Bei den Olympischen Spielen in London gehört der Kölner Rennkanute Max Hoff zu den Top-Anwärtern auf eine Medaille im Kajak-Einer und -Vierer über 1000 Meter. Bereits vor zwei Jahren erschien in KANU ein Portrait über den heute 29-jährigen Ausnahmepaddler, der eigentlich aus dem Wildwasser kommt. Wir werfen noch mal einen Blick zurück ... Erschienen in KANU 1/2010
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Szene
London 2012: Das Prinzip Hoff
Wer hinter das Erfolgsgeheimnis von Max Hoff kommen will, fragt am besten seinen direkten Konkurrenten, den Kanadier Adam van Koeverden. Dieser gehört als Weltmeister, Olympiasieger und zwanzigfacher Weltcupsieger zu den großen Namen im Kanu-Rennsport. Van Koeverden besuchte Hoff jüngst bei seinem Training in Köln. Das Bootshaus feucht und kalt, nur ein glitschiges Steinufer ohne Steg und der kabbelige Rhein – alles andere als optimal, um dort mit den schmalen Rennbooten zu trainieren. Van Koeverden war sprachlos. In anderen Trainingszentren gibt es schließlich Fußbodenheizungen, Bootshauswarte und abgesteckte Strecken auf flachen Seen. »Ich trainiere auch gelegentlich unter unkomfortablen Bedingungen, das bringt unser Sport so mit sich«, sagt van Koeverden, »aber Max trainiert fast immer so. Ich bin schwer beeindruckt von seiner Hingabe.«
2008 hatte Hoff in Peking den fünften Platz im Kajak-Einer über 1000 Meter belegt. 2009 wurde er Europameister, dann in Kanada über die 1000 Meter Weltmeister. Van Koeverden gewann Bronze.
Das deutsche Rennsport-Team gilt international als »Weltmeistermaschine« und Olympiagold-Lieferant. In Kanada folgten dem Titel von Hoff noch sechs weitere. Man versteht sich in Deutschland also ganz gut darauf, die besten Athleten zu finden und sie nach ganz oben zu führen. Doch Hoff hat diese Maschinerie nie durchlaufen. »Er hat sich seinen Erfolg allein erarbeitet, das ist echt bemerkenswert«, findet van Koeverden.
Kampf um Anerkennung
Bevor Max Hoff im Kanu-Rennsport von Erfolg zu Erfolg eilte, wurde er 2006 Weltmeister im Wildwasser-Rennsport. Eine traditionsreiche Disziplin auf moderatem Wildwasser, bei der es gilt, eine Strecke von A nach B auf der schnellsten Linie zu bewältigen: ausschließlich stromab, ohne Tore – der ganze Fluss darf genutzt werden. Es gibt zwei Streckenlängen. Kurze Sprintrennen mit zwei Läufen und die längere Classic-Distanz. Die genaue Streckenlänge variiert je nach Fluss und Strömungsgeschwindigkeit. Man benötigt Ausdauer, Kraft, Bootsgefühl – und das Auge fürs Wasser. Seit 1953 werden Weltmeisterschaften im Wildwasser-Rennsport ausgetragen. Der erste Weltmeister hieß Toni Prijon – damals noch im Faltboot. Trotz dieser Tradition muss der Wildwasser-Rennsport gegenüber den zwei olympischen Kanudisziplinen Flachbahn und Slalom immer schwer um Anerkennung kämpfen. Geld gibt es so gut wie keins – auch die Nationalmannschaft zahlt einen Großteil ihrer Kosten selbst.
