Mit dem Isar-Umbau bekommt München seinen Wildfluss zurück. Neben Sonnenanbetern und Flussbadern entdecken immer mehr Wassersportler den feuchten Work-Out vor der Haustür. Surfer, Paddler, aber auch Naturschützer und Kraftwerksbauer wittern Morgenluft.
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Urbanes Paddeln: Kajak-Metropole München
Dauerregen in Oberbayern. Seit fast einer Woche. Ammer und Loisach sind auf Anschlag, der Starnberger See schwappt auf die feinen Ufergrundstücke, im Münchner Stadteil Pasing begegnet man dem braunen Wasser der Würm mit Sandsäcken. Während sich Fahrradfahrer und Karwendel-Urlauber über das diesen Sommer besonders ergiebige Nass resigniert bis verärgert zeigen, schiebt Julian M. Überstunden. Der junge Maschinenbau-Student aus München steht Anfang August wie jedes Jahr vor einem Prüfungsmarathon. Da heißt es früh aufstehen. Um halb sechs lädt er sein Boot im Zentrum Münchens vom Autodach. Ihm bleiben zweieinhalb Stunden bevor die Uni-Bibliothek mit reichlich Lernstoff ruft. Zehn Minuten später treibt er, den Blick stromauf zur Reichenbachbrücke gewandt über die Wehrschwelle ins mächtige Polster der fast mannshohen Welle. Die Beschleunigung ist enorm, wie auf Schienen gleitet das Kajak auf und wird ins Tal geschleudert. Es dauert einige Sekunden bis Julian im Rausch der Strömung die Balance gefunden hat. Ganz oben in der Gischt setzt er an und lässt sein hinteres Bootsende in die Vertikale hüpfen. Doch es braucht keine Blunts oder PanAms um hier abzuheben. Die Dimension der Welle bringt die Paddler auch im Frontsurf fast einen halben Meter zum Bouncen.
Dieser Ort, der dem jungen Paddler solch magische Momente verschafft, ist in der Kajak- und Surfgemeinschaft unter dem Namen »Reichenbacher« bekannt. Die Welle am Rande des hippen Glockenbachviertels hat seit einigen Jahren die »Wittelsbacher«, eine weitere innerstädtische Surfwelle, als international bekannter Hochwasser-Surfspot abgelöst. Wie die als beste Fluss-Wellen Europas geltenden Riesenbrecher »La Scie« und »La Malate« am französischen Doubs, läuft die »Reichenbacher« nur nach heftigen Regenfällen oder starker Schneeschmelze in Karwendel und Wetterstein. Verursacht wird die Welle durch eine simple Grundschwelle, die die Flusssohle stützen und die stromauf gelegene Reichenbacherbrücke vor Tiefenerosion schützen soll.
Der von Julian gewählte frühe Zeitpunkt um in München die Enden fliegen zu lassen, wird nicht nur vom Lernplan bestimmt. Zu solch früher Stunde hat er die Welle zusammen mit seinen Freunden für sich alleine. Das bedeutet kürzere Wartezeiten und ein geringeres Risiko, dass die Party gesprengt wird. Denn Paddeln auf der Isar ist in München immer noch illegal. Fast schon regelmäßig tauchen Polizei und Feuerwehr an Münchens Wellen auf, sobald diese surfbare Wasserstände erreicht haben. Nicht selten werden Paddler und Surfer unter dem eindrucksvollen Aufgebot eines Hubschraubers vertrieben. Grund ist die aus dem Jahr 1976 stammende Boots- und Badeverordnung, die die Schifffahrt auf den Gewässern der bayerischen Hauptstadt regelt. Kanusport ist auf der freien Isar sowie allen abzweigenden Kanälen zwischen Thalkirchen und Unterföhring nicht gestattet.
