Man muss es ja nicht gleich übertreiben – doch die Anforderungen an einen Kopfschutz im Wildwasser werden immer diffiziler. Das wissen auch die Hersteller und haben reagiert. Bessere Passform, erhöhte Schlagdämpfung, stabilere Schalen stehen auf der Habenseite. Doch ob es schon an der Zeit ist, sich auf den Lorbeeren auszuruhen, klärt dieser Test.
Inhaltsbereich
Test & Technik
Was auf die Rübe: 6 Kajak-Helme im Test
Bewusstlosigkeit im Wildwasser bedeutet akute Lebensgefahr.« Claus Brummer, ehemaliger AKC-Präsident und im Hauptberuf Kieferchirurg, bringt die Problematik auf den Punkt. Antje Böhm, die jüngst im Namen des AKC eine Mitgliederumfrage zum Thema Sicherheit durchführte, legt nach: »7 von 100 Paddlern haben bereits ihre eigenen Erfahrungen mit dieser Problematik gemacht.« Immer wieder hört man von Unfällen, bei denen Paddler nach einer Kenterung Kopf voran mit einem Hindernis kollidierten und dadurch k. o. gingen. Wenn dann die Kameraden nicht schleunigst die Bergung des Verunfallten in die Wege leiten und am Ufer Ersthilfe leisten, droht der Ertrinkungstod. Zwei prominente Beispiele dieses Unfallszenarios, die zum Glück mit dem Leben davonkamen, sind die deutschen Paddler Dirk Schwarzer und Ingo Kiewel. Ersterer kenterte im Söldenkatarakt auf der Ötztaler Ache, Zweiterer in den Seestufen der Trisanna. Da sie mit den seinerzeit auf dem Markt befindlichen Helmen nicht zufrieden waren, trugen beide selbstlaminierte Modelle aus Glasgewebe bzw. Kevlar-Carbon. Die Helmschalen verteilten die auftretenden Kräfte über eine große Fläche und blieben intakt, eine Schädelfraktur wurde dadurch vermutlich vermieden, eine Bewusslosigkeit jedoch nicht. Beide konnten von ihren Kameraden geborgen und ohne Folgeschäden wiederbelebt werden. Nicht so der US-Amerikaner Lucas Turner, der auf dem North Fork of Payette in Idaho kenterte und sich schwimmend aufgrund eines nach hinten gerutschten Helmes derart massive Kopfverletzungen zuzog, dass er nach langen Minuten im Wasser nur noch tot geborgen werden konnte. Drei Beispiele, die verdeutlichen, welche Bedeutung einem guten Helm im Wildwasser zukommt. Diese Unfälle spielten sich zwar allesamt auf schwerem Wildwasser ab – doch der Teufel ist ein Eichhörnchen, und wer garantiert einem, dass auf Oker, Loisach oder bei der Wehrbefahrung im Sauerland nicht Ähnliches passiert? Und gibt es nicht eine Vielzahl von Paddlern, die noch vor Jahren mühsam am Vierer kratzten und nun dank besserer Ausrüstung, moderner Paddeltechnik (Stichwort Boof) und professioneller Lehre (Privatstunden bei Olli Grau & Co.) plötzlich Rutschen und Wasserfälle aufs Korn nehmen, die bisher den Profis vorbehalten waren?
Harte Schale, harter Kern?
Erstes Hauptaugenmerk beim Kauf ist eine maximal schützende Helmschale. Sie sollte vorne bis zu den Augenbrauen, hinten fast bis ins Genick und seitlich bis über die Ohren reichen. Die in letzter Zeit immer populärer werdenden Halbschalen-Helme, »Half- oder Sidecut« genannt, bieten hinten und seitlich deutlich weniger Schutz als die Vollschalen. Das Optimum in Sachen Schutz ist natürlich ein Helm mit integriertem Kinnbügel, wie er etwa von Sweet angeboten wird. Doch es ist nicht allein der Preis von 349 €, der die Käuferschar mikroskopisch gering hält. Auch in Sachen Verständigung, Atmung und Sichtfeld muss der Nutzer Einbußen hinnehmen. Die von uns getesteten Helme besitzen entweder eine Schale aus Spritzguss-Plastik (aus ABS, Polyethylen oder Polyurethan) oder harzgetränkten Fasergeweben. Letztere bieten überragende Festigkeitswerte, auch über einen längeren Zeitraum hinweg. Denn wenn die Plastikhelme durch UV-Strahlen längst mürbe geworden sind, halten die Fasern der Gewebehelme die Schale zusammen – eine Wahl für Profis.
