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Touren

Kajakchallenge (4): Rock'n'roll am Inn

26. August 2011 von Jürgen aus Bonn

Solange die Reifen tragen ... Auch im Hochsommer lassen die Challenger nichts anbrennen und stürzen sich in die Fluten. In Heft 6/11 erfahrt ihr wie es KANU-Reporterin Anja Klotz erging, die den blauen Truck an Isar, Rißbach und Co. begleitete. Genau eine Woche später folgt von Jürgen aus Bonn der nächste Statusbericht des Europa-Roadtrips – Zwischenstation ist das nahe Tirol mit dem angrenzenden Engadin.

Auftakt in Prutz

Foto zur Kajakchallenge 2011 in Tirol und im Engadin.
Start in eine neue Kajakwoche!
Foto: Archiv Kajakchallenge

Heute morgen ist es endlich so weit. Neben uns rauscht der Inn und die Stimmung ist gut. Mit sechs Teilnehmern hat unsere Gruppe geradezu Idealgröße. Gepaddelt sind wir auch alle schon mal. Aber noch nicht auf dem Inn und den Flüssen der näheren Umgebung. Allerdings haben wir schon viel vom Wuchtwasser auf Inn und Ötztaler Ache gehört.

Nach einer gründlichen Einführung wird das in großer Vielfalt vorhandene Testmaterial verteilt. Der Kajakchallenge-Truck sieht nicht nur imposant aus. Er enthält auch eine große Anzahl unterschiedlichster Utensilien, die man zum Paddeln benötigt. Das Sortiment reicht vom Boot bis zu allen erdenklichen Kleidungsstücken. Obwohl die meisten von uns mit eigenem Equipment angereist sind, nutzte am Ende fast jeder die Möglichkeit, sich mit dem einen oder anderen Ausrüstungsgegenstand einzudecken. Ich entschied mich für eine neue Trockenjacke, da das eigene Modell Auflösungserscheinungen zeigt. Ein neuer Helm mit Ohrenschützern wäre auch nicht schlecht, aber morgen ist auch noch ein Tag.

Picco hat versprochen, dass er uns heute noch nicht überfordern wolle. Wir sind gespannt. Der Kajakchallenge-Truck hat einen ziemlich beeindruckenden Sound. Diverse kleinere Kinder auf dem Campingplatz flüchten in die Arme ihrer Eltern, während wir vom Platz rollen. Unser Ziel ist der Zusammenfluss von Sanna und Inn in Landeck, einem lebhaften Städtchen, über dessen Erscheinungsbild man geteilter Meinung sein kann. Während der Truck zur Ausstiegstelle flussabwärts rollt, beäugt der Teil der Mannschaft, der nicht mit Umsetzen beschäftigt ist, Sanna und Inn. Erstere erscheint imposanter, wohl auch, weil sie auf den letzten Metern über ein Blockwurfwehr in einen Schwall mündet. Die klare Mehrheit entscheidet sich für die sichere Variante und den Einstieg unterhalb des Schwalls.

Foto zur Kajakchallenge 2011 in Tirol und im Engadin.
Die erste Stufe wartet schon ...
Foto: Archiv Kajakchallenge

Wir versammeln uns auf einer Kiesbank und harren der Dinge, die da kommen. Picco animiert uns dazu, im Auslauf des Schwalles Kehrwasserfahren und Traversieren zu üben. Natürlich will er bei dieser Gelegenheit auch unsere Paddelkünste begutachten. Schon nach kurzer Zeit sieht sich der ein oder andere gezwungen, die Kenterrolle zu demonstrieren. Der Fluss hilft gerne dabei, etwaige Hemmungen zu überwinden. Ich darf auch zweimal ran, bleibe aber dank der geliehenen Trockenjacke bemerkenswert trocken.

