Die Gebrüder Motz leben in Lindau. Ihr Lieblingsbach heißt Lech. Doch mitnichten der zwischen Häselgehr und Reutte, wo sich Generationen von Wildwasser-Einsteigern die Hörner abstoßen. Ihr Revier sind die Schluchten bei Warth, wo Tirols wildeste Wasser fließen. Thomas Motz (18) berichtet ...
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Der Lech, ganz oben
Es ist Mittag, es regnet und das Mittagessen war reichlich. Einem gepflegten Schläfchen und einem anschließenden gemütlichen Nachmittag steht also nichts mehr im Weg. Die Hausaufgaben können warten. Doch Frank, ein Paddler aus dem Hessischen, der schon seit Jahren seine Zelte im österreichischen Dornbirn aufgeschlagen hat, beweist mal wieder sein Talent, mich aus den entspanntesten Situationen zu reißen: »Der Lech könnte einen ganz guten Wasserstand haben, und bald gilt wieder die Sperrung, da sollten wir unbedingt noch mal fahren,« erzählt er mir am Telefon – und er klingt motiviert. Frank war erst vor wenigen Tagen dort unterwegs und schwärmt von knackigem, aber stets fairen Wildwasser. Zwar kenne ich den Lech noch vom Vorjahr, doch da jedes Frühjahrshochwasser den Lech stellenweise auf Links krempelt, ist diese Info Gold wert. Also gut, das Sofa kann warten. Insgeheim hoffe ich jedoch, dass der Lech ohnehin zu viel Wasser hat. Aber vielleicht kann man ja ein paar Stellen von der Straße aus einsehen. Auch gilt es, sich die Anfahrt zu den Ein- und Ausstiegsstellen genau zu merken, denn bis zum eigenen Führerschein dauert es nicht mehr lange. Bis dahin braucht es aber noch die Gnade meiner Brüder, die hoffentlich gleich von der Arbeit kommen und nichts gegen einen Feierabend-Workout haben ...
Nach einstündiger Autofahrt erreichen wird den Skiort Lech. Das Wasser ist gut eingeschenkt, doch nach Hochwasser sieht es nicht aus. Entsprechend komme ich langsam über den Verlust des Sofa-Nachmittags hinweg und die Motivation steigt. Jetzt müssen wir nur dem bereits wartenden Frank klarmachen, dass aufgrund der fortgeschrittenen Stunde allein die halbe Strecke ab Warth Sinn macht.
Ein Schwimmer aus Kameradschaft
Am Anfang sind die Schwierigkeiten noch gering, trotzdem ist die Spannung hoch. Schließlich sind die Lechschluchten an jedem von Paddlern umringten Lagerfeuer ein echter Dauerbrenner. Von fiesen Unterspülungen, Lawinenresten und Zwangspassagen ist dort gern die Rede und über allem thront das »Turmzimmer« – eine wuchtige Stufe, uneinsehbar, nicht zu sichern und mit Unterspülung. Besonders perfide: Sie lauert am Ende der Schlucht, genau dort, wo selbst ganze Kerle schon am psychischen Limit sind.
Nach einer kurzen Umtrage zu Beginn der Strecke beginnen die ersten verwinkelten Stellen. Aber dank Franks Ortskenntnis kommen wir zügig zum Eingang des klammigen Abschnitts. »Hier kommt jetzt eine Stufe, haltet euch eher rechts.« Frank verschwindet als Erster in der Klamm, gefolgt von Stefan. Recht gelassen, schließlich klang Franks Beschreibung wenig aufregend, folge ich ihnen. Doch mein Bug ist anderer Meinung und zieht nicht wie gehofft nach rechts, sondern genau in die Mitte, dorthin, wo der Rücklauf am größten ist – und Frank schon quer hängt. Nach einem Konterschlag, der Schlimmeres verhindern soll, treibe ich quer über die Kante und schubse Frank aus dem Rücklauf. Soviel Edelmut, mich für die Gruppe aufgeopfert zu haben, hätte ich mir gar nicht zugetraut. Der nachfolgende Michi scheint dagegen nix von Solidarität unter Sportsmännern zu halten und booft frech über mich hinweg. Während die anderen im Kehrwasser nur einen knappen Meter von mir entfernt warten, fange ich an, das übliche Programm in solchen Situationen abzuspulen: Ausgang links? Nix. Ausgang rechts? Mist, auch wieder nur Felswand. Wenn ich schon nicht kontrolliert aus dem Rücklauf komme, dann halt per
Kapriole. Aber nach ein paar Überschlägen, die andernorts sicher ordentlich Punkte gebracht hätten, verlassen mich Luft und Mut – ich steige aus! Egal wie gut man den Lech kennt – die Kernstellen müssen jedesmal inspiziert werden. Nach einer etwas längeren Kletteraktion über brüchigen und rutschigen Fels, die mich mit meinem bereits geborgenen, ausgeleerten und am Ufer wartenden Boot vereint, erreichen wir nach weiteren aufregenden Stellen den Ausstieg im letzten Büchsenlicht. Die Stellen unter der Brücke sparen wir uns lieber auf, schließlich forderte der Mythos Lech heute bereits einen Schwimmer.
