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Touren

Drau – die wiedererwachte Prinzessin Oberkärntens

 Touren, Reisereportagen

Es war einmal – ein Fluss. Eingezwängt in geradlinige Ufer, reguliert, drangsaliert und seiner eigentlichen Natur beraubt. Bis er zu neuem Leben erblühte, seine ursprüngliche Schönheit und Wildheit entfaltete ... Klingt wie die Fabel von der hässlichen Kröte, die sich plötzlich in eine zauberhafte Prinzessin verwandelt. Ist aber wirklich passiert. Der Name der Schönen? Drau.

Foto zur Flussreportage »Drau dich«.
Sonne, Wald und Wellen: Die Drau in Oberkärnten.
Foto: Gerdl/Pirker

Das Öko-Märchen, das allen Paddlern und Naturliebhabern ans Herz geht, spielt im österreichischen Bundesland Kärnten. Und die Zeit, in der die Kröte noch eine fesche Prinzessin war, liegt gar nicht weit zurück – in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es war die Ära der Faltboote, und die Drau galt als einer der schönsten Wanderflüsse Österreichs. Aus ganz Europa reisten Kanusportler per Bus und Bahn nach Lienz in Osttirol. Sie falteten ihre Boote auf und hatten allein in Österreich knapp 230 Kilometer freie Flussstrecke vor sich. Und, nachdem die Drau in die Donau mündete, noch weitere 375 Paddelkilometer durch die heutigen Länder Slowenien und Kroatien.

Foto zur Flussreportage »Drau dich«.
Von der Frosch- zur Vogelperspektive: Hoch über der Drau.
Foto: Gerdl/Pirker

Der deutsche Schriftsteller, Fotograf und Abenteurer Herbert Rittlinger war damals, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, ein Pionier des Kanusports und die Leitfigur eines freien Lebensgefühls. In seinem Buch »Das baldverloren­e Paradies« bewies er prophetische Weitsicht. Rittlinger schilderte darin, wie er im Sommer 1938 zusammen mit zwei Freun­dinnen im Faltboot von Lienz bis nach Maribor paddelte, damals noch ohne Unterbrechungen durch Kraftwerke und Stau­ketten. Er schwärmte von den Abenteuern auf der unge­bändigten Drau und warnte vor der drohenden Zerstörung des Flusses durch Menschenhand. Leider ohne Erfolg: 1939 wurde in Schwabegg mit dem Bau eines ersten Kraftwerks begonnen, weitere neun allein in Kärnten folgten. Der Wanderfluss war Geschichte: Von den 230 Kilometern in Österreich blieben nur 85 Kilometer in Osttirol und im Oberdrautal übrig; die längsten Fluss­abschnitte verschwanden hinter Staumauern, wurden begradigt und eingefasst.

Osttiroler Entschleunigung

Foto zur Flussreportage »Drau dich«.
Einsteiger befahren die Drau im kentersicheren Schlauchkanadier.
Foto: Gerdl/Pirker

Lässt man heute in Lienz sein Wanderkajak zu Wasser, merkt man von Kraftwerksregulierungen und Hochwasserdämmen erst mal nichts. Stattdessen erfasst einen die Magie des Flusses, besonders im Sommer, wenn die »kleine« Drau vom Gletscherwasser der Isel bis an den Rand gefüllt ist. Dann geht es im Eiltempo durch leichtes und spritziges Wildwasser, vorbei an zauberhaften Alpen­kulissen: zuerst vor den schroffen Steilwänden der Lienze­r Dolomiten, dann unter den sanfteren Gipfeln der Kreuzeckgruppe entlang. Plötz­lich erscheint die verloren geglaubt­e Zeit ganz gegenwärtig. Friedlich gluckert die Drau. Ein Fluss, ein Kajak, ein Padde­l – sonst nichts. Auenland und weit­läufige Wiesen säumen die Ufer. Sattgrüne Berghänge fassen den breiten Talboden ein. Am Horizont wilde Gipfel.
Kleine Dörfer und malerische Städtchen mit schmucken Burgen und Kapellen gleiten
vorüber. Das Kärntner Oberdrautal ist eine ruhige, eine »entschleunigte« und überaus ländliche Region.
Kurz vor Oberd

Foto zur Flussreportage »Drau dich«.
Dutzende Hektar Auwald säumen die Ufer der Drau.
Foto: Gerdl/Pirker

