Für den Kajak-Produzenten Toni Prijon haben Boote auch mit Sex zu tun. Und mit Waschmaschinen. KANU wollte mehr wissen und fuhr hin.
Inhaltsbereich
Szene
KANU zu Besuch bei Prijon
Die Marke, die am Gaumen kitzelt
Gäbe es nicht die Vorabendserie »Rosenheim-Cops« und hätte nicht Nationalspieler Bastian Schweinsteiger dereinst seine Tore in Rosenheim geschossen, wüsste womöglich kaum jemand nördlich des Weißwurst-Äquators von einer Stadt diesen Namens. Dabei ist Rosenheim in mancherlei Hinsicht bemerkens- und sogar beneidenswert. Die rund 60.000 Seelen zählende Gemeinde am Inn liegt im südöstlichen Zipfel Bayerns, etwas näher an München als an Salzburg und Innsbruck, inmitten eines lieblichen Landstrichs, der als die wirtschaftlich stärkste Gegend der EU gilt, als »Super-Region«. Vor den Fensterscheiben der blitzblanken Häuser erhebt sich die Kette der Alpen, gleich nebenan laden der Chiemsee und ein Dutzend weiterer Gewässer zu Erholung und Wassersport ein.
Doch die Menschen haben sich durch die Schönheiten der Landschaft nicht davon ablenken lassen und sich mit einer urbayerischen Mischung aus krachlederner Tradition und raffiniertem Hightech einen weit überdurchschnittlichen Wohlstand erworben. So produzieren mehrere Institute laufend neues Know-how rund um die heimische Ressource Holz. Darüber hinaus setzen die Rosenheimer auf die Boom-Branche Informations- und Kommunikationstechnik. Die Stadtverwaltung ist stolz auf eine Auszeichnung für vorbildliches »E-Government«, also für den intelligenten Einsatz des Internets zum Nutzen der Bürger. Politik, Forschung und Wirtschaft arbeiten Hand in Hand, damit die Aussichten in Rosenheim weiter rosig bleiben. Rückgrat der Wirtschaft sind einige Dutzend mittelständische Unternehmen, darunter auch die kürzlich mit dem bayerischen Wirtschaftspreis ausgezeichnete Kajak-Werft Prijon.
»Einen kleinen Moment noch«, winkt Toni Prijon in Richtung KANU-Reporter. In dem kleinen, fensterlosen Besprechungszimmer brüten er und sein Vertriebsleiter Wolfgang Haupt gerade an einem Laptop über Zahlen. Kein Problem, das Geschäft geht vor. Dann steht er auf, von der Länge nicht groß, vom Körperbau athletisch, ein kompaktes Kraftpaket in lässig-sportlichem Outfit. Aus den umgekrempelten Hemdsärmeln ragen kräftige Unterarme hervor, auf dem breiten Hals sitzt ein markantes Kinn. Ein Lächeln, ein fester Händedruck, ein freundliches Blitzen aus braunen Augen, und schon gibt er bereitwillig Auskunft, wie Prijon zu dem wurde, was es ist.
Für den Kajak-Produzenten Toni Prijon haben Boote auch mit Sex zu tun. Und mit Waschmaschinen. KANU wollte mehr wissen und fuhr hin.
Wie der Vater, so der Sohn
Man schreibt das Jahr 1957, als ein 28 Jahre alter Fremder aus Slowenien in Rosenheim eintrifft. Es ist Anton Prijon, von Beruf Schreinermeister, in der Freizeit leidenschaftlicher Paddler. Bei der Faltbootfirma Klepper findet er Arbeit und lernt dort auch Lotte kennen, die schon bald sein angetrautes Eheweib wird. Der Mann steckt voller Tatkraft und Ideen, ist zudem noch begnadeter Tüftler. Und schon bald erntet er die Lorbeeren für Können und Fleiß. Auf der französischen Vesère erringt er 1959 den Weltmeistertitel in der Kajak-Abfahrt. Boot und Paddel sind Marke Eigenbau.
1961 bekommen Anton und Lotte Gesellschaft. Ein kleiner Anton ist zur Welt gekommen, den man liebevoll Toni nennt. Ein Jahr darauf gründen die Prijons ihre Firma. Grund und Boden für Haus und Werkstatt bringt die Ehefrau ein.
Zunächst werden Holzpaddel produziert, die ersten auf dem Markt mit Querverleimung. Dann beginnt die Fertigung von Wildwasser-Rennbooten aus Laminat. Mit handwerklichem Geschick, Tüftlergenie und reichen Erfahrungen aus dem Leistungssport gelingt es Anton Prijon, immer neue, immer bessere Rümpfe zu konstruieren. Er entwickelt den Knickspant und das Abrissheck, erfindet das Paddel mit Führungsrille und lässt sich einen ovalen Paddelschaft patentieren. 1980 ein Quantensprung: Prijon fertigt Kajaks nun auf einer großen Blasanlage. Mit dieser Technik ist die industrielle Produktion von nahezu unkaputtbaren Polyethylenbooten möglich.