Genauso wichtig wie die Schale? Das Innenleben eines Helms

Doch wenn es mal so richtig rappelt, ist eine gute Schale nur die halbe Miete. Das Innenleben übernimmt den Großteil der Stoßabsorption und erfordert daher mehr als einen kritischen Blick. Viele Hersteller setzen beim Helmfitting auf EVA (Ethylenvinylacetat) oder geschlossenzelligen PU-Schaum in unterschiedlicher Dicke. Generell gilt: je fester und dicker dieser Schaum, desto besser der Schlagschutz. Sweet schlägt dagegen einen anderen Weg ein und setzt auf eine stoßdämpfende Polypropylenschale als Innenleben, so wie man sie von Fahrradhelmen kennt. Ähnliches gilt für den Artistic, bei dem ein zweischichtiges Konstrukt aus patentiertem »Brock-Foam« und komfortablem EPS-Schaum zum Einsatz kommt. Achten sollte man auf genügend Überstand an Stirn und Schläfen. Denn je weiter der Helm an Augenbrauen und Ohren vorsteht, desto besser hält der Helm Steine in diesen neuralgischen Bereichen auf Abstand. Hier punkten besonders Helme wie der Artistic mit seinem kompakten Schirmchen. Dieser ist nicht nur Sonnenschutz, sondern dient zugleich als verlängerte Knautschzone. Damit der Helm im Gemische an Ort und Stelle bleibt, sorgen Gurte für den richtigen Halt. Nur dem hinten sehr tief geschnittenen Predator reicht ein Kinnriemen, alle anderen vertrauen auf eine Vierpunkt-Aufhängung, die den Helm fixieren und ein Nach-hinten-rutschen verhindern soll. Damit das gelingt, ist eine Anpassung der einzelnen Gurtlängen und eine exakte Positionierung der Umlenker unterhalb der Ohren nötig. Und: je weiter die Gurtfixpunkte auseinanderliegen, desto besser.
Faktor Farbe
Ein weiteres Auswahlargument ist die Farbe der Helmschale. Selbst bei neonfarbener Paddeljacke und schockfarbener Schwimmweste bleibt der Helm das augenfälligste Ausrüstungsteil im Falle eines Schwimmers oder Klemmunfalls. Viele der vorgestellte Helme sind in verschiedenen Farben erhältlich, KANU empfiehlt allein die signalfarbenen. Abzüge in der B-Note erhält hier der Ainsworth-Helm, der nur in Tarnschwarz erhältlich ist. Doch wenn es mal so richtig rappelt, ist eine gute Schale nur die halbe Miete. Das Innenleben übernimmt den Großteil der Stoßabsorption und erfordert daher mehr als einen kritischen Blick. Viele Hersteller setzen beim Helmfitting auf EVA (Ethylenvinylacetat) oder geschlossenzelligen PU-Schaum in unterschiedlicher Dicke. Generell gilt: je fester und dicker dieser Schaum, desto besser der Schlagschutz. Sweet schlägt dagegen einen anderen Weg ein und setzt auf eine stoßdämpfende Polypropylenschale als Innenleben, so wie man sie von Fahrradhelmen kennt. Ähnliches gilt für den Artistic, bei dem ein zweischichtiges Konstrukt aus patentiertem »Brock-Foam« und komfortablem EPS-Schaum zum Einsatz kommt. Achten sollte man auf genügend Überstand an Stirn und Schläfen. Denn je weiter der Helm an Augenbrauen und Ohren vorsteht, desto besser hält der Helm Steine in diesen neuralgischen Bereichen auf Abstand. Hier punkten besonders Helme wie der Artistic mit seinem kompakten Schirmchen. Dieser ist nicht nur Sonnenschutz, sondern dient zugleich als verlängerte Knautschzone. Damit der Helm im Gemische an Ort und Stelle bleibt, sorgen Gurte für den richtigen Halt. Nur dem hinten sehr tief geschnittenen Predator reicht ein Kinnriemen, alle anderen vertrauen auf eine Vierpunkt-Aufhängung, die den Helm fixieren und ein Nach-hinten-rutschen verhindern soll. Damit das gelingt, ist eine Anpassung der einzelnen Gurtlängen und eine exakte Positionierung der Umlenker unterhalb der Ohren nötig. Und: je weiter die Gurtfixpunkte auseinanderliegen, desto besser.