Kurz vor Oberdrauburg, wenn man von Osttiro­l ins Bundesland Kärnten wechselt, begin­nt der Outdoorpark Oberdrautal. Das Märchenland! Hier ist das Comeback der Drau als Wanderfluss, ihre Revitalisierung, in natur­a zu bestaunen. Streng genommen fand die wundersame Wandlung nur im Oberdrautal statt, von der Osttiroler Grenze bis nach Spittal. Dahinter folgt ein Staudamm dem anderen, und der Wildfluss endet in einer Kette betonierter Verliese. 1998 wurde der letzte frei fließende Abschnitt, die Obere Drau, von der Europäischen Union als schützenswertes Natur­a-2000-Gebiet ausgewiesen. Ein Jahr später begann die Renaturierung der Drau-Ufer. Seitdem sind elf Flusskilometer in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt, 22 Augewässer geschaffen und rund 100 Hektar Auwald gesichert worden. Bis 2011 werden zwei weitere Flussaufweitungen mit einer Gesamt­länge von vier Kilometern folgen. Die alten Hochwasserschutzmaßnahmen zurückzubauen, ist sehr aufwändig – und teurer als der Kuss einer Prinzessin. Gute zehn Millionen Euro sind ein stolzer Preis für insgesamt 15 Kilo­meter ursprüngliche Natur. Die Flussaufweitungen haben abwechslungsreiche Ufer­linien geschaffen, Buchten, Schotter­inseln, Seitenarme und Nebenarme. Neue Auwald­bestände wurden gepflanzt, stark gefährdete und bereits verschollene Tier- und Pflanzenarten wiederangesiedelt. Die sicht­baren Erfolg­e belegen, dass sich Natur- und Hochwasserschutz nicht ausschließen müs­se­n. Wo bunt­e Eisvögel nach Fischen jage­n und Flusskrebse im Wasse­r krabbeln, können der Auwald und die neu geschaffenen Nebengewässer bei Hochwasser die Flut auffangen.

Den Flößern auf der Spur

Foto zur Flussreportage »Drau dich«.
Hohe Berge bieten der Drau eine würdige Kulisse.
Foto: Gerdl/Pirker

Zügig zieht die Drau weiter, vorbei am »Heilkräuterdorf« Irschen nach Dellach. Hier steht inmitten eines neu gestalteten Naherholungsgebietes am Ufer eine große, überdachte Aussichts­plattform. Sie bringt Einheimische und Touristen wieder ganz nah an den Fluss heran, der seit Menschengedenken die Lebens­ader des Tals gewesen ist – und vor dem Eisenbahnbau eine wichtige Wasser­straße. Auf großen »Plätten« wurden damals sperrige Güter und Rohstoffe stromab transportiert. Heute sorgen die Paddler für neues Leben auf den Wellen, und die Flößertradi­tion hilft ihnen dabei: Viele alte Zugänge zum Fluss bieten bequeme Ein- und Ausstiegs­möglichkeiten. Sie werden nach und nach beschilder­t, dazu richtet man Rastplätze ein und ergänzt das Angebot mit touristischen Alternativen wie Klammwegen und Klettersteigen in der nahen Umgebung.
Acht Stundenkilometer, das ist ein an­ge­nehme­s Reisetempo. In diesem Tempo paddelt man im Wanderkajak durchs Oberdrauta­l: schnell und kurzweilig genug, um nach jeder Biegung  neue Perspektiven zu genießen, und gleichzeitig so beschaulich, dass man auch als unerfahrener Kanute nicht im Strudel der Angst versinkt. Die Etappen­längen sind frei wählbar, die möglichen Kombinationen zahlreich. Sportlich Ambitionierte  bolze­n die Drau in Marathonmanier an eine­m langen Tag hinunter, Genießer dehnen die Tour auf ein verlängertes Wochenende aus. Überall in den kleinen Dörfern am Ufer gibt es Restaurants und Cafés, ruhige Zeltplätze und gemütliche Pensionen – genug Gelegen­heiten für süße Pausen, für Rast und Erholung. Für eine Auszeit im nimmermüden Alltag.

Foto zur Flussreportage »Drau dich«.
Welcome to the jungle: Wo Osttirol auf Kärnten trifft, läuft die Drau zur Höchstform auf.
Foto: Gerdl/Pirker

Vorbei an Greifenburg, Steinfeld und Kleb­lach-Lind geht die Fahrt Richtung Spittal, bis der Fluss hinter einer Talenge bei Sachsenburg – und am Ende schneller als gewünscht – das Oberdrautal verlässt. Die Landschaft weitet sich, von links mündet die einst stattliche Möll ein, heute nur noch ein Schatten ihrer selbst. In Rosenheim, Schauplatz der letzten großen Flussaufweitung vor Spitta­l, wird es Zeit, den Tatsachen ins Auge zu blicken: Märchen sind schön, aber selten mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Gerade paddelte man noch an den Brutplätzen von Eisvögeln vorbei, hörte lauthals die Frösche quaken und das Wasser fröhlich über weite Schotterbänke plätschern – da wird die Strömung träger, der Puls der Lebensader schwächer. Bis die Drau, eben noch zu neuem Leben erwacht, im Stausee von Paternion zum Stillstand kommt. Wie ist das doch in den USA? Dort werden manche Staumauern nach Ablauf der Nutzungsrechte eingerissen, und die befreiten Flüsse erobern sich ihre alten Lebensräume wieder zurück. In Europa gibt es das zwar noch nicht. Aber träumen darf man davon. Es wäre märchenhaft.

Touren-Info: Oberes Drautal

Foto zur Flussreportage »Drau dich«.
Die Drau durchzieht von Italien kommend auf ihrem Lauf gen Osten ganz Kärnten.

