Beste Pegel im Alpenvorland, Neuschnee und Niedrigwasser im Engadin. Das Setting war alles andere als optimal, trotzdem zauberten die Verfechter der sportlichen Linie von 22. bis 24. Juli ein Event aus dem Hut, das es in sich hatte.
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Szene
Verfechtertage 2011 – Stylepunkte im »Bockschlitz«
»Style the Line«, Klemmer-Rallye, Verfechterbar – wer während der wilden Tage einen klaren Kopf behalten oder gar einfach nur paddeln will, steht besser früh auf. Oder war schon am Donnerstagabend angereist. Die Freitagspaddler freuen sich zudem über Sonnenschein satt und milde Temperaturen. Spontan hatte eine Verfechter-Delegation eine Führungsfahrt durch Giarsun- und Ardezer Schlucht organisiert. 20 Kubik blau-grünes Wasser bescheren unbeschwerten Boulder-Slalom. Wer länger nicht mehr im Tal war, freut sich über mehrere neue Stellen. An der »Bobbahn« tritt schließlich ein Teil der bunt gemischten Truppe aus Wien, Thüringen und Bayern den Landweg an. Die »Bobbahn« selbst wurde vor einigen Jahren zwar merklich geglättet, nur noch eine dicke Walze erfordert sicheres Boofen.
Doch der Stromzug zieht unmittelbar danach rechts zur Felswand, wo eine mächtige Walze den Auftakt zum »Bockschlitz« bildet. Dieser zeigt sich derzeit zwar mit einer überaus fairen Zufahrt, der Schlitz selbst ist aber ohne Frage Geschmackssache. Bei Niedrigwasser noch recht holprig, kann man das Kriterium links sneaken, was am ersten Tag auch die Linie der Wahl ist. Die Standardlinie liegt jedoch klar am Ufer: Fünf Minuten Portage und schon geht's weiter Richtung »Himmelsgucker«. Einige steile Treppenhäuser trennen die Paddler noch vom fotogenen Fall nach dem Fußsteg. Die spektakuläre Schussfahrt mit anschließendem Freiflug über den knapp zwei Meter hohen Wasserfall stellt den Höhepunkt der »Ardezer« dar. Gemütlich treiben die Boote zum Ausstieg vor der »Scoulser«, wer noch nicht müde ist, paddelt bis zum Stausee von Pradella.
Zurück am Camp in Cinuos-Chel ist die Wiese am Ufer der »Schanf-Strecke« schon merklich gefüllt. Camp-Chefin Erna hatte den Verfechtern eine Party-Ecke, sowie reichlich Platz zwischen vereinzelten Dauercampern reserviert. Der erste Abend steht ganz im Zeichen des Lagerfeuers, zumindest in dieser Nacht will man den Nachbarn noch ruhigen Schlaf gönnen. Wettkampfgeister haben noch einen anderen Grund, das Zelt vor Sonnenaufgang aufzusuchen. Um halb zehn würde bereits die Klemmer-Rallye starten.
48 Paddler haben sich bis Samstagmorgen in die Starterlisten eingetragen, soviel wie noch nie. Die »Queen of the Games« heißt dieses Jahr Hanna Langer. Gemeinsam mit einer Riege freiwilliger Helfer hat sie den Parcours über fünf Stationen konzipiert. Jede Aufgabe ist ein Rennen gegen die Zeit, Fehler eines Einzelnen ergeben gnadenlos Strafsekunden (oder -minuten) für's ganze Team. Ganz dem Thema Sicherheit gewidmet, muss eine Seilbrücke gebaut und die komplette Mannschaft trocken über den Inn gebracht werden. Eine Art Triathlon erwartet die Wettkämpfer beim Sprint über die Endlostreppe zur obersten Campebene, selbstverständlich mit den Booten auf den Schultern. Wieder unten angekommen (manch einer kann sich hier schon kaum mehr auf den Beinen halten), müssen 30 Meter mittels Bootskette »trockenen Fußes« überquert werden, bevor die Wurfsäcke auf ein festes Ziel fliegen. Als wäre das nicht genug, muss das Ziel der Station in einer Art Rollstafette erreicht werden. Die Schulter lässt grüßen!
Dermaßen im körperlichen und geistigen Gleichgewicht ruft die Slackline. Glück haben jene Teams, die zumindest über einen Balancekünstler verfügen, der eine Hilfsline zu spannen vermag. Schließlich gilt es, das komplette Team über die im Zickzack zwischen Bäumen gespannte Line zu befördern. Selbstverständlich samt kompletter Ausrüstung! Nach all den Seilspielen ist es Zeit, andere Hirnregionen zu bemühen. Hannes Langer ist eigens aus Schweden angereist, um Kreativität zu fordern. Der Mann, der jedes Jahr die Verfechter-Shirts designt, steht heute hinter der Filmkamera. Davor zeigen die einzelnen Teams Emotionen bei der Produktion des Verfechtertage-2012-Trailers. In maximal 90 Sekunden soll für das Fest der Feste geworben werden. Erlaubt ist alles, was in maximal 20 Minuten auf Konzeptpapier gebracht wurde.
