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Test & Technik

Guter Stoff - 9 Paddeljacken im KANU-Test

Wird man dabei nicht nass? Wer diese beliebte Frage von Passanten mit einem deutlichen Nein beantworten will, sollte eine moderne Paddeljacke sein Eigen nennen. KANU hat neun Anoraks getestet, mit denen Sie nicht nur trocken bleiben, sondern auch sehr komfortabel unterwegs sind.

Paddeljacken im Test

Alle Jacken wurden zunächst im Gore-Prüflabor auf Wasserdichtigkeit und Atmungsaktivität geprüft, anschließend ging es am Ammersee darum, auch in der Praxis zu überzeugen.
Foto: Michael Neumnn

Vorab ein wenig Historie. Paddlers Ober­bekleidung sah früher folgendermaßen aus: normales Baumwoll-T-Shirt, darüber ein alte­r Wollpullover (alte Hasen bevorzugten zwecks besserer Isolation möglichst verfilzte Exemplare), abschließend eine hermetisch undichte Bauarbeiter-Öljacke, die den überzogenen Ansprüchen des Paddlers dadurch angepasst wurde, indem man die Ärmel an den Handgelenken mit doppelt gelegte­n Einweck-Gummis zusammenzog. Gern erinnern wir uns auch an einen Teilnehmer der Isarregatta, der die weiten Armöffnungen seines Friesen­nerzes radikal mit braunem Packband auf den Handgelenken festtapte und darüber eine Taucher­uhr trug. Wer auf der Höhe der Zeit war, besaß schon eines dieser dunkelblauen Polyprop-Shirts mit den weißen Streifen an den Ärmeln. Diese von Insidern als »Schweißhemden« bezeichneten Fummel verströmten bereits nach einmaligem Gebrauch ein Aroma, das seinen Besitzer ins soziale Abseits drängte, aber wenigstens auch die Stechmücken in die Flucht schlug. Dieser Dresscode bewahrte den tapferen Wasserwanderer zwar vor den gröbsten Schäden durch Kälte und Wind, von Tragekomfort oder modischer Eleganz konnte aber keine Rede sein. Stoffe mit brachialer PVC- oder Gummibeschichtung sind zwar wasser- und dampfdicht, aber leider in beide Richtungen. So wie Regen und Spritzwasser nicht zum Körper durchdringen können, werden auch die Ausdünstungen und der Schweißdampf des Athleten daran gehindert, nach außen zu diffundieren. Stattdessen reichert sich die körpereigene Feuchtigkeit im Unterzeug an, kondensiert und führt zu einem schwülen Innenklima und schmuddeligem Tragegefühl. Die Eigenschaften solcher Materialien sind nur ideal, solange es sich um einen Zeltboden, einen Duschvorhang oder einen Müllsack handelt. Für den transpirierenden Outdoor-Sportler ist die Anschaffung von atmungsaktiver (d. h. schweißdampfdurchlässiger) Kleidung eine sinnvolle Investition und kein übertriebener Luxus. Denn nur wer unter seiner wasserdichten Kleidung halbwegs trocken bleibt, anstatt in seinem eigenen Saft zu schmoren, fühlt sich auf Dauer wohl und ist bereit, sich weiter anzustrengen. Das gilt gleichermaßen für Wandersleut, Skitourengeher, Radfahrer – und Paddler.

Atmungsaktiv? Wie funktioniert denn das?

Paddeljacken im Test

Die Paddeljacken im Praxistest.
Foto: Michael Neumann

 

