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Szene

Weserberglandrallye

30. November 2007 von Michael Neumann

Go for Gold!

Selbsterfahrungsberichte haben im Journalismus einen hohen Stellenwert. Ernest Hemingway zog im Dienste des Lesers in den Krieg, Jon Krakauer stieg auf den Everest und Michael Neumann nahm für KANU an der Weserberglandrallye teil.

Morgens Idylle, abends Halligalli. Bei der Weserberglandrallye treffen sich bis zu 2000 Tourenpaddler.
Foto: Michael Neumann

Chefredakteur Glocker entlässt mich mit einer klaren Ansage ins Wochenende: »Und dass du mir nicht ohne Goldmedaille zurückkommst.« Ich gebe als Zeichen meiner Entschlossenheit ein zackiges »Ahoi« zum Besten und stehle mich schnell aus der Tür. Mein Ziel ist das Blaue Band der Weser in Minden, ein Wassersportspektakel der Extraklasse, in dessen Rahmen auch die Weserberglandrallye ausgetragen wird. Bei dieser wird alljährlich auf drei unterschiedlich langen Etappen bis Minden gepaddelt. Die Goldstrecke ab Hameln bringt es auf stolze 66 Kilometer. Eingefleischte Tourenpaddler bringt eine solche Zahl sicher nicht aus der Ruhe, doch mir, der ich mich bevorzugt auf zügig strömenden Wildwasserabschnitten im einstelligen Kilometerbereich aufhalte, liegt sie wie ein Kloß im Hals. Fallen einem bei Kilometer 50 nicht die Arme ab?

 

Mir bleiben noch 36 Stunden, um mich mental und körperlich auf die Strapaze vorzubereiten. Den Samstag verbringe ich zunächst damit, die Strecke auszukundschaften. Schließlich bedeutet Blaues Band ja nicht, dass man ins Blaue paddeln muss. Unter dem Vorwand, wichtige Fotografien fürs Ka­nu­­magazin zu fertigen, kurve ich auf Nebenstrecken weserabwärts und präge mir wichtige Wegmarken ein. Obwohl die Rallye erst morgen steigt, ist die Weser schon voller Boote. Trainieren die etwa heimlich? Sei’s drum, so gibt es wenigstens ordentlich was vor die Linse und ich kann mich morgen ganz aufs Paddeln konzentrieren. Über die Frage grübelnd, ob nicht versteckte Proviantdepots vorteilhaft wären, komme ich am frühen Nachmittag auf Kanzlers Weide in Minden an.
Dieser Volksfestplatz ist fest in Paddlerhand.

 

Unauffällig schlendere ich durchs Fahrerlager und schaue getreu der Devise »Kenne deine Feinde« nach Paddlern von überdurchschnittlicher Konstitution. Doch statt Popeye-Typen treffe ich überall nur ganz normale und freundlich grüßende Paddler. Einzig das Kampfgeschrei, das von der Drachenbootregatta herüberschallt, verkündet Unheil. Doch die, so erfahre auf Nachfrage, würden bei der Rallye gar nicht an den Start gehen. Auch die überall herumliegenden Kajaks lassen kaum Rückschlüsse auf die Gewalttourvorlieben der Teilnehmer zu. Von der sechs Meter langen Seekajakfeile bis hin zum WW-Kurzboot aus PE ist alles dabei, was schwimmt. Ich erspähe sogar zwei ausgeblichene Gattinos von Eskimo. Vergebens halte nach deren Besitzern Ausschau, um mich zu verbrüdern.

Länge läuft, oder?

Hindernisse während der Rallye: Die Weserfähren.
Foto: Michael Neumann

 

Nach dem Überblick über das vorhandene Arsenal ist es Zeit für die Wahl der eigenen Waffe. Zielgerichtet steuere ich auf die Lettmann-Flagge zu, die im Lager der ausstellenden Hersteller weht. Ich treffe Peter Hoyer und erzähle von meinem Goldplaketten-Zwang. Ach was, winkt er ab, mit einem fünfeinhalb Meter langen Eski und dem richtigen Paddel sei das ein Katzensprung. Und wenn ich wolle, so könne er mir auch einen Shuttle mit Duisburger Vereinskollegen vermitteln. Ich willige dankend ein und werde mit den Worten »Na dann bis morgen um sieben« verabschiedet. Sieben Uhr? Dass der frühe Vogel den Wurm fängt, ist bekannt, aber diese Wanderfahrer müssen Eulen sein. Aber sei’s drum: wenn schon schmutzig, dann auch richtig.