Als Hoff bei der nationalen Qualifikation im Rennsport 2007 erstmals die arrivierten Flachwasserhelden schlägt, ist er dort völlig unbekannt. Sein Trainer Stephan Stiefenhöfer erinnert sich: »Die haben alle auf die Ergebnisliste geguckt und gefragt, wer denn eigentlich dieser Hoff sei.«
Das hat sich geändert. Auch im Kanu-Rennsport hat man inzwischen bemerkt, dass noch andere Kanudisziplinen existieren; der Horizont hat sich ein wenig erweitert. »Einige wissen jetzt, dass Wildwasser-Rennsport, obwohl er nicht olympisch ist, keine Spaßveranstaltung ist, sondern durchaus hochklassiger Sport. Die Athleten arbeiten sehr hart für ihren Erfolg – auch wenn ihnen nicht die finanziellen und professionellen Idealbedingungen geboten sind«, sagt Hoff. Er sieht sich ein bisschen als Vermittler zwischen den Disziplinen. Schließlich hat er immer mehrere Kanu-Spielarten ausprobiert. Man kann sagen, er ist der schnellste und vielseitigste Kanute der Welt: Weltmeister im Wildwasser-Rennsport, Welt- und Europameister im Kanurennsport; beim Dolomitenmann unter den Top Ten der Kajakwertung, Sieger bei verschiedenen Flussmarathons und gelegentlich im Spielboot unterwegs. Obwohl sein derzeitiges Augenmerk auf Flachwasser liegt, ist er immer auf dem Laufenden, was andere Disziplinen angeht. Er weiß, was im Wildwasser-Rennsport los ist, wer die neuen Weltmeister im Kanuslalom sind, und er hat den Sieg von Alex Grimm bei der Sickline-WM 2009 im Internet verfolgt.
Während das Paddeln für viele seiner Kollegen aus dem Kanu-Rennsport ein Job ist, geht es ihm immer noch sehr um den Spaß am Paddeln. Im schnellen, schlanken Rennboot liebt er die Geschwindigkeit: »Wenn ich wirklich fit bin, rutscht das Boot so übers Wasser, wie ich es nirgends anders erlebt habe.« Die Perfektion der Technik und die Suche nach dem ökonomischsten Schlag, ohne sich von den Konkurrenten auf den Nebenbahnen ablenken zu lassen, stellen ihn auf dem flachen Wasser vor die größte Herausforderung. Trotzdem möchte Hoff nach seiner Rennsport-Karriere zurück zum Wildwasser. Extremrennen fahren und mal die oberen Schwierigkeitsgrade antesten. Dazu träumt er von einer Tour auf dem Yukon, ganz klassisch, mit Zelt und Gepäck im offenen Kanadier durch die Wildnis.
Im letzten Herbst war Hoff in Südafrika unterwegs – paddelnd natürlich. Der Marathon auf dem Fish River ist ein zweitägiges Wildwasser-Etappenrennen mitten in der Wildnis und mit mehreren Hundert Startern. Kanufahren ist in Südafrika ein kleiner Volkssport, es gibt Wildwasser-Marathonserien, Surfski-Wettkämpfe auf dem Meer – und ziemlich viele gute Paddler.
Zwei Trainingseinheiten plus Studium
Für Hoff war es die Belohnung für seinen bisher erfolgreichsten Sommer im Flachwasser. Obwohl er inzwischen weiß, wie viel Technik, Taktik, Boots- und Wassergefühl man auch auf dem Flachwasser benötigt, vermisst er die Abwechslung und Spontanität im Wildwasser. Im Gegensatz zu den europäischen Wildwasserrennen wird in Südafrika mit einer Art Flachwasserboot gefahren. Kippelig geht es durch Passagen bis zum vierten Schwierigkeitsgrad. Die Taktik der lokalen Stars: auf den ruhigen Zwischenstücken Gas geben und sich dann irgendwie durch die Rapids stützen. Die europäischen Wildwasser-Asse werden gerne nach Südafrika eingeladen. Normalerweise haben sie keine Chance, zu speziell sind die Anforderungen. Aber Max war bereits zum vierten Mal dort und hat langsam die Taktik raus. Sein Vorteil: Er kann gut Rennboot fahren und ist schnell im Wildwasser. Wenn die anderen noch stützen, paddelt Hoff schon wieder. Noch nie hat dort ein Ausländer gewonnen. In diesem Jahr wurde Hoff Zweiter. Es fehlt nicht mehr viel. Man könnte sogar sagen, die südafrikanischen Wildwasser-Marathons sind eigentlich Max‘ Paradedisziplin. Kaum einer kann im Wildwasser so schnell paddeln und sich derart quälen. »Ich setze mich lieber für einige Stunden ins Boot, als nur eine Minute zu laufen. Bei einem langen Rennen kann man Fehler auch noch mal ausgleichen«, sagt er. Einzig die Portagen – es müssen Wehre umtragen werden – haben ihn bisher an weiteren Erfolgen gehindert. Laufen gehört nicht zu seinen Stärken.
