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Test & Technik

Baust du noch oder fährst du schon? - 5 faltbare Touringzweier aller Klassen im Test

Die amtliche englische Zoll-Bezeichnung für ein Faltboot lautet: »Collapsible boat«. Gemeint ist damit nicht die Gefahr des plötzlichen Kollapses, sondern die leichte Zerlegbarkeit. Nun weiß aber jedes Kind, dass Zerlegen immer einfacher ist als Zusammenbauen. KANU hat daher fünf Zweier aus dem Sack zunächst zusammengesetzt, dann gewassert und erst dann »kollabiert«.

Zweier-Faltboote im Kanutest.

Dank den neuen Faltbooten ist Paddeln gehn mit öffentlichen Verkehrsmitteln wieder auf dem Vormarsch.
Foto: Michael Neumann

Faltboote befinden sich im Aufwind. Eine stetig wachsende Zahl von Werften bietet eine breite Palette von Modellen für die unterschiedlichsten Bedürfnisse und Einsatzzwecke an. Die Auswahl an Marken und Modellen ist wieder annähernd so groß wie in den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, bevor die Blütezeit der Faltboote aufgrund der fortschreitenden Auto­mobilisierung langsam zu Ende ging. Seit aber die CO2-Diskussion in aller Munde ist und Paddler wieder ver­stärkt mit öffentlichen Verkehrs­mitteln anreisen oder den erhöhten Spritverbrauch durch Festrumpfboote auf dem Autoda­ch vermeiden wollen, sind auch Faltboote wieder auf dem Vormarsch.

Rindsleder statt Pergament

 

In unserer polyethylengläubigen Paddelkultur werden Faltboote von Uneingeweihten oft für empfindlich und zerbrechlich gehalten. Für diese Fehleinschätzung ist vor allem der Begriff »Haut« verantwortlich, bei dem man unwillkürlich an die eigene denkt und ihre Verletzbarkeit durch Sonne, Kälte, scharfe Felsen und spitze Dornen. Diese Assoziationen sind jedoch bei Faltboothäuten irreführend. Denn deren Zähigkeit und mechanische Belastbarkeit ähnelt eher der von Rindsleder oder Reifengummi. Auch handelt es sich nicht um die Pergamentbespannung eines Modellsegelfliegers, sondern um reißfeste Nylon- oder Polyestergewebe, die mehrfach mit Hypalon (Klepper, Pouch, Nautiraid), Polyurethan (Feathercraft, Pakboats) oder PVC beschichtet sind. Zum Schneiden dieser Stoffe braucht man schon eine Schusterschere! Abgesehen davon, dass nur ein Wildwasserfahrer die enorme Schlag- und Abriebfestigkeit von Polyethylen überhaupt ausnützt, entstehen die meisten Schäden an Faltbooten ohnehin nicht durch zu häufigen Gebrauch, sondern durch Nicht-Gebrauch, d. h. durch falsches Lagern und mangelhafte Pflege. Eine Bootshaut, die jahre­lang in einem feuchten Kellerloch unter einem Satz alter Autoreifen gammelt, leidet mehr, als wenn sie ordnungsgemäß ausgeführt worden wäre. Ein sauberer Schnitt in der Haut durch Auffahren auf ein scharfkantiges Hindernis ist räumlich begrenzt und so leicht zu reparieren wie ein platter Fahrradreifen – während Schäde­n durch falsches Lagern (Verhärtung, Stockflecken) das ganze Boot betreffen und irreversibel sind.

Luftschläuche

 

Außer einigen wenigen Falt-Dinos (Pouch RZ 85, E 65, Klepper T 90) sind heute alle Faltboote mit seitlichen Luftschläuchen ausgestattet. Die verbreitete These, dieses Accessoire würd­e die Kippsicherheit erhöhen, ist jedoch physikalisch betrachtet völliger Unsinn. Denn ob die Luft im Boots­inneren in Tüten verpackt ist oder nicht, hat auf Fahrverhalten und Wasser­lage keinen Einfluss.

