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Touren

130 Tage Wildnis an Mackenzie und Yukon

 Touren, Reisereportagen

Stromab kann ja jeder. Jedenfalls, wenn’s ums Kanuwandern geht. Und so hatten sich die Abenteurer Siglinde Fischer und Walter Steinberg etwas ganz Besonderes vorgenommen: 4.100 Kilometer durch die Wildnis Kanadas und Alaskas vom Oberlauf des Mackenzie Rivers zur Yukon-Mündung in die Beringsee – davon 160 Kilometer stromauf.

Foto zur Mackenzie-Yukon-Expedition von Siglinde Fischer und Walter Steinberg.
Gewichtsverlust durch gegessenen Proviant wird sofort durch Karibugeweihe ersetzt.
Foto: Walter Steinberg

Boah, nee, nur schnell weg hier! Am 28. September 2008 stehen wir auf einer Sandbank an der Yukon-Mündung und blicken auf die Beringsee hinaus. Irgendwo am Horizont treffen sich Himmel und Meer, uferlos. Es ist der Endpunkt der großartigsten Reise meines 
Lebens, und ich hatte mir diesen Moment wehmütig vorgestellt. Doch statt duseliger Ergriffenheit ob dem, was nun vollbracht ist, beherrschen mich zwei konkrete Gefühle: Erbärmliches Frieren wegen des 
eisigen Westwindes und ein leise jaulender Nerv, der seinen Ursprung irgendwo im unteren Bereich meiner Rückenmitte hat und mir seit ein paar Wochen deutlich macht, dass er ins rechte Bein führt …
Ich bin froh, schnell wieder im Boot zu hocken und gegen den Yukon anzupaddeln – zurück Richtung Emmonak, der letzten Inuitsiedlung vor dem Meer. So wärmt mich bald die Anstrengung. Nach viereinhalb Monaten dürfen wir in der Arbeiterbaracke von Emmonaks Fischfabrik einen Luxus spüren, an den wir uns kaum noch erinnern: Eine heiße Dusche, Stuhl, Tisch – und ein Bett! Wohltuend und fremd zugleich. Der Dreck von 130 Tagen Wildnisleben ist schnell abgewaschen. Doch die Erinnerungen bleiben, ein Leben lang.

Foto zur Mackenzie-Yukon-Expedition von Siglinde Fischer und Walter Steinberg.
»A tremendous amount of energy«: Überqueren der Wasserscheide bedeutet Boote schleppen.
Foto: Walter Steinberg

Wie kommt man überhaupt dazu, die beiden größten Ströme Nordamerikas, den Mackenzie und den Yukon River, in einer Bootstour miteinander zu verbinden, über die kontinentale Wasserscheide der Richardson Mountains hinweg? Ganz einfach: Die Idee zu dieser Tour hatte Walter schon 1995, als ihm das Buch »One Incredible Journey« von Verlen Kruger und Clayton Klein in die Hände fiel: Kruger hatte bereits 1971 mit einem Freund in nur einer Saison ganz Nordamerika von Ost nach West in einem Kanu durchquert. Walters Infektion mit dem unheilbaren Kanada-Alaska-Virus lag damals erst drei Jahre zurück: Gleich den ganzen Yukon war er 1992 runtergeschippert, obwohl er zuvor nie in einem Kanadier gesessen hatte. In Krugers Buch fesselte ihn besonders der Abschnitt vom Großen Sklavensee in den kanadischen Nordwest-Territorien bis zur Mündung des mächtigen Yukons in die Beringsee – knappe 4.500 Kilometer. Schließlich standen darin Dinge geschrieben wie »The Rat (River) required a tremendous amount of energy« oder »The Rat was wild«. Ruckzuck hatte Walter 
alle notwendigen Karten bestellt und unterbreitete seiner damaligen Freundin den Plan. Deren Antwort fiel ernüchternd aus: »Junge, du hast sie doch nicht mehr alle.« Damit wanderten die Karten für Jahre in die Versenkung, doch die Idee blieb. Und fiel gute zehn Jahre später bei mir auf fruchtbaren Boden.