Dös passt scho?
Mit Gurten allein gelingt aber keinem Helm ein sicherer Sitz. Hier kommt es auch auf eine perfekte Passform an, die zwischen Polstern und Schädel nur minimalen Spielraum lässt. Die meisten Hersteller bieten ihre Helme mittlerweile ganz ohne Verstellmöglichkeiten an, dafür aber in vier verschiedenen Größen. Passt eine dieser Größen, gibt es kaum eine bessere Lösung. Wer allerdings einen Helm für den Verein sucht, der auf unterschiedliche Dickschädel passt, wird mit keinem der sechs vorgestellten Helme glücklich. Hier bietet beispielsweise der 2002 von KANU getestete und weiterhin erhältliche Prijon Surf (www.prijon.com) eine akzeptable Lösung per verstellbarem Nackenband. Die beispielsweise beim WRSI mitgelieferten Fittings erlauben zwar auch eine gute Anpassung, doch nur die penibelsten unter den Paddlern werden die übrigen Pads ohne Sucherei zur Hand haben, wenn der Enkel auch mal paddeln will
Helm und Neohaube?
Einschränkungen beim Handling hat auch der Freund der Neohaube. Wählt er seinen Helm nämlich passend zu dieser Zusatzschicht aus, kann er nicht variieren, wenn die Sonne doch mal ordentlich sticht, ohne den guten Sitz aufs Spiel zu setzen. Bei Zweifeln an der Passform hilft folgender Check: Helm aufsetzen, Gurtbänder genau einstellen und dann Helm mit dem Daumen an der vorderen Helmkante nach hinten schieben. Ein passendes Modell rührt sich dabei nur wenige Zentimeter vom Fleck, ein zu großes rutscht bis ins Genick. Ein weiterer Indikator für die richtige Größe ist, wenn man es nicht schafft, den unverschlossenen Helm vom Kopf zu schütteln. Bei all diesen Trockentests sollte man eines jedoch nicht vergessen: Wenn die Passform schon im Ruhezustand bei 110 % ist, wie verhält es sich dann bei Anstrengung, wenn einem das Blut in den Kopf steigt und dieser dadurch anschwillt?
Der Zahn der Zeit
UV-Strahlung setzt der Außenschale zu, Feuchtigkeit nagt an den Polstern. Die Folge sind eine poröse Schale und minimierte Stoßabsorption. Nicht umsonst schreibt die EN-Norm eine Angabe des Herstellungsdatums vor. KANU rät, alle fünf Jahre auf ein »frisches« Modell umzusteigen, will man bei der nächsten Karambolage nicht Kopf und Kragen riskieren. Auch sollte der Helm nach einem ordentlichen Rumms ersetzt werden, selbst wenn die Schale keine Schäden zeigt. Dies gilt besonders für Modelle mit Styrol-Innenschale, deren Stoßabsorbtion darauf gründet, dass die Schale durch Bruch einen Großteil der Kräfte schluckt. Damit der Helm nicht schon binnen dieser Zeit schlapp macht, gilt Folgendes: Helm nach Gebrauch im Schatten trocknen. Nachträgliche Lackierungen und Aufkleber können das Material durch ihre Lösungsmittel schwächen.