Etwas weniger eindeutig ist die Lage für Brett-Surfer. In den 70er-Jahren gab es zwar bereits eine kleine Surfer-Szene am Eisbach, doch wurde dieser so wenig Gewicht beigemessen, dass sie keinen Niederschlag im Gesetzestext fand. Die in den letzten Jahren massiv ins Bild der Öffentlichkeit gerückte Subkultur erfährt dieser Tage nicht zuletzt durch die Kino-Doku »Keep Surfing« einen regelrechten Hype. Wen wundert es, dass die Stadtverwaltung hier nicht die Rolle des Spielverderbers übernehmen will und dankbar das Image als »Hauptstadt der Surfer« vermarktet. Zwar meint Petra Offermanns von der »Interessengemeinschaft Surfen in München«: »Surfen ist nicht Baden, ein Surfbrett ist kein Boot. Dazu gibt es Definitionen auf europarechtlicher Ebene. Die Boots- und Badeverordnung sagt definitiv nichts über das Surfen aus.«
Trotzdem werden neben den Paddlern auch die Surfer von den Wellen vertrieben. Offenbar ist die rechtliche Lage zur Zeit dergestalt, dass die Stadtverwaltung es den Polizeibehörden freistellt, die Surfer vom Fluss zu holen. Es ist somit Aufgabe der Polizei zu entscheiden, wann der Wassersport gefährlich ist und ein exekutiver Eingriff nottut.
Lediglich am Eisbach wurde eine patente Regelung gefunden: Die Stadt hat mittels Grundstückstausch das Gelände mit der Welle vom Freistaat erworben und so auch etwaige Haftungsansprüche auf sich gelenkt. So konnte unter Verantwortung der Stadtverwaltung das Surfen am Eisbach freigegeben werden.
Ziemlich vertrackt scheint hingegen die Situation auf der freien Isar. Dort wird seit über einem Jahrzehnt der seit den 1920er-Jahren kanalisierte Flusslauf Volk und Natur zurückgegeben. Durch die großzügige Aufweitung des Bettes entstehen Kiesbänke, Totholzbereiche, neue Lebensräume für Flora und Fauna. Nicht zuletzt wird den Münchnern wieder ein Stück Freizeitraum zurückgegeben. Weitläufige Kiesbänke laden zu Bad und Picknick ein. Der Traum mit dem Kajak durch die Stadt zu paddeln, rückt näher.
Einer paddlerfreundlichen Novellierung der Boots- und Badeordnung stehen nicht gelöste Haftungsfragen entgegen. Was passiert, wenn sich ein Paddler an einem künstlichen Hindernis körperlichen Schaden zuzieht? Dies betrifft ebenso Wehre samt Bootsrutschen wie aus ökologischen Gründen angebrachte Totholz-Inseln.
Die Brisanz dieses Themas wurde den Paddlern vor einigen Wochen bewusst, als die Sperrung der »Marienklause« drohte. Das Wehr, das sich nur einen Katzensprung von der Floßlände entfernt im Trainingsrevier der Münchner Vereine befindet, ist mit einer breiten Floßrutsche ausgestattet. Am Auslauf der Rutsche bildet sich bei gewissen Wasserständen eine spritzige Welle und Kehrwässer laden zum Üben ein. Der drohenden Sperrung stellten sich die Münchner Paddler mit vereinten Kräften entgegen. Unter der Koordination von Rolf Renner, dem Ressortleiter »Umwelt und Gewässer« des Bayerischen Kanu-Verbands (BKV), demonstrierten Paddler an zwei Tagen für ihre Bedürfnisse, medial begleitet wurde der Protest vom Bayerischen Rundfunk. Am Ende konnten die Fraktionen der SPD und Grünen für die Belange gewonnen werden. Ob die durchgehende Befahrbarkeit vom Stadtrand Münchens über die Thalkirchener Brücke hinaus, wo die Sperrgrenze für Boote bislang beginnt, in Zukunft gewährt wird, zeigt sich frühestens bei der Stadtratssitzung im Herbst.
