Am 24. und 25. Juli traf sich die Freestyle-Gemeinde im slowenischen Tacen zur dritten Station des Alpine-Rivers-Freestyle-Cup 2010. Klassisches Walzen-Rodeo, Big-Air-Contest, Boatercross und SUP-Wettkampf waren die Eckdaten für Athleten und Zuschauer. Martin Koll berichtet vom Event an der Save.
Inhaltsbereich
Szene
Freestyle-Spektakel Tacen Ekstrem
Das Paddelwochenende mit Überraschungseffekt: Der Wildwasserkanal in Tacen bietet nahe der slowenischen Hauptstadt Ljubljana Spannung, Spiel und Spaß für jeden Wassersportler. Als Trainingsparcours für Slalompaddler konzipiert, wartet die Strecke mit anspruchsvollem, teils verwinkeltem Wildwasser mit Rutschen, Walzen und Kehrwässern auf. Um den Rahmenbedingungen gerecht zu werden, bedarf es natürlich eines abwechslungsreichen Events und dies organisierten die fleißigen Veranstalter um Jonas Savsek beim diesjährigen Tacen Ekstrem: Freestyle-Wettkampf, Boatercross, Stand-Up-Paddling-Challenge und Big-Air-Rampenspringen, abgerundet mit Musik, Lammfleisch vom Grill, idealen Wetterschwankungen und praktischen Sachpreisen, soviel die Arme tragen konnten.
Nach kurzer Orientierungslosigkeit – obwohl sich der Wildwasserkanal großer Bekanntheit erfreut, ist Tacen doch eher als beschaulich-idyllischer Vorort einzustufen – komme ich am Donnerstagabend zum Ort des baldigen Geschehens. Jonas und seine fleißigen Helferlein vom Kanu-Kajak-Klub Tacen basteln bei brütender Hitze an der Kajak-Rampe für das Big-Air-Springen. Erste Testsprünge offenbaren respektablen Luftstand – sowohl die ersten Meter als auch den Abflug bezeichne ich mal großäugig als bootsschonend). Wetter passt, im Weg stehen will ich auch nicht, also nichts wie umziehen und ab in die grünen Fluten. Landsmann und Team-Papa Hewo lässt sich auch nicht lange bitten und plantscht gleich ein Ründchen mit. Der Playspot präsentiert sich als kleine Walze nach einem Schrägabfall und offenbart auch gleich die einzige Schwäche des Kanals: Flach ist es! Die so verlockenden und zahlreichen Walzen eignen sich vorrangig zum Surfen und Spinnen, die Vertikale will und kann man nur begrenzt ausloten. Wohlweißlich verschmälerte man den Durchfluss der Wettkampfwalze zu Gunsten der Wassertiefe. Mit leichtem Grundkontakt und etwas Eingewöhnung sind nun auch komplexere Walzenmoves möglich. Und als hätte man einen Test-Dummy gesucht, füllt sich das schwindelig-drehende Kehrwasser schlagartig mit tschechischen und slowenischen Rodeopiloten.
Die Terrassen-Stufen entlang des Parcours liegen noch lange im Licht der untergehenden Sonne. Ausgepowert, erfrischt und zufrieden paddle ich entlang sonnenbadender Familien und wir sind wohl alle der Meinung, dass künstliche Wildwasseranlagen wie diese durchaus paradiesischen Flair versprühen können. Und da die slowenischen Bierbrauer ebenfalls einen sehr leidenschaftlichen Umgang mit ihrem Gerstensaft pflegen, mundet das Feierabendbier in gastfreundlicher Atmosphäre gleich doppelt gut.
Die eher bescheidenen Aussichten auf das Wochenend-Wetter kann der Freitag zuerst noch sonnenlächelnd abtun, muss sich schließlich aber den aufziehenden Wolkenmassen ergeben. Dauerregen, wolkenschwerer Himmel und Temperaturabfall drohen Paradies und Organisation gehörig in die Parade zu fahren. Die smaragdgrüne Wasserfarbe weicht einer braun-grauen Brühe und das definierte Wildwasser wird binnen Minuten zum wuchtigen Hochwasser: Der Pegel schnellt mit Beginn des Freestyle-Bewerbs dreißig Zentimeter in die Höhe.
