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Szene

Flott, flott: Die 25. Weser-Tidenrallye

11. Juni 2010 von Peter-Josef Schünemann

Am 15. Mai fand die 25. Weser-Tidenrallye statt, eine der größten Kanu-Freizeitsportveranstaltungen in Norddeutschland. Für Peter-Josef Schünemann aus Bremen war es die bisher ereignisreichste und schnellste Rallye. Seine Begleiterin Jacqueline aus Berlin war zum ersten mal mit dabei.

25. Weser-Tidenrallye
Der Autor Peter-Josef Schünemann mit seiner Nummer eins im Faltboot.
Foto: Uwe Dederer

Jede Weser-Tidenrallye ist etwas Besonderes, aber die 2010er war eine ganz besondere: Erstens war es die fünfundzwanzigste. Zweitens war es die erste, die mit einem Motto (»Sicherheit«) versehen war. Drittens war es die erste mit aktiver Beteiligung des DKV-Präsidenten (Thomas Konietzko). Viertens war es wohl die bisher schnellste (kräftiger Wind aus Nordwest) und fünftens fand sie im »kältesten Mai seit siebzig Jahren« bei strahlendem Sonnenschein statt. Außerdem ist von erfreulich großer Beteiligung am Vorprogramm zu berichten, das mit gleich fünf Höhepunkten aufwartete: Neben dem Fischessen in Brake und dem Besuch im Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven wurde Thomas Konietzko als neuer DKV-Präsident vorgestellt und Brigitte und Werner Born als Teilnehmer aller bisherigen Tidenrallyes geehrt. Die Wasserschutzpolizei Bremen setzte das Motto »Sicherheit« durch einen Multimediavortrag praktisch um. Für alle Teilnehmer gab es ein laminiertes Merkblatt zu Sichtzeichen, Schallsignalen und Lichterführung. Das war ein würdiger Rahmen für die zweite Jubiläums-Tidenrallye (die erste war die zehnte) und zugleich eine Art Belohnung für das Team um Norbert Köhler mit seinen ungezählten Helfern.



Was ist das Besondere an der Weser-Tidenrallye? Mindestens zweierlei, das sich nicht einmal bei sorgfältiger Lektüre der nüchtern formulierten Ausschreibung entnehmen lässt: Zum einen die spezielle Atmosphäre, die schon bei den perfekt organisierten Vorfahrten während der Himmelfahrtswoche zu spüren ist. Zum anderen die Ungewissheit bezüglich der tatsächlich anzutreffenden Wetterbedingungen auf der 33 oder 44 Kilometer langen Strecke. Für jene, die schon an den Vorfahrten teilnehmen, ist es eine mehrtägige Wanderfahrt auf Tidengewässern mit all ihren Herausforderungen an Kameradschaft und Können, für alle, die sich auf die Teilnahme an der eigentlichen Rallye beschränken (müssen), ganz schlicht ein mehrstündiges, sehr intensives Abenteuer. Kürzer: die Weser-Tidenrallye ist echter Kanu-Wandersport – und der ist, so Thomas Konietzko, in seiner mit viel Beifall bedachten Ansprache am Freitagabend: »Das Herz und Blut des Kanusports.«

25. Weser-Tidenrallye
Maurice Myschker von der Dienstgruppe Sportschifffahrt demonstriert die Funktion einer Automatik-Rettungsweste am neu gewählten Präsidenten des Deutschen Kanu-Verbandes Thomas Konietzko.
Foto: Ronald Schnor

Zum Start am Samstagmorgen schien die Sonne aber der Nordwest-Wind hatte auch bald ausgeschlafen, was insgesamt »Paddeljackenkomforttemperatur« ergab. Kurz nach dem Frühstück begann geschäftiges Treiben beim WSV Nordenham: Zelte wurden abgebaut, Boote auf Bootswagen gehoben, beladen, dann fortgerollt zum Yachthafen Großensiel. Wir hatten unseren TIAO mit etwa einem Dutzend anderer Boote dort gelassen und karrten unsere komplette Ausrüstung nun komfortabel mit einem ausgeliehenen Handwagen zum Startplatz. Auf der Wiese am Hafen war es deutlich voller geworden; da lag jetzt Boot an Boot, immer neue kamen hinzu. Noch lag der Schwimmsteg auf Schlick, was uns genug Zeit zum Packen gab. Während wir dem Treiben um uns herum zuzusehen, hielt ich nach bekannten Gesichtern Ausschau. Die »Eltern« der Tidenrallye, Waltraud und Herbert Loseke, waren trotz anderweitiger Verpflichtungen zum Start gekommen und sahen zu wie sich ihr nun erwachsenes »Kind« erfolgreich behauptete. Mitgebracht hatten sie Helma Rincksleben, die es »bei einem Dutzend gefahrener Tidenrallyes belassen«, aber »das Paddeln insgesamt noch lange nicht aufgeben« wollte. Warum ich das erwähne? Helma wird in wenigen Wochen 90 Jahre alt!



