Was dem Autofahrer der Sicherheitsgurt, ist dem Paddler die Schwimmweste – ein unverzichtbarer Standard für mehr Sicherheit. Doch anders als der Gurt erfüllt die Schwimmweste auch bei der aktiven Rettung wichtige Aufgaben. Daher ist es nicht nur wichtig zu wissen, wie man sie bedient, sondern dass man sich im Ernstfall auch 100 % auf sie verlassen kann. Wir haben acht Modelle zum KANU-TÜV geschickt.
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Test & Technik
Safety first - Schwimmwesten im Test
Seit dem letzten Schwimmwesten-Test in KANU 2/00 sind acht Jahre ins Land gegangen. Damals erfüllten 5 von 10 Westen auf Anhieb die Kriterien der Tester und die vielen mangelhaften Modelle wurden schnellstmöglich zum Guten korrigiert. Anlass für den damaligen Test war eine Reihe von Unfällen mit Todesfolge, bei denen die Schwimmweste eine tragische Rolle spielte. In allen Fällen wurden durch die Mitpaddler intensive Rettungsmaßnahmen eingeleitet, doch die Schwimmweste erwies sich stets als schwächstes Glied in der Rettungskette.
Zweimal riss der Schulterträger, einmal versagte die Notauslösung des Karabinerparks. Glücklicherweise haben sich derartige Unfälle aufgrund gestiegenen Fahrkönnens und mehr Safety-Know-how nach Kenntnis der KANU-Redaktion nicht wiederholt. Doch wie heißt es: Der Teufel ist ein Eichhörnchen – und wohl dem, der dann eine Weste trägt, die alle technischen Standards bietet. Seit 2000 hat sich auf dem Markt einiges getan. Ein integriertes und mit dem Schulterträger verbundenes Gurtsystem gehört mittlerweile bei fast allen Westen zum guten Ton. Und auch in Sachen Optik, Passform und Ausstattung schreitet die Entwicklung stetig voran. Doch wie steht es mit den inneren Werten? Halten die Schulterträger jetzt tatsächlich besser? Oder wurden vielleicht zugunsten von Optik und Ausstattung etablierte Standards vernachlässigt? Ob dem so ist, hat das KANU-Kompetenzteam zusammen mit Dr. Detlef Bergmann, seines Zeichens Luft- und Raumfahrtingenieur mit Schwerpunkt Messtechnik, untersucht. Bevor jedoch die Testkriterien festgelegt wurden, einigte man sich darauf, was eine gute Schwimmweste fürs Wildwasser überhaupt auszeichnet. Anhand dieser Kriterien können Sie sich im Shop selbst ein gutes Urteil bilden und überprüfen, ob Ihre vorhandene Weste nicht doch mal gegen ein neues Modell ausgetauscht werden sollte.
Auftrieb
Oberste Pflicht aller Schwimmwesten ist es, den Schwimmer zuverlässig über Wasser zu halten. Dies wird durch eingearbeitete Weichschaumplatten aus PVC oder PE erreicht. So ist gewährleistet, dass sich der Schwimmer allein darauf konzentrieren kann, möglichst schnell und unversehrt das rettende Ufer zu erreichen. Auch ein bewusstloser Paddler wird zuverlässig über Wasser gehalten, so dass ihn seine Kameraden bergen können. Aber pronto, denn da die Westen nur als Schwimmhilfen konzipiert sind, fehlt ein sogenannter Ohnmachtskragen (obligat im Segelsport oder bei Kinderwesten), der den Schwimmer automatisch auf den Rücken dreht und Mund und Nase über Wasser hält. Den Auftrieb gibt man übrigens in Newton* an. Wie viel Newton man braucht, hängt in erster Linie vom Körpergewicht ab. Pro 10 kg Lebendgewicht sollten es wenigstens 8 Newton sein, bei Anfängern, Wuchtwasserpiloten und leidenschaftlichen Rücklaufschwimmern gern auch mehr. Vom Auftrieb profitieren natürlich nicht nur Wildwasserfahrer. Kentert ein Tourenpaddler auf großen Wasserflächen oder stark strömenden Flüssen, wird er jeden Newton Auftrieb schnell schätzen lernen, um sich selbst zu retten oder beide Hände für die Rettung anderer frei zu haben.
Prallschutz
Die Fähigkeit des Schaums, vor Steinen, Bootsspitzen und Paddelkanten zu schützen, ist ein angenehmer Nebeneffekt. Wer oft steile, technische Bäche befährt oder die Weste auch beim Feierabend-Kanupolofight einsetzt, sollte diesem Kriterium besondere Beachtung schenken.
Brustgurt

Foto: Michael Neumann
Ein Schwimmer treibt hilflos im Rücklauf und die Rettung mittels Wurfsack funktioniert nicht. Jetzt schlägt die Stunde des Brustgurts. Dieser rundum zwischen Bauchnabel und Brust verlaufende und besonders stabil ausgeführte Gurt erlaubt die sichere Einbindung eines »Springers« ins Wurfsackseil, so dass dieser von seinen Kameraden gesichert ins Wasser gelassen werden kann, um dem Schwimmer zur Hilfe zu kommen. Diese Art der Rettung funktioniert äußerst effizient, birgt aber gewisse Gefahren und sollte daher regelmäßig und unter professioneller Anleitung trainiert werden. Da ein Springereinsatz keinesfalls aufs Wildwasser beschränkt ist, sondern oft auch bei Wehrunfällen nötig ist, lohnt die Anschaffung einer Schwimmweste mit Brustgurt und eine entsprechende Sicherheitsschulung auch für Tourenpaddler.
