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Test & Technik

Zegul Baidarka

Baidarka fahren hat was von einem Jaguar – lange Motorhaube, sportliches Fahrwerk und Geschwindigkeitsrausch. Die Aleuten wussten schon damals, was Stil hat. Tested on Tour KANU 6/2011

Der Zegul Baidarka

Baidarkas – diese Fellboote der Aleuten sind bisher außerhalb der Skin-on-Frame Selbstbauerszene den meisten mitteleuropäischen Paddlern unbekannt. Das liegt unter anderem daran, dass die letzten Boote dieser Art in Alaska zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut wurden, und sie sich aufgrund ihres geographischen Ursprungs im Gegensatz zu Grönlandkajaks nicht in das europäische Bewusstsein eingeprägt haben. Unser Wissen über sie besteht nur aus wenigen erhaltenen Exemplaren und zeitgenössischen Berichten. So berichtet ein gewisser Joseph Billings, Astronom auf Kapitän Cook’s letzter Reise 1789-1791,  über die Aleuten von Unalaska und ihre Boote: „Bei ruhigem Wetter können sie 10 Seemeilen (ca. 18 km/h, d. Red.) pro Stunde paddeln“. Also gut doppelt so schnell, wie es einem Grönlandboot nachempfundenes Seekajak schafft, und weit über der Rumpfgeschwindigkeit für ein 5-6 m langes Boot.  Ähnliche Berichte kommen von zahlreichen anderen Zeitzeugen. Ein besonderes Kennzeichen dieser Boote ist der zweigeteilte Bug mit einem vertikalen, das Wasser durchschneidenden Unterteil, und einem horizontalen Oberteil, der das Abtauchen in Wellen verhindern soll. Des Weiteren hatten die originalen Baidarkas ein stumpfes, beinahe abgehacktes Heck und eine extreme Schwedenform. Das Cockpit ist verhältnismäßig weit hinten, so dass man auf eine unendlich lange Motorhaube (sprich Vordeck) wie die eines Jaguar E-Types blickt.

Morgenstimmung am Staffelsee. Die Baidarka ist ganz in ihrem Element. | Foto: Michael Neumann

Nun hat der schwedische Bootsdesigner Johan Wirsen, der schon für den Tahe Greenland verantwortlich zeichnet, seine zweite Interpretation eines klassischen Fellbootes als Laminat-Boot unter der Bezeichnung Zegul Baidarka herausgebracht. Abweichend von der klassischen Form wurden dabei jedoch Zugeständnisse an die Herstellungstechnologie und die durchschnittliche Statur mitteleuropäischer Paddler gemacht, wie der Vergleich mit dem (auf die Proportionen des Erbauers skalierten) Nachbau eines Originalbootes aus Unalaska mit den recht extremen Massen von 6 m x 48 cm zeigt. Als auffälligstes Merkmal wurde der gegabelte Bug geopfert und durch einen angedeuteten Wulstbug ersetzt, mit einer Verbreiterung unterhalb der Wasserlinie. Während in den Originalbooten ein gerundeter, sehr tiefer V-Spant zum Einsatz kommt, ist die Zegul-Baidarka im Vorschiff ein flaches U, und im Heck fast rund mit einem nur leicht angedeuteten Kiel, insgesamt eine starke Schwedenform.

Die Baidarka ist ein großes Boot, und deswegen perfekt für Schwergewichte geeignet. Die Sitzposition ist bequem, aber sehr tief. Der Süllrand und das Achterdeck erscheinen deshalb recht hoch, so dass Layback-Rollen etwas behindert werden, aber immer noch gut möglich sind. Das XXL Ladevolumen macht auch lange Touren problemlos möglich, für den Expeditionseinsatz wären aber Kompass, Pumpe und Tagesluke wünschenswert. Die große Tiefe des Bootskörpers macht eine gute Anpassung an die Anatomie des Fahrers nötig. Die mitgelieferten Kniepolster zum Aufkleben sind dazu allerdings deutlich zu dünn, so dass hier etwas Bastelarbeit gefragt ist. Ein weiterer kleiner Kritikpunkt ist das für großgewachsene Paddler etwas zu kurze Cockpit, so dass ein Ausstieg durch Anziehen der Beine blockiert wird. Auch blockiert die Formgebung des Decks um die hintere Luke deren einfaches Aufziehen.