Meiner Beobachtung nach ist die Mehrzahl der Kanuten inzwischen der Ansicht, der Kanu-Wandersport sei nur zwei Gruppen vorbehalten (um nicht zu schreiben: für sie reserviert): Familien mit (kleinen) Kindern und gereifteren Menschen. Für den Familienausflug mit kleinen Kindern ist die Tidenrallye erkennbar nicht das Richtige. Über die gereifteren Menschen bräuchte ich eigentlich auch kein Wort zu verlieren – die sind seit jeher immer wieder dabei – wenn es ihnen nicht gelungen wäre auch deutlich jüngere Menschen zur Teilnahme zu ermuntern. Und die muss man gesehen und erlebt haben, als sie am Goldziel ankamen!



Aber ich greife vor. Noch lag unser Boot auf der Wiese. Erst allmählich, dann immer schneller wurden die Schlickbänke überspült. Wer konnte, war schon von den Schwimmstegen der anderen Vereine der Hafengemeinschaft zu Wasser gegangen. Schließlich war es auch für uns Zeit das Boot herunter zu schaffen, die Decklast zu verzurren, einzusteigen und den Platz am Steg zu räumen. Obwohl das etwas dauerte, gab’s kein Gemurre sondern von allen Seiten aufrichtige Hilfsangebote. Ob wohl ein derart vollgepackter klassischer Faltboot-Zweier so etwas wie »Mitleid« weckt?

25. Weser-Tidenrallye
Thomas Konietzko (Präsident DKV), Waltraud und Herbert Loseke (Gründungseltern der Tidenrallye),
Norbert Köhler (Präsident LKV Bremen), Hans Francksen (Schirmherr und Bürgermeister Nordenham) am Start im Yachthafen Großensiel.
Foto: Ronald Schnor

Um uns herum wimmelte es geradezu von modernster Bootsbau- und Zubehörtechnologie, nach neuesten wissenschaftlichen Methoden gestalteten Rissen, High-Tech-Paddeln und ebenso schicker wie zweckmäßiger Kleidung. Die »alten Hasen« mit ihren seit Jahrzehnten bewährten Wanderbooten und lieb gewonnenen Holz-Paddeln ließen sich noch Zeit. Die kamen wohl erst zum Schluss aufs Wasser. Wir waren aber nicht der einzige »Anachronismus«; ein hölzerner Kanadier war wieder einmal mit am Start. Einziges Zugeständnis an die Moderne: das selbst gefertigte Bentshaftpaddel des Steuermanns. Ein ganz modernes Faltboot gab’s auch, einen schnittigen Einer. Der mutet nun ganz und gar nicht antiquiert an, sondern viel eher wie ein zukunftsweisendes Konzept, das den Veränderungen der individuellen Mobilität Rechnung trägt. Ein anderer Hinweis auf die Zukunft des Kanusports ist die Beteiligung des großen Outriggers.



Als erster Niederschlag des Tidenrallye-Mottos »Sicherheit« war ein zunehmendes Bewusstsein bei der Auswahl der Kleidung zu beobachten: gut sichtbare Farben, viel Neopren. Bei vielen die (lösbare!) Sicherungsleine am Paddel, bei etlichen das griffbereit auf dem Achterdeck fixierte Ersatzpaddel, bei einigen die mit einem Schlauch versehene Flüssigkeitsversorgung auf dem Vordeck, bei fast allen die bereits im Hafen angelegte Rettungsweste. Von den Westen-losen Rennfahrern möchte ich mir vorstellen, dass sie mit dem Anlegen bis zum letzten Augenblick gewartet haben, um jedes Quäntchen Energie vor dem Start für das Paddeln zu sparen. Warum ich mir das vorstellen »möchte«? Weil die Rennfahrer so gut als Vorbilder taugen!

