Wir befinden uns immer noch im tief eingeschnittenen Tal des Rio Mayer, ganz am Ende der Carretera Austral weit im Süden Chiles. Die erste Hälfte, eine schwere und eindrückliche Klamm, haben wir geschafft, danach empfing uns ein offenes Bachbett ohne Schwierigkeiten. Fast schon wähnten wir uns am Ausstieg, als plötzlich die Wände wieder näher zusammenrücken.
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Die Abenteuer des Don Ron (9): Am Rio Mayer
Wir paddelten um die nächste Kurve, es folgte ein wuchtiger Katarakt, ein paar hundert Meter Flachwasser und dann diese Abrisskante. Die Wände, auf beiden Seiten mindestens 50 Meter hoch, waren fast senkrecht. In einem großen, letzten Kehrwasser sammelten wir uns und schauten uns unsicher an. Fünfzig Meter vor uns die Abrisskante, dahinter Gischt, links eine senkrechte Felswand und von rechts verengt ein Erdrutsch den Fluss. Zwar bot ein Mikrokehrwasser auf der rechten Seite Zuflucht, ein Rückzug war von dort jedoch nicht mehr möglich. Auf der linken Uferseite fand ich eine Möglichkeit auszusteigen und hoch zu klettern. Von dort oben konnte ich auf die Stufe hinabsehen. Sie war ungefähr drei Meter hoch und hatte einen unüberwindbaren Rücklauf. Von dem winzigen Not-Eddy hätte man vielleicht aussteigen können und über den Erdrutsch umtragen, doch ich sah keine Möglichkeit wieder einzusteigen. Selbst wenn man den Absprung schaffte würde man wahrscheinlich von den Pilzen im Kehrwasser direkt in den Rücklauf geschoben werden. Was nach der nächsten Kurve kommt, wussten wir ebenfalls noch nicht.
Severin paddelte zu mir rüber und gemeinsam kletterten wir bis zum Rand der Schlucht. Die Anderen schauten uns kopfschüttelnd zu. Sicherung? Oben war alles voller Dornenbüsche und das Vorklettern um Einblick um die Kurve zu bekommen war mehr als mühsam. Mariann kämpfte sich auf der flussrechten Seite ein Kehrwasser weiter hoch und kletterte ebenfalls zum Schluchtrand. Eine Stunde später trafen wir uns wieder im großen Kehrwasser. Fazit: Nach der Kurve geht es fast flach, jedoch stark strömend mit einer langen Geraden weiter. Nach ein paar hundert Meter wartet die nächste Stromschnelle, die wiederum um die nächste Kurve verschwindet. Als Zugabe wird der ganze Abschnitt auf beiden Seiten von senkrechten Felswänden begrenzt, keine Chance hier auszusteigen. Rechts könnte man die unfahrbare Stelle eventuell umtragen, besser gesagt »umseilen« um mit einem etwa sieben Meter hohen Felsenstart zurück in den Fluss zu gelangen. Klar war jedoch, bevor wir dort einsteigen, müssen wir zunächst die Schlucht von Nahem erkunden. Die Umtrage auf der rechten Seite würde Stunden dauern und so wollte ich den Erdrutsch genauer unter die Lupe nehmen.
Ich beschloss in das Mikrokehrwasser zu paddeln, um zu sehen, ob man vielleicht doch einsteigen und aus dem Kehrwasser paddeln könnte. Mit einem Seil als Hilfe würde ich zurück klettern können. Das Kehrwasser war gerade so groß, dass das halbe Kajak Platz hatte! Um möglichst schnell aus dem Kajak springen zu können, paddelte ich mit offener Spritzdecke auf das Kehrwasser zu. Sobald meine Spitze im Eddy war sprang ich aus dem Boot, landete im Wasser, konnte mich jedoch an einem Stein mit der einen und das Kajak mit der anderen Hand festhalten. Geschafft! Jetzt stand ich direkt neben der mächtigen Stufe. Der Rücklauf war riesig und die Pilze im Kehrwasser danach größer als es von oben aussah. Mühsam hätte man zwischen den Steinen ins Boot steigen können, doch die Pilze hätten das Boot direkt zurück in den Rücklauf geschoben. Mariann und Severin kamen mir nach einer Weile von oben mit dem Seil zu Hilfe und brachten mich zurück zum Ausgangspunkt.
