Sie sind die Sonntagsanzüge des Kanusports. Trockenanzüge sind aufwendig, teuer und edel, aber auch der bestmögliche Kälteschutz im Kanusport. KANU stellt sechs Modelle für den Ganzjahreseinsatz im mittleren Preissegment vor.
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Test & Technik
Für Wasserscheue: 6 Trockenanzüge im Vergleich
Richtiger Kälteschutz ist das A und O beim Paddeln. Kanuten sind permanent Wind und Wetter ausgesetzt. Wasser ist im schlimmsten Fall eiskalt, bestenfalls erfrischend, selten wärmer. Wer in leichter Sportkleidung in zehn Grad kaltes Wasser fällt, hat noch ungefähr zehn Minuten für eine koordinierte Selbstrettung, danach schwinden Kraft und Motorik. Dagegen hilft die klassische Paddlermontur, Neopren-Long-John kombiniert mit Paddeljacke. Ein Trockenanzug ist noch besser. Ein Trockenanzug verdoppelt Handlungsfähigkeit und Überlebenszeit in kaltem Wasser im Vergleich zu Neopren. Das überzeugt auch Experten wie den DKV-Referenten für Küstenkanuwandern, Udo Beier aus Hamburg: »Ein Trockenanzug schützt vor Auskühlung durch Wind, vor Spritzwasser und – im Falle einer Kenterung vor Unterkühlung. Bei Sonnenschein und Wasser sowie Lufttemperaturen von über +20° C fahre ich ihn am liebsten als Gepäckstück unter Deck. Spätestens bei Temperaturen unter +15° C, bei 100 % Bewölkung und ab 3 Bft. Wind zwänge ich ihn mir über und genieße es, im eigenen Saft zu schmoren, statt im Salzwasser zu frösteln.«
Variable Unterbekleidung
Wie warm ein Trockenanzug gibt, hängt allein von erwähnter Unterbekleidung ab. Das hat den Vorteil, dass man perfekt auf alle Witterungsbedingungen rund ums Jahr reagieren kann. Während der Kollege im Hochsommer in seinem 5-mm-Neo schwitzt, freut sich der Trockie-User über eine dünne Schicht Funktionsunterwäsche. Im Hochwinter wiederum zieht man zusätzlich zur Funktionswäsche noch ein, zwei Schichten Fleece drunter, während der 5-mm-Neoträger gern sieben Milimeter hätte. Und: Wer Baumwolle trägt, ist selbst Schuld.
Vorteile: Sicherheit und Einsatz
Klare Sache: Fehleinschätzungen und falsche Ausrüstung können fatale Konsequenzen haben. Aber auch fernab aller Notfälle können »Trockies« punkten.
Seit es speziell fürs Kanufahren entworfene atmungsaktive Trockenanzüge gibt, sind die Paddel-Overalls auch in Sachen Komfort kaum zu toppen. Paddelprofi und Extremkajakfahrer Tao Berman bringt es auf den Punkt: »Ich paddele das ganze Jahr über und speziell im Winter kann Paddeln sehr, sehr kalt sein. Wenn irgendjemand in meiner Gruppe gerettet werden muss, ist es zwingend notwendig, dass ich der Kälte entsprechend gekleidet bin, um wassertemperaturunabhängig agieren zu können. Früher habe ich Trockenanzüge gehasst, weil sie unkomfortabel waren. Aber mein neuer Trockenanzug hat Füßlinge und statt Latex eine Neoprenhalsmanschette, die weniger dazu neigt, den Hals wund zu scheuern. Der macht auch im Hochsommer Spaß.« Dieses Statement bestätigt auch der KANU-Praxistest. Abstriche bei der Dichtigkeit muss man bei Trockenanzügen mit Neoprenhalsmanschetten (wie beim Stohlquist bPod oder Artistic Asco Semi Dry) nicht hinnehmen.
Top auf großer Tour
Ein weiteres Ass spielen Trockenanzüge auf Expeditionen aus. Überall dort, wo die Kajakgröße Gewicht und Volumen der Ausrüstung begrenzt, sind Trockenanzüge nicht nur Paddelbekleidung, sondern zugleich auch »Zweitwohnung«. Ob Lageraufbau, Feuerholz sammeln, Kochen oder Hocketse (schwäbisch für geselliges Beisammensein) – ein atmungsaktiver Trockenanzug ersetzt Gore-Tex-Jacke und Regenhose.