Nachdem Picco genug gesehen hat, bewegen wir uns flussabwärts auf dem Inn. Der Wasserstand arbeitet für diejenigen unter uns, die sich noch nicht als Wuchtwasserbrummen oder Walzenspezialisten verstehen. Von »Wuchtwasser« hatten wir wahrscheinlich eine etwas andere Vorstellung. Aber so bleibt genügend Zeit, die grandiose Landschaft zu bewundern und an diversen Spielstellen verschiedene Techniken zu üben. Der Fluss durcheilt das offene Tal mit vereinzelten Felsen, die im Flusslauf auftauchen. Letztere laden zu intelligentem Kehrwasserversatz ein – haben wir im letzten Jahr bei einem Kurs der Essener Kanuschule geübt. Es scheint was hängen geblieben zu sein.

Irgendwann taucht am rechten Ufer der Truck auf. Am Himmel dräuen tief hängende Wolken. Kurz nachdem wir die Ausrüstung verladen haben, prasselt heftiger Gewitterregen vom Himmel. Auch auf dem Campingplatz beginnt es pünktlich zum Abendessen zu regnen. Aber dank des Küchenzeltes sitzen wir im Trockenen und lauschen dem Regen auf dem Zeltdach. Morgen wollen wir je nach Wasserstand einen Abschnitt des Inn im Engadin erkunden.

Technisch und verblockt

Foto zur Kajakchallenge 2011 in Tirol und im Engadin.
Erste Sahne, das Wildwasser im Engadin.
Foto: Archiv Kajakchallenge

Der Wetterbericht prognostiziert den Durchzug einer Störung mit Gewittern und heftigem Wind. In der Tat hat es die ganze Nacht über geregnet. Im Laufe des Vormittages setzt sich dann die Sonne durch und hilft, unsere Kajakklamotten zu trocknen. Nach einer theoretischen Einführung in das Thema »Wuchtwasser« und seine spezifischen Gegebenheiten (Wellen, Walzen und Polster) machen wir uns gegen Mittag auf den Weg ins angrenzende Engadin. Zur Auswahl stehen je nach Wasserstand entweder Scuolser Schlucht oder Zernezer Strecke. Da der Wasserstand nach Meinung von Picco für letztere nicht ausreicht und man noch weiter hätte fahren müssen, entscheiden wir uns für die »Schulser«.

Laut Literatur handelt es sich um »wuchtiges Wildwasser« mit drei herausragenden Katarakten (WW III mit Stellen WW IV). Vom Truck aus erscheint das Ganze gar nicht so schwierig – aber auf dem Fluss sieht bekanntlich alles anders aus. Die Kombination aus einer nicht unerheblichen Verblockung und einer gewissen Wasserwucht erweist sich bei der Befahrung rasch als ziemlich tricky. Schon kurz nach dem Einstieg folgt der erste von drei Katarakten. Nach einer ausgiebigen Besichtigung entschließen sich einige von uns, einen Befahrungsversuch zu wagen. Befürchtungen hege ich vor allem in Bezug auf die Einfahrt in den Katarakt, wo eine kleine Welle/Walze das Konzept hätte vereiteln können. Auf Piccos Spuren erweist sich die Befahrung jedoch deutlich einfacher als befürchtet. Augenzeugen berichten von einem fetten Grinsen, das sie im Auslauf des Kataraktes auf meinem Gesicht gesehen haben wollen.

Foto zur Kajakchallenge 2011 in Tirol und im Engadin.
Immer gut am Stock ziehen, dann ist das Kehrwasser ein Kinderspiel.
Foto: Archiv Kajakchallenge

Vom Erfolg beflügelt tänzeln wir flussabwärts zu einer harmlos aussehenden Stufe. Schon von weitem sehe ich Susas Boot kieloben im Auslauf treiben und schrecke hoch. Unmittelbar in der Stufe folge ich ihrem Beispiel und kippe auch mal wieder. Wildwasserfahren ist halt eine komplexe Sportart, die neben der Fähigkeit, die Situation richtig einzuschätzen, auch motorisches Geschick erfordert, um schnell und angemessen reagieren zu können. Ein Prallpolster erkennen ist das eine – richtig reagieren das andere.