Cowtail
Ein Kajak treibt herrenlos im Fluss und muss geborgen werden. Zu diesem Zweck sollten Schwimmwesten mit einem optional erhältlichen »Cowtail« (neudeutsch für Bergeleine) ausgerüstet sein. Mit dieser rückseitig am Brustgurt eingehängten und vorne mit einem Karabiner an dafür vorgesehener Stelle (Karabinerpark) befestigten Bergeleine kann man nun das Bergegut an den Haken nehmen und ans Ufer schleppen. Dasselbe gilt natürlich auch für einen entkräfteten oder gar leblosen Schwimmer. Am Rande: Trotz des englischen Namens ist der Cowtail eine Entwicklung des Alpinen Kajak Clubs (AKC).
Notauslösung
Verhaken sich Bergegut oder das Wurfsackseil, mit dem der Springer gesichert ist, so muss sichergestellt sein, dass die Verbindung zum Brustgurt einfach zu lösen ist. Zu diesem Zweck besitzt der Gurt eine gut erreichbare Frontschnalle samt »Reißbömmel«, die auch in brenzligen Situationen und mit klammen Fingern zu greifen ist. Zieht man diesen Bömmel, läuft der Brustgurt aus seinen Halteösen, die Weste bleibt aufgrund des Hüftgurts aber weiterhin am Körper. Genauso wichtig wie eine problemlose Notauslösung der Frontschnalle ist deren Resistenz gegen ungewolltes Öffnen in Turbulenzen. Wer bemerkt, dass er nach einem Walzenwaschgang stets mit offener Schnalle auftaucht, sollte seine Schwimmweste schleunigst austauschen. Augenmerk verdient auch das Brustgurtende. Ist es unsauber verödet, kann es die Notauslösung blockieren.
Karabinerpark
Augenmerk verdient auch die vordere Cowtailaufnahme. Verhängt sich nämlich der nicht in Gebrauch befindliche Cowtail, so sollte dessen vordere Fixierung auch ohne menschliches Zutun unter Last auslösen – ansonsten kann man daran hängen bleiben und von der Strömung unter Wasser gedrückt werden.
Umlenkplatte
Nutzt man den Brustgurt für Sicherungseinsätze, bei denen große Lasten auf die Frontschnalle wirken können (wie etwa beim Springereinsatz), so kommt die Umlenkplatte ins Spiel. Diese ist meist direkt unter der Frontschnalle befestigt und ermöglicht es, die auftretenden Kräfte durch ein- oder zweifache Umlenkung (Herstellerempfehlung – meist auf dem »Waschzettel« innen am Rücken – beachten) zu reduzieren, um ein Durchrutschen des Gurtes zu verhindern. Beim normalen Einsatz bis hin zur Bootsbergung per Cowtail fädelt man den Gurt dagegen ohne Umwege durch die Schnalle.
Hüftgurt
Der unterste Gurt dient dazu, die Schwimmweste gegen Hochrutschen zu sichern. Dies klappt bei Modellathleten mit V-förmigem Oberkörper gut, leidlich dagegen bei Paddlern, die sich auch abseits des Flusses an den schönen Dingen des Lebens erfreuen. Um seine Aufgabe bestmöglich zu meistern, sollte der Hüftgurt möglichst tief, möglichst körpernah und verdrehsicher angebracht sein, eine beidseitige Verstellbarkeit optimiert zudem die Einstellbarkeit.
Schulterträger
Will man einen Schwimmer aus dem Wasser ziehen, greift man instinktiv zu den gut erreichbaren Schulterträgern. Aber auch bei Rettungsaktionen, bei denen sich der Verunfallte verklemmt hat und nicht selbst freikommt, sind die Schulterträger oftmals die einzig erreichbare Stelle, um ein Seil zu fixieren. Daher ist es obligat, dass der Schulterträger einen Zug von mindestens 250 daN aushält. Diese Kräfte können auftreten, wenn vier Retter mit je 90 kg Körpergewicht am Ufer stehend waagegerecht und mit einem Impuls am Seil ziehen (Quelle: Sicherheit im Wildwasser, Ing. Peter Reithmaier, 1993). Aber beim Anziehen immer dran denken: Erst den Hüftgurt tiefstmöglich festziehen, dann die zuvor geöffneten Schulterträger einstellen.
Rollverhalten
Wenn es darum geht, blitzschnell durchzurollen, kann der Auftrieb der Weste oft hinderlich sein. Ideal ist daher eine Volumenkonzentration des Schaums um die Körpermitte. Das freut Schnelleskimotierer, degradiert aber auch V-förmige Paddleroberkörper in die Birnenliga.