»Out on Business« – der Frau zuliebe

Foto zur Mackenzie-Yukon-Expedition von Siglinde Fischer und Walter Steinberg.
Mackenzie im Mai: Festes und flüssiges Wasser reichlich.
Foto: Walter Steinberg

So stehen wir Mitte Mai 2008 tatsächlich in Hay River am Ufer des Großen Sklavensees und erkennen gleich: Hier geht’s schon mal nicht los. Anfang Mai ist der meterdicke Eispanzer des Sees unter der Frühlingssonne aufgebrochen, und nun blockiert ein Chaos aus gigantischen Eisschollen den Beginn des Mackenzie River am westlichen Seeufer. Garry Carter, Seniorchef des lokalen Straßenbauunternehmens, bietet uns eine Mitfahrgelegenheit zum Liard River an. Garry ist offen, freundlich und hilfsbereit, wie nahezu alle Menschen in den Gegenden, wo der Himmel noch weit und das Land dünn besiedelt ist. Er wurde im Ostteil des Great Slave Lake in einem Fischcamp geboren; seine Familie lebte vom Fang der Seeforellen. Auch wenn Garry das Unternehmen in Hay River gegründet hat, gilt seine Leidenschaft dem Wasser, dem Angeln. Sein Schiff heißt »Out on Business« – er hat es seiner Frau zuliebe so genannt: Sie will nicht immer seine Geschäftspartner anschwindeln, wenn die ihn sprechen möchten und er nicht im Büro, sondern irgendwo auf dem riesigen See unterwegs ist …
Am Liard River liegt der Eisaufbruch gut eine Woche zurück – und für uns geht’s endlich in die Boote. Bald erreichen wir den mächtigen Mackenzie. Treibeis begleitet uns wochenlang auf dem Weg nach Nordwesten. Donnernd krachen immer wieder tonnenschwere Eisschollen unter der Frühlingssonne in den Fluss. Kilometerlange, manchmal haushohe Eiswände säumen das Flussufer und erschweren unsere Lagerplatzsuche. Der Boden gleicht oft einer wassergesättigten Mondlandschaft.

Foto zur Mackenzie-Yukon-Expedition von Siglinde Fischer und Walter Steinberg.
… jede will doch nur ein Tröpfchen….
Foto: Walter Steinberg

22. Mai 2008, 4. Tag, Sigi: »Morgens 7 Grad und Regen. Unterwegs  noch mehr Regen und Eis, auf dem Fluss und am Ufer. Wärmer wird’s auch nicht. Lagerplatz zwischen vier Meter hohen Eisbrocken mitten im Schlamm, da, wo er am meisten nach Kies aussieht. Mit jedem Schritt robbt der Matsch an unseren Beininnenseiten höher. Mud Trapper könnte man uns nennen – statt Mad Trapper.«

Die Geschichte des Mad Trapper kennt am Mackenzie jeder. Albert Johnson hieß er und lebte erst kurz in einer Blockhütte am Rat River, als ihm die kanadische Polizei Ende 1931 einen Besuch abstattete – er sollte Fallen der Indianer zerstört haben. Statt mit Worten begegnete Johnson den Besuchern erst mit Schweigen, bei einem zweiten Besuch mit Schüssen. Johnson überlebte die Sprengung seiner Blockhütte im Januar 1932, und es folgte eine erbitterte Verfolgungsjagd in den Richardson Mountains, bei der erstmals auch Flugzeuge eingesetzt wurden. Tagelang narrte der Mad Trapper seine Verfolger, bevor die ihn auf dem gefrorenen Eagle River niederstreckten. Bis heute ist nicht bekannt, wer 
Albert Johnson wirklich war, woher er kam, warum er sich so verhielt. Geraubtes Geld? Das ist nur eine der Theorien.
Täglich nimmt die Kraft der Sonne zu. Die Vegetation explodiert, Blätter und Blüten überall – und Blutsauger: Mit jedem Grad Celsius mehr fällt das bedrohlichste und furchtloseste Raubtier der Arktis, die Stechmücke, hemmungsloser über uns her. Zum Lagern suchen wir deshalb vegetationslose Kiesbänke, die sind halbwegs mückenfrei. Aber das klappt auf dieser Tour nicht immer. Unsere Freunde im Camp sind daher Großlibellen – die fressen Moskitos.

