Baggersee oder Wildwasser, Ardèche oder Binnenalster, Kanada oder Chemnitz – Luftboote kommen überall hin. Und immer öfter gehören neben Familien und Gelegenheitspaddlern auch eingefleischte Kanuten zum Kreis der überzeugten »Gummibusfahrer«. KANU erklärt die Luftikusse in Theorie und Praxis.
Inhaltsbereich
Test & Technik
Kanu to go - sechs Luftboote im Vergleich

Für die einen sind Schlauchkanus unförmige Luftblasen, mit denen man nichts Rechtes anfangen, geschweige denn richtig paddeln kann. Für die anderen haben sich die Edel-Schlauchboote dank geringen Platzbedarfs daheim und auf Reisen sowie der schnellen »Aufbauzeit« am Einstieg zum regelrechten Kultobjekt gemausert. Fakt ist jedenfalls, dass Schlauchkanus nie ein vollwertiger Ersatz für entsprechende Festrumpf-Kollegen sein können. Konstruktionsbedingte Schwächen wie die Verwindung in allen Achsen sorgen für Effektivitätsverluste beim Paddeln. Da kann man noch so hart aufpumpen. Außerdem sind Gummibusse wegen ihres flachen, breiten Unterwasserschiffs und der zumeist geringen Lauflänge vergleichsweise langsam. Und durch den geringen Tiefgang sind die voluminösen und leichten Schiffe anfällig für Seiten- und Gegenwind. Beides ist außerdem der Spurstabilität nicht gerade zuträglich. Durch konsequente Entwicklungsarbeit rücken die Konstrukteure diesen Handicaps aber verstärkt zu Leibe: Bodenriefen im Unterschiff bewirken einen Kieleffekt und verbessern die Spurtreue. Oft wird versucht, durch flach gehaltene Bootsformen dem Wind möglichst wenig Angriffsfläche zu geben.
Kajak oder Kanadier?
Kajaks haben oft ein luftgefülltes Deck und trumpfen mit einer Steueranlage und einem weichen Sitz auf. Schlauchkanadier sind meistens offen und ermöglichen mehr Zuladung, die sich zudem leichter verstauen lässt. Alle Modelle ähneln sich in der Konstruktionsweise: Eine Bodenluftkammer und zwei (oder mehr) Seitenschläuche werden aufgeblasen und bilden eine Wannenform. Diese kann an Bug und Heck spitz zulaufen, oder sie ist kantig und eckig und leitet sich von den großen Rafts ab. Boden, Seitenschläuche und (soweit vorhanden) die Eindeckungen an Bug und Heck sind fest miteinander verklebt. Die Kiellinie verläuft recht gerade, die Enden sind meist aufgebogen. Bei Kanadiern werden zwei oder mehr Bänke montiert, auf denen man wahlweise sitzt oder kniet. Das Schlauchkajak bietet meist bequeme, aufblasbare Sitze mit Rückenlehne. Zur weiteren Ausstattung können außerdem Schenkelgurte gehören (nur mit sinnvoll konstruierter Paniköffnung), Steueranlagen, Verzurrmöglichkeiten (Ösen, Leinen) fürs Gepäck und evtl. eine Selbstlenzung. Als notwendiges Zubehör braucht man entsprechende Paddel (sinnvollerweise teilbar), einen Transport-(Ruck-)sack, gegebenenfalls eine Persenning und natürlich die obligatorische Pumpe. Sie muss bei jeder Tour dabei sein.
Badeinsel oder Expeditionsboot?