Die 50 Athleten sehen sich nun mit völlig neuen Widrigkeiten konfrontiert: Die Walze ist jetzt tiefer, druckvoller und schwankender als zuvor, die steilen Kanalwände multiplizieren Presswasser und Strömung. Die Ausrichtung zum passenden Set-Up eines Tricks entscheidet das Wasser, Schnelligkeit und Flexibilität werden verlangt. Das frühe Training war also Freizeitvergnügen, der Wettkampf verspricht nun Freestyle-Genuss und kräftezehrendes Wasserwühlen zu vereinen. Dieser Herausforderung müssen sich natürlich zuerst die Frauen der Schöpfung mit ihren Kajaks stellen: Linda Künstl, Gudrun Lehner, Paula Gruber aus Österreich, sowie Katerina Migdauova aus Tschechien spinnen und cartwheelen um die Wette, letztere versucht sich sogar an McNasties und Phoenics Monkeys, was ihr den verdienten Sieg beschert. Gudrun schafft es leider nicht, ihren Trainings-McNasty auf dem Parkett zu vollführen, zeigt aber mit ihrem Loop, dass Steinkontakt immer noch möglich ist. Linda und Paula teilen sich Platz drei.
Die beiden Old-Bastards Ursula Gruber aus Österreich und Helmut »Hewo« Wolff aus Deutschland folgen nun dem einheimischen Expeditionsleiter zur Walzenerkundung. Ursula beschließt nach längeren und leider erfolglosen Eskimotierversuchen der Gruppe über das Abschluss-Geröllfeld des Kanals zu entkommen und wird zum Glück fachkundig gerettet. Nach einem Cartwheel-Feuerwerk des Slowenen muss Hewo jetzt alles auf die Felix-Karte setzen – wie der Name verrät, wird sein letzter Versuch mit der Kür des Tricks belohnt – Erster. Wie zu vermuten war, sitzen jetzt sämtliche Anwärter auf die Krone der Königsklasse in den Startlöchern um die kurze Pause schnell noch lernend zu füllen. Vorbildlichere Schüler könnte sich ein Lehrer kaum wünschen, denke ich mir. (Anm. d. Red.: Koll hat sein Lehramtstudium gecancelt und war auch nie der strebsamste Praktikant – das kann ja heiter werden.)
Bin aber erst in Gruppe 4, schaue ich mir lieber noch an, was die Konkurrenz um Jan Spindler und Marcel Bloder so treibt. Jan präsentiert sich in stärkster Verfassung, linkt viele Figuren aneinander, fährt ein sehr konstantes Programm und hat noch schnell sein leichtes Carbonboot ausgepackt. Marcel, ebenfalls in seinem agilen Vajda-Carbonkajak unterwegs, kann sich zu Beginn nur schwer den neuen Verhältnissen anpassen. Die Slowenen setzen auf ihren Heimvorteil, können aber am sonst kritisch-flachen Spot die Highscore-Moves nicht ausreichend perfektionieren und so obliegt die Wertung der toleranten Jury. DJ und Kommentator heizen schlechtwetterresistenten Zuschauern und Athleten ordentlich ein und das slowenisch-österreichisch-japanisch-tschechisch-deutsche Paddelfest scheint nach der Morgendusche bestens aufgelegt. Wird Zeit, dass ich mich mal umziehe. Daniel Steidl zeigt, dass der Grazer Achtungserfolg bei seinem ersten Start in der Herrenklasse keine Eintagsfliege war. Auch Marcel kommt in Fahrt und zeigt schöne Phoenics Monkeys – Nervosität macht sich bemerkbar.
Umziehen, Luftsäcke für höheren Luftstand aufblasen, Einsteigen und Maß auf die große Eingangsrampe des Wildwasserkanals nehmen. Die größere Wucht des Wassers macht sich auch hier bemerkbar: Das fette Prallpolster auf halber Strecke verschlägt Sicht und Richtung, ich finde mich in der pulsierenden und extrem schnellen Abschlusswelle wieder – und schon bin ich kopfüber. Der harte Waschgang lässt sich nicht von zwei Rollversuchen abschrecken und legt den Turbo ein, bevor ich aufrollen und mich zum Ausgang kämpfen kann. Mehr Adrenalin vermag der Anpfiff zum Lauf jetzt auch nicht mehr auszuschütten, also runter ins Kehrwasser und warten.
