schriftstellers Hans Fallada denken lässt: »Das Land sieht flach aus, ab und zu liegt zwischen den reifen Feldern ein dunkler Waldstreif. Wer es nicht weiß, kann nicht ahnen, dass jeder dieser dunklen Waldstreifen einen tief ins Land geschnittenen langen See bedeutet, Seen mit tiefstem, klarsten Wasser, von einem bezaubernden Türkisgrün oder Azurblau.« Danach soll es weitergehen Richtung Gobenowsee und Rätzsee und schließlich über Canow und den Hüttenkanal nach Rheinsberg und den Rhin hinunter.

Popcornfledermäuse und die Rückkehr der Wölfe

 

Hinter Canow überpaddle ich unbemerkt die Landesgrenze zu Brandenburg. Von nun an heißt es »Kurs Süd«. Die Landschaft bleibt jedoch gleich. Ausgedehnte Wälder rechts und links der Ufer, Wasser und weite Horizonte. Ich schaue in die Ferne und bin wieder mal zufrieden. Dank der letzten Eiszeit vor zwanzigtausend Jahren paddle ich entspannt über die Seen. Die Gletscher waren damals ein dicker Panzer und hobelten alles glatt. Zurück blieb ein blaues Herz mit vielen Adern. Am nächsten Tag treffe ich Robert Franck an der Umtragestelle zu meiner letzten Etappe, dem Rheinsberger Rhin. Er betreibt eine Kanustation direkt am Anfang des kleinen Flüsschens und bietet auch naturkundliche Führungen an.

Der sympathische 43-Jährige betreut zudem wild lebende Fischadler und ist Wolfsbeauftragter. Ich merke, dass das ein längeres Gespräch wird und beschließe, später zu starten. Robert kennt sich bestens in der Umgebung aus und weiß, wo hier etwas zu beobachten ist. »Auf der Mitte des Rhins hast du gute Chancen, einen Fischotter zu treffen – der heißt Oscar«, berichtet er. Meinen ungläubigen Blick beantwortet er umgehend: »kein Scherz«. Und auch die Sache mit dem Wolf will ich nun genau wissen. Seit drei Jahren scheint es dieses Raubtier hier wieder zu geben. Robert scheint von dieser Tatsache mindestens so fasziniert zu sein wie ich. Doch er bestätigt mir, was ich schon vermutet habe. Einen Wolf vom Kanu aus zu sehen, hält er für nahezu unmöglich. Dafür aber andere Räuber: Fledermäuse. Bei seinen Naturführungen wirft er zu später Stunde Popcorn auf die Wasseroberfläche. »Die stürzen sich darauf und lassen es gleich los, wenn sie merken, dass es doch kein Insekt ist. Doch bevor es wieder ins Wasser fällt, ist schon die nächste Fledermaus da«, erklärt Robert. Einige Geschichten später schaue ich auf meine Uhr und bemerke, dass es höchste Zeit ist, abzulegen. Vor mir liegen noch achtzehn urige Paddelkilometer auf dem Rhin. Genug Zeit, nochmals über meine Checkliste nachzudenken. Hier scheint es wirklich zu sein, das perfekte Revier: Wasser, Ruhe und Freiheit. Plus Geschichten über Popcornfledermäuse und die Rückkehr der Wölfe. Ich muss schmunzeln und paddle los.

McPomm: Vorsprung durch Rückstand

Nebel über der Seenplatte.

Magische Momente in der Einsamkeit der Seenplatte.
Foto: Lars Hoffmann

 

Dass sich an der Mecklenburger Seenplatte soviel Natur erhalten konnte und nur wenige Wasserabschnitte verbaut sind, hat viel mit der industriellen Rückständigkeit der Region zu tun. Nun scheint es, als wäre dies das Kapital der Zukunft.