Leider misslingen diverse Rollversuche, so dass ich mich notgedrungen zum Ausstieg entschließe und bei der folgenden Schwimmeinlage sehr schmerzhaft Bekanntschaft mit diversen im Fluss liegenden Felsbrocken mache. Dabei geht auch mein Paddel verloren und die Befahrung der Scuolser Schlucht endet in meinem Fall an der »Fontana Bonifacius«. Hierbei handelt es sich um eine stark frequentierte Heilquelle, deren Wasser wir später verkosten. Schmeckt ähnlich schlecht wie das Wasser des Inns.

Susa tut es mir freundlicherweise gleich, um mir Gesellschaft zu leisten. Wir verbringen rund drei Stunden beim Sonnen auf einer Fußgängerbrücke und diversen Lockerungsübungen für die geprellten Rückenmuskeln. Währenddessen fällt der Pegel um rund einen halben Meter. Schade, dass er uns diesen Gefallen nicht schon vorher getan hat. Dem Vernehmen nach soll der Fluss noch das eine oder andere Opfer gefordert haben.

Hundehütte, Hundehütte!

Foto zur Kajakchallenge 2011 in Tirol und im Engadin.
Auf der Imster Schlucht.
Foto: Archiv Kajakchallenge

Bei strahlendem Sonnenschein verkündet Picco am nächsten Tag, dass man die Imster Schlucht in Angriff nehmen wolle. Der Einstieg solle in Schönwies erfolgen, damit wir genügend Zeit zum Eingrooven hätten. Aber wirklich eilig hatte es niemand. Jan berichtete von einem Skiurlaub, in dem er einen Skikurs beobachtet hatte. Eine Gruppe von Kids sei völlig angstfrei hinter einem Skilehrer her geheizt. Dieser habe gebrüllt: »Hundehütte, Hundehütte«. Die Kids antworteten mit »Wauwauwau!« und vergaßen darüber ihre Angst vor der rasanten Abfahrt.

Bei der Anfahrt bemerken wir am Staudamm von Fließ, dass dort anders als an den Vortagen erhebliche Wassermengen abgelassen wurden. Mich beunruhigte die Vorstellung, diesen Wassermassen in der Imster Schlucht zu begegnen. Aber erstmal war Abhängen an der Sannamündung angesagt, wo später unsere Fahrt beginnen soll. Wir räkeln uns im Schatten in Ufernähe, verscheuchen Bremsen, Wespen und Ameisen und beobachten, wie der Pegel des Inn von Minute zu Minute steigt. Ich übe inzwischen Trockenpaddeln mit dem Paddel eines anderen Herstellers. Fühlt sich irgendwie komisch an – kein Wunder, ist ja auch links gedreht, was sich dank Varioschaft leicht ändern lässt.

Die ersten rund zehn Kilometer auf dem zügig dahin fliessenden Inn gehen schnell vorbei. Ich nutze die Zeit zum Ausprobieren des neuen Paddels und bin sehr überrascht. Offenbar sind bestimmte Entwicklungen des Paddelbaues in den letzten Jahren spurlos an mir vorüber gegangen. Kurz vor dem Rafteinstieg am Klärwerk Imst versammelt Picco seine Schäfchen in einem gigantischen Kehrwasser. Nun werde es ernst, meint er.

Foto zur Kajakchallenge 2011 in Tirol und im Engadin.
Das Tiroler Inntal ist im Sommer absolut wassersicher und fordert dem fortgeschrittenen Paddler einiges ab.
Foto: Archiv Kajakchallenge

Einige hundert Meter vor uns verschwinden einige Rafts in Wellen, die ziemlich riesig wirken. Unter der Brücke werden die Details des Eingangsschwalles erkennbar: Wuchtige Wellen, überwiegend von vorne, teils auch von beiden Seiten, verursachen vorübergehend eine Erhöhung der Pulsfrequenz. Dem Schwall folgt viel zu schnell ein ruhiger Abschnitt, an dessen Ufer wir uns für weitere Herausforderungen stärken und eine Reihe von Rafts passieren lassen.