Zurück in Deutschland, beginnt die harte Zeit. Regenschauer, Wind, Kälte. Der Himmel hat die gleiche graue Farbe wie das Wasser. Mit anderen Worten: Es gibt Schöneres, als täglich zweimal auf das Wasser zu müssen. Dazu kommt Krafttraining und – bei Max ganz wichtig – das Studium. Schließlich lebt es sich im Kanusport mehr schlecht als recht vom Erfolg.
Derzeit sitzt Hoff um halb sechs in der Früh das erste Mal im Boot. Danach Frühstück im Auto, auf dem Weg zum Forschungszentrum nach Jülich. Dort forscht er am Institut für Strukturbiologie und Biophysik für seine Diplomarbeit. Ab Frühjahr soll die Promotion folgen. Am Abend Krafttraining und die zweite Einheit auf dem Wasser. Eine Freundin hat er auch; viel Zeit für Sonstiges bleibt da nicht. Umso mehr freut sich Hoff über die anstehenden Trainingslager – weg vom harten Alltag. Andere Athleten stöhnen über vier Einheiten am Tag, aber Max hat dann endlich Zeit, sich aufs Paddeln zu konzentrieren. Und auszuruhen. »Sich zwischen den Einheiten hinzulegen, ist echt entspannend«, bemerkt er grinsend.
Mit Disziplin zur Olympiade
Olympische Spiele sind für jeden Athleten ein Traum. Irgendwann in jüngeren Jahren hatte Hoff bemerkt, dass es für ihn als Wildwasser-Rennsportler damit wohl nix werden würde. Aber als junger Kanute denkt man nicht zuerst an Olympia. Er hatte sich schlicht für die Disziplin entschieden, die im örtlichen Verein angeboten wurde, die ihm Spaß machte, wo er seine Freunde traf. Beim STV Siegburg war es der Wildwasser-Rennsport, und Max stellte dort schnell fest, dass er Wassersportler ist: »Entweder man hat Angst vor dem Wasser oder man liebt es – mich hat es magisch angezogen.« Nach Versuchen beim Tennis und Judo saß Max von nun an so oft wie möglich im Boot.
Mit Erfolg. Doch nach einem zweiten Platz auf der Junioren-WM will der Anschluss bei den Herren nicht gleich klappen. Die Kollegen aus der Junioren-Nationalmannschaft gehen zur Sportfördergruppe der Bundeswehr. Max darf nicht – es ist der Wunsch seiner Eltern – und wird dafür Sport-Zivi. Weil er aber die Jungs von der Bundeswehr im Nacken hat und es in die internationale Spitze schaffen will, gibt er Gas – und zwar richtig. Zu diesem Zeitpunkt trainiert er sich mehr oder weniger selbst. Mal hier ein bisschen was abgeguckt, mal dort. Am Ende des Winters 2003 wiegt er bei einer Größe von 1,98 Meter nur noch 64 Kilo und die Leistung lässt zu wünschen übrig. Max ist übertrainiert.