Generell wird sichtbar, dass die (Freizeit-)Nutzung der Isar durch die Münchner in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Bislang wird der Wassersport nicht unter den vordersten Zielen der Isar-Renaturierung gelistet. Gerade die Surfer ergreifen jedoch nun die Initiative, einerseits motiviert durch den Erfolg am Eisbach, andererseits besorgt um die Zukunft ihrer Spots, die zum Teil dem Isar-Umbau zum Opfer fallen. Noch vor wenigen Jahren war vor allem die »Wittelsbacher« weltbekannt als erstklassiger Surfspot im Herzen der Stadt. Durch die Aufweitung des Bettes hat sich der Durchfluss über die Schwelle verringert und die Welle stark abgeflacht. »Die Welle ist für Surfer praktisch unbrauchbar«, so Offermanns. Auch Kajakfahrer sind an der »Wittelsbacher« nicht mehr zu sehen. Die Szene hat sich vollständig zur Reichenbacher Brücke verlagert. Doch auch hier sind Beschränkungen des Durchflusses geplant. Die IGSM reagierte mit einer digitalen Unterschriften-Aktion. Unter dem Titel »Rettet das Isar-Surfen« werden Unterschriften für einen surfer-freundlichen Umbau der Isar gesammelt. Ziel ist der Erhalt der Stützschwellen mit Surfpotential bzw. die bauliche Modifikation, so dass Surfen auch bei Niedrig- und Mittelwasser möglich ist. Sollte die »Reichenbacher« nicht zu retten sein, werden Ersatzwellen an der Wittelsbacher Brücke bzw. Brudermühlbrücke gefordert. Die Online-Petition zählt bislang 1.700 Unterstützer, darunter viele Kajakfahrer.
Der Bayerische Kanu-Verband propagiert übrigens im Rahmen der Gesetzesnovellierung eine freie Befahrbarkeit bis zur Reichenbacher Brücke. Die »Reichenbacher« wäre also für Paddler und Surfer endgültig illegal. Rolf Renner argumentiert folgendermaßen: »Wir haben eine ganze Liste von Belangen: Die durchgehende Befahrbarkeit bis ins Stadtzentrum, mehr Wasser an der Floßlände, Surfen am Eisbach, eine Welle an der Wittelsbacher Brücke. Die Reichenbacher Welle liegt nur knapp oberhalb eines gefährlichen Wehrs. Die Frage der Haftung bei Unfällen schwebt wie ein Damoklesschwert über uns Paddlern. Wir dürfen den Bogen nicht überspannen, Paddler und Surfer sollten gemeinsam den Ausbau der Wittelsbacher Welle favorisieren.« Für einen Umbau der »Wittelsbacher« zu einer ganzjährig fahrbaren Welle laufen derzeit Vorstudien zur Machbarkeit. »Die Pläne an der Wittelsbacher Brücke eine legale Welle zu errichten, stammt übrigens von den Münchner Kanuvereinen«, so Renner weiter.
Weitere Player im Poker um die Isar sind Naturschützer und Kraftwerksbauer. So fordern Fischerverbände und der Bund Naturschutz den Nutzungsdruck durch Erholungssuchende und Freizeitsportler nicht weiter zu erhöhen. Speziell die »Kleine Isar« soll für den Bootsverkehr gesperrt bleiben. Das Problem des Wassermangels wird in nächster Zeit verschärft werden durch den Neubau des »Praterkraftwerks« im Bereich der Maximilianbrücke.
Ein Interessenskonflikt anderer Art ist seit dem Frühjahr an einem anderen Hotspot der Wassersportszene aufgetreten. An der Floßlände ganz im Süden des Stadtgebiets prallen vier Nutzungsformen des Isarwassers aufeinander. Die meiste Zeit im Jahr fließt der weitaus größte Teil des Wassers im Isarkanal, aus dem während der Flößerzeit ein kleiner Teil über einen Kanal zur Floßlände geleitet wird. Das Flößen hat an der Isar eine jahrhundertelange Tradition. Während bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts die Flößerei dem Warenhandel diente, werden heute Betriebsausflüge und Touristen von Wolfratshausen aus nach Thalkirchen geschippert. Während der Flößersaison von Mai bis Oktober fließt Wasser im Floßkanal, die restlichen Monate bleibt das gesamte Wasser im Kraftwerkskanal und erzeugt Strom für die Stadtwerke München. Der Floßkanal wird aber nicht nur von Touristenflößen samt Blaskapelle und Fassbier befahren, sondern auch von den Münchner Kanuvereinen als Trainingsgelände genutzt. Zudem ist die Welle an der Campingplatz-Brücke als anfängertauglicher Surfspot weit bekannt und wird auch stark frequentiert. Sofern denn Wasser den Kanal füllt.