Wieder auf dem Fluss ruft es von vorne plötzlich »Hundehütte, Hundehütte….« – die gewünschte Antwort der Gruppe (siehe oben) folgt unverzüglich. Da wissen wir plötzlich, jetzt wird es ernst. Schwall folgt auf Schwall, die Wellen werden wuchtiger, die Backen dicker. Felsen im Flusslauf sind hier selten, dafür taucht die ein oder andere Walze unvermutet auf. Es hat auf jeden Fall Vorteile, der Linie des Kanulehrers zu folgen und nicht drei bis vier Meter seitlich davon zu fahren. Filigrane Paddelmanöver sind hier eher fehl am Platz. Etwaige Kenterungen ziehen längere Schwimmeinlagen nach sich, da Kehrwässer eher selten sind und die Strömung Schwimmer in die Mitte zieht. Dies führt dazu, dass die Imster Schlucht zu Zeiten, als man noch mit Trainingsanzug und Gummistiefeln unterwegs war, als sehr schweres Wildwasser eingestuft wurde. Heute wird die Strecke mit einem schwachen Dreier bewertet.

Wir kommen nahezu ohne Schwimmeinlage aus und haben großen Spaß auf dem Fluss. Die Memminger Walze, die sich angesichts des recht hohen Wasserstandes (2,90 Meter) eher als Welle darstellt, umfahren wir taktisch klug und weiträumig auf der linken Seite. Durch den Zufluss der Ötz erhält der Fluss noch einmal deutlich mehr Wasser. Die flussabwärts folgenden Schwälle warten daher mit wuchtigen Wellen auf. Je weiter wir fahren, desto breiter wird das Grinsen auf unseren Gesichtern. Viel zu schnell erreichen wir die Ausstiegstelle in Haiming. Das war super!!! Für einen zweiten Ritt reicht die Zeit leider nicht, aber auf der Imster Schlucht waren wir bestimmt nicht das letzte Mal.

Ab auf die Sanna!

Foto zur Kajakchallenge 2011 in Tirol und im Engadin.
Business as usual – Entladen des Trucks.
Foto: Archiv Kajakchallenge

Nach einem heftigen Unwetter am Vorabend war der Inn am nächsten Tag signifikant angeschwollen. Wassermassen, die farblich an Milchkaffee erinnerten, stürzten talwärts. Zum Glück hat Picco an seinem freien Tag einen Blick auf die Sanna geworfen und diese für fahrbar befunden.

Die Sanna entsteht am Zusammenfluss von Rosanna und Trisanna und mündet nach wenigen Kilometern in den Inn. Unter Paddlern gilt die Sanna als »Hausbach« all derjenigen, die auf dem Campingplatz in Landeck logieren. Der Fluss wurde vielfach beschrieben und ist hinlänglich bekannt. Seit einem Hochwasser im Jahr 2005 soll er an Reiz verloren haben. Ob dies der Fall ist, kann ich nicht beurteilen. Die Literatur spricht von wuchtigen und technisch anspruchsvollen Schwällen und Katarakten. Immerhin hatte ich Teile der Sanna vor einigen Jahren rund um das »Schiefe Eck« im Rahmen eines Sicherheitskurses schwimmend kennen lernen dürfen.

An der Einstiegestelle am linken Flussufer zwischen Pians und dem Zusammenfluss von Rosanna und Trisanna sind wir schon dicht am Geschehen. Vom Ufer aus wirken die Wellen nicht allzu mächtig. Allerdings strömt der Fluss, der verglichen mit dem Inn relativ schmal erscheint, mit einer konstanten, relativ hohen Geschwindigkeit talwärts.