 
Über den Lautsprecher wurde der Wetterbericht verkündet: »Wind aus Nordwest, Stärke 5 bis 6. Das Boot der Wasserschutzpolizei hat auf dem Weg hierher zu kämpfen...« Damit war das Singen des Windes in den Wanten und Stagen der Segelschiffe hinreichend erklärt. Für den Sprecher und die erfahrenen Teilnehmer war sonnenklar was hieß: Rückenwind mit Geschwindigkeiten um 40 km/h. Zunächst rechtslastig, vom Elsflether Sand ab immer direkter von hinten. Einige Einzelne, die wohl niemanden nach der Bedeutung dieser Ansage fragen mochten, zogen ihre Meldung zurück. Schade, sie haben was Schönes verpasst. Nach einer Weile Räuspern im Lautsprecher folgte die Begrüßung durch den LKV-Präsidenten, den DKV-Präsidenten und den Bürgermeister von Nordenam – und dann das unüberhörbare Startsignal.

25. Weser-Tidenrallye
Start zur 25. Weser-Tidenrallye im Yachthafen Großensiel, im Vordergrund der Präsident des
Deutschen Kanu-Verbandes mit seiner Gattin Katrin im Zweier, 2 von 350 Teilnehmern.
Foto: Uwe Dederer

Etwa 250 Boote kamen zugleich in Bewegung und doch gab’s kein Gedränge. Toll! Einmal auf der Weser, zog sich das Feld in die Länge – und durch den kräftigen Beinahe-Seitenwind auch etwas in die Breite. Die ganz Schnellen verschwanden bald im Dunst über dem Horizont. Die Neulinge versuchten Schritt zu halten bis sie eine Pause brauchten. Danach folgten jene Wanderfahrer, die immer so verteufelt flott unterwegs und am Tagesziel nie müde sind und schließlich jene, die miteinander plaudernd immer noch beachtlich gut vorankommen. Das Ende des Feldes habe ich nicht gesehen.



Der Winddruck war erheblich. Es spritzte ordentlich, ruckzuck war der Paddelschaft nass - ich hatte den Zeitpunkt für das Eincremen der Hände zu spät gewählt. Das Paddel glitschte, war nicht zu führen. Ärgerlich! Jacqueline ertrug meine wiederholt notwendigen Paddelschaft- und Handtrockenversuche geduldig, hielt das Boot auf Kurs und brachte uns sogar noch voran. Als das Paddel wieder sicher zu führen war holten wir ohne besondere Anstrengung auf und ließen die plaudernden Grüppchen hinter uns. Wohl wissend, dass sie, wenn gewollt, uns leicht hätten überholen können. Sie wollten aber nicht. Schiffsverkehr war nicht zu erwarten. Wir hatten Muße, die Ufer aus der Stromauf-Perspektive und erstmals bei Sonnenschein zu betrachten. Das Paddeln ging »wie von selbst«, Brake schien im Handumdrehen erreicht. Die Silos am Ufer nahmen dem Wind die Kraft, das Wasser wurde ruhiger. Frachter am Kai warteten auf Ladung. Ein Kanute versicherte sich durch Klopfen an die hohl klingende Bordwand, dass das Schiff tatsächlich leer war. Er hat wohl dem nur noch geringen Tiefgang nicht glauben wollen.