Das Prinzip der Atmungsaktivität ist – von Ausnahmen einmal abgesehen – simpel: Ein Nylon- oder Polyesterstoff wird entweder mit einer flüssigen PU- oder Vinylbeschichtung einseitig bestrichen oder mit einer vorgefertigten Membran (= Folie) laminiert, die unzählige Löcher aufweist, die so winzig sind, dass Wassermoleküle nicht hindurchpassen, die kleineren Wasserdampfmoleküle aber schon. Dieser Dampftransport durch eine mikroporöse Beschichtung oder Membran funktioniert natürlich nur dort, wo der Stoff nicht von dampfundurchlässigen Schichten wie der Schwimmweste, dem Spritzdecken­kamin oder einem Rucksack abgedeckt wird. Transport­hemmend kann auch ein geschlossener Wasserfilm wirken, der sich durch Regen oder Gischt auf dem Außenstoff bildet, wenn die werksseitige Imprägnierung nachlässt. Die bewirkt nämlich, dass sich Wasse­r auf dem Stoff zu Tröpfchen zusammenzieht und abperlt, statt vom Stoff aufgesogen zu werden. Da Meersalz, Schweiß und Feinstaub den Mikroporen zusetzt oder die Beschichtungen angreift, müssen atmungsaktive Kleidungsstücke ab und zu gewaschen werden. Mit speziellen Waschmitteln im Schonwaschgang oder von Hand – siehe An­leitung auf Kragenetikett oder Beipackzettel. Dabei geht leider auch die Imprägnierung flöten und muss hin und wieder in einem Imprägnierungsbad erneuert werden (das ist keine städtische Einrichtung, sondern ein verdünntes Konzentrat aus der Flasche.) Trotz des erhöhten Pflegebedarfs und ihre­r eingeschränkten Funktionstüchtigkeit in manche­n Situationen des Paddelalltags, möchte man die Vorzüge dieser Hightech-Materialien nicht mehr missen. Allein die Tatsache, sich am Ziel eine­r anstrengenden Paddeltour oder zwischendurch bei einer Pause nicht mehr sofort umziehen zu müsse­n, weil die Unterwäsche vor Schweiß trieft, macht die Anschaffung eines etwas teureren, atmungsaktiven Anoraks zu einer sinnvollen Investition. Dieser Komfor­t macht den Unterschied aus zwischen Anstreng­ung und Leid. Die ambitionierten Seekajakfahrer unter uns, die sich gern bei lustigen Herbststürmen Wind und Wellen um die Nase wehen lassen, sehen die Problema­tik etwas anders: Für sie hat die kons­trukti­ve maximale Wasserdichtigkeit eines Anorak­s Priorität vor der Dampfdurchlässigkeit. Für den Ganzjahres-Paddler sind daher Latex­abschlüsse an den Handgelenken, ein doppelter Kragen und ein­e gut konstruierte Kapuze wichtiger als ein möglichs­t hoher Messwert bei der Dampfdurch­lässig­keitsprüfung. Am Rande: Volksmund und Hersteller benutzen gern das Prädikat »atmungsaktiv«. Dies suggeriert, dass die Jacke eine aktive Funktion beim Abtransport des auftretenden Körperschweißes inn­e hat. Dem ist natürlich nicht so. Vielmehr ist der Stoff dampfdurchlässig und bei einem Temperatur­gefälle von innen (warm) nach außen (kalt) sucht sich die Feuchte einen Weg durch die Poren an die frische Luft. Das erklärt auch, warum Gore & Co. bei sinkender Außentemperatur immer besse­r funktionieren. Unten drunter: Wie bei allen schweißtreibenden Outdoor-Sportarten setzt man beim Paddeln auf das Zwiebelprinzip, um die Funktion der Außenschicht voll zur Geltung zu bringen. Gemeint ist ein Bekleidungsbausatz aus Unterwäsche, Isolierschicht und wind- wie wasserdichter, aber atmungsaktiver Außen­schicht. Letztere ist ja zur Genüge be­sprochen, widmen wir uns daher nun den unsichtbaren Schichten. Auf der Haut trägt Paddler sogenannte Funktionsunterwäsche, die den Schweiß von der Haut weg leitet. Hier kann man auf 100 % Kunstfaser setzen, oder auf die immer populärer werdende Unterwäsche aus Merino-Wolle. Die funktioniert ähnlich gut (von etwas mehr Restfeucht­e im Gewebe einmal abgesehen), trägt sich aber angenehmer und – vielleicht der größte Vorteil – riecht auch nach drei, vier Tagen »auf See« bei Weitem nicht so wie die Kunstfaserversion. Als Zwischenschicht hat sich Fleece bewährt, das es von diversen Herstellern (z. B. Kwark) in diversen Dicke­n und Schnitten gibt. Mit der Anzahl der Lage­n kann der Paddler auch auf wechselnde Tempe­raturen reagi­eren. Also besser zwei dünne Fleecepullis einpacken als einen dicken. Baumwolle hat beim Paddel­n allenfalls am abendlichen Lager­feuer sein­e Berechti­gung, ansonsten verleidet es jede Akti­vität, da Baumwolle Feuchtigkeit speichert und nur gaaaan­z langsam wieder abgibt.