Derweilen macht auch Toni dem Namen Ehre. Bei aller Freude am Paddeln, die ihm ja in die Wiege gelegt war, hat der Bub das Lernen nicht versäumt. Auf die Mittelschule folgt eine Schreinerlehre, nach der Bundeswehr das Fachabitur. Anschließend studiert er an der Fachhochschule Rosenheim nicht nur Kunststofftechnik, sondern lernt dort auch die hübsche Betriebswirtschaft-Studentin Rita kennen, die nicht viel später seine Frau wird.
Und als wollte er es dem Alten zeigen, schwingt sich Ingenieur Toni auch noch aufs höchste Sportlerpodest: 1987 wird er auf der französischen Isère Weltmeister im Kajakslalom. Nun hat der Sohn alle Weihen, um gemeinsam mit Rita den Erfolgskurs der ersten Generation fortzusetzen. 1992 übergeben Anton und Lotte den jungen Leuten die Firmenschlüssel.
Das war vor gut 15 Jahren. Seitdem hat Prijon seinen Erfolgskurs spurstabil, abriebfest und kippsicher fortgesetzt. Auf der Erde gibt es kein Gewässer, durch das nicht Prijon-Rümpfe gleiten. Das von Anfang an international ausgerichtete Unternehmen zählt weltweit zu den großen Namen und ist Marktführer im Tourenbereich. Zwei Drittel der Produktion gehen ins Ausland, vornehmlich ins europäische, besonders nach Skandinavien. Am schnellsten wächst derzeit der Absatz in Polen, Tschechien und Rumänien.
Der starken Konkurrenz von großen Kapitalgesellschaften, die sich US-Kajakfirmen unter den Nagel reißen, setzt Prijon seinen Platzhirschvorteil entgegen und punktet zudem mit rascher Lieferung. Um diesen Vorsprung auszubauen, gibt es seit wenigen Monaten ein neues Großlager, in dem ständig rund 2000 Boote bereitgehalten werden. Einen Steinwurf weiter, mitten auf dem Firmengelände, liegt das Ladengeschäft von Tonis Bruder Jürgen, der den Direktverkauf übernommen hat.
Nach wie vor unerreicht: HTP
Rund 30 Kajakmodelle umfasst das Programm, übersichtlich gegliedert in vier Produktlinien. Wildwasserfreunde können unter sechs Modellen wählen. Für Einsteiger und Gelegenheitspaddler werden acht Ein- und Zweisitzer produziert. Auch an die jüngsten Paddler ist gedacht. Für sie gibt es den keine drei Meter kurzen »Flipper«. Neu hinzu kommt der »Viper«, ein Seekajak entwickelt für junge Paddler zwischen 30 und 60 Kilogramm. Zur dritten Produktfamilie gehören zehn Kajaks für Wanderfahrer. Diese Boote sind vor allem auf Geradeauslauf und Kippstabilität getrimmt. Und schließlich gibt es für jene, die offene Gewässer oder das Meer lieben, sechs schnelle Einer.
Die meisten Modelle werden aus HTP gefertigt, einem Polyethylen mit besonders langen Molekülketten, was hohe Steifigkeit und Abriebfestigkeit garantiert. Dieses Material kann nur im Druckblasverfahren verarbeitet werden. Dabei wird das Kunststoffgranulat zunächst erhitzt und dann als zähelastischer Schlauch zwischen die beiden Formhälften geführt. Mit hohem Duck wird der Schlauch dann an die Formwände gepresst, wo er zum Kajak erstarrt. Die zwölf Meter hohe Anlage ist das Herzstück der Fertigung. Auf jeden HTP-Rumpf gibt Prijon fünf Jahre Garantie.
Seit vier Jahren offeriert Prijon außerdem »Prilite«-Kajaks. Sie bestehen aus zwei Halbschalen, die ein umlaufendes U-Profil dauerhaft miteinander verbindet. Die Halbschalen sind aus mit Plexiglas versiegelten Verbundplatten gefertigt, die im Tiefziehverfahren, also mittels Hitze und Vakuum-Unterdruck, in ihre Form gebracht werden. Die Tiefziehanlage ist eine Prijon-Eigenentwicklung. Prilite-Boote sind leichter als solche aus HTP und mit Zweifarben-Optik und Hochglanzhülle besonders gefällig. Und wer ein noch leichteres Boot will, geht auch nicht leer aus. Fünf handlaminierte Modelle, die Prijon in Italien fertigen lässt, stehen zur Auswahl.