Foto zur Mackenzie-Yukon-Expedition von Siglinde Fischer und Walter Steinberg.
Gehäuteter Biber oder doch lieber Gänsekeule?
Foto: Walter Steinberg

Wir erreichen die Mündung des Willow Lake Rivers. Dort leben Robert und Rita, zwei Dene-Indianer. Sie führen ein weitgehend traditionelles Leben und die Jugend kann von ihnen traditionelle Jagdkunst und handwerkliche Fähigkeiten lernen. Robert hat in der Nacht einen jungen Biber geschossen. Später hocken wir im Lager, schreiben Tagebuch, halten fest, was wir von den beiden erfahren haben:

24. Mai 2008, 6. Tag, Walter: »Der gehäutete, ausgenommene Biber wird geräuchert, dann gebraten oder gekocht. Besonders lecker sind auch der Biberschwanz und die -füße: Sie werden in Wasser getränkt, dann ins Lagerfeuer geworfen. Wenn die Haut sich wie ein Ballon aufbläht, kann sie einfach abgezogen werden – und das Fleisch darunter ist köstlich.«

Die Sicht der Dinge

Foto zur Mackenzie-Yukon-Expedition von Siglinde Fischer und Walter Steinberg.
Oder besser Lachs? – Garantiert fangfrisch.
Foto: Walter Steinberg

Etliche Kanufahrer beschreiben in ihren Reiseberichten den Mackenzie landschaftlich als monoton – ein Bild, dem wir nicht zustimmen können: Zwar mäandert der kanadische Riese nicht malerisch durch die Landschaft, auch weist er bei Weitem nicht so zahlreiche Inseln auf wie der Yukon. Vielmehr wird das Bild dominiert von den eindrucksvollen Flanken der Nahanni und der Mackenzie Mountains, die dem Verlauf des Stromes im Westen beziehungsweise im Osten folgen. Später presst sich der Mackenzie durch den Rampart Canyon, eindrucksvoll ragen hier über einige Kilometer beidseits siebzig, achtzig Meter hohe Felsklippen auf. Im Kleinen bietet der Mackenzie abwechslungsreiche Ufer: meterhohe, erdige Cutbanks (Steilufer), weitläufige, flache Abschnitte mit dicht an dicht gepressten Findlingen, einer römischen Straße gleich; schmauchende Böschungen, unter denen seit Jahrhunderten Schwelbrände keine Ruhe finden. Urzeitliche Meeresböden locken mit fossilen Meerestieren; in gigantischen Felswänden krallen sich vereinzelt Fichten fest. Einziger Wermutstropfen im Wildnisempfinden sind die Navigationsmarken für die Lastschiffe.

Foto zur Mackenzie-Yukon-Expedition von Siglinde Fischer und Walter Steinberg.
Wellen schaffen wildes Wasser.
Foto: Walter Steinberg

Und durch noch etwas unterscheidet sich der Mackenzie von anderen großen Flüssen, die wir zuvor in Nordamerika gepaddelt sind: einen strammen, fast berechenbaren Wind. Wie es sich für einen Paddeltag gehört, beginnt dieser Wind immer dann, wenn wir vormittags startklar waren – also gegen neun, zehn Uhr. Er bläst beständig entweder aus Nord oder aus Süd und legt sich erst dann, wenn auch wir uns legen – in den Schlafsack, abends. Oft peitscht er fast meterhohe Wellen auf dem Mackenzie auf, besonders, wenn Querströmungen mit im Spiel sind. Wir paddeln voll abgedichtet und konzentriert; hier zu kentern ist lebensgefährlich. Doch von den beiden berüchtigten Stromschnellen des grauen Riesen bekommen wir nichts mit – das Frühjahrs-Hochwasser hat sie verschluckt. Später im Jahr allerdings, bei niedrigem Wasserpegel, sollen besonders die Stromschnellen zu Beginn des Rampart Canyon auf der linken Flussseite gefährlich sein – dann lauert dort eine bis zu zwei Meter hohe Stufe mit gewaltigen Walzen und Strudeln. Die Saint-Sault-Rapids befinden sich etwa 20 
Kilometer stromauf davon am rechten Ufer, gegenüber der Mündung des Mountain River. Sie sind am linken Ufer gut zu umfahren.

Ein Tag, zweieinhalb Kilometer

Foto zur Mackenzie-Yukon-Expedition von Siglinde Fischer und Walter Steinberg.
Auch mit solchen Begegnungen sollte man rechnen.
Foto: Walter Steinberg

