»Lipno, da war ich schon. Geiler Fluss in Tschechien.« Auch wenn der Fluss Vltava (dt. Moldau) heißt – jeder, der mal in Lipno war, will wieder hin. Zeit, dem wildesten Paddelevent Mitteleuropas einige Zeilen zu widmen.
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Szene
Mal wieder Lipno: Tschechiens wildestes Paddlerfest
»Ahoi, do you know if the train is already gone?«, frage ich atemlos eine Gruppe tschechischer Paddler im Gewusel des Moldau-Ausstiegs. »Not sure. But should be gone. It's already ten to two.« Ohje, das stimmt. Schade, da war das Vollgaspaddeln die letzten zehn Minuten wohl umsonst. Naja, müssen wir eben zum Einstieg trampen, um das Auto zu holen. Ich setze gerade den Helm ab und will die Dose Pivo öffnen, die ich wohlüberlegt im Heck verstaut hatte, als es vom Waldrand schnauft und hupt. »Jungs, das ist der Zug. Den kriegen wir noch!« Drei Sekunden später schultert ein knappes Dutzend Verfechter Spielboote und Creeker und schaltet in den Aktivmodus. Im Laufschritt geht's zwischen wild durcheinander parkenden Autos und Kleinbussen aus Polen, Tschechien und der Slowakei. Eine in Longjohn und Rippenwesten gekleidete Gruppe von Raftern prosten sich vor den Gummibussen mit schäumendem Pivo zu. Im Augenwinkel fällt mir ein italienischer Ducato auf. Wow, sogar die Werksfahrer von Exo Kayak sind in Lipno dabei! Mittlerweile ist der kurze Zug ins Blickfeld gerückt, lang reicht mein Atem aber auch nicht mehr. Da, zum Glück stauen sich noch Paddlertrauben vor den drei Zugtüren.
Eine halbe Minute später reichen auch wir unsere Boote in die Wagons. Helfende Hände, egal welcher Nationalität. Enrico hat noch 200 Kronen einstecken, ich ebenso. Das sollte reichen um die Wagonladung Paddler zu finanzieren. Immer noch triefend nass setzen wir uns zwischen Wanderern und Familien in den Gang. Der Schaffner kassiert an der Endstation auf dem Bahnsteig. Im Zug selbst ist kein Durchkommen möglich.
Der Bahnshuttle von Lipno ist legendär. Genauso effizient wie am Vorderrhein, nur zu einem Zehntel des Preises (umgerechnet 1,80 €), wird man hier zum Einstieg gerollt. Sicher 40 Paddler drängen sich in jeden Zug, der alle zwei Stunden zwischen Vyssi Brod und Lipno verkehrt. Hat man den Transport erfolgreich bewältigt, gönnt man sich an den Buden rund um das Slalomrennen oberhalb des Einstiegs erstmal ein Langos (eine frittierte, äußerst fettige und nicht minder leckere Teigspeise, die mir Ketchup, Knoblauchsoße und Käse garniert ist) und ein kühles Bier. Oder einen Glühwein, wenn es so kalt ist wie dieses Jahr. Aber wirklich nur einen, denn der folgende Run auf der satt eingeschenkten Moldau erfordert ein kühles Köpfchen, wenn es spritzig wird.
Und das wird es oft. Gleich auf den ersten Hundert Metern wechseln sich Spielwellen mit wuchtigen Schwällen im D-Zug-Tempo ab. Ein Segen für atemlose Paddler sind die ausgedehnten Pools nach jeder Stromschnelle. Wenn am linken Ufer die Fabrikhallen von Loucovice auftauchen, beruhigt sich die Moldau. Die runtergekommenen Hallen waren Ende des 19. Jahrhunderts Teil einer der größten Papierfabriken Böhmens. Mit Hilfe der Wasserkraft wurde unter anderem ein Kartonagenwerk am linken Ufer betrieben. Selbst die Eisenbahn haben die Paddler der Industrie im Tal zu verdanken. Das Wehr der Kartonagenfabrik ist auch heute nicht zu übersehen. Nach einem ruhigen Stück, wo Polospieler Tschechiens wildestes Paddelwochenende zum internationalen Turnier nutzen, legt der Fluss mit zwei, drei kurzen Schwällen nach, bevor sich erneut ein Stau ankündigt. Sattelfeste Moldauneulinge erleben hier ihre wahre Lipno-Initiation, wenn die Kumpels sie ohne Besichtigung in die Rutsche jagen. Freilich sollte diese Befahrungstaktik nur Paddlern geraten sein, die sich auf WW 4+ sicher fühlen. Etwa drei Meter schießen die Boote steil hinab, um sogleich im 90-Grad-Winkel eine Steilwandkurve zu meistern. Das Kehrwasser linkerhand erkennt man meist nur im Augenwinkel. Und es sei auch jedem geraten, den Blick nach vorne zu richten. Wahre Wellenberge lassen keine Linie erkennen, wer intuitiv nach rechts ausweicht, brettert voll ins Felsengewirr.
Wer hier durch ist, lässt sich aber wenigstens von der folgenden Teufelsschlucht nicht schrecken. Meist liegen die Schwierigkeiten unter dem vierten Grad. Lediglich ein langer, gefällstarker Blockkatarakt sollte besichtigt werden. Mehrere versetzte Abfälle bis anderthalb Meter raten zur entschlossenen Linienwahl. Mit einem sicheren Vorfahrer geht's natürlich auch so. Wobei sich ab und an auch alte Lipno-Hasen über die Härte der Steine beim Schwimmen wundern …
Achja, war da noch was? Man erzählt sich noch etwas von einer Felsengasse, »Blutige Hand« genannt. Nun jeder kennt jemanden, der zumindest jemanden kennt, der ganz genau weiß, woher die »Blutige Hand« ihren Namen hat. Und, dass es mit der blutigen Hand auch mal schnell geht, liegt daran, dass auch altgediente Lipno-Veteranen gerne mal den Ausstieg verpassen. Nach einer Linkskurve noch vor dem zuvor beschriebenen Katarakt führt ein unscheinbarer Umtrageweg am linken Ufer entlang. Wer sich auskennt, kann auch noch etwa 80 Meter durch den Wald paddeln (ja, genau, das macht man hin und wieder beim Lipno-Ablass) und sich dann durch die Büsche schlagen. Wer's wagen will, tut gut daran zu besichtigen. Und den vermeintlichen Rentnerweg links tatsächlich links liegen zu lassen. Der ist nämlich böse siphoniert und hat schon Paddlerleben gekostet.
Bald nach dem Katarakt lassen die Schwierigkeiten nach und man tut gut daran, einen Blick auf die Uhr zu werfen. Der Zug fährt nur alle zwei Stunden, und drei Runs am Tag sind zumindest am Samstag Pflicht. Wer die absolviert hat, ist bereit für die Partywertung.
Allen Moldaujüngern ein ehrliches »Wohl bekomm's!«.
Der Moldau-Ablass 2011 fand von 26. bis 28. August statt. Generell sind die Schleusen Freitagnachmittag bis etwa 17 Uhr offen, Samstag und Sonntag von 9 bis 18 Uhr. Der Termin für 2012 wird etwa zwei Monate vorher auf www.kanumagazin.de bekannt gegeben.











