Eine Frage der Ausstattung

Paddeljacken im Test

Klettverschluss einer Paddeljacke.
Foto: Michael Neumann

 

Viele Jacken bieten Reißverschlüsse, deren Optik Wasserdichtigkeit vortäuscht. Doch im Klein­ge­druckten reklamieren die Hersteller dafür allenfalls Spritzwasserschutz, so dass wichtige Papiere dahinter unbedingt noch in eine wasserdicht wickel­bare Dokumententasche verstaut werden sollten (die dann allerdings zur Dampfsperre wird ;-(. Verstellbare Armmanschetten wie bei Tramp, Iceland, Torrent und Na Pali erhöhen die Vielseitigkeit des Möbels, weil sie zum Zwecke besserer Belüftu­ng beim Nachholen des Autos per Fahrrad geöffne­t werden können. Für gemäßigte Kajakfahrten, auf denen dem Paddler der Sturmregen nicht waagrecht entgegenpeitscht, lassen sich dies­e variablen Manschetten ausreichend ab­dichten. Wer den bestmöglichen Schutz ausschließlich für seriöse Seekajak­touren sucht, wird da­gegen an einer Jacke mit Latex­bündchen an den Armen (wie etwa Kokatat Tec Tour oder Yak Vision) nicht vorbeikommen. Auch die Delt­a Adventure zählt trotz ihrer schwach ausgeprägten Atmungs­akti­vitä­t zu den volltauglichen Spezial­anoraks für widrig­ste Bedingungen.

So hat KANU getestet

Paddeljacken im Test

Paddeljacken im Test

 

Damit es nicht heißt, das KANU-Magazin würde Äpfel mit Weißwürsten vergleichen, sollten die Jacken, die wir für diese Übersicht auswählten, nach Möglichkeit auf gleichem Ausstattungs­niveau liegen und folgende Features gemeinsam haben: Doppelkamin + Kapuze + Latex-Armabschlüsse. Das gelang nur teilweise, da einige Hersteller nur Modelle anbieten, die nicht alle gewünschten Parameter aufweisen. Wir beließen es trotzdem bei dieser Auswahl, um keine wichtigen Hersteller auszu­­klammern. In den Einzelbeschreibungen wird jede Jacke im Kontext ihres Einsatzzwecks beurteilt. Das bedeutet, dass ein einfach ausgestattetes, günstiges Modell nicht schlecht sein muss, sondern die Erwartungen, die daran gestellt werden, genauso gut erfüllen kann, wie eine aufwändigere Jacke hohe Erwartungen erfüllt.

 

Bevor die Jacken auf Ammersee und Starnberger See gewassert wurden, hat KANU sie im Prüf­labor des Membranherstellers W.L.Gore & Associates GmbH in Feldkirchen-Westerham auf Dichte und Atmungsaktivität überprüft. Die Tests fanden zunächst mit fabrikneuen Jacken statt, bevor eine Nutzung durch eine dreimalige Maschinen­wäsche simuliert wurde. Die dabei auftretende mechanische Abnutzung entspricht ungefähr einer sechsmonatigen Nutzung und setzt der Imprägnierung des Oberstoffes zu, auch eventuelle Verarbeitungsmängel (etwa die ungenügende Verklebung der Nahtbänder) werden aufgedeckt.
Besonders erfreulich: Alle Jacken erreichten beim Dichtigkeitstest neu wie gebraucht das definierte Minimum, einen Wassereinbruch muss bei artgerechter Nutzung also niemand fürchten. Gleiches gilt für die Verarbeitung. Beim MVTR-Test (Details siehe unten) offenbarten sich dagegen große Unterschiede des Materials – welche man größtenteils aber auch beim Blick aufs Preisschild der Jacke hätte herleiten können.