In seinem neuen Verein Blau-Weiß Köln wird Stephan Stiefenhöfer auf ihn aufmerksam. Er nimmt sich seiner an und leitet Max‘ Kräfte in die richtigen Bahnen. Der selbst erfolgreiche Wildwasser-Abfahrer bringt die Erfahrung mit – und Max den unbedingten Willen, es nach ganz oben zu schaffen. »Ich musste Max eher mal ein bisschen bremsen«, sagt Stiefenhöfer. »Aber er geht eben auch um fünf Uhr morgens trainieren, wenn er sonst keine Zeit hat. Ich kenne keinen Sportler, der so konsequent ist.«
Selbst über Sylvester, im Skiurlaub in Bad Gastein, trainiert Hoff jeden Abend, nach einem langen Tag auf Ski, im Kajak auf einem gefluteten Straßengraben, während die Kollegen an der Schirmbar hocken. Später beim Abendessen haben alle eine rote Nase – die einen vom Glühwein, Max vom kalten Wind.
Stiefenhöfer ist nicht nur sein Trainer. Bei Marathons sitzen sie häufig zusammen im Boot. Auf der Ardèche gewannen sie 2005, 2007 und 2009.
Im Spielboot ums Schiefe Eck
Stück für Stück fährt sich Max Hoff im Wildwasser-Rennsport in die Weltspitze. 2006 gewinnt er die Weltmeisterschaft im Wildwasser-Sprint. Über die lange Classic-Strecke wird er Zweiter. Im bewegten Wasser ist Max ist jetzt ganz oben, aber langsam meldet sich der Traum von Olympia. Doch Wildwasser-Rennsport ist nicht olympisch und wird es auch niemals sein.
Die Spiele 2004 hat er am Fernseher verfolgt, ohne einen Gedanken daran, dass er dort einmal eine Rolle spielen könnte. Beim Urlaub an der Sanna ist ein kleiner Fernseher mit 12-Volt-Anschluss im Reisegepäck dabei. Morgens geht es mit dem Spielboot ums Schiefe Eck, am Nachmittag wird auf dem Campingplatz Olympia geguckt.
Nach dem Weltmeistertitel im Wildwasser wollen Stiefenhöfer und Hoff ein Experiment wagen. Mal schauen, wie weit Max im Flachwasser so kommt, überlegen sie. Eigentlich ist Max schon ein bisschen zu alt für einen Wechsel der Disziplin. Aber letztlich geht es auch im Flachwasser nur darum, ein Boot mit dem Paddel so schnell wie möglich übers Wasser zu bewegen. Und das kann Max. Dazu kommen sein ausgeprägter Ehrgeiz und gute körperliche Voraussetzungen. Als Stiefenhöfer im Winter morgens Schwimmen auf den Trainingsplan setzt, schaffen Max und seine Trainingskameraden kaum eine 50-Meter-Bahn kraulend zu bewältigen. Doch mit der Bereitschaft sich zu quälen, Schuhgröße 50 und Händen so groß wie Tischtennisschläger, pflügt Max Hoff bald als Schnellster durchs Wasser.
Mittler zwischen den Welten
Der Start im Flachwasser läuft dagegen nicht perfekt. Bei der Weltmeisterschaft 2007 in Duisburg verpasst er das Finale über 1000 Meter, dadurch fehlt dem Deutschen Kanu Verband der direkte Startplatz für Peking. Erst nach Max‘ drittem Platz bei der Europameisterschaft 2008 in Mailand ist klar: In Peking wird ein deutscher 1000-Meter-Fahrer an den Start gehen dürfen. Hoff sichert sich diesen Platz anschließend in der nationalen Qualifikation, und nach nur zwei Jahren hat er es ins olympische Kanuteam geschafft – wo er sofort kräftig vorne mitmischt.
Die alten Kollegen aus dem Wildwasser unterstützen Hoff mit einer Welle der Euphorie. Das liegt an der besonderen Rolle der Sportart. Max Hoff ist das Mittel gegen die jahrelangen Minderwertigkeitskomplexe der Wildwasser-Rennsportler. In der Aufmerksamkeit gegenüber den olympischen Disziplinen paddeln sie immer nur in der zweiten Reihe. Und jetzt ist da Max Hoff, einer der ihren, der es in dieser anderen, der olympischen Welt zu etwas gebracht hat.
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