Nach knapp 1.000 Kilometern weitet sich vor uns das Mackenzie-Delta. Der Polarkreis liegt längst südlich. Wir besorgen in Arctic Red River Proviant für 40 Tage, sprich einen guten Zentner – mehr kriegen wir nicht rein in unsere Boote. 160 Kilometer stromauf durch die Richardson Mountains zum McDougall-Pass liegen vor uns. Der Peel River strömt träge mit zwei, drei Kilometern pro Stunde – ein Leichtes, dagegen anzupaddeln. Am Husky Channel treffen wir auf das Fischcamp von Caroline Kay, einer 93 Jahre alten Gwich‘in-Indianerin aus McPherson. Während ihr Sohn und ihre Töchter draußen Weißfische filetieren, sitzt sie im bullig warmen Blockhaus; das Radio dudelt auf der Fensterbank indianisch. Bald stellt sich heraus: Caroline ist eine Zeitzeugin; sie kannte den »Mad Trapper« als junges Mädchen persönlich! Die alte Indianerin bedankt sich immer wieder für unseren Besuch und zieht besorgt die Augenbrauen zusammen, als sie hört, dass wir den Rat River hinauf wollen: »You will have hard times!« warnt sie uns. Vor zwei Jahren hätten das zwei Norweger mit einem Birkenrinden-Kanu versucht und mussten aufgeben. Später erkennen wir: Sie wusste, wovon sie sprach.

Foto zur Mackenzie-Yukon-Expedition von Siglinde Fischer und Walter Steinberg.
Kanuwandern mal anders – zum Abnehmen perfekt geeignet!
Foto: Walter Steinberg

Am nördlichsten Punkt unserer Tour knickt der Rat River scharf nach Südwest. Dort beginnt eine dreiwöchige Hölle für uns, und der Begriff »Kanuwandern« bekommt eine ganz neue Bedeutung:Durch acht Grad kaltes Wasser zerren wir unsere Boote gegen Stromschnellen hoch. Doch die Sonne wärmt uns. Knapp 300 Meter Höhe gewinnt das Flüsschen auf seinen letzten etwa 70 Kilometern bis zum McDougall-Pass. Wir stolpern über glitschige, koffergroße Felsen, denn die »Ratte« ist trüb. Bereits nach zwei Tagen sind die kleinen Lecks, die vor allem Walters Boot schnell vom vielen Grundkontakt bekommt, ein echtes Problem:

24. Juni 2008, 37. Tag, Walter: »Schon an zehn Stellen sind die Kielstreifen durch. Wenn das so weitergeht, schaffen es die Boote nicht. Habe meinem eine Verstärkung unter dem Kiel verpasst: eine sechs Zentimeter starke Erle, mit drei Seilen am Boot fixiert. Das Schwierigste war, die Löcher zu bohren: mit einem glühenden Nagel.«

Zum Queren müssen wir jedes Mal heftig paddeln, durch teils meterhohe stehende Wellen, um auf dem schmalen Kiesstreifen gegenüber anzukommen. Dabei bloß nicht abtreiben und gegen den nächsten Felsen gepresst werden. Das Ganze zigmal am Tag.

Foto zur Mackenzie-Yukon-Expedition von Siglinde Fischer und Walter Steinberg.
Die Kräfte sind auf Fortbewegung fokussiert, ein Blick nach rechts und links lohnt trotzdem.
Foto: Walter Steinberg

27. Juni 2008, 40. Tag, Sigi: »Wir treideln rechts ein langes Strömungsstück hoch. Vorher überlegten wir zu queren, doch die Strömung war zu wild. Ich vermutete, dass es oberhalb dieses Gefällstücks etwas ruhiger sei und wir dort queren könnten. Doch oben angekommen, treffen wir auf hüfttiefes Wasser, starke Strömung, eine Cutbank mit abstürzender Taiga und zehn Meter hinter uns kochendes Wasser. Hier einsteigen? Wie soll denn das gehen?«

Ich bin erstaunt, wie berechnend und cool ich in solch kritischer Lage bleibe. Auch hat Walter in kniffligen Situationen stets dieselbe Idee zur Lösung wie ich; immer ziehen wir an einem Strang, sind ein perfektes Team. Manchmal kämpfen wir einen ganzen Tag, nur um abends zweieinhalb Kilometer vorangekommen zu sein. Hunger empfinden wir vor Erschöpfung nicht mehr, essen nur, weil es der Kopf befiehlt. Jeder von uns hat am Ende einige Kilogramm Körpergewicht unter den Strapazen verloren. Trotz der Anstrengung schaffen wir es, unsere Augen für die Schönheit der Richardson Mountains offenzuhalten: Elchbullen, die sich im Weidengebüsch mästen; die weite Hochebene der Tundra in der Ferne; ein Vogeljunges im Kies; Baumwollgras.