 

Weiter geht’s ins Meldezelt, wo ich ein Formular ausfülle und den Obolus von 9 Euro entrichte. Darin enthalten sind regelmäßige Patrouillen durch die DLRG, der Shuttlebus zurück zum Einstieg und bei Erfolg eine Medaille in Bronze, Silber oder eben Gold. Die Frage, ob es einen Lumpensammler wie bei der Tour de France gibt, der zu langsame Paddler einfach einkassiert, wird zum Glück verneint.

 

Okay, genug der Logistik und der Panikmache, so langsam wird es Zeit, sich zur Ablenkung beim »Blauen Band« unters Volk zu mischen. Das »Blaue Band« ist eine Kirmes am Weserufer, bei der das Volk an Zuckerwatteständen vorbeiflaniert, während Paddler und Ruderer auf dem Wasser ihr Können demonstrieren. Höhepunkt des in diesem Jahr zum 30sten Mal ausgetragenen Events ist ein nächtlicher Bootscorso mit anschließendem Feuerwerk, genannt »Weser in Flammen«. Obwohl Gelegenheit ja nicht nur Diebe macht, lasse ich mich allein von der lauen Sommernacht inspirieren und meide sämtlichen Alkohol. Als angehender Leis­tungssportler ist eine asketische Lebensweise schließlich das A und O. Lange bevor der erste Hahn auch nur ans Krähen denkt, geht’s ins Bett.

 

6.30 Uhr, Weckeralarm. Schlaftrunken checke ich meinen Körper auf ausredereife Zipperlein. Ist da nicht eine Grippe im Anflug? Und wo war doch gleich dieses Zwicken im Rücken? Doch es hilft nix, alle Ampeln stehen auf Grün, auf geht’s.
Die Sonne ist kaum über den Horizont gekrochen, als wir den Einstieg in Hameln erreichen. Überall sind Paddler damit beschäftigt, Boote abzuladen und Ausrüstung zu verstauen. Doch von Stress und Aufbruchhektik keine Spur. Wollen die denn nicht die Gunst der Stunde nutzen, um möglichst schnell aufs Wasser zu kommen? Wollen sie nicht, Rallye hin, Rallye her. Team Duisburg ist allerdings von der schnellen Sorte. Zwar lassen auch sie sich die Startzeit nicht protokollieren, um an der offiziellen Wertung teilzunehmen, doch Peters Uhr, die er mit Tape aufs Vorderschiff klebt, spricht eine deutliche Sprache. In 5 Stunden und 30 Minuten, so bekundet er, sei er unter der Dusche. Sprach's und ist weg. Auch die anderen ziehen ordentlich am Stock, so dass ich recht bald alleine paddele.

Wegmarken im Weserbergland

 

Die Weser präsentiert sich unterhalb Hamelns von ihrer allerschönsten Seite. Mit flotten fünf Stundenkilometern kurvt sie weitschweifig und naturbelassen zwischen Wiesen, Gehöften und kleinen Örtchen hindurch. Immer wieder nähern sich bedächtig die Ausläufer des Weserberglands, als wollten sie ein Blick auf die idyllische Flusslandschaft erhaschen.

 

Im Nu habe ich meinen Rhythmus gefunden, sämtlicher Respekt vor der Strecke scheint verflogen. Dafür meldet sich der innere Schweinehund. »Na«, fragt er spöttisch an, »geht’s nicht auch eine Spur schneller? Schließlich willst du ja heute noch zurück nach Augsburg, hehe.« Recht hat er. Das Minimalziel 16 Uhr zum Erlangen der Goldmedaille wird verworfen, wollen doch mal sehen, ob nicht auch ein Wildwasserfahrer ausdauernd am Stock ziehen kann. Während die meisten anderen Paddler noch immer keine Eile an den Tag legen, beuge ich mich in Vorlage und imitiere den Paddelstil des Vierer-Rennkajaks, das mich soeben mit einem Affenzahn überholt hat. Immer schön aus dem Oberkörper heraus schwingen und dabei mit der Hüfte das Kajak möglichst ruhig und plan halten.