Die neue KANU-Norm
Die ausgewählten Helme entsprechen alle der EN-Norm 1385 für Kanu- und Wildwassersport. Die durch die Norm bedingte Qualitätshürde liegt hoch, sie kann zweifelsfrei als vernünftiger Standard für den Breitenpaddler angesehen werden. Sie regelt die Qualität der Schale, die Stoßdämpfungsreserven und die Toleranzen beim Verrutschen – und legt dabei Anforderungen bis WW IV zu Grunde. Doch was ist, wenn ein Paddler in den schwersten Stellen der Trisanna oder Ötz kentert und unter Wasser einen Stein erwischt? Um die Stoßreserven auszuloten und die Festigkeit der Schale unter Extrembedingungen zu überprüfen, hat KANU etwas an der Schraube gedreht und den EN-1385-Prüfaufbau verändert. Statt aus 33 cm Höhe wurde der mit einem Beschleunigungssensor versehene Prüfkopf (ca. 5 kg schwer) aus 50 cm fallengelassen. Das entspricht einer Einschlaggeschwindigkeit von etwas über drei Metern pro Sekunde. WW VI für Kajakhelme sozusagen. Bei der Haltbarkeit zeigte kein Kandidat Schwächen. Auch die Stoßdämpfung ist erfreulich. Vier von sechs Modellen unterboten die magische 250-g-Marke, die als für Kopf und Wirbelsäule gerade noch erträglich gilt, drei davon sogar deutlich. Auch wenn das Resultat interessante Unterschiede und lehrreiche Schlüsse für die Entwicklungsarbeit offenbart, so sollte man es nicht überbewerten. In 98 % aller möglichen Unfallszenarien schützen Helme, die der EN-Norm entsprechen, ihren Träger gut. Wer jedoch gewappnet sein will, wenn das Eichhörnchen einen auf Teufel macht, der wählt einen Helm mit bester Stoßdämpfung, perfekter Passform und einer stabilen Außenschale. Das unterschreibt so auch der Alpine Kajak Club, der tatkräftig mithalf, diesen Test zu realisieren. Die Forderung des AKC geht aber noch weiter. Da alle Helme Schwächen im Detail offenbarten, geht die Suche nach dem perfekten Kajakhelm weiter. Der Schlagschutz des Artistic mit dem festen Sitz des WRSI und der Verarbeitung des Protec zum Preis des Predator – das wär’s.
Nicht im Test, aber...
Zwei Helme verdienen noch eine Erwähnung. Der Prijon Protector, Stoßdämpfungssieger im KANU-Helmtest 2002, ist nach wie vor im Handel erhältlich und sollte aufgrund seiner guten Einstellbarkeit ebenfalls in die Auswahl mit einbezogen werden. Und dann wäre da noch die österreichische Firma Riverstar (www.riverstar.at), deren Modell Roka Fullcut auf dem Trockenen einen hervorragenden Eindruck macht. Leider kam der Helm zu spät für den Labortest, doch das verarbeitete Material, die sorgfältige Verarbeitung und die Passform lassen aufhorchen.
So haben wir getestet
Die ausgewählten Helme sind allesamt aktuelle Produkte der Paddelsaison 2008. Bei der Bewertung in Theorie und Praxis (Eiskanal) durch AKC und KANU-Testteam wurden folgende Kriterien überprüft: Verstellbarkeit, Verschluss, rutschfester Sitz, Signalfarbe ja/nein, Tragekomfort, Isolierung, Schallleitung, Sichtfeld, Gebrauchsanleitung. Der Labortest fand beim TÜV Rheinland statt. Dort wurden alle Helme mit dem Versuchsaufbau der EN-Norm 1385 überprüft. Um jedoch den Anforderungen im Schwierigkeitsgrad V und VI gerecht zu werden – die Norm gilt ausdrücklich nur bis WW IV –, wurde die Fallhöhe erhöht. Der Helm sitzt auf einem metallenen Prüfkopf, dessen integrierte Beschleunigungssensoren die Restenergie messen, die nicht vom Helm absorbiert wird, wenn dieser im freien Fall aus der vordefinierten Höhe auf eine flache Metallplatte kracht. Definierter Aufprallpunkt war einmal die vordere Stirnpartie (gekenterter Paddler in Vorlage kurz vorm Eskimotieren), einmal die Kopfseite auf Schläfenhöhe (Paddler kippt auf knapp überronnener Rutsche abrupt zur Seite). Unser Dank gilt Stephan Andreae vom TÜV Rheinland, Antje Böhm, Claus Brummer, Dr. Horst Hohn und Jürgen Nickles.