Schwimmverhalten
Keinesfalls darf die Weste beim Schwimmen hochrutschen oder sich dabei die Schnallen lockern. Auch sollten Schnitt und Volumenverteilung effizienten Schwimmbewegungen nicht im Weg stehen.
Sonstiges
Kommen wir zu den Extras, die nicht allein der Bequemlichkeit dienen. Große Fronttaschen bieten Platz für Seilrollen, Erste-Hilfe-Set und Müsliriegel. Eine helle Farbe ist besser als Violett-Schwarz. Reflexstreifen erleichtern die Ortung bei nächtlichen Rettungsaktionen. Ein integrierter Rucksack mit eigens darauf abgestimmtem Mini-Wurfsack sorgt dafür, dass dieser stets zur Hand ist.
Zubehör
Wer sich ins Wurfsackseil einbindet, sollte dies mit einem Schraubkarabiner tun, um eine ungewollte Lösung der Verbindung zu verhindern. Umso besser, wenn ein solcher bereits hinten am Brustgurt (nicht in den Ösen) wartet. Und überall, wo mit Seilen hantiert wird, muss auch ein Messer (am besten mit feststehender Klinge) griffbereit sein. Zwingend ist zudem eine Signalpfeife, mit der man auch donnernde Wasserfälle übertönt.
Bedienungsanleitung
Schwimmwesten sind wie Videorekorder: komplexe Gegenstände, deren Handhabe eine eingehende Beschäftigung mit der Materie erfordert. Doch während man im Rekorderkarton stets eine üppige Bedienungsanleitung findet, lassen die meisten Schwimmwestenhersteller den Endverbraucher schmoren. Allein Palm erläutert die Einfädelung des Bergegurts mit einer direkt auf die Innenseite des Gurts gedruckten Skizze und legt eine englischsprachige Anleitung bei. Pluspunkte sammelt auch hf, der seinen Westen eine zweiseitige Erklärung beilegt, in der die meisten sicherheitsrelevanten Features erläutert werden.
Lebensdauer
Guter Schaum ist teuer – aber haltbar. Daher bieten teure Westen auch nach drei, vier Jahren noch Auftriebswerte nahe dem Neuzustand. Erste Adresse für 1a-Schaum ist die Firma Airex. Um die Lebensdauer nicht unnötig zu verkürzen, sollte man seine Weste zudem nicht als Sitzkissen missbrauchen und im direkten Sonnenlicht trocknen. Dessen UV-Bestrahlung bekommt auch Stoffen, Gurten und Nähten nicht. Alle fünf Jahre, so die Faustformel, sollte man aber jede Weste austauschen – sicher ist sicher.
Handling
»Keep it simple and stupid« lautet die Maxime britischer Sicherheitsexperten bei Schulung und Entwicklung. KANU kann sich dem nur anschließen. Eine schnörkellose und vor allem selbsterklärende Konstruktion verhindert Fehlbedienungen. Was nützt die beste Weste, wenn deren korrekte Bedienung ein Diplom in Physik erfordert? Essentiell für eine leichte und damit korrekte Einstellung ist das perfekte Zusammenspiel von Gurten und Schnallen, die richtige Zugrichtung und genügend Zugweg.
Knackpunkt Rausrutschen

Foto: Michael Neumann
Sämtliche gelisteten Punkte gehören bei einer guten Schwimmweste mittlerweile zum Standard. Nur eine Forderung der Experten blieb bislang nahezu ungehört. Fehlt dem zu rettenden Paddler die Körperspannung – sei es durch Erschöpfung oder Bewusstlosigkeit – so halten selbst optimal platzierte und maximal eng gezogene Gurte die Weste bei Zug nicht am Körper. Hier würde allein eine Verbindung mit einem Sitzgurt bzw. eine Gurtführung durch den Schritt Abhilfe schaffen. Wie sowas aussehen kann, zeigt das »Bodysafe-System« von Prijon. Hier handelt es sich um eine Paddeljacke mit zwei innen verlaufenden Schrittgurten, die mit den Schulterträgern der Schwimmweste verbunden werden. So entsteht ein geschlossenes System, das jeder Bergesituation standhält. Leider findet dieses System kaum Verbreitung. Ob es nun die unbegründete Angst ums Gemächt ist, die den Markterfolg bisher verhinderte, oder das Mehr an Umstand beim Anziehen, sei dahingestellt. Profis wie Swiftwater Rescue Technician Instructor Stefan Lütz, Expeditionspaddler Viktor Klaus und die Paddelfamilie Motz nutzen Prijons Bodysafe jedenfalls schon seit Jahren und würden es nicht wieder hergeben. Bevor Sie nun weiterblättern ein paar Worte zum Geleit. So gut die getesteten Schwimmwesten auch sind, Sicherheit kann man nicht kaufen. Vielmehr sollten regelmäßige Sicherheitsschulungen (www.swiftwaterrescue.at oder stefan.luetz@hotmail.com) und eine defensive Befahrungstechnik dafür sorgen, dass man die ausgetüftelten Features der Schwimmweste zwar spazieren fährt und zu bedienen weiß, aber hoffentlich nie braucht.
