Boote von wohliger Proportion
Prijon, welch ein Name. Er kitzelt am Obergaumen, die Lippen spitzen sich unwillkürlich. Man möchte ihn französisch hauchen, und mancher tut es auch. Wer einen solchen Namen trägt, der hat viele Euro für Werbung gespart. Toni Prijon ist zu sehr auch Kopfmensch, um nicht um das Geschenk seines exotischen Namens zu wissen.
Wer aber glaubt, dass sich in Tonis Kopf der ganze Kosmos um ein Kajak dreht, der irrt. Zu seinen Leidenschaften zählt das Bergsteigen, und seine größte Eroberung auf diesem Feld war der 6195 Meter hohe Mount McKinley in Alaska. Vor ein paar Jahren noch rauschte er gern mit einem Drachen durch die Lüfte, heute leiht er sich lieber eine Cessna. Und auch unter der Wasserlinie hat er sich – ganz Taucher – gründlich umgesehen.
Toni Prijon ist ein Mann mit vielen Facetten. Manager und Sportler, kühler Rechner und leidenschaftlicher Genießer, Abenteurer und fürsorglicher Familienvater. Er mag es, mit seiner Frau und den beiden Kindern gemütlich über den Chiemsee zu paddeln und auf der Insel ein Picknick zu halten. Er liebt es zu lauschen, wenn seine Frau oder Tochter Isabel (10) auf dem Piano spielen. Bei ihm kommunizieren Kopf und Bauch, Herz und Verstand. Form und Funktion gehören für ihn ebenso zusammen wie Sport und Muse.
Die Synthese vielfältiger Neigungen zählt wohl zu den Stärken seines Naturells, das sich zwangsläufig in den Kajaks spiegelt, die er baut: kraftvoll, sicher, funktionell. Und sexy müssen sie auch noch sein. Sex verkauft, ist Toni Prijon überzeugt. Ein schönes Kajak braucht Profil, Kanten und wohlproportionierte Rundungen. Als er das sagt, schaut er fast liebevoll auf die schneeweiße Skulptur, die in der Modellwerkstatt aufgebahrt liegt, die Urgestalt eines neuen Kajaks. Von der ersten Idee über die Konstruktion am PC bis zum Serienprodukt dauert es zwei Jahre. Ein wichtiges Prinzip seiner Geschäftsphilosophie hat er vom Vater übernommen: »Man muss die Qualen genießen und an die letzten Reserven gehen.« Wohl dem, der harte Arbeit und Genuss nicht als Gegensätze sieht, sondern als zwei Seiten einer Medaille, wobei die eine nicht ohne die andere zu haben ist.
Kajaks wie Waschmaschinen
Toni Prijon glaubt an sich, an die Firma und an die Zukunft des Paddelns. Er sieht große Potenziale, die noch gehoben werden können. Als Beispiel nennt er Schweden, wo es pro Kopf etwa zehnmal so viele Boote gibt wie in Deutschland. Was dort geht, ist für ihn auch woanders möglich. Sein Credo: »Ein Kajak ist das ideale Freizeitgerät für jedermann. Mit etwa 1500 Euro ist alles bezahlt. Bei vielen anderen Sportarten fängt nach dem Kauf der Erstausstattung das Bezahlen erst an.« Hinzu kommt: Paddeln ist so einfach wie Radfahren, jeder kann es erlernen. Auch muss man keine Prüfung bestehen, um den Sport ausüben zu dürfen, wie etwa beim Gleitschirmfliegen oder Tauchen. Und drittens: In unseren Breiten gibt es Wasser satt – Flüsse, Seen, das Meer, einige tausend Kilometer Wasserstraßen nicht zu vergessen.
Diese Voraussetzungen prädestiniert Paddeln geradezu als Breiten-, ja als Massensport. Wobei der Begriff Sport so weit gefasst ist, dass er die vielen Menschen einschließt, die einfach nur die große Freiheit des Dahingleitens auf dem feuchten Element genießen, sich in der Natur tummeln und etwas für Körper und Geist tun wollen.
Warum sollen nicht in naher Zukunft Paddelboote zur Grundausstattung eines Haushalts gehören wie Waschmaschinen, Fahrräder oder Spielkonsolen? Das wäre schön für viele neue Paddler, schön auch für Prijon und die anderen Hersteller. Auch die stets auf Neuleser bedachte KANU-Redaktion findet an dieser Vision durchaus Gefallen ;-)





