An der letzten Station der Teamaufgaben sind Fingerfertigkeiten gefragt. Und wie so oft am Bach, klare Kommunikation. Pit Wüstenberg hatte seinen nicht mehr ganz rostfreien VW Passat zur Verfügung gestellt, den es mit fünf Kajaks zu bestücken gilt. Die Crux an der Sache sind die Augenbinden im Gesicht der drei Lademeister. Ganz bei der Sache, doch deutlich sichtbehindert, empfangen diese Kommandos vom Rest der Gruppe, benutzen Außenspiegel und Heckscheibenwischer als Trittstufen, um alle Kajaks fachgerecht zu verzurren. Danke, Pit, dass wir deinem Auto die (letzte?) Ehre erweisen durften.
Wer glaubt das war's gewesen, hat nicht mit dem Sportsgeist von Ausrichterin Hanna gerechnet. Erstmals in der Geschichte der Rallye, treffen alle Teams zum finalen Kräftemessen aufeinander. Auf zum Boatercross! Die drei Kubik Mindestwasser im Inn passen perfekt. Jedes Team schickt einen Paddler ins Rennen, sehr beliebt sind Brillenträger, da diese gewohnheitsmäßig mit trübem Blick durchs Wasser pflügen. Um ganz sicher zu gehen, gibt's aber auch hier Augenbinden. Nun, was soll ich sagen, ich bin selbst gepaddelt. Dass ich einen schwarzen Balken vor der Linse habe, ist das eine Problem, aber wenn 42 »Uferbegleiter« zeitgleich Kommandos brüllen, kann man schon mal die Orientierung verlieren …
Nach dem Ende der Games bleiben knappe zwei Stunden zum Mittagessen und Erholen. Kaum wird's fast gemütlich, bläst Boby Frieser zum Aufbruch. Der Sportlehrer und Mitbegründer der Verfechtertage hat, seit er in Scoul wohnt, den Inn als Feierabendrun vor der Haustür. Kaum ein Paddler kennt die Schluchten so gut wie er, so ist es ihm eine besondere Ehre, das zweite Mal den Style-the-Line-Contest auszurufen. Es würde kein Kindergeburtstag werden, das ist allen klar, als Boby die Agenda bekanntgibt. Zunächst gemeinsames Aufwärmen beim zügigen Durchpaddeln der Giarsun-Schlucht, dann in der Großgruppe in die »Ardezer«. Erster Prüfstein ist der »Bockschlitz«. Zwar zählt dieser Teil nicht zur Gesamtwertung. Doch die Mission ist klar: Möglichst viele, sichere (!) Befahrungen der berühmten Blockpassage. Auf den folgenden hundert Metern findet ein Boatercross statt, inklusive mehrerer Tore. Die Ergebnisse werden kombiniert mit dem eigentlichen Style-the-Line am Himmelsgucker. Egal ob im Creeker oder Spielboot, hier kommt es auf die spektakulärsten Linien im fotogenen Wasserfall an.
Die Ergebnisse des Nachmittages: Vier Befahrungen des »Bockschlitz«, alle im Hauptwasser. 14 Teilnehmer an Boatercross und Style-the-Line. Sämtliche Linien können unfallfrei gehalten werden. Platz 3 der Gesamtwertung geht an Nachwuchsstar Daniel Riedmüller (Freestyle Team Baden), Platz 2 holt sich Matthias Stöckl (VdsL). Die Bestzeit im Boatercross und Platz 1 geht an Mr. Style-the-Line Basti Frieser (VdsL).
Tja, was bleibt noch? Manch einer dachte schon, das wärs gewesen, als um Neun immer noch Ruhe ist im hintersten Eck des Camps. Doch weit gefehlt, sobald die Verfechterbar eröffnet und das Volk mit Kaltgetränken versorgt ist, startet die Siegerehrung. Glücksfee Jule macht nicht nur die Gewinner der Wettkämpfe mit einem Siegerküsschen glücklich, sondern zeigt auch beim Ziehen der Lose Fingerspitzengefühl. Als letzten offiziellen Programmpunkt bringen Boby und Basti Frieser ein kleines Land auf große Leinwand. In Bild und Ton geht's nach Georgien, wo ein Teil der Verfechter im Juli die Flusslandschaften erkundet hat. Die folgende Feier wird wohl dem ein oder anderen (Dauercamper) lang im Gedächtnis bleiben. Das Feuer brannte bis halb fünf, die Bar wurde gegen drei vom Mob gestürmt. Die Verfechter der sportlichen Linie sagen Danke an alle, die dieses Fest möglich gemacht haben. Besonderer Dank geht an unsere Sponsoren Paddle-People (Jutta Kaiser) und Kober-Moll (Gerhard Nürnberger).
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