Der allergrößte Vorteil beim Schlauchkanu ist klar: Auspacken, aufpumpen, das Abenteuer kann beginnen. So einfach und schnell ist man mit keinem anderen, gleichermaßen transportablen Boot auf dem Wasser. Das geringe Packmaß erleichtert darüber hinaus die Lagerung daheim. Hinzu kommen meist überaus gutmütige Fahreigenschaften, dies macht es Einsteigern leicht, erste Erfahrungen, auch auf Wildwasser, zu sammeln. Auf Expeditionen trumpfen Schlauchboote mit hoher Zuladung und einem Höchstmaß an Sicherheit bei geringem Gewicht auf. Und kinderreiche Familien erfreuen sich an einer kippstabilen und robusten Badeplattform. Das allergrößte Vorurteil gegenüber Schlauchkanus ist auch klar: Sie gehen leicht kaputt. Das ist jedoch nur richtig, wenn man alles, was an Schlauchbooten angeboten wird, über einen Kamm schert. Aber wir reden hier nicht von den Badebooten aus Billig-PVC, die es im Kaufhaus oder beim Baumarkt um die Ecke gibt. Die wirklich für den aktiven Kanusport interessanten Boote bestehen allesamt aus sorgfältig zusammengeschweißten Hochleistungsmaterialien. An Reißfestigkeit, Abrieb-, UV- und Seewasserbeständigkeit und Reparaturfreundlichkeit macht ihnen so leicht keiner etwas vor. Selbst im rauen Alltagseinsatz braucht man keine Angst davor zu haben, dass einem mitten im Gewühle die Luft ausgeht. Falls doch mal was passiert (in unseren Breitengraden sind meistens scharfe Moniereisen als Schlauchbootkiller bekannt), bietet das bei allen Modellen übliche Mehrkammersystem hohe Sicherheitsreserven. Auch bei Totalausfall einer, manchmal auch zweier Luftkammern besitzt das Boot noch soviel Auftrieb, dass man das rettende Ufer mit Sack und Pack erreichen kann. Jetzt bewährt sich das Reparaturset, das im Idealfall immer dabei sein sollte. Bei kleineren Schäden ist man meist nach einer Stunde wieder einsatzbereit. Kritiker behaupten, mit Schlauchkanus sei keine effektive Paddeltechnik möglich. Das stimmt, vor allem, weil dort, wo sich üblicherweise nur eine dünne Bootswand befindet, eine zentimeterdicke Barriere aus Hypalon und Luft den Aktionsradius einschränkt. Zum Ausgleich wählt man etwas längere Paddel und nimmt sich einen halben Tag mehr Zeit, um sich auf die Reaktionen des Bootes einzuschießen. Dann kommt man auch dorthin, wo man hin möchte. Dem Spaß, ohne viel Aufwand auf klarem – und hoffentlich flott strömendem – Wasser unterwegs zu sein und die Natur zu genießen, tut die fehlende Performance aber keinen Abbruch.
Fahreigenschaften
Hier muss man ehrlich sagen, dass man zwischen einzelnen Schlauchkanus eines Einsatzspektrums kaum so diffizile Unterschiede findet wie bei Festrumpfbooten. Prinzipiell gilt, dass eine lange, gerade Kiellinie dem Geradeauslauf und dem Tempo zuträglich ist, während kurze, aufgebogene Boote wegen ihrer Wendigkeit mehr fürs Wildwasser prädestiniert sind. Der Boden ist bei fast allen Modellen breit und flach, was sich in geradezu unglaublicher Kippstabilität und andererseits einer gewissen Trägheit niederschlägt. Seitenwasser findet reichlich Angriffsfläche, sobald es tatsächlich an die Bordwand drückt. Über kleinere Verschneidungen allerdings fahren die fast tiefgangfreien Luftboote oft einfach hinweg.
Material

Als Trägermaterialien dienen verschiedenartige zug- und reißfeste Gewebearten. Diese werden mit dem Kautschukabkömmling Hypalon oder mit einer Mischung aus Hypalon/Neopren beschichtet. Hypalon ist ein säure- und abriebfester Kunstkautschuk höchster Qualität, der sich im Notfall kaltvulkanisieren lässt und daher schnell und unproblematisch zu reparieren ist. Beschläge aus gleichen Materialien lassen sich auf der Bootshaut mit Gummi-Kontaktkleber dauerhaft verkleben. Einen anderen Weg gehen Hersteller mit dem Schlauch/Hülle-System (z. B. bei Stearns): In einer Hülle aus reiß- und abriebfestem Cordura steckt ein Luftschlauch aus PVC. Diese Kombination ist etwas leichter, aber auch empfindlicher. Für eine eventuelle Reparatur werden, ähnlich wie bei Fahrradreifen, beide Elemente auseinander genommen und für sich repariert.