Einst war die Drau einer der beliebtesten Kanu-Wanderflüsse der Alpen. Dann verschandelten Wasserkraftwerke und Hochwasserschutz-Maßnahmen den Fluss. Dank des größten Fluss­renaturierungsprojekts in Österreich ist zumindest die Obere Drau in Kärnten auf 85 Kilometer Strecke wieder ein lohnendes Ziel für Naturliebhaber und Paddler geworden.

 

Charakter: Beschauliche, wasserreiche und naturbelassene Kanuwanderung in wunderschöner alpiner Umrahmung und durch streckenweise unverbaute bzw. renaturierte Auenlandschaft. Sportskanonen spulen die 85 Kilometer von Lienz (Osttirol) bis Spittal (Kärnten) an einem Tag herunter, sinnvoller und deutlich erholsamer ist die Aufteilung in mehrere Etappen.

Schwierigkeit:
Die ersten 10 Kilometer von Lienz bis Nikolsdorf Wildwasser I-II mit schneller Strömung und Wellen, danach abnehmend auf Wildwasser I. Ideal geeignet für Familien und Anfänger.

Beste Zeit:
Ganzjährig befahrbar, höchste Wasserstände und schnellste Strömung im frühen Sommer bei Schnee- und Gletscherschmelze (Juni/Juli). Durchschnittswassermenge ca. 75 Kubik.

Pegel: Online-Pegelstationen in Kärnten: http://info.ktn.gv.at/asp/hydro/daten/abfluss_ext.html.

Etappen: Die Etappen sind je nach Lust, Kondition, Wasserstand und Wetter frei wählbar. Gute Ein- und Ausstiegsstellen in Lienz (Kosakenfriedhof, 500 m unterhalb der Iselmündung), Nikolsdorf Bhf., Oberdrauburg, Irschen, Dellach, Berg, Greifenburg, Steinfeld-Radlach, Steinfeld, Kleblach-Lind, Sachsenburg, Rosenheim, Spittal.

Foto zur Flussreportage »Drau dich«.
Runter mit dem Boot, rauf aufs Bike.
Foto: Gerdl/Pirker

Ausrüstung: Wildwasserkajaks oder spritzwassersichere Wanderkajaks (Einer oder Zweier), Kanadier, Schlauchkanadier. Schwimmweste, Helm und Wärmeschutz (Neopren) sind Pflicht. Vorsicht: Geringe Wassertemperatur (Schmelzwasser) auch im Sommer – Gefahr durch Unterkühlung.

Anreise:
Von München über Rosenheim, weiter über die A93 nach Kufstein-Süd, dann via Kitzbühel und Mittersill über die Felbertauern-Straße (Maut) und Lienz nach Oberdrauburg (240 Kilometer, 3 Stunden).

Transport:
Der Rücktransport erfolgt ganz entspannt und umweltfreundlich mit der Österreichischen Bundesbahn (ÖBB). Gute Nahverkehrsverbindungen im Stundentakt von Lienz bis Spittal, Bahnhöfe in praktisch jedem Ort. Alle Ausstiegsstellen im Outdoorpark Oberdrauburg liegen in unmittelbarer Nähe eines Bahnhofs. Siehe auch www.drauwandern.at/transport.php.

Übernachtung:
Die Region Oberdrautal bietet eine große Auswahl an Unterkünften. Campingplätze (nicht in unmittelbarer Flussnähe) gibt es in Oberdrauburg, Irschen, Dellach, Berg, Steinfeld und Greifenburg. Mehr Infos und weitere Unterkünfte: www.outdoorpark-oberdrautal.at.

KANU-Tipp:
Der berühmte Drautal-Radwanderweg (www.drau-radweg.at) folgt dem Lauf der Drau: eine sportliche Alternative zum Paddeln, für den Rücktransport zum Auto oder zum Fortsetzen der Tour (nach Spittal) auf dem Fahrrad.

Essen: Wer das Paddelerlebnis um den Genuss von »Kärntner Kasnudeln« oder »Mölltaler Kaviar« bereichern möchte, informiert sich auf www.kaernten.at über die Kärntner Wirtshauskultur und plant den Einkehrschwung auf www.outdoorpark-oberdrautal.at (Rubrik Essen & Trinken).

Herbert Rittlinger: Das bald verlorene Paradies

Literatur: Kanulegende Herbert Rittlinger beschreibt in »Das baldverlorene Paradies« eindrücklich die Schönheit der unverbauten Drau zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Pollner Verlag, Oberschleißheim 1993, ISBN 3-925- 660-20-8, 19,90 €.
Alfons Zaunhuber: Die 47 schönsten Kanutouren Österreichs. Pollner Verlag, Oberschleißheim 2006, ISBN 3-89961-004-0, 24,90 €.
DKV-Auslandsführer Band 1: Österreich/Schweiz. DKV-Wirtschafts- und Verlags-GmbH Duisburg, 6. Auflage 2009, ISBN 978-3-937743-19-6, 19,95 €.
Ausführlicher Endbericht des Life-Projekt Auenverbund Obere Drau (PDF-Datei): www.nationalpark.or.at/filemanager/download/14212/.