Denn es ist knapp geworden, das begehrte Nass. Die Wasserzufuhr in den Floßkanal ist zwischen den Stadtwerken und den Kanuvereinen genau geregelt. Wochentags werden tagsüber 6,5 Kubik für Paddler und Flöße abgezwackt. Dieser Kompromiss besteht schon seit mehreren Jahren, doch seit diesem Frühjahr wird die exakte Wassermenge nicht mehr manuell, sondern mittels elektronischer Steuerungsanlage eingestellt. Bei dieser Umstellung wurde offenbar, dass die Stadtwerke bislang mehr Wasser als vereinbart dem Freizeitsport spendierten. Die prompt erfolgte Anpassung entpuppte sich als ungenügend für die Belange der Surfer. Die Welle an der Campingplatz-Brücke braucht mindestens acht Kubik um das Surfen zu ermöglichen. Die Flößer sind neuerdings mit einer Fernbedienung für das Schleusentor ausgestattet, eine erhöhte Wassermenge kommt daher nur auf Knopfdruck, wenn sich ein Floß dem Einlasstor nähert.
Mit der Flößerzeit endet Mitte September auch das Wasser im Kanal. Eine Ausnahmeregelung konnten die Paddler unter Vorsitz von Rolf Renner lediglich für drei Wochen erringen. Durch eine nächtliche Verringerung der Durchflussmenge auf 5 Kubik während der ganzen Flößer-Saison, wird Wasser »angespart«, das im Herbst mehreren Veranstaltungen zugute kommt. Sobald das Wasser nach dem letzten Floß abgedreht wird, werden Hindernisse im Floßkanal eingebracht. Diese bilden Kehrwässer und unregelmäßige Strömungsformen, die ab der vierten Septemberwoche von DRLG (Isarschwimmen), Freestylern (Bayerische Meisterschaft Freestyle), Rennsportlern (Deutschland-Cup) und Slalompaddlern (56. Münchner Kanuslalom, Bayerische Meisterschaft) genutzt werden.
Bei den Surfern ist der Unmut groß, dass die einzige anfängertaugliche Welle Münchens nicht mehr durchgehend surfbar ist. Zur Zeit wird mit einem Einbau experimentiert, der die Welle auch wochentags bei 6,5 Kubik surfbar machen soll. Nachmittags und am Wochenende wird durch den Floßverkehr momentan eine leicht erhöhte Wassermenge abgegeben.
Abschließend lässt sich sagen, dass sich die Folgen des Isar-Umbaus für den Wassersport erst langsam abzeichnen. Obwohl der Prozess der Renaturierung bereits in den 1990er Jahren startete, rückt erst seit wenigen Jahren der Bedarf von Paddlern und Surfern ins Blickfeld der Öffentlichkeit. An die Novellierung der Boots- und Badeverordnung werden vor allem von den Wassersportlern große Erwartungen geknüpft. Es bleibt zu hoffen, dass Surfer und Kanuten in Zukunft noch mehr das Gespräch suchen und sich nicht nur Spots, sondern auch Argumentationslinien teilen.
Wer sich für den Erhalt und Ausbau der Surfwellen in München einsetzen will, findet hier den Link zur Petition der IGSM.





























































