Ausstattung, Komfort & Preisfrage
Inzwischen sind bei den meisten Modellen (außer Camaro Dry-Tec) angenähte Füßlinge Standard. Das An- und Ausziehen ist wesentlich einfacher und schneller, der Anzug noch trockener. Außerdem sind die Füße besser durchblutet und wärmer als bei engen Latexmanschetten. Für Kajakfahrer ist ein Doppelkamin Pflicht, nur er garantiert, dass Paddler UND Kajak trocken bleiben. Ein sogenannter »Toilettenzipper« zählt ebenfalls zum Komfortpaket, ansonsten sollte man, wenn die Blase drückt und die Zeit drängt, zirkusreife Entfesselungskunst beherrschen. Ob Diagonal- oder Rückenreißverschluss als Ein- und Ausstieg besser ist, lässt sich pauschal nicht beantworten. Beide Systeme haben Vor- und Nachteile. Der Diagonal-RV lässt sich in der Regel eigenhändig verschließen und ein extra Pinkel-RV erübrigt sich. Dafür kann er sich unter der Schwimmweste beklemmend anfühlen und die Bewegung einschränken. Beim Rücken-RV ist das Verschließen des Anzugs und das Anziehen der Schwimmweste ohne Fremdhilfe nur sehr beweglichen und geschickten Paddlern vorbehalten. Sehr vielversprechend, aber noch ohne Erfahrung in der Praxis ist ein neues System von Peak UK. Der Trockenanzug (nicht rechtzeitig fertig für den KANU-Test) hat den Reißverschluss an den Beinen. Pinkeln und größere Geschäfte sind damit kein Problem und die Bewegungsfreiheit gleicht einer normalen Paddeljacke.
Qualität hat ihren Preis
Trockie-Paddler sind immer noch die Ausnahme von der Regel. Das hat vor allem einen Grund. Der Tragekomfort von Neopren ist zwar schlechter (nicht atmungsaktiv, einengend), die Isoliereigenschaften sind aber so gut, dass sie in vielen (Not)Fällen ausreichen. Und Neopren ist vergleichsweise billig. Für ein Topmodell bei Trockenanzügen kann man über 1500 Euro auf den Tisch legen. Dafür kann man auch zehn Neoprenanzüge kaufen und ist ein Paddlerleben lang versorgt. Komfort hat eben seinen Preis. Uwe Götz, Importeur von YAK Paddelbekleidung, ist anderer Meinung: »599 Euro für den YAK Titan sind wirklich nicht teuer wenn man den Material- und Arbeitsaufwand berücksichtigt. Dazu kommt, dass die produzierten Stückzahlen relativ gering sind, so dass sich so ein Produkt nicht in dem Maße amortisieren kann wie z. B. Paddeljacken, die in hohen Stückzahlen gefertigt werden.« Wenn ein Paddler den Durchschnittspreis (zwischen 500 und 800 Euro) für einen Trockenanzug hinblättert, möchte er Qualität sehen, das wissen auch die Hersteller. Dazu Sabina Hoffmann vom österreichischen Wassersportspezialisten Camaro: »Ist unser Dry-Tec fertig, werden vor der Auslieferung Nähte und Reißverschlüsse einem Qualitätscheck unterzogen. Zug- und Dehntests werden stichprobenartig maschinell durchgeführt. Desweiteren bieten wir bei allen Produkten eine 24-Monatsgarantie auf Material und Verarbeitung und darüber hinaus einen zuverlässigen Wartungs- und Reparaturservice.«
Lange Lebensdauer bei richtiger Handhabung
Christof Langer, Importeur von NRS, ist sicher: »Bei entsprechender Pflege hält ein Trockenanzug viele Jahre. Vor allem die Latexmanschetten sind Verschleißteile, können aber bei richtiger Konstruktion des Anzuges leicht ausgetauscht werden. Die Kosten in unserer Werkstatt liegen je nach Modell zwischen 44,95 € und 59,95 € für beide Arme oder den Hals.« Ganz wichtig ist es, das teure Stück regelmäßig zu waschen. Besonders, wenn er aus atmungsaktivem Material besteht. Schmutz und Salzkristalle (Meerwasser, Schweiß) können die mikroporöse und dampfdurchlässige Membran dauerhaft schädigen. Den Trockie daher regelmäßig nach Gebrauch mit klarem Wasser spülen und hartnäckigen Schmutz mit Spezialwaschmittel (z. B. Nikwax Tech Wash) entfernen. Die wasserabweisende Imprägnierung der Oberfläche kann z. B. mit Nikwax TX-Direkt-Spray-On wiederhergestellt werden. Den Anzug immer vollständig und nie im direkten Sonnenlicht (böse UV-Strahlung) trocknen. Das gute Stück niemals knicken, das kann bei Wiederholung potentielle Schwachstellen an Nahtbändern oder Reißverschluss verursachen, und zu Hause mit offenem RV auf einen Bügel in den Schrank hängen. Unterwegs wiederum sorgsam mit geradem Reißverschluss zusammenrollen.
Trotzdem nass?