 

Peu-à-peu kassiere ich Paddler um Paddler ein. Was denen natürlich schnurzpiep, meiner Motivation aber recht dienlich ist. Dank der durchgehenden Kilometrierung am Weserufer bin ich stets im Bilde über meinen Stundenschnitt. Immer wieder duelliere ich mich mit einem Zweier-Flussruderboot plus Steuermann. Die jugendliche Crew lässt mich zwar stets stehen, wenn sie sich ordentlich in die Riemen legt, doch dank diverser Pinkelpausen und scheinbaren Unstimmigkeiten bei der Besetzung des Steuers hole ich immer wieder auf.

 

Mit der Eisenbrücke in Rinteln taucht endlich die erste große Wegmarke auf. Start zur Silberstrecke, noch 40 Kilometer bis Minden. Ab hier wird die Rallye komplett zum Breitensport. Zehnerkanadier und zu heiß gewaschene WW-Kajaks werden zu Wasser gelassen, Badeboote aufgepumpt.

Aus Schinderei wird Spaß

Nicht nur die Gebrüder Grimm ließen sich vom
Weserbergland inspirieren - auch Paddler genießen die Ursprünglichkeit. Foto: Michael Neumann

Kurz hinter Rinteln schlagen sich die ersten Goldfahrer für ein Päuschen in die Buhnen. Ich muss ebenfalls kurz austreten, vertage das geplante Picknick aber sogleich, als ich sehe, wie schnell mich die vor Zeiten überholten Paddler passieren. Marathonpaddler merke: Jeder Landgang versaut den Schnitt. Verzehre ich die Stulle eben in Strommitte treibend. Denn Marathonpaddler merke auch: Neben der Pause ist der Hungerast der größte Feind. Größte Herausforderung bis Vlotho ist das Passieren des Schaufelraddampfers »Wappen von Minden« mit seiner mächtigen Welle.
Ab Vlotho rechne ich ständig mit dem Einbruch, doch es läuft. Vorsichtshalber nehme ich etwas Tempo raus. Schließlich will ich auch später noch kraftvoll zupaddeln. So wie Anton Zhorzel vom Hannoverschen KC zum Beispiel, den ich kurz vor Minden überhole. Zhorzel ist ein Veteran der Rallye und mit seinen 89 Jahren auch 2005 ältester Teilnehmer. Über die letzten Kilometer wacht ein noch deutlich älterer Kollege: König Wilhelm der Erste. Hoch über der Porta Westfalica thront sein monumentales Denkmal. Dann die Schlusskurve nach 65,6 Kilometern. Den Zehnerkanadier aus Bremen, der jeden Überholvorgang mit Drucklufttröte ankündigt, habe ich zwar nicht gepackt, doch die Gesamtzeit scheint in Ordnung zu gehen. Nach 6 Stunden, 6 Minuten und zwei Pinkel- und Fotostopps setze ich meine Füße wieder auf westfälischen Boden. Nachdem ich meine Goldene im Meldezelt stolz wie Oskar in Empfang genommen habe und bei Fünfeinhalbstunden-Peter das Boot abgegeben habe, treffe ich auf Frank Schröer. Anerkennend betrachtet der Unnaer Kanuhändler des Vertrauens die Medaille um meinen Hals. Dann schmunzelt er in seinen Bart und lacht. 66 Kilometer, das sei ja noch gar nichts. Die Spreu vom Weizen trenne sich erst beim alljährlichen Wesermarathon im Mai. Um meinen Triumph und den Spaß nicht zu schmälern, erspare ich mir weiteres Nachhaken. Doch als ich am späten Abend zurück in Augsburg bin, treibt mich die Neugier noch schnell ins Internet. Ich google das Wort »Wesermarathon« und werde fündig. Es wirbt der KC Hameln mit dem griffigen Slogan »Die schönste Schinderei des Frühjahrs« für den 135 km langen Wesermarathon. Hoffentlich weiß Kollege Glocker nix davon.


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