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Szene

London 2012: Das Prinzip Hoff

02. August 2012 von Julian Rohn

Bei den Olympischen Spielen in London gehört der Kölner Rennkanute Max Hoff zu den Top-Anwärtern auf eine Medaille im Kajak-Einer und -Vierer über 1000 Meter. Bereits vor zwei Jahren erschien in KANU ein Portrait über den heute 29-jährigen Ausnahmepaddler, der eigentlich aus dem Wildwasser kommt. Wir werfen noch mal einen Blick zurück ... Erschienen in KANU 1/2010
 

Fotos von Max Hoff.
Max Hoffs Lieblingspose: ganz entspannt über der Konkurrenz. | Foto: Jens Klatt

Wer hinter das Erfolgsgeheimnis von Max Hoff kommen will, fragt am besten seinen direkten Konkurrenten, den Kanadie­r Adam van Koeverden. Dieser gehört als Weltmeister, Olympiasieger und zwanzigfacher Weltcupsieger zu den große­n Namen im Kanu-Rennsport. Van Koeverden besuchte Hoff jüngst bei seinem Training in Köln. Das Bootshaus feucht und kalt, nur ein glitschiges Steinufer ohne Steg und der kabbelige Rhein – alles andere als optimal, um dort mit den schmalen Rennbooten zu trainieren. Van Koeverden war sprachlos. In andere­n Trainingszentren gibt es schließlich Fußbodenheiz­ungen, Bootshauswarte und abgesteckte Strecken auf flachen Seen. »Ich trainiere auch gelegentlich unter unkomfortablen Bedingungen, das bringt unser Sport so mit sich«, sagt van Koeverden, »aber Max trainiert fast immer so. Ich bin schwer beeindruck­t von seiner Hingabe.«
2008 hatte Hoff in Peking den fünften Platz im Kajak-Einer über 1000 Meter belegt. 2009 wurde er Europameister, dann in Kanada über die 1000 Meter Weltmeister. Van Koeverden gewann Bronze.
Das deutsche Rennsport-Team gilt inter­na­tio­nal als »Weltmeistermaschine« und Olympia­gold-Lieferant. In Kanada folgten dem Titel von Hoff noch sechs weitere. Man versteht sich in Deutschland also ganz gut darauf, die besten Athleten zu finden und sie nach ganz oben zu führen. Doch Hoff hat diese Maschinerie nie durchlaufen. »Er hat sich seinen Erfol­g allein erarbeitet, das ist echt bemerkens­wert«, findet van Koeverden.

Kampf um Anerkennung

Fotos von Max Hoff.
Südafrikanische Spezialität: Marathon meets Wildwasser. | Foto: Archiv Hoff

Bevor Max Hoff im Kanu-Rennsport von Erfol­g zu Erfolg eilte, wurde er 2006 Weltmeister im Wildwasser-Rennsport. Eine traditionsreiche Disziplin auf moderatem Wildwasser, bei der es gilt, eine Strecke von A nach B auf der schnellsten Linie zu bewältigen: ausschließlich stromab, ohne Tore – der ganze Fluss darf genutzt werden. Es gibt zwei Strecken­längen. Kurze Sprintrennen mit zwei Läufen und die längere Classic-Distanz. Die genaue Streckenlänge variiert je nach Fluss und Strömungs­geschwindigkeit. Man benötig­t Ausdauer, Kraft, Bootsgefühl – und das Auge fürs Wasse­r. Seit 1953 werden Weltmeisterschaften im Wild­wasser-Rennsport ausge­tragen. Der erste Weltmeister hieß Toni Prijo­n – damals noch im Faltboot. Trotz dieser Traditi­on muss der Wildwasse­r-Rennsport gegen­über den zwei olympischen Kanu­­dis­ziplinen Flachbahn und Slalo­m immer schwer um Anerkennung kämpfe­n. Geld gibt es so gut wie keins – auch die National­mannschaft zahlt einen Großteil ihre­r Kosten selbst.
Als Hoff bei der nationalen Qualifikation im Rennsport 2007 erstmals die arrivierten Flachwasserhelden schlägt, ist er dort völlig un­bekannt. Sein Trainer Stephan Stiefen­höfer erinne­rt sich: »Die haben alle auf die Er­geb­nis­­­­liste geguckt und gefragt, wer denn eigent­lich dieser Hoff sei.«