Mit Booten auf dem Fluss wirken die Wellen schon etwas größer und vom eigenen Boot aus gesehen erscheinen sie in Kombination mit den zahlreichen Felsen im Fluss noch mal größer. Die Geschwindigkeit des Flusses in Kombination mit der Verblockung erfordert stete Konzentration. Der Adrenalinspiegel steigt kontinuierlich, je näher wir dem »Schiefen Eck« kommen. Kehrwässer, die groß genug für alle gewesen wären, haben Seltenheitswert, da die Ufer der Sanna seit dem Hochwasser im Jahr 2005 weitgehend befestigt sind. Die beliebte »Wolkenformation« war daher eher nicht angesagt.

Foto zur Kajakchallenge 2011 in Tirol und im Engadin.
Aufwärmen mal anders - die Kiesbankliegestütze.
Foto: Archiv Kajakchallenge

Auf Piccos Spuren tanzen wir auf den Wellen talwärts und weichen dabei etwaigen Walzen und Steinen aus. Ohne Picco an der Spitze hätten wir die Ideallinie sicher nicht so reibungslos gefunden. So nähern wir uns in geordneter Formation dem »Schiefen Eck«, halten uns in der Innenkurve und umschiffen die gröbsten Hindernisse. Hinter dem »Schiefen Eck« wird der Fluß etwas flacher, meine Pulsfrequenz senkt sich um einige Schläge. Aber nach kurzer Zeit nimmt das Gefälle und die Fließgeschwindigkeit bei einer Verengung des Flussbettes wieder zu. Ziemlich rasant fädeln wir uns unter Picco’s Führung in eine lang gezogene Rechtskurve ein und sehen den Pianser Schwall vor uns.

Vom Boot aus betrachtet wirkt das Ganze deutlich wuchtiger als aus dem Fenster des Trucks. Viel Zeit zum Überlegen bleibt allerdings auch nicht. Von der rechten Seite aus gelangen wir durch zahlreiche Wellen vorbei an Felsen und Walzen nahezu ohne Schwimmeinlage in die Nähe des „»Magnetfelsens«. Oberhalb desselben tänzelt eines der Sponsorenboote längere Zeit führerlos in einer kräftigen Walze. Nach einigen Minuten entschließt es sich dann aber doch zur Weiterfahrt und kann in ein Kehrwasser bugsiert werden. Beherzt schwimmend gelangt auch der zum Boot gehörende Paddler wieder zu seinem Gefährt. Schwimmen ist in der Sanna schon wegen der Temperatur des Wassers und der zahlreichen Felsen kein Vergnügen – Rollen wegen der stark variierenden Wassertiefe allerdings auch nicht.

Unterhalb des Pianser Schwalls nehmen die Schwierigkeiten etwas ab. Der Fluss behält aber seine kontinuierliche Geschwindigkeit und bietet uns weiterhin eine abwechslungsreiche Fahrt. Viel zu schnell erreichen wir die Ausstiegstelle an der Mündung des Inn. Der Ritt auf der Sanna hat viel Spaß gemacht. Beim nächsten Mal könnte man bei etwas niedrigerem Wasserstand vielleicht das eine oder andere Kehrwasser in der Flussmitte ansteuern (Pegel in Landeck ca. 80 cm).

Alles Schöne hat ein Ende

Foto zur Kajakchallenge 2011 in Tirol und im Engadin.
Die Challenger bei der vollverdienten Pause.
Foto: Archiv Kajakchallenge

Viel zu schnell bricht der Morgen des letzten Tages unserer Woche bei der Kajakchallenge an. Dem heftigen Unwetter in der Nacht zum Vortag war eine vorübergehende, wenn auch verspätete Wetterberuhigung gefolgt. Das Nordalpenwetter erweist sich als launisch und meine Laune sinkt rapide bei der Aussicht, das morgendliche Jogging doch tatsächlich bei Dauerregen zu absolvieren.