Mit völlig müden Armen beschließe ich meinen zweiten Lauf und werde Zweiter hinter Jan Spindler, der etwa die doppelte Punktzahl erreicht. Wie schafft er das nur? Die Hälfte der Zeit war ich allein damit beschäftigt mein Boot auszurichten, an ein Trickfeuerwerk wie im Training war gar nicht zu denken. Marcel ergattert noch den siebten Platz, Daniel überzeugt erneut mit Rang fünf, Moritz Schneck muss sich leider mit dem undankbaren elften Platz begnügen. Im Halbfinale zählen jetzt zwei von drei Läufen, doch auch diese reichen mir nicht, an Jan heranzukommen – er führt überlegen mit 350 Punkten. Marcel schiebt sich auf Rang drei vor – Zwickmühle, Kampf an zwei Fronten. Wieder drei Läufe, diesmal zählt der goldene. Die Schwierigkeit besteht nicht mehr in der Ausführung der verschiedenen Moves, sondern in der schnellstmöglichen Aneinanderreihung trotz des pulsierenden Wassers. Nun kommt es darauf an, einen Lauf perfekt zu starten und ebenso zu beschließen, will man die Schlammschlacht gewinnen. Endlich, im zweiten Lauf, gelingt es mir die Frequenz zu erhöhen und die Highscore-Moves ohne großen Zeitverlust aneinanderzuknüpfen.
Das sollte die Führung sein und Hewo nickt schon vielversprechend. Aber: Die letzte Möglichkeit für Jan steht noch aus. Doch trotz Doppelführung in Vorrunde und Halbfinale fehlen dem Tschechen jetzt knappe zehn Punkte! Unglaublich, da werde ich endlich mal nach EM und Worldcup mit den entscheidenden Pünktchen belohnt, die dort zur Finalteilnahme fehlten. Doch freuen können wir uns angesichts des hochspannenden Zweikampfs beide: Die finalen Punkte rangieren um die 1400! Marcel wird souverän Dritter, die Locals müssen sich mit der Finalteilnahme begnügen, haben aber sämtliche Sympathien und Glückwünsche für ein großartiges Event auf ihrem Konto. Außerdem steht am Abend noch das legendäre Big-Air-Rampenspringen an, das nach eigener Baukunst wohl deutlich in lokaler Hand liegen sollte.
Rund fünfzehn Big-Air-Piloten, darunter drei Frauen, versammeln sich zur Flugshow. Mittels Seilwinde wird der Plasikuntersatz aufs Startpodest gehievt, jetzt heißt es: Backen zusammenkneifen. Vorsichtig nähert sich der erste Starter der Kante – einfach plumpsen lassen, denn die ersten Meter werden im freien Fall zurückgelegt. Gesagt, getan: Explosionsartig entlädt der Kicker Energie und Paddler in Richtung Flussmitte! Die geschmeidige Flugphase nutzen die Probanden für sensationelle Akrobatik-Einlagen, die unsanfte Landung wird für den Sieg in Kauf genommen. Längsrotationen mit den Händen am Unterschiff, Vorwärtsüberschläge und Backloops lassen den Zuschauern den Atem stocken. Besonders rückwärts gestartete Fahrten stellen die Haare zu Berge - doch auch den übervertikalsten Freifall fängt die Rampe auf und übergibt dem Wasser den Aufschlag. Die Slowenen um die Hausherren Andraz Krpic, Janez Čižman und Jonas Savsek zeigen stolz ihren Pilotenschein und die spektakuläreren Manöver. Katerina schafft es, den zweiten Event in der Frauenklasse für sich zu entscheiden und lässt die Tschechen jubeln.
Zur Siegerehrung der beiden Freestyle-Kategorien versammelt sich die Meute dann im Anschluss: Die drei Bestplatzierten jeder Klasse werden medaillenbehangen mit tollen Sachpreisen ausgestattet und auf die Party losgelassen. Eine Kajak-Sonnenbrille mit Spritzwasserschutz und ein Surfshirt sind genau passend für meinen bevorstehenden Urlaub am Meer! Jonas am Schlagzeug und Konsorten stellen sich dann dem Publikum zur Feuerprobe: Es sollte der erste Live-Auftritt der Band werden. Nebenher wird fleißig gegrillt, mit Essens- und Getränke-Bons kommen wir bestens verpflegt durch den Abend. Auch das Wetter scheint sich beruhigt zu haben.