Fotos von Max Hoff.
Alles andere als ideal – Max Hoff beim Wintertraining auf dem Rhein. | Foto: Udo Neumann

Das hat sich geändert. Auch im Kanu-Rennsport hat man inzwischen bemerkt, dass noch andere Kanudisziplinen existieren; der Horizont hat sich ein wenig erweitert. »Einig­e wissen jetzt, dass Wildwasser-Rennsport, obwohl er nicht olympisch ist, keine Spaßveranstaltung ist, sondern durchaus hochklassiger Sport. Die Athlete­n arbeiten sehr hart für ihren Erfolg – auch wenn ihnen nicht die finanziellen und professionellen Idealbedingungen geboten sind«, sagt Hoff. Er sieht sich ein bisschen als Vermittler zwischen den Disziplinen. Schließlich hat er immer mehrere Kanu-Spielarten ausprobiert. Man kann sagen, er ist der schnellste und vielseitigste Kanute der Welt: Weltmeister im Wildwasser-Rennsport, Welt- und Europameister im Kanurennsport; beim Dolomiten­mann unter den Top Ten der Kajak­wertung, Sieger bei verschiedenen Flussmarathons und gelegentlich im Spielboot unterwegs. Obwohl sein derzeitiges Augenmerk auf Flachwasser liegt, ist er immer auf dem Laufenden, was andere Disziplinen angeht. Er weiß, was im Wildwasser-Rennsport los ist, wer die neuen Weltmeister im Kanuslalom sind, und er hat den Sieg von Alex Grimm bei der Sickline-WM 2009 im Internet verfolgt.
Während das Paddeln für viele seiner Kollegen aus dem Kanu-Rennsport ein Job ist, geht es ihm immer noch sehr um den Spaß am Paddeln. Im schnellen, schlanken Rennboot liebt er die Geschwindigkeit: »Wenn ich wirklic­h fit bin, rutscht das Boot so übers Wasse­r, wie ich es nirgends anders erlebt hab­e.« Die Perfektion der Technik und die Such­e nach dem ökonomischsten Schlag, ohn­e sich von den Konkurrenten auf den Neben­bahnen ablenken zu lassen, stellen ihn auf dem flachen Wasser vor die größte Herausforderung. Trotzdem möchte Hoff nach seine­r Rennsport-Karriere zurück zum Wildwasser. Extremrennen fahren und mal die oberen Schwierigkeitsgrade antesten. Dazu träumt er von einer Tour auf dem Yukon, ganz klassisch, mit Zelt und Gepäck im offenen Kanadie­r durch die Wildnis.
Im letzten Herbst war Hoff in Südafrika unter­wegs – paddelnd natürlich. Der Maratho­n auf dem Fish River ist ein zweitägiges Wildwasser-Etappen­rennen mitten in der Wildnis und mit mehreren Hundert Startern. Kanufahren ist in Südafrika ein kleiner Volkssport, es gibt Wildwasser-Marathonserien, Surf­ski-Wettkämpfe auf dem Meer – und ziemlich viele gute Paddler.

Zwei Trainingseinheiten plus Studium

Fotos von Max Hoff.
Fußbodenheizung und Ermüdungsbad? Nicht in Max‘ Kölner Vereinsheim ... | Foto: Udo Neumann