Zuladung
Obwohl ein Schlauchboot mit hohen Zuladungsreserven aufwartet, nimmt die Reaktionsfreude und Agilität mit zunehmendem Gewicht deutlich ab. Deshalb sollte man bei regelmäßigen Gepäckfahrten ein entsprechend großes Boot wählen. So wird ein für Touren konzipiertes Boot auch mit einer weit höheren Zuladungskapazität aufwarten können als beispielsweise ein reinrassiger Wildwasser-Schlauchkanadier. Als Stauraum bieten sich der Platz zwischen den beiden Kanuten sowie Bug und Heck an. Vermeiden Sie Gepäckberge. Das schränkt nicht nur die Bewegungsfreiheit ein, sondern bietet Extra-Angriffsfläche für Wind.
Handling und Transport
Als Tragehilfen für das Boot dienen Griffschlaufen oder durch Ösen geführte, umlaufende Trageseile. An Beschlägen mit Lochleisten oder an D-Ringen (natürlich aus Nirosta) kann das Gepäck sicher verzurrt werden. Wer mit Persenning fahren will, sollte auf ein funktionelles Befestigungssystem achten. Nettogewicht und Packmaß (auf starre Teile achten) des Bootes spielen je nach persönlichen Ansprüchen eine mehr oder weniger wichtige Rolle. Meist gehört ein Transportsack zum Serienumfang, Tragesysteme müssen extra bezahlt werden.
Selbstlenzung

Viele Luftboote der heutigen Generation versprechen durch ein ausgeklügeltes Selbstlenzungssystem trockene Füße. Für den effektiven Einsatz einer Lenzvorrichtung ist die Formgebung des Unterschiffes mit entscheidend. Das Prinzip ist einfach: Man platziert eine Lenzöffnung dort, wo sich das meiste Wasser im Boot sammelt. Das ist im Allgemeinen im unteren Bereich der hinteren Heckaufbiegung der Fall. Wenn die Öffnung oberhalb der Wasserlinie angeordnet ist, kann das Wasser ablaufen. Was aber, wenn durch Gewichtszunahme wie z.B. schweres Gepäck oder eine dritte Person der Ablauf der Lenzöffnung die Höhe der Wasserlinie erreicht – oder mehr noch – unter die Wasseroberfläche gedrückt wird? Wohl dem, der dann seine Selbstlenzung auch verschließen kann. Fazit: Selbstlenzung schön und gut – aber sie hat ihre Grenzen. Die Alternative bei Wasser auch von oben: Spritzdecken und Persenning.
Schenkelgurte
Im Wildwasser braucht man einen festen Halt im Boot. Das Verwenden von Schenkelgurten ist aber Erfahrungssache. Sie dürfen nur verwendet werden, wenn sie ein Verlassen des Bootes nicht behindern.
Sitze
Sitze sind oft die einzigen starren Teile. Wegen der erhöhten Rutschfestigkeit bekommen die Sitzbretter eine Gummiauflage. Sie werden mit Schrauben oder Gurtbändern in den Sitzbrettaufhängungen fixiert. Durch eine mögliche Längenverstellung der Sitze wird die optimale Trimmung des Bootes erleichtert. In Schlauchkajaks werden Sitzfläche und Rückenlehne meist aufgeblasen. Je nach gewünschtem Sitzkomfort kann man mehr oder weniger Luft einpumpen.
Ventile
Luftboote sind meist mit Rückschlagventilen ausgestattet, die die Luft auch dann halten, wenn der Pumpenschlauch mal abrutscht. Stand der Technik sind die Ventile von Halkey-Roberts, bzw. die Adaption von Grabner. Mit einem Bajonettadapter sitzt der Pumpenschlauch fest am Ventil (sofern der Adapter gut am Schlauch befestigt ist – bei Grabner-Pumpen sollte diese Verbindung mit einem Streifen Klebeband optimiert werden.) Man sollte darauf achten, dass vor dem Befüllen die Rückschlagsicherung gelöst ist. Zum Entleeren wird die Sicherung eingedrückt und mit einer kleinen Drehung im offenen Zustand verriegelt. Auch hier punktet Halkey-Roberts vor Grabner: Bei den Österreichern ist der Drehknopf etwas breiter. Er lässt sich daher nur mit schlanken Fingern gut bedienen.