Mittlerweile war es fünf Uhr nachmittags. Wir waren alle müde und so beschlossen wir, trotz weiteren fünf Stunden Tageslicht, einen Weg aus der Schlucht zu suchen. Ich erinnerte mich daran, dass 500 Meter flussauf, direkt nach dem Schluchteingang, ein kleiner Seitenbach von links mündete. Es war möglich zur nächsten Stromschnelle zurück zu paddeln, diese auf der Seite hoch zu tragen und dann bis zum Seitenbach gegen die Strömung hoch zu paddeln. Gesagt, getan: Eine Stunde später deponierten wir die Kajaks am Ufer und suchten uns einen Weg zurück zur Straße. Es war überraschend einfach einen Weg durch die Büsche und später durch den Wald zu finden, so dass wir nach knapp einer Stunde die Straße erreicht hatten. Das einzige Fahrzeug, das vorbeikam, nahm uns leider nicht mit und so mussten wir die ganzen acht Kilometer bis zum Ausstieg laufen, wo unser Auto stand.
Abendessen, Schlafen und am nächsten Morgen zurück zu den Kajaks. Plan war, wieder zurück zur unfahrbaren Stelle zu paddeln, auf der rechten Seite die Kajaks zum Schluchtrand aufzuseilen um dann soweit zu umtragen bis wir auf Wasserniveau absteigen konnten. Leider kamen nur vier von uns Sechs bei den Kajaks an. Nach halbstündigem Warten machte ich mich auf die Suche nach Severin und Seppi. Ich dachte, sie hätten sich vielleicht verlaufen, konnte aber weit und breit keine Spur von ihnen entdecken. Wir harrten drei Stunden bei den Kajaks aus, bis wir beschlossen wieder zurück zu den Autos zu laufen. Spät abends gegen neun trafen die zwei Vermissten dann auch in Villa O'Higgins ein. Sie seien auf der linken Seite den ganzen Fluss entlang gelaufen um sich die Folgestrecke anzuschauen. Zwei Kilometer weiter käme eine weitere unfahrbare Passage und sie wussten nicht, ob man davor aussteigen könne. Sie waren ziemlich k.o. und wollten am nächsten Tag eine Pause einzulegen. Also gut, ein Tag verordneter Pause, aber ganz untätig wollte ich nicht bleiben: Zusammen mit Jakub machte ich mich daran einen anderen Fluss, den Rio Mosco, auszukundschaften.
Am vierten Tag machten wir uns zu sechst wieder auf den Weg zurück zu den Kajaks auf dem Rio Mayer. Wir paddelten bis zur nicht fahrbaren Stelle und seilten die Kajaks rechts die Schluchtwand hinauf. Wir wussten, dass die nächste unfahrbare Stelle zwei Kilometer weiter unten kommen würde. Wir entschieden uns, anstatt ohne Boote einen Ausstieg davor zu suchen, die Kajaks gleich mitzunehmen. Zweieinhalb Stunden kämpften wir uns durchs Gebüsch, durch Sümpfe oder teilweise ganz einfach durch offenen Wald. Nach kurzer Brotzeit stiegen wir endlich in unsere Kajaks. Gleich zu Beginn folgte eine langer Katarakt. Maxi jagte uns allen voraus und übersah prompt die Walze am Ende und wurde aufgemischt. Als ich als letzter in der Gruppe an ihm vorbei paddelte war er immer noch am rotieren. Es war klar, dass er gleich aussteigen würde. Irgendwann wird ihm ja wohl die Luft ausgehen. Die einen waren schon draussen und standen mit dem Wurfsack bereit als er endlich angeschwommen kam. Maxi war ziemlich außer Atem, doch das Lachen verliert der Mann zum Glück nie! Wir konnten alles Material bergen und kurze Zeit später waren wir wieder auf Kurs. Die nächsten sechs Kilometer waren traumhaftes Wildwasser. Die Schlucht atemberaubend, das Wildwasser purer Genuss mit drei perfekten Surfwellen auf halber Strecke. Ein unglaubliches Gefühl überfiel uns alle als die Brücke am Ausstieg endlich zu sehen war. Lecker Bier am Ausstieg und alles war in bester Ordnung :)
Rio Mayer, ich komme wieder! Das nächste mal mit Schlafsack und Proviant im Kajak und halb so viel Wasser im Fluss!
Ich würde euch gerne Fotos zeigen von den unfahrbaren Stellen. Doch irgendwie haben wir beim Auschecken unserer Optionen das Knipsen vergessen.







