Zweier-Faltboote im Kanutest.

Noch vor der Ankunft von Väterchen Frost fand die Testcrew Ende November auf Plansee und Lech in Tirol beste Testbedingungen.
Foto: Michael Neumann

Mythos Kenterschlauch

 

Die auch unter der irritierenden Bezeichnung »Kenterschlauch« geführten Luftkammern schützen das Boot nicht VOR, sondern erst NACH einer Kenterung, wenn der garantierte Restauftrieb der Schläuche ein komplettes Vollschlagen und Sinken des Bootes verhindert.

 

Diese Auftriebsfunktion der Luftschläuche wird nur selten in Anspruch genommen, da die meisten Faltboot-Zweier eine derart hohe Anfangsstabilität bieten, dass eine Kenterung so unwahrscheinlich ist wie ein Fünfer im Lotto. Im wirklichen Leben stehen andere Funktionen der Seitenschläuche im Vordergrund. So wird durch sie der Aufbau verkürzt und nervlich entspannt. Während bei schlauchlosen Faltbooten das Gerüst sehr penibel in die Haut gezirkelt werden musste, damit die Naht zwischen Unterschiff und Verdeck genau auf der Oberkante der Bordwand zu liegen kam, gleichen die abgerundeten Flanken von Häuten mit Schläuchen kleine Passungenauigkeiten zwischen Haut und Gerüst aus.

Letzter Arbeitsgang: Aufblasen

 

Auch im weiteren Verlauf des Aufbaus sind integrierte Luftschläuche hilfreich: Die Querspannung der Haut muss nicht schon beim Verspreizen des Gerüsts erzeugt werden, sondern entsteht erst beim letzten Arbeitsgang, dem Aufblasen der Schläuche. Dabei ist es geschickt, den ersten Schlauch nicht gleich auf vollen Druck zu füllen, damit die Haut nicht zu weit zu einer Seite herüber­gezogen wird. Also: den ersten Schlauch leicht anblasen, dann den zweiten auf endgültigen Druck füllen, abschließend den ersten Schlauch nachblasen. So wird erreicht, dass die Haut verzugfrei und symmetrisch auf dem Gerüst sitzt. Eine weitere Aufgabe der Schläuch­e ist ihre Rolle als seitlicher Prallschutz. Beim Auffahren auf ein Hindernis wird der Schlag nicht ungebremst auf das Gerüst übertragen, sondern weich abgefedert. Das schont Haut, Gerüst und Insassen.

»Schiffe sind zum Basteln da«

Zweier-Faltboote im Kanutest.

Wenn zwei im Zweier tüchtig am Stock ziehen, werden auch längere Flachwasseretappen zum puren Vergnügen.
Foto: Michael Neumann

 

Dieser alte Seglerspruch gilt uneingeschränkt auch für Motorräder, Waschmaschinen, Eigenheime und eben Faltboote.

 

Kaum ein Kajaksitz passt auf Anhieb für jede Statur. Nur bei einer bestimmten Beinlänge befindet sich z. B. ein Querspant in der Position, wo er als Fußstütze dienen kann. Ansonsten muss nachgeholfen werden. Drückt dem Langbeinigen ein Spant in die Waden, wird mit Schaumpols­tern und -profilen dem Übel ein Ende gesetzt. Und zusätzlich montierte Stemmbretter ermöglichen erst eine entspannte und trotzdem kompakte Sitzhaltung.

Für den optimalen Sitz

 

Kneifende oder schwammige Hängesitze können mit Luftkissen oder Microcell-Platten unterfüttert werden, um den seitlichen Druck von den Hüftknochen zu nehmen. Für Kleingewachsene bietet Klepper Sitzerhöhungselemente an, damit jene das Paddel nicht auf Augenhöhe führen müssen, um eine Kollision des Daumens mit dem Süllrand zu vermeiden. Kurzum: So wie beim Fahrrad Sattelhöhe und Lenkerposition darüber entscheiden, ob effizient oder verkrampft gestrampelt wird, hängt auch im Kajak der Fahrkomfort von ähnlich banalen Faktoren ab. Die Ursachen für eine total unbequeme Sitzhaltung sind meist mit geringem Zeit- und Materialaufwand zu beseitigen. Eine unerschöpfliche Quelle für Tuningvorschläge rund ums Faltboot ist das Internetforum [http://www.faltbootbasteln.de www.faltbootbasteln.de].