 

Bis zur Wendezeit galt Mecklenburg als die Kornkammer der DDR. Land- und Forstwirtschaft waren in der DDR-Zeit die vorrangigen wirtschaftlichen Standbeine. Doch mit dem Fall der Mauer verloren selbst diese Bereiche an Bedeutung. Trotz massiver Initiativen siedelten sich in den letzten zwanzig Jahren nur spärlich große Unternehmen an. Die Region der Mecklenburgischen Seenplatte als »Flächenland« zu bezeichnen, wäre im bundesweiten Vergleich eine gut gemeinte Untertreibung. Im Landkreis Mecklenburg-Strelitz leben statistisch nur etwas mehr als vierzig Einwohner je Quadratkilometer, das ist weniger als ein Fünftel des Durchschnitts in der Bundesrepublik. Diese auf den ersten Blick recht traurige Statistik lässt das Herz des aktiven Naturliebhabers höher schlagen. Wo sonst in Deutschland gibt es für Paddler mehr zu entdecken als hier?

Mit dem treusten Begleiter den Sonnenuntergang genießen.

Die Ruhe genießen...
Foto: Lars Hoffmann

Es scheint, dass die wirtschaftliche Rückständigkeit der Vergangenheit das Kapital der Zukunft für diese Region ist. Denn immer deutlicher erkennt man, welches Potenzial hier schlummert. In den letzten Jahren ist die Besucherkurve stark nach oben geschnellt. Kanuverleiher schossen wie Pilze aus dem Boden, Campingplätze verzeichnen Jahr für Jahr Rekordergebnisse. Das bleibt natürlich nicht ohne Folgen für den zweiten Punkt auf meiner Checkliste, die Ruhe. An manchen Schleusen kommt es zur Hochsaison schon zu stauähnlichen Zuständen, genervte Wassersportler braten in der Sonne, überforderte Freizeitkapitäne versuchen verzweifelt ihre für teures Geld geliehenen Zwölf-Meter-Yachten in der Schleuse einzuparken, nicht selten mit beeindruckenden Kollateralschäden. Doch der gewiefte Paddler sorgt vor. Zur Sommerferienzeit versuche ich Routen zu wählen, die für Motorboote gesperrt sind und nehme gern einige Portagen in Kauf. Auch gibt es neben den Naturschutzgebieten mit Flüssen wie Warnow und Peene hervorragende Reviere, die selbst in der Hochsaison die ersehnte Ruhe bringen. Und solange noch kein Eis auf dem See ist wird – unter Ergreifung geeigneter Sicherheitsmaßnahmen – gepaddelt. Besonders der Oktober hat mit seinen feurigen Farben und kräftigen Winden seinen eigenen Reiz, doch auch jeder andere Monat im Jahr eignet sich, die Seenplatte zu erkunden.

McPomm: 600 Seen mitten in Deutschland

Mit dem Kanadier auf einem der Kanäle der Mecklenburger Seenplatte.

Wer Zeit, Muße und viel Gepäck hat, fährt am besten mit dem Kanadier.
Foto: Lars Hoffmann

 

Für Paddler bieten die mehr als sechshundert miteinander verbundenen Seen ungeahnte Möglichkeiten mitten in Deutschland. Wer will, kann bis Hamburg, Berlin oder zur Ostsee paddeln und dabei Eisvögel und Seeadler beobachten.

 

Abseits der kleineren Seen findet man mit der Müritz und den angrenzenden Seen ordentliche Großgewässer, die besonders für winderprobte Kajaker eine Herausforderung darstellen. Von der Seenplatte aus kann man per Kanu aber auch zu entfernteren Destinationen aufbrechen. Richtung Hamburg oder Berlin, zur Ostsee oder bis zur Oder. Auch stellt sich vor jeder Tour die Frage nach einem geeigneten Gefährt: Kanadier oder Kajak? Mit letzterem schafft man bei adäquater Paddeltechnik ordentliche Tagesetappen und trotz Wind wie Wetter, ersteres erlaubt neben der erweiterten Mitnahme von verschiedenen Komfort- und Genussgütern auch den Transport von Vierbeinern. Es bleibt wohl eine Frage des Geschmacks und der persönlichen Vorliebe. Mit beiden Bootsarten kommt man in der Regel hervorragend über die Seenplatte. Auch eignen sich beide besonders zur Naturbeobachtung.

Neuer Bildband

 

Als großes Quadrat kommt Lars Hoffmanns neuer Bildband »Wasser/Land/Licht« daher und porträtiert die großartige Landschaft der Mecklenburgischen Seenplatte in atemberaubenden Aufnahmen. Das überzeugt nicht nur eingefleischte McPomm-Paddler sondern auch die größten Skeptiker.