 

Suter-Test (Dichtigkeitsprüfung): Zu den Standard-Tests in Textil-Prüflaboren gehört der Suter-Test. Dabei wird zum einen der Stoff selbst, zum anderen dessen wasserdichte Verarbeitung an den Nähten überprüft. Zu diesem Zweck wird die Stoffprobe über einem Gummiring fixiert und mit einem genau definierten Wasserdruck belastet. In Ausrüsterkatalogen spricht man auch gern von Wassersäule in Millimetern. Ab 1300 mm (= 0,13 bar) gilt eine Regenjacke als wasserdicht, die Paddeljacken in diesem Test wurden sogar
bis 0,2 bar geprüft.

 

MVTR-Test (Bestimmung der Atmungsaktivität): Es gibt mehr als 30 verschiedene Tests zur Messung der Durchlässigkeit von Wasserdampf. Viele davon haben nur wenig Bezug zur Praxis und können deswegen nur schwer die Atmungsaktivität eines Stoffes vorhersagen. Gore legt Wert auf Tests, deren Ergebnisse eine möglichst realistische Vorhersage für die Anwendung in der Praxis zulassen und verwendet deswegen den MVTR-Test. Beim »Moisture Vapor Transfer Rate Test« wird die Menge Wasserdampf (in Gramm) gemessen, die ein Quadratmeter Stoff in 24 Stunden durchlassen kann (Gramm/qm/24h).

Wer gut pflegt, bleibt länger trocken

Paddeljacken im Test

„Wasserdichte« Reißverschlüsse sind primär Blickfang, solide getapte Nähte essenziell.
Foto: Michael Neumann

 

 

  • Nach Gebrauch Jacke mit klarem Wasser aus-/abspülen und an einem trockenen Ort (nie in der Sonne) zum Trocknen aufhängen. Locker zusammengelegt oder hängend lagern.
  • Latexmanschetten halten bei richtiger Pflege jahrelang. Um die Dichtigkeit und Lebensdauer zu erhöhen, sollten jedoch folgende Punkte beachtet werden: Vermeiden Sie jeglichen Gebrauch von Kosmetikprodukten wie Rasierwasser, Körperlotionen, Sonnenmilch, Mückenschutzmittel etc.Auch im Urlaub gründlich rasieren. Besonders die kurzen Stoppel eines 3-Tage-Bartes verkürzen die Lebensdauer der Manschetten deutlich, außerdem liegt die Manschette enger an und ist auf glatter Haut dichter.
  • Waschen Sie Latexmanschetten regelmäßig mit klarem Wasser ab.
  • Um das Austrocknen der Latexmanschetten zu verhindern, sollten die Manschetten (auch bei Nichtgebrauch) alle 4-6 Wochen mit 303 Protectant oder McNett Seal-Saver behandelt werden: auftragen, einziehen lassen und mit weichem Tuch überschüssiges Pflegemittel abwischen.
  • Achten Sie beim Anziehen darauf, dass die Manschette nicht durch lange Fingernägel, scharfkantige Ringe oder Uhren oder aber durch hektisches Zerren beschädigt wird.
  • Das Außenmaterial der meisten Paddeljacken ist vom Hersteller imprägniert worden. Nach einigen Wasch­zyklen und/oder längerem Gebrauch lässt diese Imprägnierung nach und das Material beginnt Feuchtigkeit aufzunehmen. Die Dichtigkeit des Materials leidet nicht darunter, es kann aber bei stärkerem Wind Verdunstungskälte entstehen und der Nutzer der Meinung sein , dass die Jacke nicht richtig dicht ist. Durch eine erneute Imprägnierung kann dem entgegengewirkt werden. Verwenden Sie dazu am besten von Gore zugelassene Imprägniermittel und vermeiden Sie, dass die Latexmanschetten damit in Berührung kommen.

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