 

Auf und davon - Fliegen mit Faltboot

Zweier-Faltboote im Kanutest.

Und wie viel kostet so ein Faltboot? Frierende Taucher kurz vorm Überlaufen ...
Foto: Michael Neumann

 

Es gibt keine Vorschrift, die Sie zwingt, Ihr Faltboot für jede Tages- oder Wochenendfahrt auf- und abzubauen. Sie können es aufgebaut lagern und auf dem Dachträger transportieren. Mit der Zerlegbarkeit eines Faltboots halten Sie sich aber die Option offen, es doch einmal auf eine Flugreise mitzunehmen. Viele Chartergesellschaften bieten die Mitnahme einer Faltbootausrüstung als Sportgepäck für einen symbolisch anmutenden Aufpreis an. Sie ahnen nicht, welche fantastischen Möglichkeiten sich dadurch für ihren Urlaub eröffnen.

Frei mit dem Faltboot

 

Ein Beispiel: Der Flughafen von Phuket in Thailand liegt etwa 15 Bootswagen-Minuten vom Strand entfernt, wo Sie zu einer mehr­tägigen Reise durch die Inselwelt der Pang Nga Bay starten können. Die klimatisierte Ankunftshalle bietet sich als idealer Aufbauplatz an, bevor Sie in die feuchte Tropenhitze eintauchen. Nachdem genug Trinkwasser gebunkert ist, geht die Reise los in eine Inselwelt, die kein Pauschaltourist je zu sehen bekommt. Am Abend gehört eine kleine Bucht Ihnen allein, nachdem die wenigen Segler wegen der Gefahr auflandigen Winds die Anker gelichtet haben und in eine sichere Marina geflüchtet sind. Sie hingegen ziehen Ihr Boot auf den Strand und stellen Ihr Zelt auf. Die Fischer betrachten Sie als ihresgleichen und machen mit Ihnen Tausch­geschäfte: eine Runde Faltbootfahren gegen frischen Fisch, Polaroid-Fotos gegen Kokosnüsse. Währenddessen klauen Ihnen ein paar Affen die letzten Bananen aus dem Zelt. Das ist Faltbootfahren. Solche und ähnliche Anregungen für mehr oder weniger aufwändige Reisen mit dem Faltboot finden Sie zum Beispiel in den Büchern von Otto von Stritzky und Günter Siebke. Ach ja – und natürlich im KANU-Magazin.  KANU bedankt sich bei den Tester/Testerinnen Ute Raach, Ulrike Schleicher, Christian Krauß, Jens Siegbert und dem Komfort Camping am Plansee.

Gut Ding will Pflege haben

Zweier-Faltboote im Kanutest.

Fährt und fährt und fährt – ein gepflegtes Faltboot hält ewig.
Foto: Michael Neumann

 

Eine Faltboothaut kann erfahrungsgemäß 30 bis 40 Jahre ihren Dienst tun (welches PE-Boot blickt auf einen so langen Zeitraum zurück?), wenn einige Regeln beachtet werden:

 

  • komplette Entsalzung nach Meeresfahrten
  • längere Aufbewahrung nur in luftdurchlässigen Säcken
  • das Unterschiff wenigstens 1x jährlich mit Flüssigwachs (»Bootsmilch«) einlassen
  • zum Überwintern mit Talkum einpudern
  • der Lagerungsort sollte trocken, dunkel und kühl sein
  • bei Lagerung im aufgebauten Zustand auf ebenen Untergrund achten und die Seitenschläuche ablassen, um permanente Spannung der Haut zu vermeiden
  • Vielen Dank!

Alle Einzeltestberichte im Überblick

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