Der Sonntagmorgen präsentiert sich von seiner besten Seite, der gestrige Regen gleicht einer glücklichen Fügung. Schließlich soll der Boatercross als publikumsfreudiges Spektakel auch gebührend in Szene gesetzt werden. Über den gesamten Kanal sind Pylone und Luftsäcke taktisch verteilt und müssen durchfahren bzw. per Hand abgeklatscht werden. In Geschlechterklassen unterteilt, starten die Paddler in der ersten Runde in Dreier-Heats, der langsamste Teilnehmer fliegt raus. Flussaufwärts wartend drehen sich die Streithähne beim Anpfiff in Fahrtrichtung und nehmen Maß auf die große Eingangsrutsche. Hier geht es darum sich zu behaupten und nicht von der optimalen Linie aufs große Prallpolster abbringen zu lassen, andernfalls entscheidet die giftige Abschlusswalze über den weiteren Kurs. Im Idealfall paddelt man mit der Hauptströmung über die nächste Stufe und schlingt elegant ins linke Kehrwasser ein. Jetzt noch geschickt zwischen den Nachfolgern die Walze zur anderen Flussseite abreiten und den zweiten Pylon mit der Hand berühren.
Aus dem Straßenverkehr hat Paddler gelernt, dass ein Befolgen der Rechts-vor-links-Regel durchaus taktische Vorteile auf engstem Raum bietet. Der weitere Parcours zeichnet sich durch elegante Linien und provozierte Engstellen aus. Im Ziel gilt es, das Zielschild abzuklatschen, was sich ob des kreiselnden Kehrwassers als finale Geduldsprobe herausstellt. In den nächsten Heats geht es jetzt mit vier Startern richtig zur Sache und schnell trennt sich die slalomaffine bzw. geübte Spreu vom Weizen. Wer Start und Eingangsschlaufe für sich verbucht, entkommt dem Chaos weitgehend und bleibt meist unerreichbar. Bei den Damen gelingt dies der neuseeländischen Slalomkanutin Louise Jull, sowie ihrem japanischen Pendant der Herrenklasse Sasaki Tsubasa am besten. Die anstehende Weltmeisterschaft im Kanu-Slalom findet im September auf dem Tacener Wildwasserparcours statt und der Boatercross war wohl für viele Frühangereiste willkommene Abwechslung und spaßiges Kräftemessen in Einem. Der Japaner Tsubasa lässt keinen der drei Wettbewerbe aus, tobte sich schon am Vortag beim Freestyle und Rampenspringen aus und mischte die Konkurrenz gehörig auf – ihm gebührt der Titel »Gesamtsieger des Events«.
Bei der anschließenden Preisverleihung und Tombola gibt’s dann als krönenden Abschluss grandiose Sachpreise, der Grazer Sunnyboy Moritz Schneck räumt sogar das Surfkajak der Firma Fluid ab (werde ich mir wohl gleich mal ausleihen müssen:) und auch die übrigen Österreicher kommen dank Glücksfee Linda nicht zu kurz. Doch alles geschieht unter Aufsicht des Veranstalter-Duos Jonas Savsek und Andraz Krpic, denen hier noch einmal ein großes Dankeschön für ein herausragendes Event gesagt werden soll. Täglich wurden die Athleten kostenlos mit Sandwiches versorgt, Grillwerk und frischgezapftes Bier gab es auch nicht zu knapp. Faire Preise und Unmengen gesponserter Gewinne zeigen Gastfreundschaft, Organisationstalent und Hingabe, die deutschen Veranstaltern zu denken geben sollte! Nach Graz, Wildalpen und Tacen steht am 25. September die letze Station des Alpine Rivers Freestyle Cup in Cunovo an und wer bisher noch nicht am Start war, sollte sich den Termin gleich einmal vormerken: Mehr Freestyle und Preise gibt’s sonst nur bei der Ahoi-Runde!
Ergebnisliste Tacen Ekstrem 2010
Zusätzliche Informationen und Links
Aktuelle Veranstaltungen
| M | D | M | D | F | S | S |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 2 | 3 | 4 | 5
| ||
| 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 |
| 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 |
| 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25
| 26 |
| 27 | 28 | 29 |



















