Foto zur Mackenzie-Yukon-Expedition von Siglinde Fischer und Walter Steinberg.
Feuer macht aus der Wildnis ein Zuhause.
Foto: Walter Steinberg

Dann ziehen Wolken auf, es regnet. »Bindet eure Boote fest!« diese Warnung gab uns die alte Indianerin mit auf den Weg. Wir machen das sonst fast immer – hier am Rat River machen wir es immer. Und finden unsere Boote einmal morgens im Wasser, weil der Pegel über Nacht knapp einen Meter zugelegt hat. Tagsüber halten wir nur durch, weil wir sofort bei jeder Pause eine herumliegende Baumwurzel anzünden, um uns zu wärmen und zu trocknen. Langsam wird die Ratte kleiner, zahmer. An jeder Mündung eines Seitenbaches prüfen wir genau unsere Position, vergleichen sie mit den Koordinaten und Informationen, die wir uns für die Schlüsselstellen zu Hause notiert hatten.

 

Doch kaum lässt etwa 20 Kilometer vor dem Pass das Wildwasser nach, bremsen zahllose Biberdämme, verkeiltes Treibholz, umgestürzte Bäume, Weiden- und Erlengestrüpp unser Vorankommen. Dann geht es nur noch auf dem Landweg weiter: 600 Meter stolpern wir über die Tundra zum Summit Lake ins Yukon Territorium. Am 9. Juli 2008 stehen wir zum ersten Mal dort. Unter einem bleichen Karibugeweih finden wir in einer Munitionsbox ein Gästebuch – angelegt 1964! Bewegt entdecken wir den Eintrag von Verlen Kruger und Clint Waddell vom 8. Sepember 1971. Unsere 150 Kilogramm Ausrüstung schleppen wir in fünf Gängen über den Pass.

Kalter Sommer

Foto zur Mackenzie-Yukon-Expedition von Siglinde Fischer und Walter Steinberg.
Im Rampart Canyon des Porcupine Rivers.
Foto: Walter Steinberg

Einen guten Meter breit ist der Bach, der den Summit Lake in Richtung Beringsee entwässert und uns in den Little Bell River führt. Theoretisch jedenfalls, praktisch ist er so voller Holz, dass wir bald aufgeben und lieber weitere 250 Meter dorthin portagieren. Erst im Bell River gibt es endgültig wieder genug Wasser zum Paddeln – zehn Meter freies Wasser, eine Wohltat! Wir fischen jeden Tag Äschen, können jede zusätzliche Kalorie gebrauchen. Wind und Wolken nehmen zu. Ende Juli erreichen wir erstmals seit fünf Wochen wieder eine Siedlung, sehen wieder Menschen: Old Crow am Porcupine River grüßt uns mit seinen Rentiergeweihen am Ufer. Bald darauf lassen wir uns von der grandiosen Canyon-Landschaft des Porcupine auf dem Weg nach Alaska berauschen. Augenscheinlich unsichtbar passieren wir mittendrin die Grenze von Alaska und sind damit in den USA.
Wegen des schlechten Sommerwetters – es ist der drittschlechteste seit Beginn der Wetteraufzeichnung – konstruiert Walter mit acht etwa drei Meter langen Weiden-stämmchen und unseren zwei Tarps ein Küchen-Tipi, das sich gut bewährt und das wir für den Rest der Reise verwenden.
Anfang August haben wir erstmals Yukonwasser unterm Kiel, und noch liegen 1.800 Kilometer vor uns. Der Fluss zieht gewaltig; das Hochwasser hat Kiesbänke und kleine Inseln verschluckt hat.
Motorboote sehen wir auch auf dem Yukon nur wenige; der hohe Spritpreis und die niedrigen Fangquoten für Lachse lassen die Leute zu Hause bleiben: Die Aufenthalte in den Fischcamps lohnen sich nicht. In Beaver und Stevens Village, zwei kleinen Indianerdörfern, herrscht akuter Treibstoffmangel; nachts gibt es keinen Strom. Nicht nur wir haben das Gefühl, das die Regierung die ganz kleinen Siedlungen am Fluss sterben lassen will – zu teuer ist ihr Unterhalt.