Für Hoff war es die Belohnung für seinen bisher erfolgreichsten Sommer im Flachwasser. Obwohl er inzwischen weiß, wie viel Technik, Taktik, Boots- und Wassergefühl man auch auf dem Flachwasser benötigt, vermisst er die Abwechslung und Spontanität im Wildwasser. Im Gegensatz zu den europäischen Wildwasserrennen wird in Südafrika mit einer Art Flachwasserboot gefahren. Kippelig geht es durch Passagen bis zum vierten Schwierigkeitsgrad. Die Taktik der lokalen Stars: auf den ruhigen Zwischenstücken Gas geben und sich dann irgendwie durch die Rapids stützen. Die europäischen Wildwasser-Asse werden gerne nach Südafrika eingeladen. Normalerweise haben sie keine Chance, zu speziell sind die Anforderungen. Aber Max war bereits zum vierten Mal dort und hat langsam die Taktik raus. Sein Vorteil: Er kann gut Rennboot fahren und ist schnell im Wildwasser. Wenn die anderen noch stützen, paddelt Hoff schon wieder. Noch nie hat dort ein Ausländer gewonnen. In diesem Jahr wurde Hoff Zweiter. Es fehlt nicht mehr viel. Man könnte sogar sagen, die südafrikanischen Wildwasser-Marathons sind eigentlich Max‘ Parade­disziplin. Kaum einer kann im Wildwasser so schnell paddeln und sich derart quälen. »Ich setze mich lieber für einige Stunden ins Boot, als nur eine Minute zu laufen. Bei einem langen Rennen kann man Fehler auch noch mal ausgleichen«, sagt er. Einzig die Portagen – es müssen Wehre umtragen werden –  haben ihn bisher an weiteren Erfolgen gehindert. Laufen gehört nicht zu seinen Stärken.
Zurück in Deutschland, beginnt die harte Zeit. Regenschauer, Wind, Kälte. Der Himmel hat die gleiche graue Farbe wie das Wasser. Mit anderen Worten: Es gibt Schöneres, als täglich zweimal auf das Wasser zu müssen. Dazu kommt Krafttraining und – bei Max ganz wichtig – das Studium. Schließlich lebt es sich im Kanusport mehr schlecht als recht vom Erfolg.
Derzeit sitzt Hoff um halb sechs in der Früh das erste Mal im Boot. Danach Frühstück im Auto, auf dem Weg zum Forschungszentrum nach Jülich. Dort forscht er am Institut für Strukturbiologie und Biophysik für seine Diplom­arbeit. Ab Frühjahr soll die Promo­tion folgen. Am Abend Krafttraining und die zweit­e Einheit auf dem Wasser. Eine Freundin hat er auch; viel Zeit für Sonstiges bleibt da nicht. Umso mehr freut sich Hoff über die anstehenden Trainingslager – weg vom harten Alltag. Andere Athleten stöhnen über vier Einheiten am Tag, aber Max hat dann endlich Zeit, sich aufs Paddeln zu konzentrieren. Und auszuruhen. »Sich zwischen den Einheiten hinzulegen, ist echt entspannend«, bemerkt er grinsend.

Mit Disziplin zur Olympiade

Fotos von Max Hoff.
Zum »Ausgleich« gewinnt Max mit wechselnden Partnern gern Kanumarathons. | Foto: Archiv Hoff

Olympische Spiele sind für jeden Athleten ein Traum. Irgendwann in jüngeren Jahren hatt­e Hoff bemerkt, dass es für ihn als Wildwasser-Rennsportler damit wohl nix werden würde. Aber als junger Kanute denkt man nicht zuerst an Olympia. Er hatte sich schlicht für die Diszi­pli­­n entschieden, die im örtlichen Verein angeboten wurde, die ihm Spaß machte, wo er seine Freunde traf. Beim STV Siegburg war es der Wildwasser-Rennsport, und Max stellte dort schnell fest, dass er Wassersportler ist: »Entweder man hat Angst vor dem Wasser oder man liebt es – mich hat es magisch angezogen.« Nach Versuche­n beim Tennis und Judo saß Max von nun an so oft wie möglich im Boot.
Mit Erfolg. Doch nach einem zweiten Platz auf der Junioren-WM will der Anschluss bei den Herren nicht gleich klappen. Die Kollegen aus der Junioren-Nationalmannschaft gehen zur Sportfördergruppe der Bundeswehr. Max darf nicht – es ist der Wunsch seiner Eltern – und wird dafür Sport-Zivi. Weil er aber die Jungs von der Bundeswehr im Nacken hat und es in die internationale Spitze schaffen will, gibt er Gas – und zwar richtig. Zu diesem Zeitpunkt trainiert er sich mehr oder weniger selbst. Mal hier ein bisschen was abgeguckt, mal dort. Am Ende des Winters 2003 wiegt er bei einer Größe von 1,98 Meter nur noch 64 Kilo und die Leistung lässt zu wünschen übrig. Max ist übertrainiert.
In seinem neuen Verein Blau-Weiß Köln wird Stephan Stiefenhöfer auf ihn aufmerksam. Er nimmt sich seiner an und leitet Max‘ Kräfte in die richtigen Bahne­n. Der selbst erfolg­reiche Wildwasser-Abfahrer bringt die Erfahrung mit – und Max den unbedingten Willen, es nach ganz oben zu schaffen. »Ich musste Max eher mal ein bisschen bremsen«, sagt Stiefenhöfer. »Aber er geht eben auch um fünf Uhr morgen­s trainieren, wenn er sonst keine Zeit hat. Ich kenne keinen Sportler, der so konsequent ist.«
Selbst über Sylvester, im Ski­urlaub in Bad Gastein, trainiert Hoff jeden Abend, nach einem langen Tag auf Ski, im Kajak auf einem gefluteten Straßengraben, während die Kollegen an der Schirmbar hocken. Später beim Abendessen haben all­e eine rote Nase – die einen vom Glühwein, Max vom kalten Wind.
Stiefenhöfer ist nicht nur sein Trainer. Bei Marathon­s sitzen sie häufig zusammen im Boot. Auf der Ardèche gewannen sie 2005, 2007 und 2009.