Der erste Blick zur Uhr: kaum zu glauben! 12 (Zwölf!) km/h – da konnten wir uns mit Essen und Trinken abwechseln, während der jeweils andere gemächlich weiter paddelte. Aber was war in Brake geschehen? Wo sich sonst die begeistert winkenden und anfeuernd rufenden Zuschauer dicht an dicht gedrängt hatten, gab es an diesem Tag nur einige uninteressiert guckende Spaziergänger. Sollten die Bürger von Brake dieses vom Ufer aus doch sicher grandios anmutende Schauspiel verschlafen? Hatten sie sich etwa an den VorfahrtteilnehmerInnen schon satt gesehen? Wir werden es wohl nicht erfahren. Kurz darauf sahen wir die ersten zum Pausemachen auf die Strände fahren. »Sind die schon schlapp?«, fragten wir uns. Wahrscheinlich waren sie nur zu schnell gefahren und sind das nächste Mal klüger. Natürlich gibt es noch andere Gründe fürs Anlandgehen, solche, die keiner weiteren Erörterung bedürfen. Einen anderen jedoch, einen völlig überraschenden, habe ich beim Elsflether Sand zu sehen bekommen: ein kleiner Hund sprang aus der Spritzdecke hervor, tollte auf dem Strand, offenbar von Herzen froh wieder einmal echten Boden unter den Pfoten zu fühlen. Und doch sei er, habe ich später erfahren, für die Weiterfahrt ganz freiwillig wieder an Bord gekommen.

25. Weser-Tidenrallye
250 TeilnehmerInnen erreichten nach 44 km das Goldziel bei der Kanuabteilung von TURA Bremen
an der Lesum.
Foto: Ronald Schnor

Nun waren wir mit dem Kanadier auf gleicher Höhe. Ich fragte, ob ein Fernglas an Bord wäre. »Nein, wozu?« »Dann könntet ihr mal nach dem Besenboot Ausschau halten, denn erstens sitzt ihr höher, und zweitens kann ich mich schlechter umdrehen.« Gelächter, wir zogen vorbei. Ohne merklich mehr Kraft aufzuwenden waren wir nun so schnell, dass wir eines der Begleitboote Zentimeter um Zentimeter überholten. Dabei spitzte ich ordentlich die Ohren und lauschte, ob der Steuermann die Drehzahl zurücknahm, um uns eine Freude zu machen. Nein, das Motorengeräusch blieb unverändert.

 


Schon war Farge erreicht. Die Fähre ließ uns passieren. Kurz danach lag ein Sicherungsboot im Strom und die erwartete Frage schallte zu uns herüber: »Zum Silberziel?« »Nein, GOLD!« riefen wir beide. Das wird wohl sehr stolz und voller Zuversicht geklungen haben, denn wir wurden mit einem fröhlichen »Weiter Gute Fahrt!« verabschiedet. Inzwischen hatten wir vollen Rückenwind und wenn es nicht ein wenig Kabbelwasser von den Spundwänden gegeben hätte, wäre mir wohl der Begriff »Kaffeefahrt« in den Sinn gekommen. Zwei Schlepper kamen uns entgegen. Anders als gewöhnlich machten sie kaum Wellen.



Vegesack voraus, die Lesummündung halblinks, beide Fähren am Ufer. Wie lange noch? Das weiß man nie so genau, wenn man nicht sehen kann, was auf den Decks passiert. Erstmals gaben wir richtig Druck auf die Paddelblätter. Erstaunlich, wie das Boot zuerst nur zögernd beschleunigt, dann aber einen Satz vorwärts zu machen scheint. Rasch waren wir vorbei und querten in die Lesum. Auf den letzten fünf Kilometern lagen wir so gut in der Zeit, dass wir fast ein wenig trödelten. Es ist aber auch schön dort; besonders die älteren Villen am Ufer laden zum Träumen ein. Da ist es nur ein kurzer Gedankensprung zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts, zum in Briefen erhalten gebliebenen Abenteuer einer ersten, das ganze Leben auf den Kopf stellenden Liebe, zu Marga und Percy – zu »Sommer in Lesmona«.


Genug geträumt. Wir wollten die 25. Weser-Tidenrallye zu Ende bringen und wir wollten nicht zu den letzten gehören, die ankommen – wir nicht! Nach exakt 4 Stunden, 24 Minuten erreichten wir das Goldziel. 10 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit – wir sind ein tolles Team! Und das nächste Mal wollen wir wieder dabei sein.

Weser-Tidenrallye-Fakten

Die Weser-Tidenrally findet alle zwei Jahre am Himmelfahrtswochenende statt. Veranstalter ist der Landes-Kanu-Verband Bremen.


Bei der 25. Auflage der Rallye waren 350 Teilnehmer und Teilnehmerinnen am Start. 100 steuerten das Silberziel beim KC Rönnebeck an, 250 erreichten nach 44 Kilometern das Goldziel in Tura an der Lesum.


Alle Infos unter: www.weser-tidenrallye.de

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