Pumpe

Die gängigen »Doppelhubkolben-Handpumpen« haben sich bewährt, in längstens zehn Minuten ist das Boot voll. Dabei sollte man auf gut passende Ventiladapter und einen ausreichend langen Schlauch achten. Achtung: beim Pumpen immer exakt in Zug- und Druckrichtung arbeiten (schiefes Pumpen erhöht Verschleiß und Beschädigungsgefahr). Die Doppelhubpumpe ist stets mitzuführen. Wenn die am Ufer aufgepumpten Boote zu Wasser gelassen werden, führt der Temperaturunterschied meist dazu, dass sich die Luft im Inneren der Schläuche »zusammenzieht«. Die Folge: Der Bootskörper wird instabil und muss nachgepumpt werden. Umgekehrt dürfen die prall aufgepumpten Boote am Ufer liegend niemals über einen längeren Zeitraum hinweg der direkten Sonneneinstrahlung ausgesetzt sein. Durch die weitaus höhere Oberflächentemperatur der Bootshaut im Verhältnis zur Umgebungstemperatur heizen sich die Luftkammern rasch auf. Die Luft im Inneren dehnt sich aus, und bei zu starkem Überdruck kann das Trägermaterial aufplatzen. Damit es nicht dazu kommt, ist bei längeren Uferaufenthalten an warmen, sonnigen Tagen stets der Luftdruck durch vorheriges Öffnen der Ventile zu reduzieren.
Reparaturset
Schlauchboothersteller werben damit, dass ihre Boote selbst in den abgelegensten Gegenden ohne großen technischen Aufwand reparabel sind. Zu den serienmäßigen Sets der Firmen (erinnern an Fahrradflickzeug) gehören zumeist Schmirgelpapier, Kleber, Flicken und hoffentlich eine gute Gebrauchsanweisung. Evtl. ergänzen: Ersatzventile, Pumpendichtung, Taschenmesser, Draht sowie ein kräftiges Gewebeklebeband. Alles wasserdicht verpacken. Bedenken Sie, dass die Klebematerialien einer Alterung unterworfen sind. Regelmäßig kontrollieren und gegebenenfalls ersetzen.
Service und Zubehör
Informieren Sie sich beim Händler und anhand von Katalogen/Internet über den Lieferumfang und den Händlerservice. Ein scheinbar preiswertes Boot kann mit dem notwendigen Zubehör teurer sein als ein serienmäßig gut ausgestattetes Standardmodell.
Testpaddeln
Probieren Sie das Boot vor dem Kauf aus. Vielleicht können Sie es sogar für eine erste Spritztour ausleihen. Nur so erfahren Sie, ob das Luftschiff wirklich für den gedachten Einsatzbereich taugt.
Zu guter Letzt
Reiseboote ermöglichen manchmal den einzigen Zugang zu schwer erreichbaren Orten. Deshalb tragen die Paddler doppelte Verantwortung in Sachen Natur- und Umweltschutz. Überlegen Sie, ob Sie bestimmte Gewässer z.B. zur Brutzeit überhaupt befahren, ob Sie an einer bestimmten Bucht/Kiesbank unbedingt anlegen müssen. Informieren Sie sich über Gewässersperrungen und Umweltschutzvorschriften. Hinterlassen Sie alles (mindestens) so, wie Sie es vorgefunden haben.
Fahreigenschaften: Von WW 0 bis WW III in zehn Sekunden
Dank breitem Boden und dicker Seitenwände muss man sich für eine Kenterung schon gehörig anstrengen. Und solange man den Kahn auf Spur hält, bügeln Volumen und Flex nahezu alle Hindernisse platt. Somit eignen sich die Luftboote hervorragend, um Anfänger an den Wildwassersport heranzuführen, zumal das beklemmende Gefühl eines geschlossenen Kajaks wegfällt. Doch genau hier liegt auch der Hund begraben. Während beim Kajak fahren Boots- und Wassergefühl Hand in Hand gehen, verkennen Luftbootfahrer oft die Tücken des wilden Wassers. Erst wenn sie quer vor einem Hindernis hängen, das Sitzbrett ihre Unterschenkel festklemmt und ihnen das Wasser wirklich bis zu Hals steht, setzt der Denkprozess ein – oft zu spät. Daher gilt auch für auch für sie die eherne Regel, sich mittels Anfängerkursen und Sicherheitsschulungen mit den Gefahren fließenden Wassers vertraut zu machen.