Im Spielboot ums Schiefe Eck

Fotos von Max Hoff.
Mit Freund und Coach Stephan Stiefenhöfer auf der Siegerstraße beim Ardèche-Marathon 2009. | Foto: Raphael Thiebaut

Stück für Stück fährt sich Max Hoff im Wildwasser-Rennsport in die Welt­spitze. 2006 gewinnt er die Weltmeisterschaft im Wildwasser-Sprint. Über die lange Classic-Strecke wird er Zweiter. Im bewegten Wasser ist Max ist jetzt ganz oben, aber langsam meldet sich der Traum von Olympia. Doch Wildwasser-Rennsport ist nicht olympisch und wird es auch niemals sein.
Die Spiele 2004 hat er am Fern­seher verfolgt, ohne einen Gedanken daran, dass er dort einma­l ein­e Rolle spielen könnte. Beim Urlaub an der Sanna ist ein kleine­r Fernseher mit 12-Volt-Anschluss im Reise­gepäck dabei. Morgens geht es mit dem Spielboot ums Schief­e Eck, am Nachmittag wird auf dem Camping­platz Olympia geguckt.
Nach dem Weltmeistertitel im Wild­wasser wollen Stiefen­höfer und Hoff ein Experiment wagen. Mal schauen, wie weit Max im Flachwasser so kommt, überlegen sie. Eigentlich ist Max schon ein bisschen zu alt für einen Wechsel der Disziplin. Aber letztlich geht es auch im Flachwasser nur daru­m, ein Boot mit dem Paddel so schnell wie möglich übers Wasse­r zu bewegen. Und das kann Max. Dazu kommen sein aus­geprägter Ehrgeiz und gute körper­liche Voraussetzungen. Als Stiefenhöfer im Winter morgens Schwimmen auf den Trainingsplan setzt, schaffen Max und sein­e Trainingskameraden kaum ein­e 50-Meter-Bahn kraulend zu bewältigen. Doch mit der Bereitschaft sich zu quälen, Schuh­größe 50 und Händen so groß wie Tischtennisschläger, pflügt Max Hoff bald als Schnellster durchs Wasse­r.

Mittler zwischen den Welten

Fotos von Max Hoff.
Freud und Leid der Wildwasserabfahrt. | Foto: Archiv Hoff

Der Start im Flachwasser läuft dagege­n nicht perfek­t. Bei der Weltmeisterschaft 2007 in Duisburg verpasst er das Finale über 1000 Meter, dadurch fehlt dem Deutschen Kanu Verband der direkte Startplatz für Peking. Erst nach Max‘ drittem Platz bei der Europa­meisterschaft 2008 in Mailand ist klar: In Peking wird ein deutscher 1000-Meter-Fahrer an den Start gehen dürfen. Hoff sichert sich diesen Platz anschließend in der nationalen Quali­fikation, und nach nur zwei Jahre­n hat er es ins olympische Kanuteam geschafft – wo er sofor­t kräfti­g vorn­e mitmischt.
Die alten Kollegen aus dem Wildwasser unterstützen Hoff mit eine­r Welle der Euphorie. Das liegt an der besonderen Rolle der Sportart. Max Hoff ist das Mittel gegen die jahrelangen Minderwertigkeitskomplexe der Wildwasser-Rennsportler. In der Aufmerksamkeit gegenüber den olym­­pischen Disziplinen paddeln sie immer nur in der zweiten Reih­e. Und jetzt ist da Max Hoff, einer der ihre­n, der es in dieser andere­n, der olympischen Welt zu etwa­s gebracht hat.


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