Ein Trockenanzug ist ein großes Versprechen. Paddeln ohne nass zu werden, geht das überhaupt? Nein, trocken bleibt man auch im besten Anzug nicht, zumindest gibt es keine Garantie dafür. Zum einen liegt das an den Abschlüssen. Latexmanschetten, auch wenn sie noch so eng sind, können nicht verhindern, dass gelegentlich Wasser an Händen oder Hals eindringen kann. Dies ist besonders dann der Fall, wenn sich bei extremen Bewegungen Sehnen am Handrücken und am Hals spannen und die Manschette mit anheben. Und selbst wenn von außen kein Wasser eindringt, kann ein atmungsaktiver Trockenanzug bei starkem Schwitzen eine gewisse Restfeuchte nicht verhindern.
Pflegetipps für Trockenanzug-Liebhaber
- Den RV regelmäßig mit Wasser oder ggf. mit einer Zahnbürste reinigen.
- Den RV niemals knicken.
- Niemals einen verklemmten RV mit Gewalt öffnen oder schließen. RV in Gegenrichtung ziehen, Problemstelle auf Schmutz oder Beschädigung untersuchen. Ggf. säubern, erneut versuchen.
- Vorsicht vor Sand, Haaren und eingeklemmten Textilien.
- Regelmäßig mit der mitgelieferten Gleitpaste pflegen.
- Latexmanschetten regelmäßig mit klarem Wasser reinigen.
- Kontakt mit Sonnencreme, Mückenmitteln, UV-Licht und scharfen Gegenständen vermeiden.
- Latex nicht knicken, knüllen oder pressen.
- Manschetten regelmäßig innen und außen mit Latexpflege-mittel behandeln.
- Wenn das Latex porös wird, Manschette wechseln. Zipper-Pflege: Max Wax Zipper Lubricant, 7,95 €, www.kanu-out-door.com. Latexpflegemittel: 303 Aerospace Protectant, 6,95 €, www.kanu-out-door.com. Reparatur-Service für Latexmanschetten: Langer, Tel. 08036/90630.
- Links zur Trocki-Pflege: www.sport-schroeer.de, unter Informationen/Produktinfos/Pflege/Trockenanzugpflege.
- Pflegehinweise (englisch): kokatat.com/customer_service_self.asp, Dry Suit Storage/Care Instructions herunterladen.
- Details zu Trockenanzügen: www.kanu.de/nuke/downloads/Trockenanzug.pdf
Bedienungsanleitung für Trockenanzüge
- Der Anzug sollte passen, nicht einschränken. Sonst wird er ungern getragen. Also unbedingt im Kanushop ausgiebig anprobieren und im Idealfall auch auf dem Wasser testen.
- Die Latexmanschetten sollten so eng wie nötig sein, damit sie dicht sind, aber Atmung und Durchblutung nicht beeinträchtigen. Bei Bedarf Manschette weiten (vorsichtig über kleinen Eimer spannen), oder sorgfältig Ring für Ring abschneiden, bis sie passt.
- Ein Trockenanzug hält Wasser ab, isoliert aber nicht. Deshalb den Temperaturbedingungen (Wasser & Wetter) entsprechend kleiden. Eine dünne Schicht Funktionsbekleidung transportiert Schweiß vom Körper weg. Dicker Fleece schützt bei kalten Wasser- und Lufttemperaturen.
- Den Trockenanzug möglichst spät vor dem Paddeln anziehen oder zumindest RV geöffnet halten, um unnötiges Schwitzen zu vermeiden.
- Nach dem Schließen Luft aus dem Anzug pressen. Dazu hinknien, Arme verschränken und mit einem Finger Luft aus der Halsmanschette entweichen lassen. Wichtig um einen Michelin-Männchen-Effekt beim Schwimmen zu verhindern.
- Sonnencreme mindestens 30 Minuten vor dem Anziehen auftragen. Frische Creme kann das Latex schädigen.
- Vorsicht vor Beschädigungen. Ein 5 cm langer Riss im Anzug reduziert die Überlebenszeit im kalten Wasser um das Dreifache.
Infos zum Trockenanzug-Test
Im Vergleichstest aus Heft 4/2009 stellt KANU sechs Trockenanzug-Modelle für den Ganzjahreseinsatz im mittleren Preissegment vor.
Alle Anzüge wurden im Neuzustand praxisnah getestet. Sie genügten den Ansprüchen vollauf, waren weitgehend trocken und überzeugten in Handhabung und Funktionalität. Über Haltbarkeit und Materialeigenschaften wie etwa die Atmungsaktivität kann keine Aussage getroffen werden. Neben den sechs getesteten Modellen gibt es weitere interessante Anzüge von den Marken Kokatat (www.kanu-out-door.com) und Peak UK (www.steepandwild.de ) auf dem Markt.
Zusätzliche Informationen und Links
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