Ruhige See, Morgensonne, Bootstest. | Foto: Michael Neumann

Wie funktioniert die neue Form in der Praxis? Die alten Fellboote waren für schnelle Passagen in der sturmgepeitschten Beringsee gebaut, wo das Abreiten langer Dünungswellen und ein guter Geradeauslauf bei allen Windverhältnissen im Pflichtenheft ganz oben standen. Diesem Idealbild kommt der Skin-on-frame Nachbau sehr nahe, er ist sehr schnell und läuft stoisch geradeaus. Einen ganz anderen Charakter zeigt die Zegul Baidarka: Der lange schmale Bug hat sehr viel seitliche Führung, während das Heck durch seine flache Rundung beim kleinsten kurvenäußeren Aufkanten scheinbar ohne Widerstand um die Kurve carvt. Hier wirkt die am Heck weit nach unten unterhalb der Wasserlinie gezogene Decksnaht wie ein zusätzliches Ruder, welches das Boot förmlich um einen gedachten Punkt am Bug um die Ecke zieht. Aufkanten ist aufgrund der recht geringen Primärstabilität sehr leicht, das Boot bleibt dabei bis zum Einsetzen einer sehr soliden Sekundärstabiliät angenehm neutral ohne großes Rückstellmoment, d.h. es macht genau das, was der Paddler will. Jedoch kamen auch Anfänger nach kurzer Eingewöhnungsphase mit diesem anfangs vielleicht etwas als kipplig empfundenen Boot zurecht.

Als Kehrseite der großen Wendigkeit bricht die Baidarka auch beim kleinsten Aufkanten oder Seitenwind seitlich aus, wodurch der Einbau und die Benutzung des optionalen Skegs zur Pflicht wird. Allerdings reicht hier ein minimaler Einsatz aus, um das Boot wirkungsvoll zu stabilisieren, wobei die Wendigkeit im aufgekanteten Zustand kaum leidet, das hier die Kanten ja für die Steuerung sorgen.

Wendige Boote sind langsam. Nicht so hier. Die Zegul-Baidarka gehört erstaunlicherweise zu den schnellsten von uns getesteten (See-) Kajaks, mit Ausnahme vielleicht von „schärferen“ Marathon-Rennbooten. Im Test wurden von einem durchschnittlich trainierten Paddler Dauergeschwindigkeiten jenseits der 10 km/h und Spitzenwerte über der 14 km/h erreicht, beides hervorragende Werte und ca. 2-3 km/h schneller als gewöhnliche Seekajaks und auch merklich schneller als das „originale“ Skin-on-Frame Boot. Verantwortlich für diese Geschwindigkeit scheint die XXL-Wasserlinie und die extreme Schwedenform zu sein, die im Bugbereich kaum dynamischen Auftrieb erzeugt, während das breite Heck nicht absäuft. Dadurch fährt die Baidarka auch im Grenzbereich nicht gegen eine (Geschwindigkeits-)Wand, und ein leibhaftiger Aleute des 19. Jahrhunderts, der nach Skelettfunden zu urteilen im Schnitt eine Armmuskulatur wie ein Kajak-Olympionike hatte, würde damit vielleicht auch an die 10 Knoten erreichen. Beim diesjährigen Bodensee-Marathon jedenfalls konnten nur Rennboote die Baidarka überholen.

Von Windwellen bis ca. 0.5 m bleibt das Boot unbeeindruckt, lediglich der lange Bug sticht eher durch Wellen, als über sie hinwegzugleiten. Dadurch bleibt die hohe Geschwindigkeit auch in Kabbelwellen gut erhalten. Trotzdem bleibt der Insasse aufgrund des hohen Decks deutlich länger trocken als z.B in Booten vom Schlag eines Tahe Greenland. Aufgrund der Testbedingungen auf den süddeutschen Binnenseen kann allerdings nichts über das Verhalten in hoher Dünung berichtet werden.

FAZIT: Alles in allem ein faszinierendes Kajak. Puristen werden vielleicht das letzte Quäntchen Originaltreue vermissen, aber die Fahreigenschaften überzeugen auf ganzer Linie. Wie ein guter Roadster schnell, wendig, mit perfekter „Strassenlage“, darüber hinaus mit großem Ladevolumen, wird die Baidarka sicher ihre Liebhaber finden. Und – schön ist sie auch, spätestens auf den zweiten Blick.

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