Auch Picco scheint nicht gerade amüsiert über den neuerlichen Regen zum Frühstück zu sein. Wir sitzen im Küchenzelt, nippen am Kaffee, verspeisen Kantwurst mit Semmeln und blicken unseren Kajaklehrer erwartungsvoll an. Wohin wird er uns heute führen? In das Engadin wegen der langen und kostspieligen Anfahrt wohl eher nicht; die Tösener und die Landecker Schlucht würden wegen des hohen Wasserstandes ebenso ausfallen wie die Imster Schlucht. Der Innabschnitt zwischen der Mündung der Sanna und Schönwies solle es sein, verkündet Picco schließlich.

Mit teilweise trockener Kleidung ausgestattet klettern wir ein letztes Mal in den Truck und röhren in Richtung Landeck. Mitten in Landeck überrascht uns Picco mit der Mitteilung, dass wir zunächst noch zur Einstiegstelle der Sanna fahren, weil er mit Joachim noch schnell dort paddeln wolle.

Am Einstieg in die Sanna treffen wir eine deutsche Paddlergruppe, zu der auch ein Mitglied einer bekannten Kajakdynastie vom Niederrhein zählt. Nur zu gerne nehme ich das Angebot wahr, Joachim und Picco bei der Tour auf der Sanna zu begleiten. Dem Augenschein nach scheint der Wasserstand gegenüber der gestrigen Fahrt ein wenig gesunken zu sein, aber je länger ich auf den Fluss starre, desto unsicherer werde ich mir in meiner Wahrnehmung.

Foto zur Kajakchallenge 2011 in Tirol und im Engadin.
Picco lässt sich mal so richtig treiben, die Paddler freut's.
Foto: Archiv Kajakchallenge

Auf dem Fluss kann ich hinsichtlich des Wasserdrucks keinen Unterschied zum Vortag ausmachen. Nach wenigen Metern stellt Hasi erleichtert fest, dass Tiger sich entschlossen hat mitzufahren und das Kommando zu übernehmen. Picco variiert seine Linie an einigen Stellen, booft über Felsen, durchquert Walzen und dreht sich mit forschendem Blick zu uns um. Meist folgen wir seiner Linie. Wenige Male nehme ich mir die Freiheit, den Stein zu umfahren, statt über ihn hinweg zu fahren. Manche Stellen scheinen schon vertrauter – der Pianser Schwall aber flößt nicht weniger Respekt ein als am Vortag. Tiger ist entschlossen, nicht ernsthaft nass zu werden und wir gelangen ohne Zwischenfälle durch den Schwall. Viel zu rasch nähern wir uns Landeck, wo die übrigen Mitglieder der Gruppe auf uns warten. Gemeinsam bewältigen wir das Wehr an der Mündung der Sanna und setzen unsere Fahrt auf dem Inn fort.

Ungefähr an dieser Stelle hat Tiger keine Lust mehr und lässt Hasi und mich allein im Kajak zurück. Entsprechend unmotiviert dümpeln wir auf dem Inn bei knackigem Wasserstand flussabwärts und möchten uns nicht auf die von Picco vorgeschlagenen Übungen im Surfen einlassen. Stattdessen steuern wir zahlreiche Kehrwässer an, denn so kräftige Verschneidungen gibt es in unseren Regionen eher selten. Schließlich erreichen wir unsere Ausstiegstelle und kehren in das Camp nach Prutz zurück. Ich bin richtig platt.

Spätestens beim gemeinsamen Abbau des Camps wird uns bewusst, dass unsere Woche auf Tiroler Gewässern damit schon vorbei ist. Echt schade! Es hat großen Spaß gemacht, »richtige« Wildwasserflüsse weitgehend angst- und stressfrei kennen zu lernen. Auch wenn es sich nicht um einen Kajakkurs im herkömmlichen Sinne handelte, habe ich das Gefühl, eine Menge gelernt zu haben. Dazu trägt neben der kompetenten und überaus sympathischen Gruppenleitung durch Picco sicher auch die weitgehend homogene Teilnehmergruppe bei. Lediglich das Wetter im Inntal lud nicht gerade zum Zelten ein. Aber es muss auch nicht immer das Inntal sein. Wir freuen uns auf eine Fortsetzung – irgendwo, irgendwann.

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