Mythos Turmzimmer
Auch spätere Befahrungen brachten immer wieder Spannung. Die Unzugänglichkeit der Schlucht und die stete Möglichkeit von Veränderungen oder Holzhindernissen bleiben schließlich auch nach mehrfachen Befahrungen bestehen. So veränderten sich die Kernstellen zu Beginn und gegen Ende des oberen Abschnitts von Lech bis Warth vor zwei Jahren so vorteilhaft, dass diese jetzt zwar immer noch technisch sehr anspruchsvoll sind, aber im Gegensatz zu früher keine fies siphonierten und mit Holz gespickten Blockhaufen mehr darstellen. Dadurch wird diese Strecke ihrem alten Ruf als »wildwassertechnisch eher uninteressante Trageaktion« nicht mehr gerecht. Wem ab dem 15. August, wenn der untere Teil ab der Krumbachmündung wegen Fischaufzucht gesperrt ist, nach den Lechschluchten gelüstet, wird hier fündig. Umgekehrt gab es aber auch schon Felsrutsche, die eine nette Viererstelle in einen unfahrbaren Geröllhaufen verwandelt haben. Sicher kann man sich also nie sein.
Auch das Wetter überraschte uns schon mal mit massiven Hagelschauern, die uns ein ordentliches Gesichts-Peeling verpassten und jede Menge kleiner Sturzbäche entstehen ließen, die den Lech sofort braun färbten und kleine Gerölllawinen mit sich brachten. Ein Erlebnis, das man besser auslässt. Hat man den Holzsteg bei Warth hinter sich gelassen, wartet eine schlitzartige Stufe, die sich je nach Geschiebe und Pegel mal fahrbar, mal unfahrbar präsentiert. Sobald sich der Fluss ein erstes Mal verengt, sollte also ausgestiegen und linksufrig vorgeklettert werden, um sich ein Bild von der Stelle zu machen. Liegen die anschließenden etwas hakeligen Stellen hinter einem, wartet der engste Teil der Klamm – ein echtes Highlight für Nervenstarke oder Gruppen mit mutigen Vorfahrern. Je nach Wasserstand wird man mit mehr oder weniger großem Druck durch die Klamm geschoben, immer wieder unterbrochen von einzelnen Stufen, die oft nicht besichtigt werden können, und daher auch sehr routinierten und sicheren Aspiranten ordentlich Herzklopfen bescheren. Doch keine Angst, die richtige Route lässt sich meist von oben erahnen, die Stellen sind in der Regel fair und bei nicht zu hohem Wasserstand ist ein Anhalten vor den schwierigsten Stellen immer möglich. Auch vor dem Turmzimmer muss niemand, der bis dorthin einigermaßen zurechtgekommen ist, eine Panikattacke bekommen. Wer mittig anfährt und mit ordentlich Schwung in der rechten Hälfte über den Rücklauf springt, hat beste Chancen, problemlos durchzukommen und bekommt von der Unterspülung links nichts mit. Die Nachfolgenden können dann vom Ersten gesichert werden. Die Stellen unter der Ausstiegsbrücke sind ganzjährig gesperrt und stellen sich zudem wenig einladend dar. Dann lieber hoch zur Straße und das Ganze am besten gleich noch mal. Beim zweiten Mal kommt dann auch der Puls wieder zurück in Regionen, die zumindest ansatzweise einem gemütlichen Nachmittag auf dem Sofa entsprechen ;-)






