Erstbefahrung in Korsika, ist das heute noch möglich? Pascal Schaffner versuchte an Ostern sein Glück am Ruisseau de Muro Cinto, einem Seitenbach des Fium Orbo. Nach einigen Mühen – nicht zuletzt durch den niedrigen Wasserstand auf der Insel – gab's am Ende eine eindrucksvolle Wasserfallkombination zur Belohnung.
Inhaltsbereich
Touren
Korsika: Ruisseau de Muro Cinto
Anfang April hatte ich mit Freunden geplant, einmal um Korsika zu touren und möglichst viele Bäche dabei mitzunehmen. Bevor wir losfuhren besuchte ich noch Gert Spilker in Freiburg, der gleich die Korsikakarte auf den Tresen packte und mir den einen oder anderen Tipp gab. »Solltet ihr nicht genügend Wasser haben, könnte ja sein ...« Nun, das Wasser war tatsächlich knapp auf der Ile de Beauté, aber doch genug um neun Tage nonstop zu paddeln. Am zehnten Tag war dann Zeit für einen Ruhetag. Um die Paddelpause etwas spannender zu gestalten, wollte ich einem dieser ominösen Tipps von Gert nachgehen. Da alle bereits am Wenig-Wasser-Koller litten, aktivierte ich Gerry Prein, der gerade erst auf die Insel gekommen war und vor Tatendrang nur so strotzte.
»Gerry, hast du Lust mit mir den Ruisseau de Muro Cinto zu scouten? Das ist ein Nebenbach des Fium Orbo. Da soll es einen 15 Meter hohen Wasserfall geben, den wir sehr wahrscheinlich nicht fahren können. Und bei diesen Wasserständen wird es vermutlich eine elende Schinderei und ein Rumgerutsche, so quasi Canyoning nur mit Boot.« Die Motivationsrede hatte gesessen, Gerry und seine Freunde, die mit ihm angereist waren, hatten angebissen. Alle freuten sich darauf ins Unbekannte zu holpern, zu rutschen und zu klettern. Mit von der Partie waren Gerry Prein, Richard Schwaiger-Fellinger, Stefan Kinner und Alex Meindl. Für die etwa vier Kilometer Fluss mussten wir gut 16 Kilometer vom Ausstieg bis zum Einstieg fahren und das auf kleinsten Nebenstrassen oder wie wir fanden, geteerte Wildschweinpfade.
Der Ruisseau de Muro Cinto ist typisch korsisch: kristallklares Wasser, das in einem mehr oder minder steilen Bachbett dahin mäandert und ab und an zwischen den glatt polierten Felsblöcken verschwindet. Auch typisch korsisch war die Befahrung. Mit zu wenig Wasser rutschten und quetschten wir uns zwischen den Felsen hindurch. Nichtsdestotrotz wurde uns schnell bewusst, welches Fun-Potential in diesem kleinen Bach steckt. Nur zehn Zentimeter mehr Wasser bräuchte es. Als wir schon bald nicht mehr an einen Wasserfall glaubten, rutschen wir in einen Pool, wunderbar umrahmt von Grundgestein und keine 30 Meter vor uns verschwand das Wasser über die Kante. Mir entfuhr ein ur-schweizer Juchzer. Vor uns lag, wie ich später über Wikipedia in Erfahrung bringen konnte, das Teufelsloch »Trou du Diable«. Eine etwa 100 Meter lange Grundgesteinspassage mit zwei Stufen, je vier und drei Meter hoch und dem Wasserfall gleich um die Ecke, bestehend aus einer zwei Meter hohen Eingangsstufe und dem Zehn-Meter-Fall, der in einem riesigen Pool endete.
Da alles sauber aussah, entschied ich mich kurzerhand zur Befahrung. Sogleich boten sich Gerry, Richard und Stefan an, im Pool unterhalb des Falls in Stellung zu gehen, während Alex oben blieb, um mich von da zu filmen. Da sich die Umtragung als eine echte Herausforderung herausstellte, dauerte das Ganze eine gute halbe Stunde. Also genügend Zeit für mich, zur Kante vorzuklettern und den Fall genau zu studieren. Bei diesem Wasserstand führt die Ideallinie über die runde Felsnase und links mit dem Hauptstrahl in den Pool. Deshalb nur ein leichter Boof, um nicht im Grünen zu landen. Doch gleich nach der Eingangsstufe schiebt das Wasser stark nach rechts und man hat praktisch keine Zeit für Korrekturschläge. Die rechte Linie war, durch den Absatz der im ersten Drittel des Falls markant hervorstand, sehr unattraktiv – obwohl ich zugeben musste, dass dies vermutlich meine Linie sein würde. Alle standen mittlerweile bereit und ich fuhr los. Nach dem Sprung über die Felsnase ging alles sehr schnell.
Wie vorhergesehen schoss ich auf die rechte Seite, ich entschied mich gegen einen Korrekturschlag, um nicht quer über die Kante zu fliegen und als ich den Absatz unter mir sah, auch gleich noch gegen den Boofschlag, um nicht gleich aus dieser Höhe ins Grüne zu springen. So wackelte ich über die Kante, wurde vom Absatz hart abgebremst und segelte flach ins Grüne. Das einzige was ich jetzt noch machen musste, war, mich nach vornezulegen und schön durchzufedern. Nicht gerade elegant, aber die Befahrung war gelungen und ich war noch heil.
Fazit:
Der Bach ist eine Perle (bei etwas mehr Wasser), für die es sich lohnt zurückzukommen. Die Teufelsloch-Strecke sollte eigentlich zu den Klassikern in Korsika gehören, wunderschön und gut fahrbar. Bei der nächsten Befahrung würde ich beim Einstieg noch etwa eineinhalb Kilometer weiter hoch tragen – wer weiß was es da noch alles zu entdecken gibt? Zudem werde ich von nun an vor jedem Korsika-Trip noch schnell zum Orakel Gert Spilker fahren. Und, Ruhetage sind zum Scouten da.

