Foto zur Mackenzie-Yukon-Expedition von Siglinde Fischer und Walter Steinberg.
In Emmonak: Robbenfelle sind zum Trocknen gespannt.
Foto: Walter Steinberg

Unser Freund Wolf Hebel, ein 73-jähriger Auswanderer aus Braunschweig, wartet bereits in Ruby auf uns. Wolf lebte Ende der 60er Jahre mit einem alten Indianer zusammen, lernte von ihm das Trapper-Handwerk und gilt seit Langem als der deutsche Künstler am Yukon: Er schnitzt Tierfiguren aus Elchgeweihen, bemalt Elchschaufeln mit Naturmotiven. Wolf freut sich auf seine Autobiografie »Auf der Suche nach Freiheit«, die in ein paar Monaten endlich in Deutschland erscheinen wird.
Nur eine Tagesetappe stromab lebt Andy Gribbin in einer Blockhütte am Yukon – allein. Er war Berufsfischer in den »Lower 48« und zieht seit 20 Jahren die Einsamkeit des Yukons der gewinnorientierten Geschäftswelt vor. 2004 begegneten wir ihm zum ersten Mal. Andy muss jetzt 65 sein, und wir freuen uns auf ein Wiedersehen, erwarten einen reflektierten, besonnenen Aussteiger, der sein abgeschiedenes Leben in der Wildnis genießt. Doch uns bietet sich ein trauriger Anblick: Ein kranker Mann hockt vor uns, ohne Kraft, seine Hunde vor dem Schlitten zu halten, unfähig, sein Holz für den Winter zu sägen und zu transportieren. Seine Tage hier draußen sind gezählt.

Versöhnlicher Herbst

Foto zur Mackenzie-Yukon-Expedition von Siglinde Fischer und Walter Steinberg.
„Big sky country“ am Yukon im September.
Foto: Walter Steinberg

Hinter der Einmündung des Koyukuk Rivers knickt der Yukon für gut 500 Kilometer nach Süden. Bergflanken begleiten das rechte Ufer, links ist alles platt. Die Herbstfärbung setzt ein, gelb leuchten Birken und Weiden zwischen den dunklen Fichten. Ein paar Kilometer hinter Mountain Village liegt endlich bretteben das riesige Yukon-Delta vor uns: nur Wasser, Weiden, Pappeln, Gras – auf einer Fläche so groß wie Hessen. Die Lagerplatzsuche wird jeden Tag abenteuerlicher; trittfeste Uferstreifen sind selten ...

13. September 2008, 118. Tag, Sigi: »Nach drei Stunden  finden wir in einer Rechtskurve endlich ein Stück Ufer ohne Cutbank, wo wir gerade so an Land gehen können. Aber wir brauchen einen Knüppeldamm zum Entladen der Boote.«

Großes Glück haben wir in den letzten Tagen mit dem Wetter: kaum Wind, die Temperaturen oft noch zweistellig. So queren wir den mächtigen Yukon ohne großes Risiko, um den »richtigen« Arm zur Beringsee zu erwischen. Kurz bevor er sich verzweigt, misst er selbst an den engen Stellen noch über drei Kilometer in der Breite. Das Einzige, was uns passiert: Wir laufen ein paar Hundert Meter vor dem Ufer auf Grund. In der trüben Brühe sieht man keine fünf Zentimeter tief.
An unserem 128. Tag stehen wir nach 4.100 Kilometern an der Yukon-Mündung. Und als ob der Himmel uns das Ende unserer Tour leichter machen will, bläst an diesem Tag ein fieser Westwind, der uns schnell nach Emmonak zurückscheucht – nix Emotionen! Es kommt eben oft anders, als man denkt – und genau das macht das Reisen für uns so interessant.

 

Die DVD zur Reise von Walter Steinberg und Siglinde Fischer kann auf www.walter-steinberg.de bestellt werden.

Mehr von Walter Steinberg und Siglinde Fischer

Foto zur Mackenzie-Yukon-Expedition von Siglinde Fischer und Walter Steinberg.
27.10.2010

Nordland-Abenteurer auf Tournee

Das Abenteurer-Paar Walter Steinberg und Siglinde Fischer begibt sich mit zwei Multivisionsshows auf Deutschland-Tournee. In den Vorträgen »Kanada–Alaska« und »Sàpmi – Wildes Lappland« wird mit eindrucksvollen Landschaftsaufnahmen und haarsträubenden Expeditions-Stories Fernweh geweckt. Als Appetithappen gibt's hier einige exklusive Bilder, die Mackenzie-Yukon-Reportage aus KANU 4/2010, den Trailer zum Video und natürlich die Termine im Überblick.

»You will have hard times!« – Der Film zur Story

130 Tage lang waren die Abenteurer Walter Steinberg und Siglinde Fischer mit dem Faltboot in der Wildnis der westkanadischen Arktis und Alaskas unterwegs. Die ganze Geschichte gibt's im Heft 4/2010. Wir stellen den Film zur Expedition vor.